Du, Klara, sei nicht böse auf mich, ich will nicht mit dir zusammenleben.
Vielleicht sollten wir es ja mal versuchen, Stefan?, sagt Klara, fast ohne zu blinzeln, ihr Gesicht rötet sich leicht.
Ich habe alles gesagt, Tanja murmelt Stefan und schüttelt den Kopf.
Liselotte Hohenberg wird geboren, als Stefan noch die erste Klasse besucht. Er erinnert sich noch gut an ihre Mutter, die im ganzen Landkreis bewunderte Schönheit Lena, die mit ihrem stattlichen Bauch durchs Dorf rollt, und an den stolzen Vater Jürgen. Oft rollt Lena die alte Kinderkarre aus dem Tor, und Stefan, noch ein kleiner Junge, hält das für ein Wunder.
Jahre vergehen. Stefan wird größer, und Liselotte wächst. Jetzt läuft sie aus dem Tor des Elternhauses, trägt ein knalliges Kleid und eine riesige Schleife im hellen Haar. Sie spielt mit Freundinnen und baut ein kleines Häuschen am Gartenzaun. Stefan beobachtet das alles vom Fenster des gegenüberliegenden Hauses, das direkt über die Straße zum Haus der Hohenbergs blickt.
Stefan, bring Liselotte bitte nach Hause!, bittet eines Tages Lena. Und Stefan sagt zu. Fast ein ganzes Jahr kümmert er sich um die Erstklässlerin Liselotte. Zuerst gehen sie schweigend zur Schule; dann kann Liselotte das Schweigen nicht mehr halten und erzählt ihm allerlei Geschichten aus dem Unterricht. Ihre Schulstunden enden früher, und sie wartet geduldig, bis Stefan sich befreien kann.
Manchmal geht Stefan mit seinen Klassenkameraden nach Hause, und Liselotte läuft mit ihnen. Er gewöhnt sich daran, steht morgens vor dem Tor und nimmt sie bei der Hand, dann schlendern sie zusammen zur Schule. Im nächsten September bittet Liselotte leise, mit ihren Freundinnen gehen zu dürfen. Jetzt laufen die Mädchen voraus, Stefan folgt ein Stück hinterher, stets bereit, jederzeit einzugreifen.
Eines Tages liegt eine Gans mitten auf dem Weg. Sie schnauft, schnappt nach Flügeln, und die Mädchen fürchten sich. Stefan stellt sich zwischen die Gans und die Kinder, und gemeinsam stolpern sie mit lautem Kreischen vorbei. Im darauffolgenden Jahr zieht Stefan in das benachbarte Städtchen, wo es ein Zehnklässler-Gymnasium gibt, und besucht sein Elternhaus nur am Wochenende und in den Ferien. Liselotte scheint ihn vergessen zu haben, senkt die Augen, grüßt nicht mehr.
Später nimmt er das Studium zum Flugkapitän auf und kommt nur noch selten nach Hause.
Mama, wer ist das, Liselotte? fragt Stefan, als eine hochgewachsene, stattliche junge Frau aus dem Tor der Hohenbergs tritt.
Unsere Liselotte!, antwortet seine Mutter und lächelt aus dem Fenster.
Wann hat sie das geschafft? staunt Stefan.
Es war die Zeit, mein Junge, seufzt seine Mutter freundlich, ich freue mich jedes Mal, wenn das Beste von den Eltern weitergegeben wird.
Er sieht Liselotte noch ein paar Mal heimlich, verdeckt vom Gardinenstoff. Sie trägt Eimer zum Trinkwasserbrunnen, der Wind bläst ihre Haare zu einem wilden Wallung. Am nächsten Morgen erscheint sie in einem knalligen Hosenanzug zur Prüfung. Stefan hat erneut den Wunsch, sie zu begleiten.
Der letzte Tropfen ist eine Stimme, die er hört, während er mit seinem Vater den Zaun repariert: Mit so einer Stimme kannst du selbst bis ans Ende der Welt gehen!
Eines Tages, als er mit Eimern Wasser vom Brunnen zurück zum Tor läuft, trifft er sie dort.
Guten Tag!, ruft Liselotte, und trifft Stefan mitten ins Herz.
Guten Tag, Liselotte, stottert er plötzlich. Die Eimer füllen sich langsam, und ihm fällt kein Thema ein, über das er mit ihr reden könnte. Er fährt mit einem heimlichen Wehmut davon. Es scheint, als hätte er sich endlich verliebt.
Dann folgt der Wehrdienst und die Zuweisung, und Stefan landet im hohen Norden, in Flensburg.
Im nächsten Winter fährt er mit Hoffnung nach Hause. Er träumt davon, Liselotte endlich zu gestehen, denn sie ist jetzt im richtigen Alter. Am ersten Tag schläft er nach der langen Fahrt aus, dann beginnt die harte Arbeitswoche. Wie immer legt sein Vater einen Plan für die optimale Ausnutzung der zusätzlichen Arbeitskraft fest. Am zweiten Morgen fahren sie zusammen in den Wald, um Holz zu schlagen, spalten es und lagern es in der Scheune.
Im kurzen Urlaub versucht sein Vater, das Bad zu renovieren: Er ersetzt die unteren Bänke, passt das Türrahmenstück an und legt den Fußboden neu. Zum Schluss renoviert er noch den Stallboden. Zwei Wochen verfliegen.
Stefan wirft immer wieder Blicke zu den Nachbartoren, die meist verschlossen sind. Manchmal kommt Lena, manchmal Jürgen heraus, aber Liselotte bleibt unsichtbar.
Mama, warum sehe ich Liselotte nicht mehr? fragt er eines Tages.
Sie hat ein Studium angenommen und wohnt jetzt in der Stadt, antwortet seine Mutter.
So fährt Stefan zurück nach Flensburg, ohne ein weiteres Wort. Ein Jahr später sieht er Liselotte nur einmal, und das gefällt ihm nicht. Er beobachtet sie wieder hinter dem Gardinenstoff. Sie geht mit einem schlaksigen Landjungen, der laut lacht und über seine eigenen Witze kichert. Liselotte lächelt milde, aber ihr Blick ist zu dem Jungen gerichtet, nicht zu Stefan.
Schließlich erfährt er, dass Liselotte geheiratet hat und nun im Kurort Bad Oldenburg lebt. Stefan besucht seine Eltern regelmäßig, sieht und hört sie manchmal, das schmerzt mehr.
Stefan, hör endlich auf, dich zu quälen, du bist kein Kind mehr, sagt seine Mutter, die sichtlich erkennt, dass ihr Sohn immer noch leidenschaftlich an seiner ersten Liebe hängt.





