Gott, wir haben jetzt nämlich drei eigene!
Gretel ließ sich schwer auf die alte Couch fallen, packte sich an den Kopf. Friedrich sah sie finster von oben herab.
Und was soll ich jetzt machen? Soll ich sie ins Kinderheim bringen? Walter war ja trotzdem mein Bruder
Bruder? Wann hast du deinen Bruder das letzte Mal gesehen? Vor zehn Jahren? Er tauchte nur auf, wenn er etwas von dir wollte
Gretel senkte fast schon die Stimme, und Friedrich atmete innerlich tief durch. Er wollte nicht alles mit Gewalt regeln und er wusste, dass die Pflege von Sofie auf den Schultern seiner Frau liegen würde. Gretel war zwar laut, konnte ordentlich schimpfen und gelegentlich etwas anrühren, aber nie aus Bosheit. Und sie ließ nie ein Unglück unbeachtet.
Gretel, sag mir doch, was ich denn hätte tun können? Ich bin doch dein Onkel, dein richtiger Verwandter. Und sie
Friedrich nickte zu dem kleinen Mädchen, das still am Türrahmen stand.
Was hat das Kind damit zu tun?
Klar hat das Kind nichts damit zu tun Wann soll man denn begraben?
Morgens. Ich fahr gleich.
Also, hör nicht mit den großen Augen zu blinzeln. Komm her, wir wollen uns vorstellen.
Das Mädchen trat zaghaft nach vorn, ein Schritt, dann noch einer. Gretel konnte es nicht mehr halten, sprang auf und ging zu ihr.
Na, du armer Wichtel, lass mich dir die Jacke ausziehen.
Sie öffnete schnell die Knöpfe, riss den kleinen Mantel und dann die riesige Strickjacke vom fremden Körper ab und dann blieb sie einfach stehen.
Gott was hält das Ding zusammen? Nur Haut und Knochen Was ist das denn?
Gretel drehte das Kind zum Licht, erstarrte. Sie sah zu ihrem Mann, der nur krächzte. Ach, hätte er Walter doch nicht so vernachlässigt, dann wäre er vielleicht ein richtiger Mann geworden. Sofie stand in einem dünnen Kleid mit kurzen Ärmeln, die Arme voll blauer Prellungen. Gretel zog den Kragen des Kleides nach unten, glättete den Rücken und bedeckte den Mund mit der Hand ein Moment lang stand sie da, dann erwachte sie fast wie aus einem Schlaf:
Fritz, schnell die Sauna! Michael, komm her!
Michael schoss aus dem Zimmer.
Was, Mama?
Nichts, aber los! Wie oft muss ich das sagen! Renn zu Frau Helga, frag, ob wir irgendeine alte Kleidung für das Mädchen haben.
Verstanden, Mama. Hab alles gehört.
Und wenn du es schon gehört hast, was fehlt noch?
Michael rannte zur Tür, zog sich den Mantel über. Sie und die anderen Jungs hörten heimlich zu, schauten zu. Wer hätte gedacht, dass so ein kleines Mädel in unsere Familie kommen würde, und zwar ein Mädchen! Als sie sahen, dass die Mutter die blauen Flecken prüfte, beschlossen sie sofort, ihr ein eigenes Zimmer zu bauen, damit das Kleine immer geschützt wäre. Die Jungen vergaßen ihre morgendlichen Streiche, die sie sich ausgedacht hatten, um das Leben weniger bitter zu machen, und machten sich ans Werk.
Michael brachte nicht nur einen ganzen Sack Lumpen, sondern auch Frau Helga mit. Nun ja, er konnte nicht von ihr loskommen, also kam sie von allein.
Frau Helga schnaubte über Walters halbe Herzensangelegenheiten und meinte dann:
Du hättest ihr besser nicht ins Gehirn geschaut. Wer weiß, welche Käfer du noch rausbringst.
Sofie stand die ganze Zeit still in der Mitte des Zimmers, als wäre ihr nichts passiert. Sie schwieg, als ob das Ganze sie nicht berührte. Gretel schnappte nach dem Mädchen, trennte die Haare am Scheitel und fluchte wie ein Landmann.
Sie zog die krumm geflochtene Zöpflinie hoch, seufzte. Schöne Haare ach, wie schade.
Sofie
Das Mädchen blickte ängstlich zu ihr auf.
Sofie die Haare müssen ganz kurz geschnitten werden. Ganz Keine Sorge, sie wachsen schnell nach. Und hier, ein hübsches Kopftuch für dich
Tränen liefen über die schmutzigen Wangen des Mädchens. Gretel weinte fast mit, während sie die Zöpfe abschlug und sie später im Ofen verbrannte. Friedrich kam rein, sah das Geschehen und krächzte nur. Ach, hätte er Walter in der Kindheit doch ein bisschen mehr gestraft
Kaum waren Gretel und Sofie in die Sauna gegangen, tauchte im Jungenzimmer das Hauptnutzende, Andreas, der Älteste, auf. Er war zwölf, führte die Brüder an, hatte das Wort, aber missbrauchte es nicht.
Papa, kannst du uns helfen?
Friedrich trat ein und erstarrte.
Was habt ihr denn da vor?
Wir wollen den Schrank umdrehen, damit wir eine Ecke abtrennen können. Für sie. Sie ist ja ein Mädchen, und er ist schwer.
Friedrich schnaufte und sagte streng:
Eure Mutter füttert euch, aber ihr schafft es nicht, den Schrank zu schieben! Also los!
Papa, worauf soll sie denn schlafen?
Friedrich kratzte sich am Hinterkopf.
Da müssen wir was kaufen
Papa, darf ich meine Ausziehcouch haben? Du weißt doch, ich schlafe gern darauf, und wir stellen ihr unser Bett daneben. Es ist zwar klein für mich, aber für sie passt es.
Als Sofie und Gretel aus der Sauna kamen, war fast alles fertig. Noch Bettwäsche und ein kleiner Teppich für das Aussehen, das überließ Gretel.
Einen leichten Dampf noch.
Danke, ich bin erledigt, keine Kraft mehr. Sofie hat kaum noch Wasser gesehen, geschwitzt kaum. Ich ruhe mich kurz aus, füttere euch, dann überlegen wir, wo sie schlafen kann.
Das Mädchen wirkte sofort gesünder, dünn, komisch im bunten Kopftuch, doch die großen Augen, die langen Wimpern
Komm, ich zeig dir
Gretel schaute überrascht zu ihrem Mann, stand aber auf. Er zog den Vorhang zur Jungenkammer, die größte im Haus, wo die Jungs seit Andreas drittem Geburtstag lebten. Die Eltern hatten ein kleines Schlafzimmer, das gleichzeitig als Flur, Küche und Wohnzimmer diente.
Was gibts hier?
Gretel sah die Umstellung, schwieg, blickte zu den Söhnen.
Selber, oder hat Papa was gesagt?
Friedrich lächelte:
Selber Gute Jungs haben wir, Gretel.
Sofie aß nicht nur, sie griff nach dem Essen, als wäre sie seit einer Ewigkeit hungrig.
Sofie genug das wird schlecht. Ruh dich aus, keine Sorge, wir haben genug zu essen. Alles gut
Sie schaute traurig auf den Teller, schien zu verkümmern
Komm, ich zeig dir dein Bett.
Kaum hatte das Mädchen das Bett erreicht, schlief sie ein.
Gretel ging zum Tisch.
Fritz, hol die Schnapsflasche.
Friedrich schaute überrascht, er trank nie, höchstens zu Festen einen Schluck. Still holte er die Flasche, goss für sich und für sie ein. Gretel leerte die ganze Flasche auf einen Zug. Friedrich stellte sein Glas hin, und Gretel sagte zu ihm:
Wenn dein Walter noch leben würde, hätte ich ihn mit meinen Händen erwürgt
Friedrich senkte den Kopf. Er hätte ihn selbst erwürgt
Walter war geboren, als Friedrich vierzehn war, und niemand erwartete noch ein weiteres Kind. Die Großmutter sah den Säugling, spuckte und sagte:
Warum habt ihr ihn überhaupt?
Friedrich erinnert sich, wie die Mutter ihn angeschrien und hinausgeworfen hat. Die Großmutter war gleichgültig, schimpfte im Haus, murmelte irgendwas. Friedrich fürchtete die Großmutter wie das Feuer. Jeder im Dorf flüsterte, sie sei eine Hexe. Nein, Friedrich wusste, dass es keine Hexen gibt, aber
Die Mutter war müde, schrie die Großmutter an, diese stoppte plötzlich und sagte:
Ich sterbe morgen. Nimm das Kind mit zu den Beerdigungen.
Die Mutter antwortete:
Was soll ich denn noch?
Die Großmutter sagte leise:
Ich verfluche dich, wenn du es nicht nimmst
Am nächsten Tag starb sie tatsächlich. Friedrich stand am Sarg, dachte, er verliert den Verstand. Die Mutter kam mit Walter, schrie überall auf dem Friedhof.
Walter wuchs zu einer Ratte, fraß alles, schob die Schuld immer auf andere Er bekam erst vom Vater, dann von Friedrich sein Leben zu lernen. Er ging zur Armee, kehrte mit einer Frau zurück, bekamen ein Kind und damit war die elterliche Verantwortung erledigt. Sie feierten jeden Tag, tranken. Friedrich bat oft, dass die Eltern zu ihm ziehen, aber sie sagten, Walter und Sofie würden ohne sie untergehen Und sie gingen einer nach dem anderen.
Vier Jahre später rief der Dorfrat den Friedrich an:
Friedrich dein Bruder und seine Frau sind fast erfroren, das Mädchen blieb zurück. Wenn du sie nicht nimmst, stirbt sie im Heim. Wir helfen dir, ihr Leben zu retten. Ihr seid hier Gold wert.
Friedrich weiß nicht, warum Gretel ihm das nicht sofort gesagt hat. Vielleicht fürchtete er, dass Gretel in der Aufregung das Kind nicht annimmt.
Eine Woche später konnte Sofie nichts mehr essen, lernte mit Gabel und Löffel, ihre Haut wurde gelblich, aber sie verhielt sich wie ein wilder Wolf. Wenn die Jungen etwas fragten, versteckte sie sich unter der Decke und schwieg. Sie bekam Bücher und Spielzeug, aber sie war still wie eine Eule, nur die Augen blitzten. Gretel versuchte, mit ihr zu reden, aber nur Ja und Nein kam zurück.
Gretel hatte es nicht mehr ertragen:
Warum siehst du mich wie einen Wolf an? Was haben wir dir angetan? Warum lächelst du nicht? Oder magst du uns nicht? Wir tun dir nichts!
Sofie starrte mit großen Augen, Tränen rollten aus ihren Augen Gretel schnappte nach Luft, sprang aus dem Haus, fast zu weinen. Sie schwor sich, nie laut zu werden.
Am Abend kam Frau Helga.
Gretel, du bist nicht mehr wie früher.
Gretel winkte nur:
Ach, ich kann nicht mehr Ich bin schon am Ende
So wirds sein
Was?
Sie ist doch ein Kind, Kinder spüren, wenn man sie nicht liebt. Sie ist jetzt quasi im Heim, nur mit besseren Bedingungen.
Na, Helga, mach, was du willst Wie soll ich ein fremdes Kind lieben? Ich tu ihr nichts, ich versuche
Und eine Katze zu lieben?
Ja, genau
Das ist das Problem. Wir sind andere geworden, nicht wie früher früher hat jeder einander geliebt.
Der Frühling kam plötzlich schnell. Gretel versuchte, Sofie nicht zu ärgern. Sie war da, satt, bekleidet, in Büchern, die die Jungen ihr gebracht hatten. Manchmal redete sie kurz mit den Jungs, antwortete nicht nur mit Ja oder Nein. Die Jungs baten Friedrich um Hilfe für eine Überraschung zum Geburtstag von Sofie.
Sie bauten in der Scheune einen Spiegeltisch, wie die großen Mädels. Gretel wollte sie zuerst vertreiben, dachte, was haben die vor? Dann ließ sie sie. Sofie verstand nichts, Gretel gab ihr ein neues, schönes Spitzenhandtuch, band es kunstvoll um den kleinen Kopf. Sofie drehte sich ein paar Mal vor dem Spiegel, dann holte Friedrich ein neues Kleid, das Sofie den Mund offen stehen ließ. Sie hatte so etwas noch nie gesehen.
Als die Jungs den Tisch brachten, strich Sofie ihn lange, Gretel dachte, das Mädchen lächelte. Dann umarmte sie die Brüder nacheinander. Von da an wurden die Jungs und Sofie echte Freunde. Sie redeten stundenlang im Zimmer, lachten. Sobald Gretel kam, ging Sofie sofort zurück in ihr Eck und schwieg. Das nervte Gretel total. Was war denn los? Sie war gekleidet, behoben Warum schaut sie immer weg?
Dann begann die Ernte, kein Grund mehr zum Jammern. Dieses Jahr wollten sie ein weiteres Ferkel anschaffen, um es später zu verkaufen. Jetzt musste man für vier Kinder Kleidung kaufen. Die Rente, die für Sofie bestimmt war, befahl Gretel zu schonen.
Nicht essen. Spart das Geld für später. Vielleicht spart ihr sogar für ein Hochzeitskleid.
Friedrich nickte zustimmend. Er nickte immer, wenn Gretel etwas sagte. Fast immer. Er verstand nie, warum es mit Sofie nicht klappte Sie kam gut mit den Jungs klar, mit ihm okay, aber wenn sie Gretel sah, erstarrte sie. Und Gretel zeigte nie besondere Zuneigung zu ihr
Eines Tages, als Gretel Blumen im Vorgarten pflanzte, kam ein Nachbarsjunge angerannt:
Tante Gretel! Dort werden eure Kinder geschlagen!
Gretel richtete sich auf:
Wer?
Eure!
Der Junge rannte davon. Gretel schnappte sich ihr Kleid, rannte zum Fluss, wo die Kinder vor einer halben Stunde gewesen waren.
Aus der Ferne sah sie den Kampf: Ihre Jungs mit einer ganzen Gruppe andere Jungs. Rücken an Rücken, und in der Mitte, hinter ihnen, stand Sofie Männer vom Dorf rannten mit Gurten in den Händen Als die Väter der Jungen das sahen, zerstreuten sie sich.
Gretel tastete die Verletzungen.
Oh Gott Was ist das
Michael hatte eine gerissene Augenbraue, Andreas einen dicken Bluterguss, Sergej das Schulterblatt beschädigt Sofie weinte.
Was ist passiert?
Michael schnaufte:
Wir wollten baden Sofie hat ihr Tuch ausgezogen und die anderen haben sie gehänselt
Und ihr wollt euch einmischen?
Sergej schaute ernst zu der Mutter:
Was sollten wir denn dort baden?
Andreas rief:
Sie ist doch unsere Schwester, warum sollte jemand sie quälen?
Gretel stand auf:
Geht nach Hause!
Sie ging hinter ihnen her. Warum bekam ihre Familie so ein Ärgernis? Das Mädchen war nicht schlecht, aber besser wäre es, wenn sie woanders lebte
Zu Hause wartete Frau Helga:
Gretel, was reden die Dorfbewohner? Von deinen Jungs, die fast umkommen fast wegen ?
Gretel blieb stehen, ein Sturm zog in ihr:
Wegen was?
Helga sah sie an:
Wegen deiner Schnickschnack du nennst es so
Und du sagst, ich soll das so nennen, wie ich will! Und du wagst es nicht!
Gretel fuchtelte mit dem Finger vor Helgas Nase, so fest, dass die alte Frau zurückwich, fast fiel.
Du darfst das nicht sagenAls die Sonne über dem Dorf unterging, legte sich ein friedlicher Schweigen über das Haus, und Gretel wusste schließlich, dass Liebe und Zusammenhalt das wahre Fundament ihrer Familie waren.





