Valentina Weber öffnete ihr Portemonnaie, zählte die wenigen zerknitterten Scheine und ließ ein tiefes Seufzen entgleiten. Das Geld ging in alarmierendem Tempo zur Neige, und eine anständige Anstellung in Berlin zu finden, erwies sich als schwieriger, als sie je geglaubt hatte. Sie ging die Liste der unverzichtbaren Dinge in ihrem Kopf durch, um ihr rasendes Herz zu beruhigen. Im Gefrierfach lag ein Paket Hähnchenschenkel und ein paar Tiefkühlburger. Die Speisekammer beherbergte Reis, Nudeln und eine Kiste Teebeutel. Für den Moment reichte ein Liter Milch und ein Laib Brot vom Bäcker um die Ecke.
Mama, wo gehst du hin? rannte die kleine Liesel aus ihrem Zimmer, ihre braunen Augen suchten besorgt Valentinas Gesicht.
Keine Angst, mein Schatz, sagte Valentina mit einem gezwungenen Lächeln, um ihre Aufregung zu verbergen. Mama geht nur kurz nach einem Job suchen. Und rate mal, was? Tante Ute und ihr Sohn Finn kommen gleich vorbei, damit du nicht allein bist.
Finn kommt? Liesel strahlte, klatschte begeistert mit den Händen. Bringen sie Mucki mit?
Mucki war das getigerte Kätzchen von Ute, ein flauschiger Ball aus Zuneigung, den Liesel über alles liebte. Ute, ihre Nachbarin, hatte angeboten, Liesel zu betreuen, während Valentina zu einem Vorstellungsgespräch im Vertriebszentrum der Stadt fuhr. Der Weg nach Berlin bedeutete endlose Stunden im Bus und in der SBahn mehr Zeit im Verkehr als das eigentliche Gespräch selbst.
Mehr als zwei Monate waren vergangen, seit Valentina und Liesel nach Berlin gezogen waren. Valentina schämte sich für den impulsiven Schritt: das alte Zuhause in Leipzig zurückgelassen, das meiste Ersparte in Miete und Lebensmittel investiert, in der Hoffnung, schnell einen Job zu finden. Der Berliner Arbeitsmarkt jedoch war ein Haifischbecken. Trotz zweier UniAbschlüsse und unerschütterlichen Ehrgeizes fühlte sich jede Bewerbung an einen trügerischen Horizont an. In Leipzig hingen ihre Mutter, Ingrid, und ihre jüngere Schwester, Anke, finanziell von ihr ab sie waren keine Selbstversorger.
Mucki bleibt zu Hause, mein Liebling, flüsterte Valentina. Er mag die langen Autofahrten nicht. Aber wir besuchen bald Tante Utes Wohnung, und du kannst ihn ausgiebig knuddeln.
Ich will auch eine Katze! schniefte Liesel und verschränkte die Arme.
Valentina schüttelte lachend den Kopf. Immer, wenn das Wort Haustier fiel, wurde Liesel dramatisch. In Leipzig, im Haus der Großmutter Ingrid, lebten noch Nacht, die schlanke schwarze Katze, und ein quirliger kleiner Hund namens Knautsch. Liesel spielte jedes Mal, wenn sie dort war, mit ihnen und vermisste sie jetzt schmerzlich.
Schatz, wir mieten diese Wohnung, erklärte Valentina. Der Vermieter verbietet Tiere.
Nicht mal ein Goldfisch? fragte Liesel überrascht.
Nicht mal ein Goldfisch.
Für Valentina standen die Tiere nun an zweiter Stelle; ihr ganzer Fokus lag auf einer einzigen Sache: einen Job zu ergattern. Das letzte bisschen Erspartes schmolz dahin, und jeder Tag brachte neue Wellen von Unruhe. Sie hatte zwar sechs Monatsmieten im Voraus bezahlt, doch das hatte sie fast völlig ausgezehrt.
Ein Klopfen an der Tür riss Valentina aus ihren Gedanken. Ute und ihr fünfjähriger Sohn Finn standen im Flur. Wie immer trug Ute eine Tupperdose mit selbstgebackenen Schokokeksen und ein Stück des berühmten Zitronen-Joghurt-Kuchens ihrer Mutter. Auch sie war alleinerziehend und wohnte mit ihren Eltern in einer winzigen Wohnung in Charlottenburg. Ein Eigenheim in Berlin zu sparen, fühlte sich an, als würde man im Lotto gewinnen, während das Leben weiter an ihnen vorbeirauschte.





