Liesel! Wo bist du nur?! Ich werd dich gleich erwischen! Du brauchst nicht mehr nach Hause zu gehen! Hörst du mich? Ich lass dich nicht davon!
Das kleine Mädchen, gerade einmal fünf Jahre alt, gekrümmt zwischen Brennnesseln am Zaun eines bescheidenen Bauernhauses, saß auf dem von der Sonne erwärmten Boden, hielt die Hände vor die Ohren und murmelte leise vor sich hin.
Ruf mich!
Liesel hört nicht!
Wenn ich doch die Augen schließen könnte und das stattliche, hübsche Fräulein, das auf der Veranda des Urgroßvaters stand, nicht sehen müsste! Aber das geht nicht sonst würde sie mich finden. Das war schon einmal passiert. Dann versteckte ich mich hinter Bellos Hundehütte und saß ganz still, so still, dass ich sogar einschlief. Ich wachte erst auf, als ein harter Klaps mich traf, und dann wurde mir am Ohr gezogen, dass ich mich nicht mehr traute, es überhaupt zu berühren. Das tat weh!
Die schöne Frau, die mich nicht Mutter nennt, ist Tante Gisela, die Schwester meiner Mutter. Sie mag mich nicht, weil ich ohne Vater bin. Was das heißt, weiß ich noch nicht, aber ich habe es bei Fritz, dem Nachbarsjungen, nachgefragt. Fritz ist bereits zwölf und weiß viel mehr als ich. Er erklärte, das bedeute, ich sei niemandem wirklich nötig. Ich habe weder Vater noch Mutter, nur Tante und die alte Oma. Sobald die Oma stirbt, soll ich zu Tante Gisela kommen und das will sie gar nicht. Sie hat genug eigene Kinder, sagte sie.
Warum bekomme ich das alles zu spüren? Mama! Warum schweigst du? Das bist doch du! Du hast Natashas verwöhnt, bis sie nichts mehr brachte, und jetzt? Meine Wohnung ist kein Gummitunnel! Da drängeln wir wie Sardinen in einem Fass! Ich, mein Mann, zwei Kinder und die Schwiegermutter alles in zwei Zimmern! Wo soll das hin? Und wozu?
So geht das nicht, Gisela! Sie ist doch deine Verwandte!
Sie ist mir egal! Ich habe sie nie gebeten, ein Kind zu bekommen! Und Natasha hat ja schon gesagt, mit ihrem Liebling wird nichts! Was habe ich getan? Natürlich nichts! Natasha ist weg, und der Mann ist verschwunden wie ein Gespenst vor der Morgendämmerung!
Was hat das Kind denn dir getan?
Gar nichts! Eine Bürde Ich kanns nicht, Mama, verstehst du? Keine Kraft mehr! Die eigenen Pflichten drücken mich Ich schlage mich ab, um irgendeinen Pfennig zu verdienen, aber alles bleibt vergeblich! Erst das Glas in der Schule zersplittert, dann neue Jeans gefordert Und wo soll ich das Geld hernehmen? Eine Millionärin finden! Der Vater haucht nicht einmal! Er bekommt sein Gehalt und schwappt herum! Ich, ich bin das Geld in der Familie! Und das ist wirklich ein Pfennig, den man nicht einmal sehen kann das interessiert ihn nicht! Ich arbeite in zwei Jobs, er müht sich nur in einem ab, der Arme! Und Arbeit heißt nicht, den Faulen zu schlagen! Sie setzen dich in einen Kreis und spucken halb den Tag an die Decke, bis der Chef dir den Hals zuschnürt! Dann gehen sie ein bisschen rum und sind zufrieden! Wie soll man leben, Mama?
Es tut mir leid, mein Kind, dass ich dir nicht helfen kann Das Kind in ein Heim zu geben, obwohl Verwandte leben, ist Sünde!
Diese Sünde ist nicht meine!
Wer streitet?
Ich kann sie nicht lieben, verstehst du das nicht?
Ach, das ist nicht nötig! Wichtig ist, dass sie im Haus bleibt! Das ist beschämend Ach, Gisela Hast du nicht selbst gesagt, es wäre leichter, wenn man dich lieben würde? Sie braucht das genauso ein lebendiges Herz
Ein Herz Mama, man kann ein Herz nicht mit Liebesgeschichten füttern, wenn es lebt! Es wird trotzdem etwas verlangen. Woher soll ich das nehmen? Sagst du es nicht? Und über die Liebe musst du nicht viel reden! Die Zeit, in der ich sie noch brauchte, ist vorbei! Genug! Das Mädchen ist groß geworden hat klüger geworden
Liesel verstand von dem Gespräch, das sie unter Omas Bett vernahm, kaum die Hälfte, doch behielt fast alles. Die Erzieherinnen im Kindergarten lobten sie stets. Sie sagten, ihr Gedächtnis sei gut. Und Liesel versuchte, das zu zeigen. Sie hörte aufmerksam zu und konnte dann fast jedes Gespräch Wort für Wort wiedergeben.
Liesel! Wie oft muss ich rufen? Wenn du jetzt nicht kommst, wirst du hungrig schlafen gehen! rief Tante Gisela erneut von der Veranda, aber nur kurz.
Oma war wieder krank, und ihr Stöhnen hörte Liesel selbst aus ihrem Versteck, obwohl der Zaun und die Brennnesseln weit vom Haus entfernt standen.
Lass sie hungrig sein! Zumindest nicht geschlagen! dachte Liesel. Sie wusste, warum sie für Tante Gisela wichtig war. Am Morgen befahl die Tante Liesel, den Fußboden und die Stufen der Veranda zu reinigen. Liesel vergaß das. Fritz schenkte ihr sein altes Spielauto, rot und ohne ein Rad. Liesel freute sich trotzdem sie hatte nur wenige Spielsachen. Eine alte Puppe namens Marlies, für die Oma ein Kleid aus einem Taschentuch genäht hatte, lag noch unbewegt. Und ein grauer Hase mit einem Auge, den Liesel am meisten liebte. Außerdem Mamas Perlenketten, blau wie der Himmel, die ihr Vater ihr geschenkt hatte. Oma sagte, sie wären am Markt nur ein Pfennig wert. Liesel war das egal. Sie legte die Perlen auf die Stufen und sah darin ein Meer, Berge und einen Drachen, wie in dem verbotenen Buch, das man nicht vom Regal nehmen darf. Oma ließ das nicht zu! Sie meinte, Liesel könnte das Buch zerreißen.
Das war unfair! Liesel riss nie Bücher! Sie mochte sie! Auch die ohne Bilder. Die Buchstaben kann sie noch nicht alle, aber drei hat sie schon gelernt. Wenn sie sie in den Zeilen der Gartenbücher sah, freute sie sich. Sobald sie sie erkennt, wird sie weitere lernen, wenn sie sich ein wenig anstrengt.
Der Abend legte einen leichten Schleier aus schwüler Dunkelheit über den Hof. Mücken summten an den Ohren, und Liesel seufzte. Es war Zeit zu gehen. Vielleicht würde man ihr nichts zu essen geben, aber Tante Gisela war den ganzen Tag über den Hof gerannt, die Hausarbeit erledigt und nun müde. Auf Liesel würde sie keine Kraft mehr haben. Ein kurzer Tadel, und dann weiter.
Liesel kroch aus ihrem Versteck und trippte zur Veranda. Dort saß Tante Gisela, finster auf den Stufen.
Da bist du ja? Mein Unglück Wo warst du nur? Ganz schmutzig! Und jetzt rein ins Haus!
Liesel atmete aus. Heute würde sie nicht mehr geschimpft. Auch Erwachsene werden müde vom Schreien. Sie könnte zu Oma gehen, ihren trockenen, warmen Arm anlehnen und kurz warten. Der Schmerz würde nachlassen, Oma würde ein wenig Mitleid zeigen das Wichtigste des Tages: ein leichtes Streicheln, ein leises Flüstern, ein Wort
Ich liebe dich, mein kleines Mäuschen! Ich liebe dich
Niemand sonst hatte ihr solche Worte gesagt. Mama nie, und Tante Gisela offenbar nicht. Liesel hatte einmal gehört, wie Gisela Oma vorwarf, dass sie nur kleine Worte zu ihr sagte, aber ihrer eigene Tochter nie etwas sagte.
Liesel glaubte das nicht. Das kann nicht sein Erwachsene sind seltsam. Sie erinnern sich an das Schlechte, das Gute vergessen sie aus unerklärlichen Gründen. Liesel fragte Gisela einmal, warum sie das tue. Es sei wie ein Wundrand zu zupfen. Zieht man die Kruste ab, schmerzt es wieder. Und so oft, bis es heilt Doch wenn man das immer wieder tut, bleibt eine Narbe. Warum das? Weil die Hände jucken! So sagt Oma und schimpft, wenn Liesel es tut. Was schmerzt, wenn man nicht geliebt wird? Die Seele? Oma meinte, das sei es. Und was juckt dann in dieser Seele, dass Erwachsene sich immer wieder wehtun? Seltsam
Würde man Liesel fragen, was zu tun sei, damit alle glücklich sind, würde sie sagen: Oma soll zu Tante Gisela sagen: Ich liebe dich! und Gisela ein wenig Mitleid zeigen denn Liesel wird abends immer bemitleidet. Das ist doch so einfach! Einfach tun! Und Tante Gisela Sie soll Oma das erlauben Gisela ist stark und sehr klug. Trotzdem empfindet Liesel Mitleid mit ihr. Denn, wie Gisela selbst sagt, liebt sie niemand nie. Das ist wohl gelogen, doch sie weint nachts nicht ins Kissen, wenn sie geliebt würde! Liesel weiß das, weil sie selbst weint Sie weiß, dass, wenn Oma nicht mehr ist, niemand sie mehr lieben wird
Oma strich Liesel über den Kopf, sprach ihre Worte und ließ sie gehen.
Geh, Kind! Schlaf ist Zeit.
Liesel war gewohnt, zu gehorchen. Sie drehte sich um und ging, ohne zu bemerken, dass Oma ihr noch einen Segen über den Rücken flüsterte.
Ein starker Durst überkam sie, und sie schlich in die Küche, hoffend, dort sei Tante Gisela.
Sie war dort
Was willst du?
Ein bisschen Wasser
Viel Wasser für dich schimpfte die Tante und goss ein Glas Milch vor Liesel, legte ein Stück Brot und Kartoffeln darauf. Iss! Ich habe das Wasser erwärmt. Ich wasche Mama, dann dich. Du dreckiger Geselle!
Gisela streichelte Liesel gedankenverloren über den Kopf, und das Mädchen tat plötzlich, was sie lange wollte. Sie sprang vom Hocker und umarmte Giselas Beine, weil sie nicht höher kommen konnte.
Was machst du? stammelte Gisela erschrocken und schob Liesel zurück.
Ich will dich lieben. Wenn niemand will Darf ich?
Die Frage blieb unbeantwortet. Gisela weinte und rannte aus dem Zimmer, schob Liesel weg. Doch Liesel wusste: Es war nichts Schlimmes, es war nur ein wenig Schmerz. Jetzt konnte sie in Ruhe ihr Milchglas leeren. Gisela würde weinen und sich beruhigen, doch ihr Schmerz würde nicht ganz verschwinden. Liesel wusste das ebenfalls. Aber ein kleines bisschen Erleichterung ist schon genug! Denn ein kurzer Augenblick neben Oma am Abend reicht Liesel, um nicht mehr am Schlechten, sondern am Guten zu denken Vielleicht schafft Gisela das auch? Wer an das Gute denkt, dem wird leichter. Auch wenn ihn jemand beleidigt
Gisela ging zurück in die Küche, füllte ein Becken mit warmem Wasser und wusch Liesel. Still, ohne zu schreien, mit einem Schwamm, der fast schon seltsam leicht über das Kind strich.
Geh! Leg dich hin. Es ist Zeit!
Ein kurzer Befehl, und Liesel atmete auf. Sie kroch in das kleine Zimmer, wo ihr Bett stand, schlüpfte unter die leichte Decke, deckte ihren Kopf zu und flüsterte leise mit ihrer Mutter denn jede Nacht redete sie mit ihr, Stück für Stück über alles. Oma hatte gesagt, das sei gut. Und Mama hörte zu. So erzählte Liesel ihr von Tante Gisela und von dem Vorhaben, am nächsten Morgen die Stufen zu säubern, wie es Gisela verlangt hatte. Liesel liebt Ordnung, vergisst aber manchmal, dass sie das tun sollte.
Am Morgen schaffte Liesel nichts, weil Gisela früh weckte, sie küsste seltsam und hinauswarf, wo bereits die Nachbarin der Oma wartete.
Lass sie erst einmal hier bleiben. Sie hat nichts zu suchen.
Darf ich mich verabschieden?
Musst du? Solange du sie noch nicht gesehen hast, bleibt sie lebendig im Gedächtnis. Sie ist noch klein.
Das stimmt. Gut, ich füttere sie und helfe.
Danke.
Einige Tage später fuhr Liesel mit Tante Gisela im Bus in die Stadt. Sie kehrte nie wieder ins Haus der Oma zurück. Das Haus wurde ein Jahr später verkauft, und Gisela erklärte Liesel, sie sei jetzt offiziell ihre Tochter. Das Wort war Liesel fremd, aber es klang schön.
Auch gefiel ihr, dass Gisela den alten Hasen, den Oma ihr einst schenkte, mit in die Stadt nahm. Der Hase war seit langem ein einäugiger, abgenutzter Begleiter. Gisela hatte das abgerissene Ohr angenäht. Einen neuen Augenknopf wollte sie noch besorgen, fand aber keinen passenden Knopf. Sie versprach, es später nachzuholen Liesel hatte keine Eile.
Wichtig war jedoch, dass Liesel jeden Abend zu Gisela kam und die gleiche Zärtlichkeit erfuhr, die einst Oma ihr gab. Sie streichelte Liesel auf die Wange und flüsterte Worte, die das Herz erwärmten, den ganzen Tag hindurch.
Ich liebe dich
Als Gisela das das erste Mal sagte, glaubte Liesel am nächsten Tag nicht daran nach Omas Tod. Sie zweifelte lange, bis sie schließlich stets erwiderte:
Ich liebe dich auch!
Jetzt glaubte Liesel. Gisela sagte diese Worte nicht nur zu Liesel, sondern auch zu ihren eigenen Kindern und ihrem Mann. Ihr Mann sprach sie nicht jeden Tag, doch auch er glaubte schließlich.
Manchmal ärgern sich Liesels Bruder und Schwester, doch das ist nicht schlimm. Schlimm ist, wenn gar niemand da ist. Liesel weiß das nicht genau, ahnt es aber. Sie kann jetzt lesen, und in den Büchern steht viel. Sie glaubt daran, weil die Bücher es sagen. Warum Zeit mit Unsinn zu verschwenden?
Manchmal erinnert sich Liesel an Omas Haus, die Brennnesseln am Zaun, groß wie echte Regenschirme. Unter ihnen war es warm, grün und heimisch Doch zurück darf sie nicht mehr, und das muss auch nicht sein. Oma ist nicht mehr da, und bei Gisela ist es nicht schlecht.
Ein einziges versteht Liesel nicht: Warum hat Gisela gesagt, sie brauche nicht geliebt zu werden? Jeder braucht Liebe! Liesel weiß das.





