Wer braucht dich schon

Lena, bitte, lass mich gehen… Wir haben versucht, eine Familie zu gründen, aber es hat nicht geklappt. Warum quälen wir uns gegenseitig? Lass uns einfach scheiden?

Ach, jetzt!, grinste ihr Mann sarkastisch. Träum weiter. Ich lasse dich nicht gehen. Du bist meine Frau, ich bin dein Mann, und wir sind eine Familie. Geht es dir etwa schlecht? Oder hast du mich nicht mehr lieb? Oder hast du etwa jemand anderen? Antworte, wenn ich dich frage!

Lena saß am Rand des Sofas und nestelte nervös an der Decke. Nach einem weiteren Streit mit ihrem Mann wünschte sie sich nur noch, in Luft aufzulösen, einfach zu verschwinden aus seinem Leben. Sie hätte sich scheiden lassen können… Doch der Mut dazu fehlte ihr. Zwei Jahre Ehe kamen ihr nun vor wie ein Albtraum, besonders die letzten sechs Monate Markus hatte sich plötzlich in einen gnadenlosen Haus-Kaiser verwandelt, der täglich neue Gründe fand, sie zu kritisieren.

Heute morgen hatte alles mit einer scheinbar harmlosen Situation begonnen. Lena hatte sich eine neue Gesichtscreme bestellt.

Gibst du schon wieder Geld für unnützen Kram aus?, hörte sie Markus Stimme, als sie mit dem Paket nach Hause kam.
Lena versuchte, sich zu erklären, doch Markus hörte nicht zu.

Denkst du überhaupt an uns? Oder nur an dich selbst? Eine Creme! Wofür? Wäre besser, du hättest etwas Sinnvolles gekauft, zum Beispiel meinen Eltern geholfen.
Markus, wieso gleich so? Ich arbeite doch, ich habe mein eigenes Geld. Und deinen Eltern helfe ich auch immer, das weißt du.
Was tust du schon? Ein paar lächerliche Euro! Sie brauchen echte Hilfe, verstehst du? Du bist egoistisch, Lena. Denkst nur an dich. Du verpulverst fast dein ganzes Gehalt für Cremes und Klamotten!
Seine Stimme wurde schärfer, seine Augen funkelten vor Wut. Lena hielt es nicht mehr aus und brach in Tränen aus. Markus, wie immer, knallte die Tür hinter sich zu und ließ sie allein mit ihrer Verzweiflung. Immer das Gleiche erst trieb er sie zum Weinen, dann ging er einfach…

…Lena erinnerte sich noch genau, wie alles angefangen hatte. Markus war ihr perfekt erschienen. Aufmerksam, fürsorglich, liebevoll. Doch irgendwann hatte sich etwas verändert. Oder hatte sie den wahren Markus einfach nie gesehen?

Am Abend kam Markus zurück. Lena saß in der Küche und trank Tee.

Hast du wieder geheult?, fragte er, ohne sie anzusehen.
Nein… Du hast mich nur verletzt…
Ich? Du bist selbst schuld. Du solltest nachdenken, bevor du handelst.
Was mache ich denn falsch?, fragte Lena leise.
Alles! Du gibst dir keine Mühe. Ich arbeite, ich bin müde, und du? Klickst den halben Tag auf der Tastatur rum, hockst den Rest daheim!
Ich arbeite auch, nicht weniger als du, widersprach Lena, bereute es aber sofort.
Ach, was ist das schon für eine Arbeit? Peanuts! Ich ernähre die Familie. Das solltest du zu schätzen wissen, Lena. Und ich habe in all den Jahren noch nie ein Danke gehört! Dabei habe ich es verdient!
Ich schätze es, Markus… Aber das heißt nicht, dass du so mit mir reden darfst.
Wie soll ich denn mit dir reden? Du bist immer unzufrieden. Und dein dauerndes Geheule geht mir auf die Nerven! Warum stellst du mich immer als Monster dar?
Markus… Es geht darum, dass du nie zufrieden bist. Ich habe Angst, etwas zu sagen, Angst, etwas zu kaufen, ich wage nicht mal, mich nachmittags hinzulegen. Wenn du das mitbekommst, schreist du gleich los! Ich halte das nicht mehr aus…
Ach, hör auf zu jammern! Immer spielst du die Opferrolle. Ich kotze langsam an!
Die Verachtung in seiner Stimme tat ihr körperlich weh.

Ich verstehe nicht, was passiert, flüsterte sie. Warum behandelst du mich so?
Mach alles richtig, nerve mich nicht, dann ist alles gut.
Lena sah ihn an. In seinen Augen war keine Wärme mehr, keine Liebe. Nur Gereiztheit.

Vielleicht sollten wir darüber reden?, schlug sie vor. Zum Paartherapeuten gehen?
Therapeut? Du brauchst einen Therapeuten. Du spinnst doch, schnitt Markus ihr das Wort ab. Immer erfindest du Probleme aus dem Nichts.
Nach diesen Worten stand Lenas Entschluss fest: Sie musste gehen. Markus aß hastig und setzte sich vor den Fernseher, während sie ihr altes Notizbuch hervorholte und einen Fluchtplan entwarf. Alles musste gut durchdacht sein.

***

Am nächsten Tag verließ Lena früher als sonst das Haus. Sie beschloss, in ein Café zu gehen, in Ruhe nachzudenken. Mit einer Tasse Kaffee öffnete sie ihr Notizbuch und begann zu schreiben.

Schritt eins: einen Teilzeitjob finden. Ich brauche mehr Geld. Schritt zwei: eine kleine Wohnung oder ein Zimmer mieten. Schritt drei: meine Sachen packen. Schritt vier…

Lena?, hörte sie eine vertraute Stimme.
Als sie aufblickte, erkannte sie ihre ehemalige Schulfreundin, Monika.

Monika! Was für ein Zufall!
Lange nicht gesehen, lächelte Monika. Was machst du hier? Arbeitest du hier?
Nein, ich wollte nur in Ruhe nachdenken, antwortete Lena ausweichend.
Ist etwas passiert? Du siehst nicht gut aus. Bist du krank?
Es war so lange her, seit Lena tröstende Worte gehört hatte. Ihren Eltern klagte sie nicht sie wollte sie nicht belasten, und mit der Zeit hatte Markus sie von allen Freundinnen isoliert. Plötzlich brach es aus ihr heraus:

Monika, es ist schlimm. Mein Mann macht mich fertig, kritisiert mich ständig, erniedrigt mich. Ich halte das nicht mehr aus. Ich fürchte, er wird bald handgreiflich. Manchmal holt er schon aus…
Lena sprach weiter, und Monika hörte geduldig zu.

Ich will weg, gestand Lena. Ich will sofort weg, Monika! Aber ich habe Angst. Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll. Wie soll ich danach leben?
Lena, lauf! Keine Sorge, ich lasse dich nicht im Stich. Ich helfe dir, so gut ich kann.
Echt?!
Natürlich! Erstens bist du nicht allein. Komm zu mir, bleib so lange du willst. Weißt du noch die Adresse? Zweitens, hab keine Angst, Hilfe anzunehmen. Es gibt kostenlose Beratungen für Frauen, die unter tyrannischen Männern leiden.
Davon wusste ich nichts, gab Lena zu.
Jetzt weißt du es. Und vor allem glaub an dich. Du bist stark, du schaffst das.
Nach der Arbeit trafen sie sich wieder. Und nach zwei Stunden Gespräch fühlte Lena sich wie verwandelt.

***

Abends, als sie nach Hause kam, wartete Markus schon auf sie. Er saß im Sessel und sah fern.

Wo warst du?, fragte er, ohne sich umzudrehen.
Spazieren, antwortete Lena.
Du gehst in letzter Zeit oft spazieren. Hast du einen Liebhaber?
Ihr stockte der Atem.

Wie kannst du so etwas sagen?, fuhr sie auf.
Warum nicht? Würde mich nicht wundern. Du bist gerissen.
Markus, hör auf, sagte Lena müde. Ich will das nicht mehr hören.
Was willst du denn hören? Komplimente? Die wirst du nicht bekommen.
Lena atmete tief durch und blieb ruhig.

Markus, wir müssen reden.
Worüber? Über deine Affären?
Nein. Über uns. Über unsere Ehe.
Und was willst du sagen?
Ich will mich scheiden lassen.
Markus starrte sie verblüfft an.

Was hast du gesagt?
Ich will die Scheidung. Ich kann nicht mehr so leben. Du machst mich kaputt. Ich bin unglücklich mit dir.
Du spinnst! Scheidung? Was bist du ohne mich? Nichts! Du solltest mir dankbar sein, dass ich mit dir zusammenbleibe.
Ich schulde niemandem etwas. Ich will glücklich sein.
Glücklich? Glaubst du, du wirst ohne mich glücklich? Da irrst du dich. Du bist zu nichts nutze. Verstehst du?
Lena schwieg. Sie wollte nicht mehr streiten. Ihre Entscheidung stand fest.

Ich gehe morgen, sagte sie ruhig.
Wohin willst du?, brüllte Markus. Wo willst du wohnen? Du hast doch nichts!
Das geht dich nichts an. Ich finde eine Lösung.
Ich lasse dich nicht gehen!, kreischte Markus. Ich finde dich und bringe dich dazu, zu bereuen, dass du geboren wurdest! Undankbares Stück! Ich habe dir alles gegeben, und du…!
Lena antwortete nicht. Sie drehte sich einfach um und ging ins Schlafzimmer. Sie musste ihre Sachen packen.

Markus blieb im Wohnzimmer. Die Nacht verbrachte Lena wach sie starrte an die Decke, während Gedanken durch ihren Kopf wirbelten. Sie hatte Angst vor der Zukunft, Angst, allein zu sein, Angst, nie ihr Glück zu finden. Doch am meisten fürchtete sie sich davor, bei Markus zu bleiben.

Am Morgen stand Lena früh auf. Sie wusch sich, zog sich an und ging in die Küche. Markus saß schon am Tisch und trank Kaffee.

Du gehst nirgendwohin, sagte er. Denk nicht einmal daran abzuhauen, während ich auf Arbeit bin!
Ich habe mich entschieden, erwiderte Lena.
Ich erlaube es nicht!
Es reicht, Markus…
Hörst du nicht, was ich sage?!
Markus stand auf und ging auf sie zu. Lena erstarrte.

Komm mir nicht näher, bat sie. Markus, geh weg!
Markus stieß sie gegen die Wand. Lena schlug mit dem Kopf auf und fiel zu Boden. Ihr einst geliebter Mann hob die Faust. Lena schloss die Augen und wartete auf das Schlimmste…

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Homy
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Wer braucht dich schon
Bist du etwa beleidigt? — Ach Mama, ich bereue es schon dreihundert Mal, dass ich mich darauf eingelassen habe. Ich kann einfach nicht mehr, — klagte Viktoria verzweifelt, während sie versuchte, das Weinen ihrer Tochter zu übertönen. — So läuft es bei uns von früh bis spät. Und nachts — genauso. Ich weiß schon gar nicht mehr, wann ich zuletzt wirklich geschlafen habe. Gestern habe ich den Wasserkocher angemacht und bin direkt auf dem Stuhl eingeschlafen… — Ach, mein Mädchen, was willst du machen, — seufzte Gabriele. — Alle kleinen Kinder schreien halt. Ihre Mutter verstand den Wink nicht und Viktoria fasste sich ein Herz. — Mama… Bitte, ich flehe dich an: Nimm sie doch wenigstens für zwei Stunden. Oder komm vorbei, setz dich zu ihr, damit ich wenigstens etwas schlafen kann. Ich bin nur noch ein Schatten meiner selbst. Alles wie im Nebel. — Viki… — der Ton der Mutter wurde sofort von mitfühlend zu schleppend. — Sei mir nicht böse. Für wen hast du sie denn bekommen? Für dich selbst. Also kümmere dich auch drum. Wenn sie älter ist, wird’s einfacher. Ich hab dich damals auch ohne Windeln und Thermokocher großgezogen, da hat auch keiner gejammert. Außerdem schwankt bei mir ständig der Blutdruck wegen dem Wetter. Nicht dass ich auch noch umkippe, wenn ich bei dir bin. Verwundert zog Viktoria die Augenbrauen hoch. Mit so einer Antwort hatte sie nicht gerechnet und wusste gar nicht, was sie sagen sollte. — Na gut. Ich mach dann mal weiter… — murmelte sie und legte auf. Da breitete sich Kälte in ihrer Brust aus. Verschwunden war dieses kindliche Gefühl der Geborgenheit, dass Mama immer da ist und alles regelt, wenn man nur ruft. Viktoria konnte nicht einmal widersprechen. Oder doch? …Oft hatte Viktoria eigene Wünsche zurückgestellt, um ihrer Mutter zuliebe zu verzichten. Jedes Silvester zum Beispiel. Erst war sie bei Freunden eingeladen, dann wollte sie mal mit ihrem Mann allein feiern. — Ja, ist ja klar… — seufzte ihre Mutter, sobald Viktoria Pläne für die Feiertage äußerte. — Na dann, feiert mal schön. Ich hier, ganz alleine… Da zieht man euch auf, und an den Familienfesten sitzt man dann doch allein… — Mama… Mensch, ich komm am 1. doch gleich zu dir. — Ach was, ich warte auf dich. Ich feier gar nicht, — gab Gabriele seufzend zurück. — Wozu auch? Gibt ja keinen. Leg mich um neun schlafen, morgens wach — das war’s mit Silvester. Und jedes Mal gab Viktoria nach und fuhr zu ihrer Mutter. Wie sollte sie die Mutter alleine lassen? Sollen Freunde eben alleine Spaß haben, Wunderkerzen anzünden und Lieder grölen. Romantik kann auch mal warten. Hauptsache Mama fühlt sich nicht traurig. Und das war längst nicht das Einzige. Gabriele liebte es sehr, ihre Tochter mit ihrem eigenen Befinden in Atem zu halten. Ging es ihr schlecht, fuhr sie nicht zum Arzt — alarmierte aber jedes Mal Viktoria. — Ich hab Blutdruck über 200. Ich glaube, ich kipp bald um… Viki, komm sofort! — rief sie panisch. — Mama, ich komm ja, aber du musst trotzdem den Notarzt rufen. Das ist kein Spaß! — Was soll der mir bringen?! Die schleppen mich ins Krankenhaus, und da gibt’s eh keine gescheiten Ärzte! Lass uns erstmal selber überlegen. Gib mir die Spritze, und wenn’s dann immer noch schlimm ist — dann rufen wir den Notarzt. Gabriele hatte absolut kein Vertrauen in Ärzte und wurde sofort ungehalten, wenn Viktoria eine Ambulanz rufen wollte. Dafür glaubte sie, dass jeder Anfall sich durch Fußmassage, Essigkompressen und viel Aufmerksamkeit von Viktoria behandeln ließ. Tochter Viktoria aber saß dann jedes Mal da und zitterte. Sie musste die ganze Verantwortung tragen, Spritzen geben und konnte trotzdem nicht helfen, weil die Mutter so stur war. Blieb nur abwarten und hoffen. Trotzdem fand Viktoria jedes Mal Zeit. Sagte Treffen ab, verschob Termine, verließ früher den Arbeitsplatz. Auch im Wissen, dass sie nichts bewirken kann und nur ihre Nerven ruiniert. Aber die Mutter komplett alleine lassen? Das ließ ihr Gewissen nicht zu. Ganz im Gegensatz zu Gabriele. Dabei hatte sie sich Enkelkinder immer genauso sehr gewünscht wie Viktoria. — Die Leni hat schon eine Enkelin, die geht jetzt in die Schule! — seufzte ihre Mutter bei jeder Familienfeier. — Und Waltraud kümmert sich schon um’s zweite. Und ich, ich bin wie das fünfte Rad am Wagen. Wann kriegt ihr endlich welche? Ich will doch noch erleben, wie das ist, Oma zu sein! Und jetzt… Jetzt, wo das Baby eben kein süßes Poster mehr war, sondern ein echtes Wesen mit Eigenheiten und Problemen, war Gabriele plötzlich weg. Viktoria war enttäuscht. “Für mich geboren”… Na, das wird sie nicht vergessen. Die folgenden sechs Monate wurden zum Dauerloop. Viktoria wusste nicht mehr, war heute Montag oder Donnerstag. Es lief immer gleich: Füttern, Geschrei, Versuch einzuschläfern, kurzes Vergessen, wieder Schreien. Gabriele blieb im Leben ihrer Tochter, aber nur wie eine entfernte Bekannte. Einmal pro Woche rief sie an und fragte: — Na, wie läuft es? Wächst sie? Doch kaum schrie ihr Enkelkind im Hintergrund auf, war die Oma gleich wieder verschwunden. — Oh Viki, ’tschuldige, aber ich hab Kopfschmerzen. Und bei euch ist’s so laut… Pass auf euch auf. Muttersein ist harte Arbeit, — meinte sie und legte auf. Viktoria lernte, ohne Mutter zu überleben. Olga, die Schwiegermutter, war streng, aber herzlich. Sie versprach keine Wunder und schmeichelte nie. Aber als sie merkte, dass Viktoria durch die Augenringe schon aussah wie ein Panda, kam sie einfach regelmäßig vorbei. Jeden Samstag, an ihrem freien Tag. — Ab ins Bett, — befahl sie Viktoria. — Wir gehen mit Alina in den Park. Sind in drei Stunden zurück. — In den Park? Die wird doch nur schreien… — Ich bin nicht aus Zucker, werd schon nicht zerlaufen. Hauptsache, du schläfst mal aus. Olga schlug Viktoria auch vor, ab und an eine Tagesmutter zu engagieren — auch nur zwei Stunden Schlaf nebenan machen den Unterschied. Und sie war es, die Alarm schlug: — Die schreit aber schon sehr viel, — stellte sie fest. — Hör auf, alles auf Zahnen und Drei-Monats-Koliken zu schieben, da stimmt was nicht. Olga organisierte kurzerhand einen Termin beim befreundeten Kinderarzt, hörte nicht auf ihren Sohn und bezahlte stillschweigend alle Untersuchungen. Der Arzt fand rasch die Ursache. — Ganz einfach gesagt, sie hat nach jedem Füttern Sodbrennen. Keine Sorge, das bekommen wir in den Griff, — erklärte er. Zwei Wochen später hatte endlich die Stille Einzug bei Viktoria und Paul gehalten. Nicht belastend und unruhig, sondern friedlich. Alina verbog sich nicht mehr und schrie weniger, sie schlief ruhig. Für Viktoria bekam die Welt wieder Farbe. Die Zeit raste statt zu schleichen. Aus der kleinen Quenglerin wurde das Traum-Enkelkind, von dem jede Oma träumt: mit Grübchen in den Wangen und riesigen Schleifenprachten im Haar. Still und heimlich wurde es Dezember. Gabriele, die Alina bisher nur per Videoanruf kannte, war die Veränderung nicht entgangen. Das Mädchen spielte, baute, lachte, war ganz vertieft in ihre Puppen. Da entschied sich die Großmutter, wieder mitzumischen. — Viki, was soll ich euch Leckeres kochen? — fragte sie weich eine Woche vor Silvester. — Ihr kommt doch zu mir feiern, oder? — Aber ich hab doch Alina dabei. Ist doch zu anstrengend mit Kleinen für dich. — Ach quatsch! Sie ist jetzt ein richtiges Mädchen, ganz ruhig. Ich hab ihr sogar schon eine große Puppe als Geschenk besorgt. Wir schmücken zusammen den Baum, ich mach Sülze. Paul liebt doch Sülze. Früher hätte Viktoria gejubelt, das Fest mit ihrer Mutter geplant und sich gefreut, dass die Mutter „wieder lieb“ ist. Doch diesmal war da… nichts. Kein Ärger, kein Schmerz. Nur etwas Kaltes, Klebriges. — Mama, wir kommen nicht. — Wie bitte? — Gabriele war entsetzt. — Wo wollt ihr denn sonst hin? Oder feiert ihr zuhause? — Wir fahren zu Olgas Familie. Wir feiern dort. — Zu Olga?! — erschrak die Mutter. — Also gehst du zur Schwiegermutter und lässt deine eigene Mutter Silvester alleine sitzen? — Mama… Sei nicht gekränkt, aber Olga war da, als Alina Tag und Nacht geschrien hat. Als ich am Ende war. Sie war da, als wir „anstrengend“ waren, und hat uns trotzdem gemocht. Du sagtest doch selber, ich hab für mich geboren. Dann entscheide ich auch, mit wem ich meine Tochter feiere. Am anderen Ende herrschte für einen Moment Schweigen. — Bist du jetzt etwa beleidigt? Rächtst du dich jetzt so? — hakte Gabriele schließlich nach. — Wie kannst du nur! Ich hab dich großgezogen, Nächte durchgemacht… Und du machst das jetzt so mit mir? — Nein, Mama, ich räche mich nicht. Ich entscheide nur, was mir guttut. Und das hab ich übrigens von dir gelernt. Die Mutter lamentierte noch, doch Viktoria beendete das Gespräch mit dem Hinweis, sie müsse los. Sie hatte keine Lust auf Schuldzuweisungen. Sie legte das Handy weg und ging ins Schlafzimmer. Dort, auf dem Teppich zwischen Bauklötzen, hockte ihr Mann, baute etwas mit der Tochter. Alina lachte schallend, als sie den Turm umwarf. Viktoria blieb im Türrahmen stehen und lächelte. Sie war etwas traurig, aber es war eine gute Traurigkeit — so wie nach einer gründlichen Aufräumaktion, wenn die alten Plüschtiere das Haus verlassen und Platz für etwas Neues machen. Natürlich wollte Viktoria nicht die kompletten Kontakte zu ihrer Mutter abbrechen. Sie hatte nur aufgehört, sich selbst zu verraten. Sie hörte auf, beim ersten Anruf für Menschen zu springen, die nur bei Sonnenschein auftauchen, und suchte sich stattdessen jene aus, die auch in den schlimmsten Stürmen einen Schirm über sie hielten.