Meine Regeln
Ach, Alex, ich bin so froh, dass du gekommen bist! Gertrud Berger setzte sich ihrem Sohn gegenüber an den Küchentisch, stützte ihr Kinn auf die kleinen Fäuste und zwinkerte ihm zu. Ich habe dich so vermisst. Iss doch, mein Schatz, iss! Soll ich dir noch ein Frikadellchen holen?
Alexander schüttelte lächelnd den Kopf.
Schmeckts dir nicht? fragte die Mutter beunruhigt und setzte sich gerader hin. Ihr Gesicht, das eben noch vor Entspannung fast zerknittert wirkte, spannte sich an, die Augenbrauen schnellten nach oben. Ich hab doch alles gemacht wie immer Hab ich deinem Vater nicht gesagt, dass du kein Schwein isst? Ich habs doch gesagt! Schmeckt mans raus?
Gertrud war nervös. Sie hatte sich so auf Alexanders Besuch gefreut und gekocht, als ob eine Kompanie hungriger Soldaten auf sie warten würde, und sie deren Feldküche wäre, bereit alle zu nähren, zu wärmen und zu umsorgen. Und jetzt das ihr Sohn ist nicht begeistert von ihren Frikadellen
Nein, Mama, nun reg dich nicht wieder so auf! Es schmeckt super, wirklich! Ich bin einfach pappsatt.
Sorgfältig legte Alexander die kleine, feine Gabel auf den Teller, der für seine bärenhafte Pranke fast wie Kinderspielzeug aussah, rückte das winzige Serviettchen gerade. Es war immer überraschend, dass bei so einer zarten, kleinen Mutter wie Gertrud so ein Kraftpaket zur Welt kam. Aber das hatte er wohl von seinem Vater, Walter. Auch ein Hüne von Kerl. Neben ihm wirkte seine Mutter immer wie ein Mädchen.
Alles war wie immer köstlich!, sagte Alexander und stand auf, um seine Mutter sanft an den Schultern zu umfassen. Ihre Anspannung fiel von ihr ab, sie fühlte sich geborgen. Also, was wolltest du denn noch besprechen? Rede ruhig, bald muss ich nämlich wieder los. Annalena wartet, wir wollten noch für Leo Klamotten einkaufen.
Annalena, wie Alexander seine Frau oft liebevoll-im Altdeutschen Stil Lenchen nannte, war eine sehr ordentliche, gewissenhafte und attraktive Frau.
Als Alexander sie zum ersten Mal auf der Straße sah, starrte er sie so fasziniert an, dass er voll gegen eine Laterne lief. Platzwunde an der Stirn, das Blut lief, Annalena schaute geschockt in die Runde, riss die Augen auf und Alexander stand verlegen davor und rieb sich die Beule, besorgt, er hätte Schaden angerichtet.
Sie gingen gemeinsam ins Krankenhaus. Annalena, damals noch ein junges, argloses Mädchen, fragte ununterbrochen, ob ihm schwindlig sei, fasste ihn immer unter den Arm. Was konnte er antworten? Natürlich war ihm schwindlig kein Wunder, bei so einer Frau an seiner Seite!
Sie heirateten schließlich. Jetzt wuchs ihr Sohn Leo heran. Annalena arbeitete als Logopädin, ihre Schüler kamen oft in die Wohnung, sehr praktisch, sie musste nicht ständig unterwegs sein und konnte so auch den Haushalt regeln. Alexander fuhr jeden Morgen zur Arbeit, brachte Leo in die Schule natürlich in eine der besten Gymnasien, denn Annalena hatte ihm dort einen Platz verschafft. Kurz: Das Familienleben lief harmonisch, alle waren liebevoll füreinander da und zufrieden.
Warum ist Annalena heute nicht mitgekommen? fragte Gertrud beim Abräumen. Sie wusste natürlich, dass Annalena Termine hatte der Unterricht lief auch samstags , aber sie wollte etwas Zeit gewinnen, zu schüchtern, um gleich mit ihrem Anliegen herauszurücken.
Hab ich doch gesagt, sie hat heute zwei Schüler. Und Leo, oder wie ich ihn gern nenne, Leonard Alexander, macht Hausaufgaben. Alexander gefiel es sehr, seinen Sohn mit vollem Namen zu rufen das klang so schön und bedeutungsvoll. So, was ist los?
Er nahm die Tassen von seiner Mutter entgegen, vorsichtig wie Glas, stellte sie ins Spülbecken, drehte sich dann zu ihr um und sah ihr tief in die Augen. Mama, du machst mich nervös. Ist was mit Papa? Was macht der den ganzen Tag im Schlafzimmer, kommt gar nicht mehr raus? Habt ihr euch verschuldet? Wohnung verpfändet? Wird er erpresst? Oder habt ihr vielleicht noch einen Bruder für mich, entführt aus dem Kreissaal?
Er lachte herzlich über seine eigenen Späße und der ganze Raum schien heller vor Fröhlichkeit.
Er ließ sich, einer stummen Einladung seiner Mutter folgend, wieder auf den Stuhl sinken, tätschelte zufrieden seinen Bauch und streckte sich, schlug dabei mit der Hand an die Küchenzeile. Die Wohnung war tatsächlich klein, kein Vergleich zu ihrem eigenen Zuhause drei große Zimmer mit Loggia, geräumiger Küche. Platz genug für alle. Das Apartment stammte von Annalenas Verwandten; die waren einst für ihre Verdienste in der Wissenschaft von der Stadt München großzügig bedacht worden, zogen später aufs Land, überließen Annalena das Erbe, schickten jedes Jahr Kartoffeln, Rote Bete, mysteriöses weißes Gemüse namens Topinambur, und Astern. Was für Astern! Ein Traum in Farben, riesig und puschelig, die kamen jeweils mit irgendeiner Gelegenheit im Lieferwagen von Onkel Steffen, damals Eigentümer der Wohnung. Was Annalena ihm bedeutete, verstand Alexander nie ganz, aber Steffen half er gern beim Schrauben am alten VW Bus, wenn der mal wieder streikte, und lief in dessen Wohnung mit Palmen-Shorts herum, genoss das Leben.
Ich wollte dich mal was fragen , begann Gertrud, holte tief Luft und schob ihm eine kleine Schale mit Lebkuchen hin. Du erinnerst dich doch sicher an Frau Lindner?
Alexander zog die Augenbrauen hoch, wurde angespannt.
Ja sicher, Mama! Wer könnte sie vergessen! Endlich griff er zum Lebkuchen der duftete so herrlich nach Honig und Zuckerguss, dass er nicht widerstehen konnte, goss sich noch einen Tee ein und nahm das größte Stück mit Münchner Frauenkirche als Motiv.
Also … die Maria Lindner hat eine Überweisung in eure Uniklinik bekommen. Sie muss ja an den Augen operiert werden … Was genau, weiß ich nicht, aber es ist nicht ohne …
Alexander kaute und hörte zu. Maria Lindner war die alte Nachbarin, die oft nach seiner Mutter sah und den kleinen Alexander betreute, während die Eltern arbeiteten. Schon immer trug sie die runden, großen Brillen, die ihre Augen ganz hervorquellen ließen, und die Wimpern flatterten hinter den Gläsern wie Schmetterlingsflügel.
Und? fragte er nun, als sie schwieg und nervös Krümel von der Tischdecke wischte ein sicheres Anzeichen für ihre Unsicherheit.
Naja, ob Maria Lindner vielleicht für die Zeit der Behandlung bei euch wohnen könnte? Eine eigene Wohnung oder ein Hotel ist zu teuer, ständig hin und zurück ist auch zu viel. Und sie ist ja nicht mehr die Jüngste Ich weiß, es ist komisch, wenn ein fremder Mensch im Haus wohnt, aber sie hat dir viel geholfen damals.
Alexander hörte auf zu kauen, nahm einen Schluck Tee, zuckte mit den Schultern.
Nun ja … warum nicht. Klar kann sie. Sie hat mir damals geholfen, jetzt bin ich dran! sagte er und verspürte einen Anflug von Stolz. Annalena würde ihn bewundern, auch seine Mutter. Sie hat es verdient, dass man sich im Alter um sie kümmert!
Draußen schien plötzlich die Sonne durch die Scheiben, Gertruds Augen glänzten in der Helligkeit, Sonnenflecken tanzten an der Wand, vom kleinen Stadtteilkirchlein hinter dem Haus läuteten die Glocken, geradezu als würde sie den Moment besiegeln.
Doch wirklich? Das ist wirklich eine Tat, Alex! Ich bin so froh, so einen liebevollen Sohn zu haben, sagte Gertrud und streichelte ihm über den Kopf wie früher.
Wäre Annalena da gewesen, hätte sie sich bestimmt lustig gemacht über ihre Schwiegermutter und die Bewunderung für ihren Sohn. Doch jetzt genoss Alexander die Bestätigung als der beste Junge der Welt.
Aber … vielleicht solltest du Annalena fragen ? flüsterte Gertrud plötzlich ängstlich. Alexander murmelte: Annalenchen hat bestimmt nichts dagegen, kuschelte sich an Mutters Hand und nickte beinahe ein, so gemütlich war ihm. Ich rufe Maria gleich an, dann wisst ihr Bescheid
Kurze Zeit später, Alexander hatte sich bereits sein Handy gegriffen und Annalena angerufen, erzählte er ihr alles.
Auf wie lange denn? fragte sie nach kurzem Zögern.
So zwei Wochen, denke ich. Leni, die Frau ist krank, braucht Hilfe … Sie hat niemanden.
Aber operiert wird sie doch im Krankenhaus …? wollte Annalena wissen.
Klar, aber zu den Nachuntersuchungen muss sie pendeln, das ist doch nichts. Du bist eine tolle Gastgeberin, und sie ist sehr ordentlich und nett. Ihr findet sicher einen Draht zueinander
Annalena seufzte: Also ehrlich, Alex, das klingt nicht so gut. Ich erinnere mich noch an sie von unserer Hochzeit wie sie mich so kritisch musterte. Sie mag mich nicht, deine Frau Lindner.
Doch! Sie mag dich! Und Leo kann sie helfen. Sie ist …
Alex, Leo ist sechzehn. Was soll sie ihm helfen? Annalena verzog die Lippen, wollte sich schminken, ließ es aber sein, weil sie merkte, dass sie genervt war.
Mit allem, Leni, sie ist erfahren. Sie kennt das Leben! Also, du bist nicht dagegen?
Sie war innerlich dagegen, brachte es aber nicht übers Herz, das so offen zu sagen.
Na schön. Wann kommt sie? fragte sie trocken.
Nach kurzem Gemurmel von Maria und der Mutter sagte Alex: Sonntag.
Diesen? Morgen also? Annalena sah sich um, der übliche Alltagskram nichts Dramatisches, aber ihr schien die Wohnung noch nie unordentlicher. Niemand außer der Familie hatte je die Privaträume beim Betreten gesehen. Die Gäste bewirtete sie immer im offenen Küchen-Esszimmer, aber wenn Besuch kam, wurde generalüberholt, gewischt, geputzt. Sie war, anders als Freundinnen, immer etwas schüchtern, was Haushalt und Ordnung anging. Jeder Makel musste verschwinden.
Aber diese Maria Lindner würde im ganzen Haus herumlaufen! Und sicher denken, sie wäre eine schlechte Hausfrau
Saubere Böden, absolute Ordnung in der Wohnung das spiegelt das Innere wider, in Kopf und Seele! Sagt doch jeder, der den Raum betritt, achtet auf Ordnung. Du bist so schlampig!, hatte ihre Mutter geschimpft, als Annalena noch klein war.
Sie zuckte zusammen, schüttelte den Kopf wie damals als Kind.
Nächsten Sonntag, präzisierte Alexander.
Na dann … ist ja noch Zeit. Ich geh mal Leo die frohe Botschaft erzählen Annalena hatte zumindest ein paar Tage, um sich an den Zustand heranzuarbeiten, waschen, putzen, alles auf Hochglanz bringen …
Leo reagierte gelassen: Na, reg dich ab, Mum! Lass alles wie es ist. Unsere Wohnung, unsere Regeln. Sie ist fremd, sie muss sich anpassen entweder klarkommen oder halt nicht. Ich sehe das entspannt.
Wir verkümmern, Leo! Und unter der Woche, absolut kein Freiraum … los, jetzt nimm den zweiten Staubsauger, hilf mir! Ich will mich nicht vor deinem Dad blamieren.
Oma weiß eh alles, und ihr ists egal!, Leo zuckte mit den Schultern und verschwand.
Annalena war mies drauf, doch bald begann ihr Unterricht. Der erste Schüler kam: ein lispelnder, pummeliger Junge namens Andreas. Während er tapfer seine Übungen machte, schweiften Annalenas Blicke unruhig durch den Raum was musste noch weg, was fehlte an Glanz?
Die Fenster, oh Gott! Die sind noch nicht sauber!, schoss ihr ein.
Ihre Mutter motzte in ihren Gedanken: Fenster sollten so sauber sein, dass man nicht merkt, dass da Glas ist! Nur eine gute Hausfrau hat gläserne Fensterbänke, Annalena! Und du, du hinterlässt nur Schlieren!
Der Tag verstrich. Alexander kam nach Hause, lenkte Annalena ab. Auf dem Weg zum Kaufhaus erzählte er erneut, wie großartig Frau Lindner doch war, sie habe ihn quasi mit aufgezogen. Annalena nickte nur.
Papa, reicht jetzt! Wir wissen, deine zweite Mama kommt, lass gut sein!, fuhr Leo ihn liebevoll an.
Da war Annalena ihm sehr dankbar.
Die Woche verflog, als hätt einer die Zeit beschleunigt. Am Samstag holte Alexander Frau Lindner ab, Annalena sagte alle Termine ab, bereitete alles für die Gäste vor.
Leo musste zum Friseur, Hund Max wurde gebadet und so lange gekrault, bis er beinahe winselte. Die Fenster glänzten wie nie.
Also Leni, wir kommen gegen drei, macht euch keine Umstände. Frau Lindner will ungern stören.
Na gut, verstanden. Also um drei gibts dann Mittag.
Das Menü: Brathähnchen, Kartoffeln, frischer Salat. So gebührte es sich für Gäste.
Um sieben war Annalena längst auf den Beinen, schickte Leo mit Max raus, stellte sich selbst unter die Dusche und summte leise: Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein Kaum hatte sie mit dem Zähneputzen begonnen, knallte die Haustür: Stimmen im Flur Alexanders und eine weibliche, schüchtern, Max bellte, Leo seufzte irgendwo im Hintergrund.
Im Spiegel erkannte Annalena, wie sie in Bademantel und mit Chaosfrisur der Gastgeberin entgegensah
Da sind wir , sagte Alexander, zog den knallroten Riesenkoffer in die Wohnung, während eine rotwangige, freundliche Frau dahinter hereingeschwebt kam: Maria Lindner, persönlich. Sie überschlugen sich fast mit Lob über die schöne Wohnung, das liebevoll eingerichtete Heim alles sei ein Traum. Annalena jedoch konnte nur daran denken, dass sie ja noch im Bademantel war, der Hund nicht sauber, das Huhn noch nicht im Ofen Sie war die schlechteste Gastgeberin! Frau Lindner zog die Lippen zusammen, überquerte die matschigen Pfotenabdrücke von Max, hob die Augenbrauen hinter den Brillengläsern und betrachtete die davonhuschende Annalena, die blitzschnell ins Bad verschwand.
Also, hier ist dein Zimmer, öffnete Alexander die Tür, machs dir bequem. Ich bring uns gleich was zu essen.
Maria bedankte sich und schloss die Tür hinter sich.
Warum seid ihr so früh?!, fauchte Annalena Alexander vom Badezimmer aus an. Ich war nicht fertig, Alex! Das kann man doch nicht machen, du blamierst mich!
Alexander ließ sich aufs Bett fallen und bewunderte den Spiegelblick auf die Figur seiner Frau.
Hm?, sagte er versonnen.
Ich frage, warum ihr so früh seid? Annalena schlüpfte ins Kleid und rückte ihr Haar zurecht, mach mal schnell den Reißverschluss zu.
Ach, Frau Lindner hatte heute noch einen Termin, ich habs vergessen. Da sind wir halt früher los, winkte Alexander ab, wollte sie küssen, doch sie wich ihm aus.
Warum so viel Gepäck?, fragte sie streng.
Ach, ihr Frauen halt, nie praktisch, richtige Hausiererinnen …, grinste Alexander, sichtlich stolz auf seinen Witz.
Sie setzten sich zum Frühstück, Annalena machte Rührei, Leo bereitete ein paar Brote zu.
Maria Lindner kam zuletzt in die Küche, setzte sich neben Leo.
Guten Appetit. Ihr habt es wirklich schön hier! Annalena, ich erinnere mich, ich habe euch damals ein Service mit roten Mohnblüten zur Hochzeit geschenkt … oder war das jemand anders?
Annalena zuckte die Schultern. Das Service war direkt nach der Hochzeit zerschellt, Alexander hatte die Kiste auf der Treppe fallen lassen. Kaputt, alles
Alexander kaute nachdenklich. Mohnblumen und Porzellan, da klingelte nichts.
Wahrscheinlich doch jemand anders, sagte Annalena und goss für alle Kaffee ein.
Aber mir zieht es hier beschwerte sich Maria plötzlich , darf ich deinen Platz nehmen, Annalena?
Leo blickte überrascht auf, Mutter zuckte ratlos mit den Schultern.
Alexander richtete sich auf, beschützerisch: Leni, setz dich doch lieber zu mir. Es soll ihr doch nicht ziehen, vor der Operation!, schob seine Frau ein Stück zur Seite, Maria nahm ihren neuen Platz ein.
Ich hab Alexander schon als Baby umsorgt, erzählte Maria unvermittelt weiter. Die Windeln gewechselt, ein schwieriges Kind war er. Aber dann wurde alles besser …
Annalena verschluckte sich, Leo grinste spöttisch.
Und du, mein Junge, solltest mal an die Hausaufgaben! Alexander hat seine immer morgens gemacht, das bleibt besser im Kopf …, sagte Maria, räumte Leos Geschirr ab. Annalena wollte etwas erwidern, ließ es aber sein.
Leo trank im Stehen aus, stapfte davon.
Danke für das Frühstück, verabschiedete sich Maria und verschwand, bewegte Möbel im Gästezimmer, rief Alexander, bat darum, den Fernseher anders zu stellen.
Ihr habt wenig Bücher hier, meinte sie im Flur, als Leo zum Fußball verschwand. Leo sollte mal Klassiker lesen, Dostojevski zum Beispiel. Ich habe da eine kleine Auswahl mitgebracht. Am Abend sehen wir nach, was der Junge kennt und was noch nicht …
Genau, Maria! Sonst Fußball und nix im Kopf!, scherzte Alexander und zwinkerte Leo zu.
Er wusste eh, dass Maria immer Dostojevski herumtrug, überall ablegte und in der Öffentlichkeit demonstrativ dabei hatte, ohne je ein Wort zu lesen aber so wirkte man gleich viel gebildeter. Auch zur Klinik würde sie ihn mitnehmen, damit alle Mitarbeiter sofort wissen: Hier liegt eine gebildete Frau.
Leo verabschiedete sich, Alexander fuhr zur Arbeit.
Wann gehts denn für Sie los?, fragte Annalena Maria.
Ach, gegen eins. Sag mal, hat Leo eigentlich eine Freundin? Alexander hatte ab der sechsten Klasse schon Mädchen, und Rita war so eine nette, ganz fügsam, ehrlich, sowas muss man schätzen. Stört es dich, wenn der Hund auf dem Sofa liegt? Und die Schuhbank steht etwas ungünstig, ich verschiebe sie mal. Oje!, Maria blieb mit dem Fuß hängen, Schuhe und Pantoffeln flogen. So hohe Schuhe sollte man nicht tragen Naja, danke nochmal!
Sie strich Annalena über die Schulter und huschte in den Aufzug.
Annalena stand im Flur, schloss die Tür.
Mama, warum kommandiert sie hier so rum? Jetzt darf Max nicht mehr aufs Sofa! Das erlauben wir ihm doch!, maulte Leo nach dem Training, kraulte den Hund. Der seufzte schwer.
Sie meints nur gut, Leo. Gewöhn dich dran, sie bleibt ja nicht lang
Annalena schämte sich ein wenig, dass sie plötzlich nicht mehr die Chefin zuhause war. Aber wie sollte sie unhöflich sein zu der, die ihrem Mann die Windeln gewechselt hatte?
Abends startete Maria auf ihrer Küche Großproduktion Kohlrouladen. Jeder half mit, Alexander überbot sich in Freundlichkeit.
Und es wurde mehr am Montag stellte Maria den Wecker, rief alle zum Frühsport. Wann sind Sie zur OP dran?, schnaufte Annalena nach Hampelmännern. Maria war Fitnessfreundin und hatte den Timer auf dem Handy: vierzig Sekunden powern, zehn Sekunden Pause.
Leo, auf gesunde Lebensart pfeifend, verließ das Feld Richtung Schule. Aber Alexander machte eifrig mit.
Komm, Leni, noch ein wenig! feuerte er an.
Wann ist denn nun die OP? wollte Annalena wissen.
Morgen. Ab dann bin ich in der Klinik Kümmerst du dich um mich, Alex? fragte Maria traurig.
Du bist doch nur zwei Tage da! Das ist doch nur ein kleiner Eingriff!, wunderte sich Alexander.
Der Montag war chaotisch. Annalena hatte lauter Unterrichtsausfälle: ein Kind krank, eins verreist, das nächste wollte nicht kommen. Telefon klingelte, Amseln kreischten draußen, Maria hörte im Gästezimmer Udo Jürgens: Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an , sang mit. Annalena sah durchs milchige Glas, wie Maria tanzte.
Sie ist nur nervös, erklärte Alexander. Und Musik entspannt sie.
Am Abend wollte Maria mit Leo Werther lesen. Der Teenager lehnte ab, erklärte lautstark, was er von Goethe hält, was von Besuch im Haus, sagte seine Meinung, schlug die Tür zu Maria rief Annalena zu sich.
Noch beim Umziehen murmelte Annalena ins Handy: Komm einfach vorbei … gleich fahre ich nach Giesing, der kleine Andreas ist heute nicht fit.
Nein!, schnappte Maria plötzlich, griff ihr das Handy weg und bellte: Nein und nochmals Nein! Wenn Ihr Sohn mit einer professionellen Logopädin weiter arbeiten will, bringen Sie ihn sofort! Sonst Streichen! In der Rente fährt er Sie dann auch nicht besuchen! Sie haben eine halbe Stunde. Wer ich bin? Die Sekretärin von Frau Annalena Berger. Auf Wiederhören!
Sie gab das Handy zurück, blickte aus dem Fenster. Annalena keuchte, der Frust stieg, Leo kam dazu.
Wissen Sie was, Frau Lindner? Mischen Sie sich bitte nicht in mein Leben ein! Nicht in meinen Job, nicht in meinen Haushalt! Und dass Sie meinem Mann Windeln gewechselt haben danke, aber es reicht! Meine Regeln gelten hier. Max darf aufs Sofa, wann ich das will, und Konserven kaufe ich auch, egal was Sie sagen! Das ist mein Leben, mein Haus, meine Schüler. Ich wünsche eine gelungene OP und dass Sie schnell wieder zurückfahren ehrlich!
Leo klatschte, Max winselte treu, Maria Lindner lächelte milde.
Annalena erstarrte, doch Maria legte den Kopf schief und sagte: Gut so, Annalena. Biege dich nie, sag offen Nein, solange es nicht um Leben und Tod geht. Ich finde dich klasse ich wollte dich nur testen. Sei mutiger, lebe wie du willst. Verzeih mir, dass ich zu weit gegangen bin. Ich war schon immer ein Provokateur, das weiß Alex gut
Max holte sich sein Streicheleinheit ab. Wo ist Marmelade? Ich habe Apfelgelee mitgebracht. Leo, willst du?
Der Junge verdrehte die Augen. Frauen, dachte er, sind schon seltsam. Aber so seltsam?
Da klingelte es Andreas kam zur Stunde, bekam auch ein Stück Gelee. Die Mutter war verschüchtert, entschuldigte sich, fragte: Oder muss ich Ihre Sekretärin kontaktieren?
Annalena zwinkerte Maria zu.
Abends, als Alexander und Leo Daddeln gingen, saß Maria Lindner im Sessel, erzählte Geschichten von Alexander, wie sie ihn als Kind bei den Tapeten erwischte, wie er beinahe im Teich eingebrochen wäre; wie sie ihm Tee mit Honig gab.
Und diese Rita damals nein, die mochte ich nicht. So anpassungsfähig das ist nichts für mich. Und das Service mit Mohnblumen das war nicht schlimm, zerbrochen fürs Glück, darum lebt ihr auch so gut. Alexander liebt mich einfach sehr, das verzeihe ich ihm alles Und du, Annalena, danke für deine Gastfreundschaft. Du bist eine tolle Frau.
Das Gelee schmolz auf dem Teller, draußen dämmerte der Abend, am Himmel wurde es orange-rot.
Es wird Zeit flüsterte Maria. Um acht muss ich in der Klinik sein
Alexander setzte sie ins Auto, fuhr durch leere Münchner Straßen. Annalena kam mit, saß neben Maria und fühlte, wie sie zitterte.
Ich ruf am Abend an und wehe, Sie widersprechen! sagte Annalena und drückte ihr den Mantel zurecht.
Maria nickte. Es war schön mit den Jungen zu leben, es machte Spaß. Vor allem Leo faszinierte sie. Ganz anders als sein Vater, stur und direkt. Aber, wie Leo selbst sagt: Das ist mein Biotop ich bin so, wie ich bin. Wer das erforschen will, nur zu.Als Alex zurückkam, war die Wohnung stiller als sonst. Annalena stand am Fenster, blickte in die Dämmerung, Leo fläzte mit Max auf dem Sofa, döste in den Abend hinein. Niemand sprach. Eine sanfte Ruhe hatte sich ausgebreitet, fast wie Erleichterung, aber auch Wehmut lag darin.
Schließlich trat Alexander an seine Frau heran, umarmte sie wortlos. Du hast das gut gemacht, murmelte er in ihr Haar. Sie schwieg und nickte, fühlte sich zum ersten Mal seit Tagen wieder wirklich zu Hause.
Weißt du, Alex, sagte sie leise, vielleicht war es nicht schlecht, dass Maria uns besucht hat. Ich habs ausgehalten mehr noch, ich hab meine Stimme gefunden. Sie lachte kurz, ein helles, neues Lachen, das selbst Leo aufhorchen ließ.
Leo richtete sich auf. Hey, Mum, ich hab einen Plan: Wir machen heute Pizza, alle dürfen belegen, was sie wollen. Ohne Regeln. Max bellte zustimmend.
Alexander sah seine Familie an, die sich nun versammelt um die Küchentheke drängte Tomaten, Käse, alle lachten über Leos Kunstwerke und der Hund stibitzte eine Salamistück. Draußen zogen die Lichter der Stadt auf, das Fenster spiegelte glückliche Gesichter. Die Angst vor fremden Blicken, vor Kritik, vor zu viel Chaos sie war verschwunden.
Und irgendwo, in einem Krankenhauszimmer, ließ Maria Lindner ihren Blick über das Foto streifen, das Leo ihr heimlich ins Gepäck schmuggelte: Die ganze Familie am Küchentisch, der Hund am Schoß, alle etwas verwuschelt, aber aufrichtig lachend echt, unperfekt, doch vollkommen.
Sie lächelte, zog die Decke bis ans Kinn und dachte: Jetzt sind sie auf dem richtigen Weg mit ihren eigenen Regeln und mit ihrem eigenen Glück.
Und da sang, tief im Hausflur, Annalena ganz leise: Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein




