12. Dezember 2025
Heute war wieder ein Tag, der mir den Atem raubt. Beim Bezahlen an der Kasse in der kleinen Bäckerei in Berlin hörte ich die Kassiererin fast mechanisch fragen: Tüte? Sonderangebote? dann, fast flüsternd, wiederholte sie die gleichen Worte: Deine Tochter wird bald sterben. Ich ließ das Wort erst einmal im Kopf hängen, weil ich nicht glauben konnte, was ich hörte.
Als ich das Geschäft verließ, atmete ich tief durch und rief sofort meine kleine Lena an. Mama, ich gehe nach dem Unterricht mit den Mädels ins Kino, okay?, sagte sie begeistert. Ich versuchte, meine Stimme zu beruhigen: Ja, das passt. Dann machte ich mich müde, aber bestimmt, auf den Heimweg. In den letzten Monaten hat sich etwas Merkwürdiges breitgemacht: Fremde sagen immer wieder dieselbe Warnung, als hörten sie sie selbst nicht. Und genau heute, an der Kasse, schwor ich, dass ich die Worte deutlich vernommen hatte.
Vor meiner Wohnung stand meine Nachbarin Ingrid, die mir immer wieder mit Rat und Tat zur Seite steht. Maria, schön dich zu sehen! Erinnerst du dich noch an das Mittel, das ich dir empfohlen habe? fragte sie, während sie ihr Haar zurückstrich. Ich warf ihr einen Tränen blick zu und stammelte: Ingrid, alles ist schiefgelaufen Meine Hände zitterten, als ich ihr alles erzählte.
Ingrid und ich sind seit einem Jahrzehnt enge Freundinnen, unsere Familien zogen fast zeitgleich in dieses Haus. Unsere Kinder spielten zusammen, unsere Männer verstanden sich prächtig. Trotzdem lastet diese unheimliche Prophezeiung schwer auf mir: Deine Tochter wird bald sterben. Ist das ein warnender Hinweis? Was steckt dahinter?
Plötzlich öffnete sich die Tür einer weiteren Wohnung und eine alte Dame schlich auf den Flur: Mädchen, du brauchst eine gute Hexe! Sie wird das lösen! rief sie. Ingrid schnaubte spöttisch: Welche Hexe? Erinnerst du dich nicht, wie du alle Wahrsager und Heiler durchschaut hast? Niemand hat dir helfen können! Ich senkte den Blick, weil es wahr war ich hatte vergeblich nach meiner Herkunft gesucht, nach Freunden, nach jemandem, der mich früher gekannt hatte.
Ingrid zog eine widerspenstige Haarsträhne zurück und verschwand hinter ihrer Tür. Die alte Frau kam zu mir, drückte mir ein kleines Blatt Papier in die Hand: Hier die Nummer, ein erstklassiger Spezialist. Ich empfehle ihn! Nach einigem Zögern wählte ich die Nummer und vereinbarte ein Treffen mit der angeblichen Hexe.
Einige Tage später saß ich in meiner winzigen Küche, ohne jegliche Anzeichen von Magie: kein Kristallball, keine schwarze Katze, kein Kerzenschein. Ich hoffte, es sei kein Scharlatan. Die Frau holte ein zartes Kristallstück hervor, das an einer Kette hing, und schwenkte es über ein Foto von Lena. Wirklich?, knurrte sie, Ihr bringt das Bild eines toten Mädchens zu mir?
Ich brach in Tränen aus, während sie plötzlich vom Stuhl sprang und das Zimmer verließ. In meinem eigenen Aufruhr griff ich zum Telefon und rief Lena an. Hallo, Schatz, ich bin zu Hause. Ich gehe um fünf spazieren, bist du bis dahin da? Der Nachhilfelehrer hat den Termin verschoben Ihre Stimme war so gewöhnlich, so lebensfroh, dass ich sofort auf die Bank in der Nähe setzte und ihr flehte: Komm nicht mehr weg! Ich bin in einer Stunde da!
Am Abend sprach ich wieder mit Ingrid, die mich beruhigen wollte: Du übertreibst nicht, Maria! Alles ist in Ordnung mit deiner Tochter. Doch ich fühlte mich, als würde ich auf dem Holzweg laufen. Wie sollte ich mit diesem Gefühl umgehen, wenn jedes Wort der Kassiererin wie ein Echo in meinem Kopf widerhallt?
Am nächsten Morgen klingelte das Telefon die Hexe meldete sich. Sie entschuldigte sich, gestand ihre Unprofessionalität und versprach, dass Lena gesund und lebendig sei. Sie erklärte, ein uralter Pakt habe Lena vor dem Tod geschützt. Ein dunkler Zauber habe sie als nicht lebendig deklariert, um die Sensenfrau zu täuschen. Deshalb hörte ich die warnenden Worte immer wieder.
Ich lauschte gebannt, doch die Geschichte war verwirrend: Oben gelten andere Gesetze. Die Höheren können Verträge schließen, auch mit Menschen wie mir. Sie tauschen Leben aus. Sie sprach von Generationen, von Versprechen, die über Jahrhunderte hinweg gelten. Ich wusste nicht, ob ich ihr trauen sollte, aber ich spürte, wie sich ein Knoten in meinem Magen löste.
Als ich fragte, wer den Ritus durchgeführt habe, verstummte die Hexe. Sie schien keine Ahnung zu haben, wer in meiner Familie die Macht besaß. Ich sagte entschlossen: Ich komme nicht mehr zu dir. Ich vertraue darauf, dass das Dunkle nicht siegt. Das Telefon fiel leise zu, und ein langer Schatten der Zweifel lag über mir.
Dreizehn Jahre zuvor stand ich verloren am Berliner Hauptbahnhof, ohne Papiere, ohne Geld, ohne Erinnerungen an mein früheres Leben. Das Schicksal führte mich ins Krankenhaus, wo ich meinen zukünftigen Mann kennenlernte. Heute habe ich eine Familie, ein Zuhause und eine treue Freundin Ingrid. Vielleicht sollte ich nicht weiter nach meiner Herkunft graben.
Ich schaltete den Computer ein und durchforstete Foren nach Hinweisen auf Verwandte, doch ein Anruf riss mich aus der Konzentration. Ingrid rief: Wie gehts, Maria? Und wie läuft es mit der Suche nach deiner Familie? Ich antwortete, dass ich die Suche aufgegeben habe und dass Lena in Ordnung sei. Ingrid lachte und sagte, sie kämpfe gerade mit ihren Haaren: Ich muss sie schneiden, sonst werd ich verrückt! Komm vorbei, wir suchen uns einen neuen Haarschnitt. Ich lachte mit, weil ich gerade sämtliche Spuren meiner früheren Suche löschte.
Jetzt, während ich hier sitze und schreibe, spüre ich, wie ein Teil von mir immer noch nach Antworten ruft. Doch gleichzeitig wächst in mir die Gewissheit, dass manche Geheimnisse besser ruhen. Vielleicht ist das, was ich erlebt habe, nur ein Spiegel meiner eigenen Ängste ein Stück Magie, das ich selbst erschaffen habe.
Ich lege das Tagebuch zur Seite, atme tief ein und blicke aus dem Fenster auf die schneebedeckten Berliner Straßen. Lena wird wohl morgen zur Schule gehen, und ich werde sie dort abholen. Das ist alles, was zählt.
Maria.





