Ich hatte gerade meinen dürftigen Abendfang in den geflochtenen Korb gepackt und wollte mich über den schmalen Pfad zum alten Klappwagen schleichen, als ich wie von einem Blitz getroffen erstarrte. Es war kein Trugbild. Aus dem dichten, undurchdringlichen Nebel des Flusses drang erneut das gleiche Stöhnen kein Schrei, sondern ein todesschwerer Aufschrei, der mir ein kaltes Schaudern über den Rücken jagte. Eine Frau schrie. Der Wind, der durch die Kronen der uralten Kiefern heulte, zerriss und zerfetzte ihre Stimme, doch einzelne Worte ließen sich noch entziffern. Sie flehte nicht nur um Hilfe, sie bat mit aller Kraft ihrer noch vorhandenen Seele. Neben ihr hörte ich das panische Plätschern von Wasser, das an das Ufer schlug.
Ohne zu zögern warf ich den Korb über die Seite; ein paar silbrig schimmernde Fischchen sprangen auf den nassen Sand. Während ich meine schwere, abgewetzte Jacke und die abgenutzten Arbeitshosen auszog, blieb ich nur in einem zerschlissenen Unterhemd zurück und sprang in das dunkle, eisige Wasser. Der Wind, wie ein wütender Bär, wirbelte die Wellen auf und peitschte mir Schaum und Spritzer ins Gesicht.
Das Schwimmen war kaum erträglich. Die normalerweise träge Strömung war heute heimtückisch stark, griff nach meinen Beinen wie kalte Hände. Fast in der Mitte der Flussschlucht, wo das Wasser besonders schwärzer und tiefer war, kämpfte verzweifelt ein Mädchen. Ihr dunkles Haar, wie Seegras, wirbelte über die Wellen und versank dann hilflos in der schwarzen Tiefe, die sie zu verschlingen drohte. Der junge Mann, den sie so schien es vergeblich um Hilfe gerufen hatte, hatte bereits das gegenüberliegende Ufer erreicht. Er drehte sich nicht um, seine Bewegungen waren hastig und ängstlich. Er griff nach einem aufblasbaren Boot, blickte wie ein gehetztes Tier umher und wischte hastig am Waldrand entlang, um sich in den schützenden Wald zu flüchten.
Das Mädchen schrie nicht mehr. Sie tauchte nicht an die Oberfläche. Als ich, Viktor Ilg, mit letzter Kraft das tödliche Fleckchen erreichte, zogen sich nur langsame, unheilvolle Kreise im Wasser. Mein Herz sank in die Knie. Einen tiefen Schluck Luft einatmend, tauchte ich in die eisige Dämmerung. Meine Hände fanden das glitschige Material meiner Jacke, ich packte den leblosen Körper von hinten und nutzte die andere Hand wie ein Paddel, während ich mit den Beinen verzweifelt nach vorn schlug, zurück zu meinem Ufer. Jeder Ruderzug brannte wie Feuer in den Muskeln, jeder Atemzug klang wie ein Stöhnen. Doch ich schwamm, hielt am Leben fest und an dem, was ich in meinen Armen hielt.
Als ich das Mädchen ans Ufer zog, war ich völlig erschöpft, doch ich machte sofort weiter. Meine starken Hände, gewohnt schwere Arbeit, handelten rasch und präzise Drehungen, Druck, künstliche Beatmung. Trüber Flusswasser strömte aus ihren Lungen, und ihr Körper setzte ein raues, keuchendes Husten frei. Der Atem kam schwach, aber gleichmäßig zurück. Jetzt musste ich sie wärmen. Ich sammelte die letzten Glutzeichen eines alten Lagerfeuers, baute auf der noch warmen Asche eine flache Liege aus flachen Flusssteinen, deckte sie mit einer dicken Schicht von weichem Fichtenkamm ab und legte das Mädchen behutsam darauf. Meine einzige, nach Rauch und Schweiß riechende Jacke zog ich über sie. Ich sammelte die verstreuten Sachen am Ufer, zog das nasse Kleidungsstück über ihren erstarrten Körper und setzte mich zum neu entzündeten Feuer, die zitternden, von Kälte bleichen Hände ausstreckend.
Die Wärme kroch nur schleppend voran, als wolle sie das erstarrte Fleisch nicht ganz erreichen. Das Mädchen lag regungslos, lediglich ein schwacher Dampf von ihrem Atem zeugte von Leben. Das kalte Wasser und der Schock hatten ihr Werk getan, doch ich wusste: Mit der Zeit wird sie erwachen. Dieses Wissen war mir ebenso vertraut wie jede Biegung dieses Flusses.
Ich hob den Blick zum Himmel, voll schwerer, tiefer Wolken. Durch das bleierne Tuch drangen weder Sterne noch Mond hindurch. Die Leere war erdrückend.
Ich senkte den Blick auf die Flammenzungen, die mich zurück in einen fernen, ebenso grauend-dunklen Abend führten, der mir alles genommen hatte.
Heike, unser kleiner Armin und ich waren jedes Sommerfischern nachgegangen, fast jedes Jahr. Nachdem meine Frau die Kinder im Zelt zurückgelassen hatte, setzte ich die alte, aber treue Holzkahn in Bewegung.
Heizt euch einen Tee, ich komme gleich mit einem fetten Fang zurück, dann gibts die beste Fischsuppe der Welt! rief ich Heike zu und mein Gesicht leuchtete vor glücklicher, unbeschwerter Freude.
Pass nur gut auf dich auf, Viktor, das Wetter wird schlecht, warnte meine Frau, während sie die aufziehenden Wolken musterte.
Ich kenne jeden Stein hier! Keine Sorge! schrie ich vom Wasser aus, die Ruder durch die spiegelglatte Oberfläche schneidend.
Ich fuhr zu meiner Lieblingsstelle, warf die Leinen aus und sank in das gewohnte rituelle Warten. Doch plötzlich verdunkelte sich der Himmel, als wäre die Nacht hereingebrochen. Ein Sturmwind bückte die Bäume bis zum Boden, und ein Wassermantel stürzte vom Himmel herab. Das Boot geriet ins Schleudern, wurde zur Seite gedrängt und dann ein lauter Krachen ich stieß mit dem Unterwasserstamm eines umgestürzten Baums zusammen, der wie ein Dolch aus dem Fluss ragte. Luft schoss mit einem quälenden Zischen heraus, und im nächsten Moment zerfetzte sich das Boot zu einem formlosen Stück Gummituch.
Ich versuchte zu schwimmen, doch ein stechender Krampf in meinem Bein, verursacht von dem eiskalten Wasser, ließ mich fast kollabieren. Der Kampf gegen die wütende Natur war aussichtslos. Die Strömung erfasste mich, schlug mich an etwas Hartes, und das Dunkel verschlang mein Bewusstsein. Ich erwachte erst am dritten Tag, liegend auf einer harten Holzbank in einer fremden, nach Rauch und Kräutern duftenden Hütte. Das Aufstehen machte mich schwindlig und übel. Plötzlich klopfte ein alter Mann mit wettergegerbtem Gesicht, von Falten übersät wie eine Landkarte des Lebens, an die Tür.
Wach geworden?, grunzte er emotionslos, während er eine Schüssel mit dampfender Suppe auf einen Hocker stellte. Trink diese Kräuter, sie stoppen das Bluten. Und iss etwas Brei, sonst hast du bald keinen Atem mehr.
Wo bin ich?, keuchte ich, und als ich den Namen einer fernen, mir unbekannten Region hörte, begriff ich erschrocken, dass ich Hunderte von Kilometern von zu Hause entfernt war.
Du hast ein böses Stück Arbeit erwischt, Junge, fuhr der Alte nach kurzer Stille fort. Fast tote Jäger haben mich hier hergebracht. Dachten, du gehst nicht mehr.
Ich versuchte erneut aufzustehen, doch der Alte wedelte nur mit seinem trockenen Finger ab:
Bleib liegen, mach keinen Heldenmut. Du hast viel Blut verloren das ist ein Wunder. Wenn du jetzt weiter gehst, findest du nur den Tod. Erhol dich erst.
Und meine Familie? Meine Frau, mein Sohn Sie wissen nicht, dass ich lebe!, brach es mir aus dem Herzen. Ich sah Heike vor mir, ihr Gesicht verzweifelt, und mein Herz drückte sich zu einem harten Knoten.
Hier gibt es keine Post, nur Wald. Nur Wölfe heulen und Bären brüllen. Eine endlose Tundra.
Wie lebt man hier?, fragte ich ehrlich.
Mit Kräutern, Pilzen, Nüssen, Beeren. Im Winter lagern wir Vorräte am Ufer. Jäger kommen selten vorbei und bringen Brotzeit mit. So überlebe ich seit zwanzig Jahren. Der Alte seufzte schwer und kroch, knarrend, zurück zu seiner Bank. Schlaf. Du brauchst Kraft.
Er schlief bald ein, während ich das schwache Licht der Ölkerze betrachtete. Der Schatten tanzte an den Wänden, und in diesen tanzenden Konturen sah ich die Gesichter von Heike und Armin. Eine so scharfe Sehnsucht drückte mich, dass ich die Zähne zusammenbiss, um nicht zu stöhnen. Draußen heulte der Sturm, ließ alle Hoffnungen verwehen.
Die Tage zogen sich, einer wie der andere, wie Knoten auf einer Leine. Jede noch so kleine Bewegung ein Drehen, ein Sitzen, ein Löffelheben war ein winziger Sieg, der ein Stück Freude schenkte.
Wie der Alte vorhergesagt hatte, stand ich erst nach langer Zeit wieder auf. Als ich zum ersten Mal, gestützt auf einen Stock, die Hütte verließ, war die Welt ungekannt alles lag unter einer blendend weißen, unberührten Schneedecke.
Wie komme ich hier raus? fragte ich den Besitzer, bemüht, Verzweiflung zu verbergen.
Gar nicht, schnappte er kurz. Du kannst nicht mehr laufen, und bis zur Straße ist ein Tag Weg, vielleicht länger. Die Pfade sind verschneit. Bleib bis zum Frühling hier. Wenn du dich erholst, bringe ich dich weiter.
Und die Jäger? Können die helfen?
Im Winter jagen sie anderswo. Im Frühling und Herbst kommen sie hierher. Vielleicht bringt das Glück jemanden, der dich mitnimmt, aber die Wege sind jetzt unpassierbar. Er schüttelte mit grauem Kopf und schob ein weiteres Holzscheit ins Feuer.
Einige Wochen vielleicht Monate vergingen, bis ich das Knistern von Schüssen und das Bellen von Hunden am Morgen hörte. Ich sprang aus der Hütte, noch halb nackt, und rannte zum Geräusch, keuchend und über Wurzeln stolpernd.
Eine Stimme rief: Wer ist da? Und dann, nach scheinbar endloser Zeit, hörte ich klare Stimmen und das Knacken von Ästen unter Füßen. Vier Jäger, zufällig im gleichen Wald, hatten mich gefunden. So gelang es mir, zurück zu den Menschen zu kommen. Auf dem Weg zurück in meine Heimatstadt fuhr ich mehr als einen Tag in überfüllten Bussen, fast schlaflos, die Fäuste vor Aufregung ballend. Schließlich stand ich vor der Tür einer Mietwohnung, mein Herz hämmerte, als ich klopfte. Ein Fremder in einem zerknitterten T-Shirt öffnete.
Er erzählte, er wohne schon drei Monate dort, die bisherigen Mieter seien nach einem Todesfall meines Mannes sofort ausgezogen. Das Wort Ertrunken traf mich wie ein Hammerschlag. Heike hält mich für tot
Was tun? Wohin? Wie weiter? Die Welt schwamm vor meinen Augen. Ich irrte ziellos, bis ich vor dem Polizeirevier stand. Dort erzählte ich, stotternd, meine Geschichte. Die Beamten baten um alle Daten Namen der Frau, des Sohnes, Verwandte, Freunde und versprachen, zu suchen.
Dann ging ich zu meinem alten Arbeitsplatz, einem Lagerhaus. Das Tor war verriegelt, ein fremdes Schild hing darüber. Der Hausmeister zuckte mit den Schultern: Sie sind umgezogen, keine Ahnung wo.
Die Stadt war mir fremd geworden. Mein einziger Hoffnungsträger war mein Jugendfreund Siegfried. Als ich bei ihm anklopfte, öffnete seine ExFrau, die mir einst vertraut war, die Tür. Ihr Blick war hart.
Wir sind geschieden. Er ist mit seiner neuen Frau weggezogen. Und von Heike weiß ich nichts.
Ein paar weitere Bekannte halfen wenig: einer wohnte bei seiner Schwiegermutter, ein anderer war lange unterwegs. Geld war spärlich, kein Dach über dem Kopf.
Heike war zurückgezogen, handarbeitete außergewöhnliche Strickwaren, die ich nie kannte. Ohne sie blieb mir niemand.
Die Polizei zögerte, ihre Antwort war immer dieselbe: Wir suchen noch, bisher nichts gefunden. Ich erhielt ein vorübergehendes Ausweisdokument, suchte Arbeit. An einer Brücke, wie früher, standen arbeitslose Männer, warteten auf einen LKW. Ich stellte mich hinten an.
Ein rostiger Lieferwagen hielt, ein Kopf aus einer Kappe lugte heraus: Bautrupps? Wir brauchen drei! Und ich, den Blick auf einen ebenso verbrauchten Mann gerichtet, nahm den Auftrag an. Wir fuhren zu einem verlassenen Werksgelände, wo ein riesiges, halb zerfallenes Lagerhaus nach Chemiegeruch, billigem Alkohol und Schimmel roch.
Die Arbeit war einfach und ekelhaft: aus Fässern mit vergälltem Öl Flüssigkeit in Flaschen füllen, Deckel aufschrauben, gefälschte Etiketten kleben, Kisten verpacken. Wir schliefen auf den Kisten, bekamen einmal pro Woche Brot, Nudeln, Eintopf. Die Kisten wurden wöchentlich gebracht, die Fässer nachgefüllt. Der Lohn blieb aus. Auf Fragen bekam ich nur ein raues: Zuerst arbeitest du für Essen und Schlaf, dann reden wir. Mein Pass wurde beim Betreten des Geländes für die Formulare einbehalten. Einen Versuch, das Gelände zu verlassen, endete mit zwei muskulösen Wachleuten, die mir klarmachten, dass ein Ausstieg ohne Papiere ein fataler Fehler sei.
Eineinhalb Jahre vergingen in diesem Gefängnis aus Angst und Hoffnungslosigkeit, doch das Verlangen nach Freiheit blieb. Ich entkam, mit ein paar hundert Euro, die ich beim Entladen des Eintopfs verdiente.
Als ich wieder zur Polizei ging, dauerte das Verfahren ein halbes Jahr. Endlich bekam ich einen neuen Pass, doch der Beamte sagte trocken: Nächstes Mal überlegen Sie sich gut, welche Anzeigen Sie erstatten. Ihre Geschichte ist sehr wirr, das könnte zu einer Strafe führen.
Ich bat alte Bekannte um ein paar Kleider, ein Bad, aber alle wiesen die Tür ab. Die Verzweiflung trieb mich zu den Ferienhäusern am Stadtrand. Ich bot an, jede Arbeit zu übernehmen den Garten zu hacken, den Zaun zu reparieren, Holz zu stapeln gegen Brot, ein Bad und alte Hosen. Einige schlugen die Tür zu, andere zeigten Mitgefühl. Eine Rentnerin gab mir Suppe, Bad und eine robuste Jacke. Ein Gärtner zahlte mir ein kleines Geld. Nach und nach sammelte ich Kleidung und ein wenig Geld. Ich schaltete eine Radiosendung ein, rief nach meiner Familie, doch keine Antwort kam.
Schließlich beschloss ich, zurück in den Wald zu gehen, an den Ort, wo das Unglück geschehen war. Dort fand ich einen alten, verrosteten Wagen, den einst Geologen zurückgelassen hatten. Ich reparierte ihn, verputzte die Risse und baute einen Ofen. So begann mein neues, einsames Leben, an das ich mich schließlich gewöhnte. Und nach vielen Jahren hörte ich erneut einen Hilferuf aus dem Fluss.
Ich sprang aufMit zitternden Händen streckte ich die Hand aus, griff das verzweifelte Mädchen und zog sie aus den eisigen Fluten zurück ans sichere Ufer.





