Mama, wie lange noch? Musst du uns das unser ganzes Leben lang in Erinnerung halten? erwiderte die fünfzehnjährige Liselotte scharf.
Nicht ein ganzes Leben, solange wir noch Oma Helga haben. Wenn sie rausgeht, wird sie sich verlaufen und
Und dann stirbt sie hinter dem Gartenzaun, und wir leben mit Schuldgefühlen Mama, warum nicht einfach lassen? fuhr Liselotte herausfordernd fort.
Was soll ich denn lassen? verstand ihre Mutter Karin nicht.
Lassen Sie sie gehen und sich verirren. Du hast doch gesagt, du hast es satt, dich ständig um sie zu kümmern.
Wie kannst du das sagen? Sie ist meine Schwiegermutter, keine Blutsverwandte, aber für dich ist sie die geliebte Großmutter.
Großmutter? schielte Liselotte die Augen zusammen, wie sie es immer tat, wenn sie wütend wurde. Und wo war sie, als ihr Sohn uns verlassen hat? Als sie sich weigerte, mit mir zu sitzen? Mit ihrer leiblichen Enkelin? Sie hat dich nie verschont, als du jede Kleinigkeit annahmst, um ein paar Euro zu verdienen Und du hast ihr die Schuld gegeben, weil dein Mann gegangen ist
Hör sofort damit auf! platzte Karin heraus. Ich habe dir all das erzählt, damit du es verstehst. Sie seufzte. Ich habe dich schlecht erzogen, weil dir das Mitgefühl für andere fehlt. Ich fürchte mich. Wenn ich alt werde, wirst du mich genauso behandeln? Was ist mit dir? Du warst immer ein gutes Mädchen. Du konntest an einem verlassenen Kätzchen oder Welpen nicht vorbeigehen, hast sie mit nach Hause genommen. Aber Oma ist kein Welpe Karin schüttelte müde den Kopf. Sie ist ohnehin schon belastet. Dein Vater hat nicht nur uns verlassen, er hat auch sie verlassen.
Mama, ich muss zur Arbeit, ich komme zu spät. Ich verspreche, die Tür abzuschließen. Liselotte sah ihre Mutter schuldbewusst an.
Gut, sonst reden wir noch unnötiges Zeug doch Karin blieb stehen.
Mama, es tut mir leid, es schmerzt, dich so zu sehen. Haut und Knochen. Du bist gerade einmal vierzig, bückst dich wie eine alte Frau, kaum kannst du deine Beine bewegen. Immer müde. Warum siehst du mich so an? Wer wird dir die Wahrheit sagen, wenn nicht deine eigene Tochter? Liselotte bemerkte nicht, dass ihre Stimme wieder höher wurde.
Danke. Pass bitte auf, dass sie das Gas nicht anmacht und das Wasser im Bad nicht laufen lässt.
Genau, ich sage es ja immer, wir sitzen bei ihr wie gefesselt. Kein eigenständiges Leben. Mama, lass uns sie ins Altenheim geben. Dort wird sie ständig beobachtet. Sie versteht sowieso nichts mehr
Du wieder? schnitt Karin Liselotte das Wort ab.
Es wird allen besser gehen, vor allem ihr, fuhr Liselotte fort, ohne Karins wachsende Verärgerung zu bemerken.
Ich will dich nicht mehr hören. Ich werde sie nicht wegschicken. Wie lange hat sie noch? Lass sie zu Hause
Sie wird uns beide überleben. Geh zur Arbeit. Ich bleibe hier, schließe die Tür, versprochen, wiederholte Liselotte trotzig.
Entschuldige. Ich habe dich zu sehr bedrängt Alle gehen aus, und du kümmerst dich um die Großmutter.
Sie redeten, während die Tür zu Helgas Zimmer offen stand. Helga hörte alles, verstand kaum etwas und vergaß es in Sekunden.
Karin ging zur Arbeit, und Liselotte betrat das Zimmer, das früher ihr eigenes war und jetzt Helgas Wohnstatt war.
Was willst du denn? fragte Helga.
Ihr Blick verriet keinen Wunsch.
Komm, ich gebe dir ein Bonbon, half Liselotte ihr beim Aufstehen und führte sie in die Küche.
Und wer bist du? starrte Helga Liselotte leer an.
Trink Tee, seufzte Liselotte und legte das Bonbon vor sie.
Helga liebte Süßes. Sie und Karin versteckten die Bonbons, gaben ihr nur eines zum Tee. Liselotte sah zu, wie Helga die bunte Folie abwickelte. Durch ihr dünnes, graues Haar blitzte die blasse Kopfhaut. Liselotte wandte sich ab.
Früher färbte und fräste Helga ihr Haar, steckte es zu einer üppigen Frisur. Sie trug knallroten Lippenstift, zog die Augenbrauen zu Bögen. Liselotte erinnerte sich an den süßlichen Duft ihres Parfums. Männer schauten immer auf sie, bis sie den Verstand zu verlieren begann.
Liselotte konnte nicht fassen, was sie für Helga empfand: Mitleid, Mitgefühl oder Abneigung? Ein kurzer Klingelton störte ihre Gedanken.
Vielleicht hat Mama etwas vergessen, murmelte Liselotte, als sie die Tür öffnete.
Draußen stand ihr Freund, der Oberstufenschüler Sascha. Karin hatte ihre Freundschaft nie gutgeheißen, deshalb kam er nur, wenn sie nicht zu Hause war.
Hallo. Warum so früh? Mama ist gerade gegangen, flüsterte Liselotte.
Ich weiß. Sie hat mich nicht bemerkt.
Milla! rief Helga aus der Küche.
Wer ist Milla? fragte Sascha.
So nennt sie ihre Mutter sie selbst und ihre Tochter. Ich bringe sie jetzt ins Zimmer. Geh ins Bad und sei still. Heute hat sie einen Moment der Klarheit, schob Liselotte Sascha zur Badezimmertür.
Da ist niemand. Liselotte ging zurück in die Küche und sah eine leere Tasse und das Bonbon auf dem Tisch.
Ich will Tee, sagte Helga.
Aber Liselotte merkte, wie vergeblich ihre Erklärungen waren.
Helga vergaß schnell, was gerade geschehen war, erinnerte sich aber gut an längst vergangene Zeiten. Sie verwechselte oft Personen, erkannte Mutter und Töchter nicht. Trotzdem hatte sie gelegentlich kurze Momente der Erleuchtung.
Liselotte fragte sich, ob Helga nur nach einem weiteren Bonbon bettelte oder wirklich vergessen hatte, gerade erst den Tee zu trinken. Wer weiß das? Liselotte seufzte, stellte erneut eine Tasse Tee hin und legte ein weiteres Bonbon darauf.
Helga öffnete das Bonbon mit ungezähmten Fingern. Als die Tasse leer war, brachte Liselotte sie zurück ins Schlafzimmer und legte sie ins Bett.
Jetzt schlaf, sagte sie und schloss die Tür.
Aus dem Bad kam Sascha hervor.
Darf ich raus? fragte er.
Ja, geh in die Küche. Liselotte blickte, ob die Tür verschlossen war, und folgte ihm.
Sie setzten sich nahe beieinander an den Küchentisch, jeder mit einem Kopfhörer im Ohr. Liselotte schloss die Augen, nickte im Takt der Musik. Sie bemerkte nicht, wie Helga im Flur vorbeischlich
Als Liselotte den Flur betrat, um Sascha zu begleiten, sah sie die Tür offen. Sie rannte zurück ins Zimmer, doch Helga war verschwunden.
Die Tür Ich habe sie nicht abgeschlossen. Sie ist weg. Mama wird denken, ich hätte es absichtlich getan, flüsterte Liselotte fast weinend.
Warum sollte sie das denken? fragte Sascha.
Du verstehst das nicht. Heute habe ich gesagt, es wäre besser, wenn sie geht und sich verliert. Mama wird denken, ich habe die Tür absichtlich offen gelassen.
Gut, zieh dich an, wir suchen sie. Sie kann nicht weit weg sein, sagte Sascha.
Liselotte sah den Mantel, den Helga getragen hatte, noch am Kleiderhaken. Die Schuhe standen da.
Sie hat den Mantel und Hausschuhe an? fragte sie verwirrt.
Vielleicht ist sie bei den Nachbarn? Hat die Treppe verpasst und kennt die Wohnung nicht Ich gehe nach unten, du suchst in den Häusern, rief Sascha und rannte die Treppe hinunter.
Im Haus blieben die Klingelgeräusche unbeantwortet. Liselotte ließ die Nachbarschaften hinter sich, lief auf die Straße. Sascha durchkämmte den Hof, sah unter Sträuchern und unter dem Spielplatz nach.
Nirgends. Lass uns in den benachbarten Höfen suchen. Du nach rechts, ich nach links. Wer zuerst sie findet, ruft den anderen. Treffen hier, befahl Sascha und lief los.
Liselotte lief bis zur Bushaltestelle. Helga war nirgends. Wie lange war sie unterwegs? Eine halbe Stunde? Vierzig Minuten? Wo kann man in Hausschuhen und Hausmantel hin?
Wir müssen die Polizei rufen, sagte sie.
Warte. Was hat sie am häufigsten erzählt, wo war ihr Lieblingsplatz? fragte Sascha und bohrte weiter.
Liselotte überlegte, erinnerte sich an nichts. Sie zuckte mit den Schultern.
Okay, wir weiten die Suche aus. Du gehst zur Schule, ich dorthin, deutete er in die entgegengesetzte Richtung.
Einige Straßenlaternen flackerten, andere waren aus. Im Dunkeln schien ein Busch etwas zu verbergen. Als sie zur Schule kamen, erinnerte sich Liselotte an Helgas Geschichte: Einmal vergaß sie ihr Heft im Klassenzimmer, ging zurück, doch der Wachmann hatte die Tür verschlossen. Sie sprang aus dem Fenster im Erdgeschoss und brach fast ihr Bein.
Obwohl Helga nie diese Schule besucht hatte, erzählte sie die Geschichte jedes Mal, wenn sie vorbeikam. Liselotte drückte das Tor des Schulhofs nicht verschlossen. Das Schulgebäude hatte die Form eines P. Sie umrundete einen Flügel und sah eine Gruppe Jugendlicher, die lachten. Oma! erschrak Liselotte und rannte zu ihnen.
Helga stand mitten im Hof in ihrem grau-blauen Morgenmantel. Einer der Jungen hielt ihr ein leeres Bonbonpapier hin. Als sie danach griff, dachte sie, es sei ein Bonbon, doch der Junge zog die Hand zurück und alle lachten.
Sie versteht doch nichts. Von welcher Psychiatrie bist du entkommen? Willst du ein Bonbon? wiederholte der Junge das Papier zu zeigen.
Lasst sie los! schrie Liselotte laut.
Die Jungen starrten sie an.
Sieh nur, noch einer! rief einer.
Wer bist du? Enkelkind? spotteten sie.
Zusammen mit der Oma aus der Psychiatrie entkommen? fuhren sie fort.
Und das Enkelkind? Willst du ein Bonbon? ein Junge ging auf Liselotte zu, die anderen folgten.
Liselotte wich zurück. Die Jungen stellten sich wie eine Mauer vor sie, blockierten Helga. Ihr Ausdruck war plötzlich arrogant, sie genossen ihre Macht.
Liselotte lehnte sich gegen die Gitter des Zauns, das Tor blieb offen. Wie auf Befehl stürmten die Jungen auf sie zu.
Sie schwappte mit den Armen, versuchte Abstand zu halten, doch es waren drei. Einer packte sie an den Händen, die anderen drückten sie an den Zaun. Sie tasteten nach ihr, entschieden, wer der Erste sein würde
Alle weg von ihr! brüllte Sascha, der gerade hinter ihr stand.
Zwei Jungen wichen zurück, der Dritte hielt sie noch. Jetzt stritten die Jungen mit Sascha. Liselotte trat dem Jungen, der sie hielt, gegen das Bein. Er jaulte und ließ los. Auf dem Boden lag ein Brettstück, das Liselotte aufhob und zu den Kämpfenden warf. Der Schlag traf sie am Rücken.
Der Junge sprang wieder auf Liselotte zu. Sie rannte zur Toröffnung des Zauns.
Mädchen, kommen Sie zu uns. Wir haben die Polizei gerufen sah sie einen Mann und eine Frau hinter dem Zaun. Das sind keine Halbstarken, die haben kein Leben
Der Hinweis auf die Polizei ließ die Jungen fliehen. Liselotte kehrte zu Sascha zurück.
Jetzt hilf mir, das wars, knurrte der Mann hinter ihr.
Hauptsache, alles gut, erwiderte die Frau.
Liselotte half Sascha, vom Boden aufzustehen. Sie gingen zur verängstigten Helga. Sie zitterte, weil sie dachte, es seien wieder Räuber.
Papa, das bin ich, Liselotte. Komm, wir gehen nach Hause. umarmte sie Liselotte.
Wer ist Liselotte? Ich warte auf Bastian. Sein Unterricht endet gleich
Bastian hat die Schule schon lange abgeschlossen. Komm.
Ich habe alles gehört, sagte Helga plötzlich.
Was hast du gehört? fragte Liselotte ängstlich, obwohl sie sofort wusste, worum es ging.
Vielleicht verstand Helga doch mehr, als sie zeigte?
Milla will mich ins Altenheim geben. Gib mich nicht her, schluchzte Helga.
Okay, wir gehen, es ist kalt und du trägst nur einen Morgenmantel. Du wirst krank, dann bringen sie dich ins Krankenhaus
Ich will nicht ins Krankenhaus, protestierte Helga.
Gemeinsam brachten Liselotte und Sascha Helga zurück nach Hause. Liselotte zog ihr einen frischen Morgenmantel an, gab ihr heißen Tee mit einem Bonbon und legte sie ins Bett.
Wie kommst du nach Hause? Ganz dreckig und blutverschmiert, sagten Liselotte und Sascha in der Wohnungstür.
Nicht wichtig, Hauptsache wir haben Helga gefunden. Und du hast dich nicht erschrocken, lächelte Sascha.
Kaum erschrocken. Wenn du nicht schnell gewesen wärst
Alles gut. Entschuldige, das war mein Fehler, die Tür nicht abgeschlossen
Liselotte schloss die Tür hinter Sascha und setzte sich an den Küchentisch. Ihr Herz beruhigte sich nicht. Sie dachte daran, dass sie, hätte sie Helga nicht gefunden, ihr ganzes Leben mit Schuldgefühlen leben müsste, wie ihre Mutter gesagt hatte. Zum Glück war alles glimpflich ausgegangen.
Sie schämte sich für den Streit mit ihrer Mutter. Es belastete sie noch mehr, denn sie pflegte nicht nur Helga, sondern auch ihre Mutter, die seit zwei Jahren an Krebs litt. Der ExVater ihrer Mutter bat um Hilfe Liselotte war erst fünfzehn, das ganze Leben lag vor ihr, sie würde noch viel erleben. Und wie lange würde Helga noch haben? Möge sie glücklich in ihrer eigenen Vergessenheit leben, in ihrer Kindheit.
Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ihre Mutter im Alter so werden würde, dass sie sie nicht mehr erkennt. Sie dachte sogar daran, lieber die körperliche Gesundheit zu verlieren, als den Verstand. Nein, besser wäre es, überhaupt keine Krankheiten zu haben, besonders keine unheilbaren. Die Menschen sollten einfach alt werden und sterben.
Liselotte dachte über die Ungerechtigkeit des Lebens nach. Vielleicht wurde Helga für etwas bestraft, während sie und ihre Mutter litten, ohne zu verstehen, warum. Hatten sie das wirklich verdient? Vielleicht sollte das alles Liselotte lehren, Mitgefühl und Reue zu fühlen, zu prüfen, bevor sie spricht und handelt?
Zum ersten Mal dachte Liselotte über Dinge nach, die ihren Altersgenossen kaum einfallen. Sie hatte das Gefühl, in dieser einen Nacht ein ganzes Leben erwachsen geworden zu sein. Als ihre Mutter zurückkam, lag Liselotte noch nicht im Bett.
Bist du schon wach? Alles in Ordnung? setzte sich Karin müde auf den Stuhl neben Liselotte.
Alles gut. Willst du Tee? fragte Liselotte.
Ja, gern.
Liselotte stellte zwei Tassen auf den Tisch und legte je ein Bonbon darauf. Sie sahen sich an, lachten und konnten nicht mehr aufhUnd so gingen sie gemeinsam in den Abend, das Herz leichter und das Leben voller neuer Möglichkeiten.





