Ich blicke heute zurück auf ein halbes Jahrhundert, das ich größtenteils allein verbrachte. Nein, ich war zwar einmal verheiratet, doch mein Mann verließ uns ein Jahr nach der Hochzeit. Zu jener Zeit war gerade meine Tochter geboren. Am Ende hinterließ Peter uns mich und das Kind eine Dreizimmerwohnung, damit wir wenigstens ein Dach über dem Kopf hatten. Noch einmal zu heiraten, hatte ich nicht im Sinn, und ich war auch nicht der Typ, der das wollte.
Meine Tochter Liselotte wuchs heran, und ich musste sie auf eigenen Beinen stehen lassen. Es war ein ständiges Auf und Ab, ein Meer aus Sorgen, das mich bis an die Grenzen des Erträglichen trieb. Ich wusste, dass ich mich mit aller Kraft bemühte, doch trotz meiner Anstrengungen fehlte Liselotte das feste Schulterklopfen eines Vaters, das ich ihr nicht mehr geben konnte.
Mit der Zeit entwickelte meine Tochter ein übermäßiges Anlehnungsbedürfnis an jeden jungen Mann, den sie kannte oder mit dem sie eine Beziehung pflegte. Nicht alle mochten diese Aufdringlichkeit, und ich musste oft Liselotte trösten und ihr ein gebrochenes Herz wieder zusammenheften. Doch das Schicksal war gütig, und schließlich traf sie ihren zukünftigen Gatten.
Dieter war ein fleißiger, gutherziger Mann. Ich sah nur noch das Ziel vor mir: dass Liselotte ihn heiraten möge. Er behandelte mich und meine Tochter mit großem Respekt. Was wollte man mehr? So erschien er mir als der ideale Schwiegersohn. Doch das Märchen hielt nicht ewig. Ein halbes Jahr nach der Hochzeit änderte sich Dieter merklich.
In der Zwischenzeit kümmerte ich mich um meine alte Mutter Gertrud, die noch am Leben war. Sie hatte mich früh zur Welt gebracht, genauso wie Liselotte, und hatte daher noch eine Enkelin erlebt. Doch plötzlich erkrankte sie schwer. Die Schwäche ergriff sie so, dass ich die alte Frau zu mir holen und rund um die Uhr betreuen musste. Es gab keinen anderen Ort, an den sie ziehen konnte, also lebte sie bei mir. Dieser Gedanke missfiel Dieter vollkommen.
Was genau ihn so erzürnte, weiß ich nicht. Ich zwang ihn nicht, die alte Dame zu pflegen im Gegenteil, die gesamte Last lag auf meinen Schultern. Und meine Mutter war keineswegs anspruchsvoll, sondern vernünftig und verständig. Was Dieter daran nicht gefiel, blieb mir ein Rätsel.
Mit der Zeit verschlechterte sich die Lage immer weiter. Liselotte stellte sich auf Dieters Seite, und beide mieden mich. Einst saßen wir noch gemeinsam am Esstisch, jetzt ziehen sie sich in ihr Zimmer zurück. Ich versuchte, mit meiner Tochter zu reden, doch sie schwieg nur und suchte nach Ausflüchten.
Sie fanden keinen Trost in den Enkelkindern. Sie lebten für sich, wollten nichts mit mir zu tun haben. Zuerst bestand ich darauf, dann ließ ich es geschehen das war ihre Sache, sie würden schon selbst herausfinden, wie es weitergeht. Doch Dieter begann, mich zu bedrängen. In meinem Haus benahm er sich wie ein Eigentümer, obwohl er nicht einmal einen Finger rührte, um etwas zu reparieren oder neue Möbel zu besorgen. Stattdessen verschwand er oft mit Freunden in die Kneipen und Diskotheken. Ich verstand nicht, warum der einst so bewunderte Schwiegersohn nun so anders war.
Nur jetzt offenbarte er sein wahres Gesicht. Jede Woche wurde er unerträglicher. Dann kam das Neujahrsfest, und Dieter weigerte sich, mit uns im Familienkreis zu feiern. Er zog Liselotte in sein Zimmer, und sie verbrachten den Abend getrennt von uns und meiner Mutter. Um Mitternacht kam die Tochter noch vorbei, um zu grüßen, doch ihr Mann richtete nicht einmal die Nase zu ihr.
Am darauffolgenden Tag verkündete er mir: Wir verkaufen das Haus meiner Mutter und kaufen uns eine eigene Wohnung. Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Und das, obwohl sie schon ein halbes Jahr bei mir wohnte auf meine Kosten! War das nicht genug?
Nein, das sehe ich nicht so, erwiderte ich entschlossen. Verdient euch eure eigene Wohnung. Das ist das Haus meiner Mutter, wir werden es nicht verkaufen. Es gehört ihr, und sie wird selbst entscheiden, was sie damit macht.
Dieter war davon empört. Noch am selben Tag packte er seine Sachen, nahm meine Tochter mit und fuhr zu seinen Eltern. Es war traurig, dass Liselotte nicht einmal ein Wort dagegen sagte, doch das war ihr Leben. Wenn sie glaubt, dass es so besser für sie ist, dann soll sie mit Dieter weiterleben.
Habe ich als Frau richtig gehandelt? Was würdet ihr an meiner Stelle tun?
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