Der Eigenbrötler

Birke

Ach, bist du streng, Herr Wolfgang Birke! Kein Wunder, dass sie dich den Einsiedler nennen! Nicht mal ein Lächeln kriegt man aus dir heraus. Und wenn man dich einfach nur anschaut da läufts einem eiskalt den Rücken runter. Bist du tiefgefroren oder was? Warum ist dir das Leben so wenig wert?, plapperte Martha noch weiter auf ihn ein.

Wolfgang hörte schon längst nicht mehr zu. Er nahm schweigend seine Einkäufe vom Tresen des kleinen Dorfladens und ging Richtung Ausgang.

Deine Lena ist neulich zu ihrer Mutter gekommen. Mit dem Jungen. Hast du das gehört, Herr Birke? Na, wer weiß, vielleicht ist das doch dein Kind? Soll das wirklich weiter ohne Vater aufwachsen? Er sieht dir schon ähnlich!

Die Worte trafen Wolfgang an der Tür und ließen ihn fast auf der Stufe stolpern. Er drehte sich aber nicht mehr um. Wozu? Recht machen kann man es sowieso niemandem. Sein Leben stellte er ungern zur Schau, wie alle anderen reden doch sowieso jeder über alles und was sie nicht wissen, das erfinden sie. Das ist zwischen ihm und Helena, da hat sonst niemand seinen Rüssel reinzustecken.

Die Sonne schien, als wäre es schon Sommer, und streichelte Wolfgangs Gesicht warm, so dass er die Augen schloss. Die schweren Lider senkten sich, sein Gesicht erstarrte fast zur Maske. Er setzte Schritt um Schritt, als plötzlich ein Kinderstimmen schrie:

Vorsicht!

Der Junge rannte zur Treppe des Ladens und hob zwei kleine Welpen auf, die auf den Stufen herumtobten.

Bitte, treten Sie nicht auf sie!

Ein pummeliger Nasenrücken, dunkle Augen in müden Schlitzen und abstehende Ohren genauso wie seine eigenen. Kein Wunder, dass die Nachbarinnen über ihn tuscheln. Doch Wolfgang wusste, das ist nicht sein Sohn verwandt sicher, aber nicht so nah.

Möchten Sie vielleicht einen Welpen? Sehen Sie mal, was für große Pfoten der hat! Wie ein Wolf! Das wird ein Starker.

Wolfgang schüttelte nur kurz den Kopf, dann ging er weiter, bog jedoch in einen Seitengang ab, der viel näher lag als der eigentliche Weg. Dort verließen ihn die Kräfte. Er lehnte sich an den Zaun von Smidt, rang nach Luft und wusste nicht, wie es nun weitergehen sollte.

Warum? Warum ist sie wieder da? Warum bringt sie gerade diesen Jungen mit der seiner hätte sein können, wenn alles anders gelaufen wäre? Hat Oskar sie nun doch verlassen?

Die Gedanken jagten sich, ohne ihm einmal Ruhe zu gönnen. Sein Herz stolperte aus dem Takt, schmerzte, wie damals, vor sieben Jahren. Alles erinnerte sich, das verräterische Herz! Und es lässt sich nicht zum Schweigen bringen

Greta Smidt schlug die Gartentür, hob die Brauen und eilte zu ihm:

Wolfi! Was ist los? Gehts dir nicht gut? Soll ich Anton holen?

Ihre warmen Hände berührten seine Schultern, Wolfgang öffnete die Augen.

Nicht nötig, Greta. Danke. Ich krieg mich gleich wieder ein

Wohin willst du überhaupt? Bleib, stütz dich auf mich. So, Schritt für Schritt, jawohl! Ganz tapfer! Mein Gott, bist du schwer! Birke! So kannst du doch nicht herumrennen, du bringst dich noch um! Wer ist dann schuld? Ich! Sagen sie, ich hab nicht auf dich aufgepasst. Nicht mit mir! Jetzt messe ich dir schnell den Blutdruck und geb dir ne Spritze oder zwei dann wirst du wieder wie frisch vom Feld, hörst du? Los!

Er konnte kaum noch laufen, aber Greta war kräftig. Fast schleifte sie ihn in ihren Hof, schloss das Gartentor mit dem Fuß und rief:

Anton! Hilf mir mal!

Viel erinnerte sich Wolfgang danach nicht mehr. Er erwachte auf Gretas Sofa. Etwas drückte auf seiner Brust, er bekam kaum Luft und glaubte, nun doch einen Herzinfarkt zu haben. Als er die Augen öffnete, war er erleichtert:

Eine puschelige graue Katze lag an seiner Seite und leckte eins ihrer Kätzchen, der Rest wühlte auf seiner Brust herum.

Unsere Mieze spürt die Leute wenn sie ihre Kleinen zu dir bringt, bist du ein guter Mensch, Wolfi. Das würde sie nie jemand anderem anvertrauen.

Greta legte ihre Schulhefte beiseite, überprüfte seinen Puls.

Na bitte, der Puls ist schon ruhig. Erschreck mich nicht nochmal so, Wolfi! Die Straßen sind voller Matsch, ein Notarzt kommt ewig nicht. Hast du vor zu sterben? Dafür ist es zu früh. Hast noch zu tun!

Was hab ich denn noch, Greta? Meine Kuh Liesel und Hund Max, das ist alles.

Eigentlich hast du ja eine großartige Kuh. Die braucht ihren Herrn, und wehe dir, du wirst krank. Wer kümmert sich dann um sie?

Erst jetzt fiel Wolfgang auf, dass es im Zimmer dunkel war die Vorhänge geschlossen, Licht an.

Wie spät ist es, Greta?

Ruh dich aus! Es ist spät. Du bleibst über Nacht. Und keine Sorge ich habe nach Liesel geschaut, ihr gehts gut.

Greta stellte sich auf, legte das Stethoskop weg, umarmte ihren Mann kurz und ging in die Küche. Anton setzte sich an Wolfgangs Bett.

Gehst dir schlecht?

Ja. Ich weiß selbst nicht, was mit mir los ist.

Ich schon. Helena.

Fang nicht an, Anton. Wolfgang drehte sich um und blickte direkt in die grünen Katzenaugen.

Nicht mal Mieze lässt dich allein. Sie hat alle Kätzchen geholt, um dich zu beruhigen. Das ist Instinkt, Herz. So sollten wir auch sein, Wolfi. Aber du alles in dich gekehrt. Wie lange willst du das noch aushalten? Du bist ein ordentlicher Kerl, klug, brauchst niemanden. Aber du bist kein Wolf, Wolfi. Wir sind Menschen. Und einer allein Das ist nichts. Kennen uns seit welchem Schuljahr bist du hergezogen?

Siebte wars

Siehst? Menschenskinder, sind wir alt geworden. Leben nebeneinander und wenns einem schlecht geht, sitzt jeder im eigenen Winkel. Dabei warst du immer für mich da, als ich Hilfe brauchte. Gib mir wenigstens die Chance, jetzt für dich da zu sein mir ist das wichtiger als dir.

Was willst du schon machen, Anton?

Meine Oma selig hat immer gesagt manchmal reichts, das Herz auszuschütten. Wenn kein Mensch da ist buddel ein Loch und schrei rein. Halt nichts zurück, das frisst dich auf. So viele Jahre trägst du das mit dir herum, das tut nicht gut. Ich hab nie gefragt, aber heute reichts. Du bist zwar unser Birke, aber kein Wolf. Menschen brauchen einander. Sag mir, was dich belastet oder nicht, aber zumindest versuch es.

Wolfgang streichelte die winzigen Kätzchen, seufzte tief.

Was soll ich erzählen, Anton? Es ist mir eine Schande, als Mann. Das erzählt man nicht. Aber du weißt, wie ich Helena liebte. Von Anfang an, sogar in der Schule. Alles weißt du. Nicht mal als ich aus der Armee heimkam, hat meine Liebe zu ihr gewankt. Du standst beim Standesamt neben uns. Du kennst alles.

Ja, und ich hab nie verstanden, was zwischen euch kam. Plötzlich zog Lena in die Stadt und du bist auf deine Alm. Deine Mutter hat die Kuh verkauft, ich hab sie weinen sehen sagen konnte sie dazu nichts.

Sie wusste auch nix. Ich hab gesagt, ich lieb Lena nicht mehr. Meine Eltern dachten, sie bräuchten mich fast verstoßen

Wolfi, so etwas passiert nie ohne Grund. Was ist passiert? Ich weiß, dass du sie immer noch liebst.

Wolfgang wandte sich ab, trockene Augen, an Tränen fehlte es. Alles hatte er herausgeschrien, als er nächtelang durch Wald und Wiesen irrte wie ein Tier. Konnte nicht vergeben und nicht vergessen.

Ich glaube nicht, dass sie dich betrogen hat Das war nicht Lena.

Wolfgangs schwarze Augen funkelten.

Ich hab sie gesehen. Hätte es nie geglaubt, hätte mirs jemand anderes erzählt

Anton schluckte.

Erzähl! Ich glaube es nicht. Irgendwas stimmt da nicht.

Alles falsch, Anton. Von Anfang an. Sie hat gelogen. Sagte, sie liebt nur mich und war doch ich hab nicht nur Frau und Familie verloren, sondern alles. Die Familie hat sich abgewandt. Wer ist schon ein richtiger Mann, wenn ihn die Frau verlässt? Da zählt keine Kraft mehr. Und ich hab mich selber verloren.

Das siehst du falsch. Wie wars damals, als du in der Stadt warst?

Ich blieb fast zwei Monate weg, wir wollten eine Pferdehaltung aufziehen, die Kurklinik hätte unsere Milch abgenommen. Lena unterstützte alles, sie war mit Pferden aufgewachsen, der Vater ein Meister seines Fachs. Sie hat mich ermutigt, in die Stadt zu gehen. Ich bin gefahren. Und sie ich weiß nicht, wies kam, aber

Niemand hat je getuschelt, ich weiß das. Und hier geht nichts unbemerkt

Weil es bei uns daheim passierte. So was trägt man nicht nach draußen. Es tut mir leid, Anton, es fällt mir schwer. So viele Jahre Schweigen das ist zu einem Berg geworden, der mich erstickt.

Mit wem?

Mit Oskar. Meinem Cousin. Er war damals mit seiner Mutter hergezogen. Ein halbes Jahr lebte er bei uns. Wir bauten das Haus zu Ende. Lena wünschte sich so sehr ein Kind Wir habens versucht, es klappte nicht sofort, aber dann sollte es passieren. Es hat geklappt nur eben nicht mit mir

Den Jungen hab ich gesehen. Ein feiner Kerl. Doch, ich glaube nicht dran, dass Lena

Was gibts zu bezweifeln, wenn ichs mit eigenen Augen sah!? Wolfgang fuhr hoch, doch Mieze fauchte wie ein kleiner Tiger, drückte ihn mit der Pfote und zog ihr Kätzchen zu sich. Wolfgang sammelte die Tiere, strich sanft darüber.

So ist die Natur, Anton Eine Mutter beschützt ihre Jungen, auch wenn sie noch nicht geboren sind. Lena wollte so sehr ein Kind und ich wollte nicht zum Arzt. Wollte nicht glauben, dass es an mir liegen könnte. Doch Lena hats anders gelöst Wenn nicht ich, dann ein anderer

Du interpretierst zu viel hinein! Nichts ist bewiesen.

Ich hatte lange genug Zeit nachzudenken Vielleicht bin ich nur vor meinem eigenen Kind geflohen, Anton?

Nicht übertreiben! Wolfgang wollte lauter werden, doch Greta erschien besorgt in der Tür, er schluckte die Worte runter. Ich kann rechnen. Und Oskars Mutter hat es mir erklärt, als Greta entbunden hatte.

Dann erzähl, was du gesehen hast, als du zurückkamst

Sie standen engumschlungen in der Küche. Oskar hat sie geküsst und sie hat nichts dagegen getan! Wolfgangs Stimme brach.

Greta hielt ihm eine zweite Spritze an und meinte: Ruhe dich aus, reden könnt ihr später. Du brauchst jetzt Schlaf!

Wolfgang nickte, Tränen flossen, und bald schlief er schwer ein.

Anton ging mit seiner Frau in die Küche.

Du hast alles gehört?

Alles.

Was denkst du?

Ich muss zu Wolfgangs Tante, ehrlich gesagt. Und dann zu Helena. Es reicht, sie quälen sich zu lange. Wolfgangs Herz macht das nicht mit, das spüre ich. Die Zeit zu handeln ist jetzt.

Greta zog die Jacke an, ging raus. Anton setzte sich auf die Stufen, rauchte und dachte nach.

Ach, das Leben ist eine eigenartige Sache. Kaum glaubst du das Glück zu fassen, bleibt dir nur eine Feder in der Hand und das Glück ist fort! Anton und Greta haben viel hinter sich ihre Eltern verloren, ihren Sohn, die Töchter als Geschenk später bekommen und auch das in Sorge. Greta machte sich Vorwürfe, dass sie als Ärztin bei ihrem Sohn Anzeichen übersehen hatte. So lebt sie bis heute mit einer Unruhe weiter, besonders, wenn sie Helenas Sohn sieht er bräuchte ein starkes Elternpaar, aber jetzt steht er allein da. Vater kennt er nicht, Mutter ist nur noch ein Schatten.

Anton saß lange. Kontrollierte Wolfgang, der schlief, unruhig zwar, aber schlief. Greta kam endlich im Morgengrauen zurück, ihr Gesicht im Licht unter der Haustür, und Anton nahm sie wortlos in den Arm:

Schwer?

Oh Anton, es gibt Menschen, schlimmer als die schlimmsten Tiere

Sie weinte wie ein Kind. Dann erzählte sie alles:

Es ist Wolfgangs Sohn das weiß ich jetzt sicher. Seine Tante Tamara hat alles gestanden.

Wie kam es dazu? Nach all den Jahren?

Ich weiß nicht. Vielleicht ist in ihr noch etwas gut. Vielleicht habe ich sie einfach überrannt. Erst war ich bei Lena. Die hat mir alles erzählt über ihren Zustand, als Wolfgang zurückkam. Sie war schon schwanger, hatte sich aber nicht getraut, es Wolfgang rechtzeitig zu sagen aus Angst, nach drei Fehlgeburten, dass wieder etwas schief gehen könnte. Beide hätten längst Klartext reden sollen. Stattdessen Schweigen und nur Leid!

Greta schüttelte den Kopf, lachte und weinte zugleich.

Dann zu Tamara. Sie hat als Rache alles eingefädelt sie war ewig eifersüchtig auf ihre Schwester, die Wolfgangs Mutter heiraten durfte, und wollte es der Familie heimzahlen. Sie hatte mit sich selbst wie mit einem Klotz gesprochen, und als sie nach Jahren zurückkam, zerstörte sie das Familienglück aus Neid, als sie selbst allein war. Wolfgangs Mutter hat sie irgendwann aus dem Dorf geworfen. Lena nannte ihren Sohn übrigens Sebastian nach Wolfgangs Opa.

Anton drückte Greta an sich.

Du hast das wunderbar gemacht.

Nein, zu spät haben wir das alles gemacht! Warum sind die Leute so dumm? Man müsste doch nur reden! Aber nein lieber leiden sie still, das ist zum Wahnsinnigwerden.

Ich brauch jetzt Frühstück, meinte Anton und rieb über sein kratziges Kinn, worauf Greta lachte.

Los, geh dich rasieren, ich mach Pfannkuchen!

Als die Sonne schon goldorange über den Horizont kletterte, tapste Wolfgang langsam auf die Stufen hinaus. Er kniff die Augen gegen das Licht zusammen, als er hörte:

Bist du mein Papa?

Der Junge saß da, drückte den Welpen an sich.

Sieh mal! Der hat starke Pfoten wie ein Wolf. Das wird ein toller Hund, oder?

Wolfgang atmete durch, setzte sich, tätschelte den Hund.

Ja, das wird ein Prachtkerl. Gute Wahl!

Der Junge schaute ihn an. Wolfgang legte eine Hand auf seine Schulter, sanft, und nickte:

Ja Ich bins, Sebastian.

Super! Komm, Mama macht Frühstück und Oma ist auch da. Danach darf ich mit zu den Pferden. Darf ich?

Wolfgang spürte, wie der Knoten aus Traurigkeit, der ihn Jahre hielt, endlich riss und etwas Neues sich in ihm entfaltete: Freiheit, Hoffnung die Stimme fest und klar.

Er nahm den Welpen, stand auf und erwiderte:

Ja, mein Junge. Wir haben noch viel zu tun, du und ich. So viel gemeinsam.

Manchmal bringt uns das Leben auf verschlungene Wege voller Schmerz und Missverständnisse. Doch am Ende zählt, dass wir einander zuhören, vergeben und wieder Vertrauen fassen denn gemeinsam ist das Leben leichter zu tragen.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: