15.Juni2026 Tagebuch
Die Hochzeit ist vorbei, die Gäste haben das Haus verlassen und meine Tochter ist zu ihrem Mann gezogen. Das kleine Apartment fühlt sich plötzlich leer an, fast wie ein gefülltes Glas, das plötzlich gekippt wurde. Eine ganze Woche lang war es still, und meine Frau Kerstin und ich haben uns immer wieder gefragt, ob wir nicht doch ein Lebewesen brauchen etwas, das uns wieder die elterlichen Reflexe weckt, zu füttern, zu trainieren, spazieren zu gehen und aufzuräumen. Ich hoffte, dass ein Tier im Gegensatz zu meiner Tochter nicht meine Zigaretten klaut, nachts im Kühlschrank herummurchelt und nicht mit scharfen Kommentaren zurückschlägt.
Wir hatten noch nicht entschieden, welches Tier wir nehmen wollten, und wollten uns erst vor Ort orientieren.
Am Sonntag fuhren wir zum Vogellmarkt am Berliner Alexanderplatz. Direkt am Eingang standen niedliche Meerschweinchen. Ich sah Kerstin fragend an.
Das passt nicht, schnippte sie, wir wollten ein Tier, das zu uns an Land lebt.
Die Fische schwammen still, die Papageien mit buntem Gefieder lösten bei Kerstin eine heftige Allergie aus. Ein junger Kapuzineraffe sprang mir ins Auge; sein schelmisches Grinsen erinnerte mich an die Pubertätsphase meiner Tochter. Doch Kerstin meinte, er könnte uns nachts durch die Wohnung flitzen, also ließ ich den Affen stehen. Nach fünf Minuten war klar, dass ich eher an den Affen gewöhnt war als an meine Frau.
Übrig blieben Hunde und Katzen. Ein Hund muss ständig ausgeführt werden, eine Katze bringt andere Pflichten mit ich kann mir kaum vorstellen, als KatzenbabyVerkäufer im UBahnStation zu arbeiten. Also entschieden wir uns für eine Katze.
Unsere Katze erkannten wir sofort. Sie lag in einem GlasAquarium, umgeben von tapsigen Kätzchen, die mit nassen Nasen an ihrem flauschigen Bauch rieben und mit kleinen Pfoten schlabbernd kratzten. Auf dem Aquarium hing ein Schild: Mucki. Der Verkäufer erzählte eine rührende Geschichte über ein schweres KatzenkinderLeben: ein großer Hund, der mit dem Kater aufgewachsen war, hatte ihn beinahe zerbissen, und das arme Tier hatte kaum Platz im Haus gefunden.
Mucki sah aus wie ein reinrassiger Perser, graues Fell, edle Haltung. Es fehlten jedoch Papiere, die belegen, dass seine flache Nase kein Missgeschick, sondern ein Merkmal der Rasse ist. Ohne diese Unterlagen wurde er offiziell Kaiser genannt, doch er reagierte sofort auf Mucki, und wir kauften ihn.
Die Heimfahrt verlief problemlos; Mucki schnurrte leise unter dem Sitz. Kaum im Treppenhaus, fragte Kerstin spöttisch: Bist du sicher, dass er nicht kastriert ist? Ich erstarrte. Nicht aus Vorurteilen, sondern weil ein kastrierter Kater mich an den missgestalteten Quasimodo erinnert, den Menschen aus Leibeigenschaft gefangen hielten. Ich legte Mucki auf das Treppenpodest und führte eine grobe Untersuchung durch. Im Halbdunkel des Hauses war das Fell voller Knötchen, die Genitalien nicht zu erkennen. Ich versuchte, ein fremdes Gefühl zu erzeugen, und streckte meine Hand zur Nähe. Mucki jaulte, aber das Geräusch verschwand schnell.
Am selben Tag kam meine Tochter Anneliese mit einem prüfenden Blick in die Küche. Sie sah Mucki, ließ den halb gegessenen Kuchen stehen und griff nach dem Tier. Gemeinsam mit Kerstin warfen sie ihn in die Badewanne und wusch ihn mit Kindershampoo. Anschließend wickelten sie ihn in ein Handtuch, trockneten ihn mit dem Föhn und legten ihn behutsam auf das Sofa.
Kerstin begann, das Fell zu bürsten, und entfernte die verfilzten Knoten. Mucki strampelte widerwillig, aber ich ließ sie in Ruhe und ging mit einem Bier in die Küche. Die Idylle zerbrach plötzlich durch ein lautes Jaulen und das Klirren zerbrochenen Glases. Ich stellte das Bier ab und eilte zum Geräusch. Kerstin saß auf dem Sofa, wackelte im Takt ihrer Rufe, die Hände blutunterlaufen von Kratzern. Auf dem Boden lagen eine Schere und zerrissene Fellstücke. Meine Tochter und ich standen fassungslos neben ihr.
Was ist passiert?, fragte ich.
Kerstin blickte verzweifelt und schrie: Iiich
Was?
Die Eiiier
Woher?
Vom Kater
Ich bin kein Tierarzt, aber ich zweifelte daran, dass etwas so leicht abreißen könnte besonders bei Katzen. Wir versuchten vergeblich, das Geschehene zu verstehen. Ein seltsamer Drang, meine Frau zu erdrosseln, überkam mich nicht aus Hass, sondern aus einem dunklen Mitgefühl, das ich nie ganz begreifen konnte.
Schließlich öffnete Kerstin ihre gefassten Hände. Auf ihren blutbefleckten, weinenden Handflächen lagen zwei flauschige Knötchen, in denen Blutperlen funkelten. Beim Trimmen der verfilzten Haare zwischen den Hinterbeinen hatte Mucki plötzlich zucken müssen; Kerstin schnitt aus Instinkt das, was ihr als Eiern erschien, heraus.
Durch Tränen und fortwährende Schnupfen schafften wir es, zu begreifen, dass Mucki vor Schmerz jaulte, unter das Sofa flüchtete und dabei Kerstins Hände zerkratzte, das kleine Vasen-Objekt zerschmetterte. Ehrlich gesagt hätte ich das Tier im selben Moment zerquetscht, die Wohnung zerstört doch ich sagte es Kerstin, und sie schrie erneut auf.
Zusammen mit Anneliese griffen wir zur Kehrschaufel und legten uns auf den Boden. Unter dem Sofa, im staubigen Eck, funkelten die Augen des frisch kastrierten Katers wie bernsteinfarbene Funken. Mucki schnurrte wütend, reagierte nicht auf Leckerlis. Ich verstand ihn, wie nur ein Mann seine eigenen Dämonen versteht.
Anneliese schob vorsichtig die Kehrschaufel an den Rand des Sofas, ich versuchte, den kleinen Chirurgen zu packen. Mucki war überraschend wendig, ließ sich nicht beruhigen. Er kratzte heftig am Holzrahmen, bohrte tiefe Rillen. Schließlich ergriff er die Kehrschaufel mit den Krallen und fuhr damit näher heran. Sein Blick war grellgelb, das Fell von Spinnweben durchsetzt, der Schwanz vom jahrzehntelangen Staub bedeckt. In einer halben Stunde verwandelte sich der stolze Perser in einen verwahrlosten, geschundenen Kater.
Ich drückte das jetzt ruhige Tier vorsichtig zu mir, streichelte ihm beruhigend hinter das Ohr. Nach und nach beruhigte sich Mucki, seine angespannten Pfoten entspannten sich, und er stieß ein heiseres Schnurren aus. Ist er krank? Er keucht? Ich rufe den Notarzt!, flüsterte Kerstin, während sie auf Zehenspitzen stand. Mucki öffnete ein trübes Auge, sah seine Peinigerin und verstummte. Ich trieb die Frauen aus dem Raum und brachte den Kater in die Küche.
Wir tranken das Bier zusammen, redeten über den Stress des Mannes, dessen Haus nur von Frauen bevölkert ist. Mucki schnurrte verständnisvoll. Nach kurzer Zeit legte er sich mit dem Bauch nach oben auf meine Knie und wärmte mein Herz mit seinem Schnurren. Das gegenseitige Vertrauen erlaubte mir, behutsam seine Pfoten zu spreizen, um zu prüfen, ob der Schnitt seine Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigt hatte. Doch die primären Geschlechtsmerkmale eines Katers waren bereits nicht mehr erkennbar. Ich nahm noch einen Schluck, schob weiter das Fell beiseite. Offensichtlich hatte Kerstin nur verfilzte Haarbüschel mit etwas Blut abgeschnitten.
Wir gingen nicht zurück zum Verkäufer, um uns zu beschweren; das Gefühl der Verdrängung hatte uns zusammengeschweißt. Und die Katze bekam einen neuen Namen: nicht mehr Mucki, sondern Mia. Gestern brachte die Hauskatze vier flauschige Kätzchen zur Welt. Unser Haus ist wieder voll.
© Markus Schmutz.





