KusjaKusja schlich leise durch den verschneiten Wald, als plötzlich ein funkelnder Lichtstrahl aus einem verborgenen Baumhaus herabstieg.

15.Juni2026 Tagebuch

Die Hochzeit ist vorbei, die Gäste haben das Haus verlassen und meine Tochter ist zu ihrem Mann gezogen. Das kleine Apartment fühlt sich plötzlich leer an, fast wie ein gefülltes Glas, das plötzlich gekippt wurde. Eine ganze Woche lang war es still, und meine Frau Kerstin und ich haben uns immer wieder gefragt, ob wir nicht doch ein Lebewesen brauchen etwas, das uns wieder die elterlichen Reflexe weckt, zu füttern, zu trainieren, spazieren zu gehen und aufzuräumen. Ich hoffte, dass ein Tier im Gegensatz zu meiner Tochter nicht meine Zigaretten klaut, nachts im Kühlschrank herummurchelt und nicht mit scharfen Kommentaren zurückschlägt.

Wir hatten noch nicht entschieden, welches Tier wir nehmen wollten, und wollten uns erst vor Ort orientieren.

Am Sonntag fuhren wir zum Vogellmarkt am Berliner Alexanderplatz. Direkt am Eingang standen niedliche Meerschweinchen. Ich sah Kerstin fragend an.
Das passt nicht, schnippte sie, wir wollten ein Tier, das zu uns an Land lebt.
Die Fische schwammen still, die Papageien mit buntem Gefieder lösten bei Kerstin eine heftige Allergie aus. Ein junger Kapuzineraffe sprang mir ins Auge; sein schelmisches Grinsen erinnerte mich an die Pubertätsphase meiner Tochter. Doch Kerstin meinte, er könnte uns nachts durch die Wohnung flitzen, also ließ ich den Affen stehen. Nach fünf Minuten war klar, dass ich eher an den Affen gewöhnt war als an meine Frau.

Übrig blieben Hunde und Katzen. Ein Hund muss ständig ausgeführt werden, eine Katze bringt andere Pflichten mit ich kann mir kaum vorstellen, als KatzenbabyVerkäufer im UBahnStation zu arbeiten. Also entschieden wir uns für eine Katze.

Unsere Katze erkannten wir sofort. Sie lag in einem GlasAquarium, umgeben von tapsigen Kätzchen, die mit nassen Nasen an ihrem flauschigen Bauch rieben und mit kleinen Pfoten schlabbernd kratzten. Auf dem Aquarium hing ein Schild: Mucki. Der Verkäufer erzählte eine rührende Geschichte über ein schweres KatzenkinderLeben: ein großer Hund, der mit dem Kater aufgewachsen war, hatte ihn beinahe zerbissen, und das arme Tier hatte kaum Platz im Haus gefunden.

Mucki sah aus wie ein reinrassiger Perser, graues Fell, edle Haltung. Es fehlten jedoch Papiere, die belegen, dass seine flache Nase kein Missgeschick, sondern ein Merkmal der Rasse ist. Ohne diese Unterlagen wurde er offiziell Kaiser genannt, doch er reagierte sofort auf Mucki, und wir kauften ihn.

Die Heimfahrt verlief problemlos; Mucki schnurrte leise unter dem Sitz. Kaum im Treppenhaus, fragte Kerstin spöttisch: Bist du sicher, dass er nicht kastriert ist? Ich erstarrte. Nicht aus Vorurteilen, sondern weil ein kastrierter Kater mich an den missgestalteten Quasimodo erinnert, den Menschen aus Leibeigenschaft gefangen hielten. Ich legte Mucki auf das Treppenpodest und führte eine grobe Untersuchung durch. Im Halbdunkel des Hauses war das Fell voller Knötchen, die Genitalien nicht zu erkennen. Ich versuchte, ein fremdes Gefühl zu erzeugen, und streckte meine Hand zur Nähe. Mucki jaulte, aber das Geräusch verschwand schnell.

Am selben Tag kam meine Tochter Anneliese mit einem prüfenden Blick in die Küche. Sie sah Mucki, ließ den halb gegessenen Kuchen stehen und griff nach dem Tier. Gemeinsam mit Kerstin warfen sie ihn in die Badewanne und wusch ihn mit Kindershampoo. Anschließend wickelten sie ihn in ein Handtuch, trockneten ihn mit dem Föhn und legten ihn behutsam auf das Sofa.

Ker­stin begann, das Fell zu bürsten, und entfernte die verfilzten Knoten. Mucki strampelte widerwillig, aber ich ließ sie in Ruhe und ging mit einem Bier in die Küche. Die Idylle zerbrach plötzlich durch ein lautes Jaulen und das Klirren zerbrochenen Glases. Ich stellte das Bier ab und eilte zum Geräusch. Kerstin saß auf dem Sofa, wackelte im Takt ihrer Rufe, die Hände blutunterlaufen von Kratzern. Auf dem Boden lagen eine Schere und zerrissene Fellstücke. Meine Tochter und ich standen fassungslos neben ihr.

Was ist passiert?, fragte ich.
Ker­stin blickte verzweifelt und schrie: Iiich
Was?
Die Eiiier
Woher?
Vom Kater

Ich bin kein Tierarzt, aber ich zweifelte daran, dass etwas so leicht abreißen könnte besonders bei Katzen. Wir versuchten vergeblich, das Geschehene zu verstehen. Ein seltsamer Drang, meine Frau zu erdrosseln, überkam mich nicht aus Hass, sondern aus einem dunklen Mitgefühl, das ich nie ganz begreifen konnte.

Schließlich öffnete Kerstin ihre gefassten Hände. Auf ihren blutbefleckten, weinenden Handflächen lagen zwei flauschige Knötchen, in denen Blutperlen funkelten. Beim Trimmen der verfilzten Haare zwischen den Hinterbeinen hatte Mucki plötzlich zucken müssen; Kerstin schnitt aus Instinkt das, was ihr als Eiern erschien, heraus.

Durch Tränen und fortwährende Schnupfen schafften wir es, zu begreifen, dass Mucki vor Schmerz jaulte, unter das Sofa flüchtete und dabei Kerstins Hände zerkratzte, das kleine Vasen-Objekt zerschmetterte. Ehrlich gesagt hätte ich das Tier im selben Moment zerquetscht, die Wohnung zerstört doch ich sagte es Kerstin, und sie schrie erneut auf.

Zusammen mit Anneliese griffen wir zur Kehrschaufel und legten uns auf den Boden. Unter dem Sofa, im staubigen Eck, funkelten die Augen des frisch kastrierten Katers wie bernsteinfarbene Funken. Mucki schnurrte wütend, reagierte nicht auf Leckerlis. Ich verstand ihn, wie nur ein Mann seine eigenen Dämonen versteht.

Anneliese schob vorsichtig die Kehrschaufel an den Rand des Sofas, ich versuchte, den kleinen Chirurgen zu packen. Mucki war überraschend wendig, ließ sich nicht beruhigen. Er kratzte heftig am Holzrahmen, bohrte tiefe Rillen. Schließlich ergriff er die Kehrschaufel mit den Krallen und fuhr damit näher heran. Sein Blick war grellgelb, das Fell von Spinnweben durchsetzt, der Schwanz vom jahrzehntelangen Staub bedeckt. In einer halben Stunde verwandelte sich der stolze Perser in einen verwahrlosten, geschundenen Kater.

Ich drückte das jetzt ruhige Tier vorsichtig zu mir, streichelte ihm beruhigend hinter das Ohr. Nach und nach beruhigte sich Mucki, seine angespannten Pfoten entspannten sich, und er stieß ein heiseres Schnurren aus. Ist er krank? Er keucht? Ich rufe den Notarzt!, flüsterte Kerstin, während sie auf Zehenspitzen stand. Mucki öffnete ein trübes Auge, sah seine Peinigerin und verstummte. Ich trieb die Frauen aus dem Raum und brachte den Kater in die Küche.

Wir tranken das Bier zusammen, redeten über den Stress des Mannes, dessen Haus nur von Frauen bevölkert ist. Mucki schnurrte verständnisvoll. Nach kurzer Zeit legte er sich mit dem Bauch nach oben auf meine Knie und wärmte mein Herz mit seinem Schnurren. Das gegenseitige Vertrauen erlaubte mir, behutsam seine Pfoten zu spreizen, um zu prüfen, ob der Schnitt seine Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigt hatte. Doch die primären Geschlechtsmerkmale eines Katers waren bereits nicht mehr erkennbar. Ich nahm noch einen Schluck, schob weiter das Fell beiseite. Offensichtlich hatte Kerstin nur verfilzte Haarbüschel mit etwas Blut abgeschnitten.

Wir gingen nicht zurück zum Verkäufer, um uns zu beschweren; das Gefühl der Verdrängung hatte uns zusammengeschweißt. Und die Katze bekam einen neuen Namen: nicht mehr Mucki, sondern Mia. Gestern brachte die Hauskatze vier flauschige Kätzchen zur Welt. Unser Haus ist wieder voll.

© Markus Schmutz.

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KusjaKusja schlich leise durch den verschneiten Wald, als plötzlich ein funkelnder Lichtstrahl aus einem verborgenen Baumhaus herabstieg.
Meine Schwiegertochter verbot mir, meinen Enkel Tim zu sehen – doch als sie plötzlich dringend Hilfe brauchte, war ich zur Stelle – Wir brauchen Ihr Marmelade wirklich nicht, Frau Galina. Da ist mehr Zucker als alles andere drin. Und überhaupt, wir versuchen, Süßes zu vermeiden, bei Tim könnte sich ein Ausschlag entwickeln. Nehmen Sie es bitte wieder mit. Inga stand im Türrahmen, die Arme verschränkt, und machte deutlich, dass das Gespräch beendet war. Sie bot nicht einmal an, hereinzukommen, obwohl Galina einen langen Weg quer durch München mit der schweren Tasche zurückgelegt hatte. Draußen nieselte es unangenehm, der Mantel war ohnehin schon feucht, und die Füße in den Herbststiefeln wurden kalt. Doch kälter war der Ton der Schwiegertochter. – Inga, das ist doch Himbeere, von meinem Gartenhaus, – stotterte Galina, während sie von einem Bein aufs andere trat. – Frisch gemacht, voller Vitamine. Falls Tim im Winter krank wird… – Falls er krank wird, kaufen wir Medikamente in der Apotheke, – unterbrach Inga, nervös ihre perfekt frisierten Haare zurechtrückend. – Frau Galina, wir hatten doch abgemacht, dass Sie vorher anrufen. Nicht einfach unangemeldet auftauchen! Tim hat gerade seinen Mittagsschlaf, Sie hätten ihn beinahe geweckt! – Aber ich habe doch Pavel angerufen, er meinte, ihr seid zuhause… – Pavel verwechselt immer alles. Entschuldigen Sie, aber für Gäste haben wir jetzt keine Zeit. Ich habe einen Webinar in einer halben Stunde und muss mich vorbereiten. Einen schönen Tag noch. Die Tür schloss sich mit einem trockenen Klick vor Galinas Nase. Einen Moment stand sie schweigend vor der schweren Eichenholztür und kämpfte mit den Tränen, als das Marmeladenglas dumpf in der Tasche klirrte – ein Symbol ihrer Überflüssigkeit. Langsam ging sie die Treppe hinunter, ohne den Aufzug zu nehmen; sie musste sich sammeln. Der Schmerz schnürte ihr die Brust ab. Sie war doch nicht fremd – sie war die Oma! Tim war schon vier Jahre alt, und trotzdem durfte sie ihn nur zu Feiertagen sehen, und selbst dann unter strenger Beobachtung von Inga. „Geben Sie das nicht, sagen Sie das nicht, bitte kein Küssen – Keime!“ Pavel, ihr Sohn, versuchte die Situation zu entschärfen, war aber konfliktscheu. Es war ihm leichter, seiner Frau nachzugeben, als das Recht der Mutter auf Kontakt zu verteidigen. „Mama, du weißt doch wie Inga ist, sie will alles perfekt machen, sie meint, sie weiß es besser“, murmelte er meist, den Blick abwendend. Galina setzte sich draußen auf die nasse Bank vor dem Wohnblock. Sie hatte keine Kraft für den Spaziergang zur Haltestelle. Sie dachte zurück an die Zeiten, als sie und ihr verstorbener Mann sich freuten, als Pavel Inga erstmals vorstellte. Eine zielstrebige, junge Frau. Sie sagte gleich: „Ich mache Karriere, Hausfrauengedöns ist nichts für mich.“ Galina nickte damals nur – ist ja die neue Zeit. Doch „Karriere“ und „moderne Erziehung“ wurden zur unsichtbaren Mauer zwischen ihnen. Von da an war das Verhältnis endgültig zerrüttet. Galina wagte es kaum noch, selbst anzurufen – aus Angst vor einer weiteren Abfuhr. Pavel meldete sich selten, sprach hektisch, hatte immer etwas vor. – Mama, wir kommen am Wochenende nicht, Inga hat Pläne, wir fahren in einen Kinderclub, da gibt’s ein Förderprogramm, – erklärte er wieder mal, wenn sie extra gebacken hatte. – Schon gut, mein Junge. Hauptsache, ihr habt’s schön. Sie fühlte sich an den Rand gedrängt. Ihre Freundinnen im Viertel priesen ihre Enkel an, zeigten Fotos, erzählten von Ausflügen in den Tierpark. Galina nickte und lächelte – sie hatte nichts zu erzählen. Inga hatte sie bei Social Media längst blockiert; einmal hatte Galina unter einem Foto von Tim geschrieben „Kriegt er nicht eine Erkältung ohne Mütze?“ – ein Skandal! Inga nannte es „toxischer Eingriff in persönliche Grenzen“. Die Tage wurden zur monotonen Routine – Fernsehen, Stricken, Spaziergang durch den Park. Die Einsamkeit wurde greifbar. Nach drei Monaten kam der Februar mit eisigem Wind und Glatteis. An einem Abend saß Galina am Fenster und sah zu, wie der Schnee tanzte, als das Handy plötzlich klingelte – es war Pavels Name auf dem Display, ungewöhnlich, es war doch Dienstag. – Hallo, Pavel? Ist was passiert? Im Hörer Lärm und Stimmen, Piepen von Geräten. – Mama – Pavels Stimme zitterte – kannst du herkommen? Es ist dringend. – Um Himmels willen, was ist mit Tim? – Tim ist okay, er ist zuhause. Aber Inga, sie wurde mit dem Notarzt abgeholt. Blinddarm, mit Komplikation, peritonitis wohl. Sie braucht sofort eine OP. Ich bin im Krankenhaus und warte auf den Arzt. – O Gott… – Galina griff sich ans Herz. – Natürlich, mein Junge. Und Tim? – Ganz allein. Er schläft, ich hab die Wohnung abgeschlossen, aber er könnte aufwachen und Angst kriegen. Mama, ich kann hier nicht weg, bevor ich weiß, wie es Inga geht. Und meine Schwiegermutter … Frau Anna ist in Goa auf einem Retreat, nicht erreichbar. Galina erinnerte sich blitzartig an den Regen, die geschlossene Tür, die abweisenden Worte zur Marmelade, und an die Schwiegermutter, die sich „zeitlos“ fühlte und Tim nur gelegentlich beachtete. Aber der Gedanke an den kleinen Jungen allein in der Dunkelheit überwog alles. – Sag mir den Domofon-Code, falls ich ihn vergessen habe. Und wo sind die Ersatzschlüssel? – Bei der Concierge, ich habe sie da gelassen. Danke, Mama. Und bitte … Sei vorsichtig, ja? Inga mag’s nicht, wenn Dinge verstellt werden. – Pavel! – donnerte Galina so wie lange nicht. – Deine Frau liegt auf dem OP-Tisch, und du denkst an die Schuhe im Flur? Ich fahr schon los! Das Taxi raste durch das verschneite München. Galina zupfte nervös an der Taschenschlaufe – sie war nicht zu Besuch unterwegs, sondern um tatsächlich zu helfen. Die Concierge, mürrisch geweckt, suchte lange nach den Schlüsseln, bevor Galina endlich die Wohnung betrat. Alles war still, nur das Brummen des Kühlschranks war zu hören, ein Nachtlicht leuchtete im Flur. Leise ging sie ins Kinderzimmer. Tim schlief tief, das Bettzeug am Boden, klein und schutzlos. Galina hob die Decke vorsichtig auf ihn und strich ihm übers Gesicht. Er seufzte und rollte sich um. In der Küche herrschte sterile Reinheit, als wäre sie eine OP. Am Kühlschrank hing ein Tagesplan: „7:00 – Aufstehen, 7:30 – Frühstück (laktosefreie Haferflocken), 8:00 – Entwicklungsförderung …“. Keine Bonbons, keine Kekse, nur Spirulina und irgendwelche Saaten in Gläsern. – Armes Kind, – flüsterte sie. – Wenigstens ein bisschen Kind sein müsste er dürfen. Sie setzte sich und wartete auf Pavels Anruf. Er meldete sich bei Morgengrauen, erleichtert, aber erschöpft. – Die OP ist gut gegangen, der Arzt meinte, es war höchste Zeit. Jetzt kommt sie wieder zu Kräften, aber bleibt mindestens eine Woche im Krankenhaus, vielleicht länger. – Geh heim, schlaf dich aus, – sagte Galina. – Mama, ich muss um 9 ins Büro, das Projekt muss raus, ich kann nicht fehlen, sonst droht die Kündigung und wir müssen die Wohnung abbezahlen…. Kannst du mit Tim bleiben? Wenigstens ein paar Tage, bis wir eine neue Nanny finden? Unsere letzte hat gerade gekündigt, Inga wollte eine Neue, mit Spezialqualifikationen. Galina schmunzelte. Anforderungen – typisch. – Geh arbeiten, Pavel. Wir schaffen das. Am Morgen war Tim zuerst misstrauisch, als er Galina sah. – Wo ist Mama? – Mama ist krank, sie wird im Krankenhaus von Ärzten verarztet. Papa ist im Büro. Ich bleibe bei dir. Erkennst du mich noch? Ich bin Oma Galina. Tim sah sie skeptisch an. – Mama sagt, du kochst falsch und zeigst mir nur alte Trickfilme. So sind Kinder – sie nehmen alles auf, was die Erwachsenen sagen. Galina schluckte ihren Schmerz hinunter. – Vielleicht sind sie alt, aber spannend. Und zu essen mache ich das, was die Mama erlaubt. Komm, wir waschen uns erstmal. Der erste Tag war mühsam; Tim testete Grenzen, quengelte, suchte nach dem Tablet, das Inga wohl versteckt hatte. Galina bemühte sich, dem Plan zu folgen, aber „laktosefreie Haferflocken“ aus unbeschrifteten Gläsern zu kochen, war eine Aufgabe. Am Ende gab es normale Haferflocken mit Apfel, und Tim wollte Nachschlag. – Schmeckt’s? – fragte sie erstaunt. – Ja. So kocht Mama nie, bei ihr wird’s wie Kleister, – gestand Tim. Das Eis war gebrochen. Am Abend kam Pavel nicht – Arbeit. Er rief an, bat sie zu bleiben. So wurde aus einer Nacht eine Woche, dann fast zwei. Die andere Oma meldete sich erst am dritten Tag aus Goa. – Ach, Galina, schaffst du’s? – tönte es samt Meeresrauschen. – Ich mache hier Chakra-Übungen, kann nicht aufhören, sonst ist meine Energie im Eimer. Du hast ja Zeit, bist ja in Rente. Ich schick Inga mentale Heilstrahlen! – Schick ruhig, Anna, – konterte Galina trocken. – Davon wird keiner satt, aber besser als nichts. Die Tage vergingen, Galina gewöhnte sich an die „sterile“ Wohnung, brachte aber trotzdem Leben hinein. Im Wohnzimmer entstand eine Kissenburg, in der Küche roch es nach hausgemachter Hühnersuppe und Nudeln (sie fand Mehl im Schrank und ignorierte die Verbote). Tim wurde lockerer und lachte. Ein ganz normaler Junge offenbar, der gern Autos fährt und Geschichten hört, statt chinesische Zeichen zu lernen. Eines Abends, als sie „Krokodil Gena“ lasen, kuschelte Tim sich an sie und fragte leise: – Bleibst du, wenn Mama wiederkommt? – Ich habe mein Zuhause, Tim. – Bleib doch. Du bist lieb. Und du riechst nach Brötchen. Galina wischte sich verstohlen eine Träne ab. Dafür lohnte sich alles. Nach zehn Tagen kam Inga zurück. Blass, abgemagert und unter Schmerzen. Pavel half ihr aus. Galina empfing sie in der Küche, der Duft von Quarktaschen hing in der Luft. Ingas Blick schweifte über die verstreuten Spielsachen. Galina machte sich auf Ärger gefasst: „Unordnung! Gluten! Tagesplan ruiniert!“ – Mama! – Tim stürmte auf sie zu. – Mama, sieh mal, wir haben eine Burg gebaut! Oma hat mir Knöpfe angenäht! Inga verzog das Gesicht vor Schmerzen am OP-Narbe, streichelte aber Tim sacht am Kopf. Sie blickte lange zu Galina – es lag keine Kälte darin, sondern Erschöpfung. – Frau Galina, – sagte sie leise. – Sie haben Suppe gekocht? – Ja, ganz klassisch mit Huhn. Frisch vom Markt. Inga schien nach Worten zu suchen. – Kann ich … kann ich ein bisschen Suppe haben? Im Krankenhaus gab’s nur Brei und Tee… Hier riecht’s wie bei mir damals daheim. Galina stockte überrascht. – Kommen Sie, ich deck den Tisch. Sie servierte dampfende Suppe und Brot. Inga aß mit Genuss, vergaß Diät und Etikette. Tim futterte Quarktaschen, rieb sich das Gesicht mit Füllung ein. – Hat meine Mutter angerufen? – fragte Inga. – Hat sie. Sie öffnet Chakren. Kommt in einer Woche zurück. – Chakren … klar. Sie sah Galina an, als ob sie sie zum ersten Mal sah. – Frau Galina, danke. Ich hätte nicht gedacht, dass Sie nach damals mit dem Marmeladeglas überhaupt noch kommen würden. – Ich bin ja nicht wegen dir gekommen, – brummelte Galina, während sie den Tisch abräumte. – Ich bin wegen Tim gekommen. Und wegen Pavel. Wir sind doch Familie. – Stimmt, – seufzte Inga. – Ich glaube, ich habe viele Fehler gemacht. Ich habe zu viel auf Psychologen im Internet gehört, auf Coaches – die sagen einem, man muss Grenzen setzen, Schwiegermütter seien Feinde, die das Kind ruinieren wollen. Ich habe das geglaubt. Und Angst um meinen Status bekommen. – Dummes Mädchen, Inga, – sagte Galina sanft. – Wer will denn deinen Platz? Deins bleibt deins, solange du dein Kind lieb hast. Oma ist was anderes. Oma ist Rückhalt. Sie backt, erzählt Geschichten, versteckt kleine Geheimnisse. Das sollte man einem Kind nie nehmen. – Ich seh’s ja selbst, – sagte Inga und betrachtete Tim, der gerade versuchte, den Teddy mit Quark zu füttern. – So entspannt war er sonst nie. Sonst gibt’s jeden Abend Stress und Quengelei. – Kinder brauchen nicht nur einen Zeitplan, sondern auch ganz einfach Wärme. Und ein bisschen weniger Förderprogramme — sonst ist die Kindheit vorbei, bevor sie angefangen hat. Inga stritt nicht mehr. Sie war müde und wusste keine Argumente mehr. Sie merkte, wie einsam und überfordert sie im Krankenhaus gewesen war. – Bleiben Sie noch, bis ich wieder fit bin? Ich kann noch nichts heben, mich nicht bücken… – Natürlich bleibe ich. Wo soll ich denn sonst hin? Aber ab jetzt gelten auch meine Regeln: Die Marmelade bleibt und draußen gehen wir auch mal durch eine Pfütze. – Einverstanden, – lächelte Inga. – Pfützen und Marmelade … darf ich auch probieren? Das Leben im Haus veränderte sich. Es wurde nicht perfekt, aber herzlich. Manchmal gab’s kleine Reibereien – zum Beispiel beim Thema Wollsocken –, aber die eisige Wand fiel. Galina wohnte zwei Wochen dort, pflegte Inga, fütterte Tim und räumte auch mal die Küchenschränke um. Als sie ging, klammerte Tim sich an ihren Hals. – Ich komme am Samstag wieder, – versprach sie. – Und bald darfst du mich in meinem Garten besuchen! Sie sah Inga fragend an. – Klar, – bestätigte die Schwiegertochter. – Pavel bringt ihn. Und … schreiben Sie auf, was Sie für den Garten brauchen. Wir bringen alles mit. Auch Ihre Pflanzen. Galina trat hinaus, und plötzlich schien die Sonne. Ihre Tasche war leicht – die Marmelade gehörte jetzt hierher. Sie lächelte. Sie war wieder Teil der Familie. Und im Sommer kocht sie neue Marmelade: Erdbeere. Tim hatte gesagt, die im Joghurt mochte er besonders. Das musste sie ausprobieren.