Hör mir gut zu, fuhr der Mitbewohner fort. Entweder deine Tochter gibt mir das Auto, oder sie zieht aus! Ich will nicht in einem Haus leben, in dem mich niemand achtet!
Und wo soll sie dann hin?
Das ist nicht dein Problem! Sie ist erwachsen. Zeit, selbständig zu werden
Liselotte stand im Flur des Elternhauses und lauschte, wie ihre Mutter hinter der Badezimmertür erklärte, warum das Auto an sie abgegeben werden müsse.
Liselotte, überleg doch einmal! Dirk fährt jeden Tag zur Arbeit. Und du bist Studentin. Ist das mit dem Bus nicht okay?
Die junge Frau lehnte sich an die Wand, schloss die Augen. Das Auto war ein Geschenk des Opas zum zwanzigsten Geburtstag ein altes, aber ihr eigenes Gefährt, das erste in ihrem Leben. Der Opa hatte damals gesagt: Damit du nicht von irgendjemandem abhängig bist und selbst entscheiden kannst, wohin du fährst.
Mama, das Auto steht auf meinen Namen, antwortete Liselotte gelassen.
Und? Wir sind doch Familie!, erhob ihre Mutter die Stimme. Dirk ist für dich wie ein Vater. Erinnerst du dich, wie er dir in der zehnten Klasse bei Mathe geholfen hat?
Liselotte erinnerte sich. Er hatte jedes falsche Ergebnis mit einem lauten Klatsche!, das Lehrbuch auf den Tisch geknallt, wenn sie etwas nicht sofort verstanden hatte.
Dumm wie ein Kügelchen! Alles liegt ihr im Hirn!, hatte er damals gesagt.
Aus dem Bad dröhnte das Geräusch eines Föhns die Mutter schien sich gleich zu eilen. In fünf Minuten würde sie herauskommen und das Gespräch weiterführen. Liselotte wollte das nicht.
Ich überlege, log sie und ging in ihr Zimmer.
Aber über das Auto nachzudenken, fiel ihr schwer. Sie würde es nicht hergeben. Was nun zu tun war, blieb unklar.
Liselotte studierte im letzten Semester an der Universität und verdiente nebenbei etwas als Englisch-Nachhilfelehrerin. Das Geld war knapp, aber zum Leben reichte es sofern man das ständige Beobachten und Kritisieren jedes Schrittes im Haus außen vor lässt.
Dirk war in die Familie gekommen, als Liselotte elf Jahre alt war. Die Mutter hatte ihn bei der Arbeit kennengelernt: groß, bartig, selbstbewusst und redegewandt. Das gefiel ihr. Der leibliche Vater war völlig anders still, nachdenklich. Nach der Scheidung zog er nach Berlin und rief nur selten an.
Anfangs bemühte sich Dirk. Er brachte Süßigkeiten, erkundigte sich nach der Schule, fuhr sie ein paar Mal ins Kino. Liselotte dachte: Vielleicht doch nicht so übel. Doch das währte nicht lange.
Kaum hatte Dirk das Haus fest im Griff, änderten sich die Dinge. Er befahl, statt zu bitten oder vorzuschlagen. Es war, als wäre Liselotte nicht die Tochter der Hausherrin, sondern eine Dienstmagd.
Mach den Tee. Räum hinter dir auf. Sei nicht laut. Schließ die Tür nicht zu knallhart. Dimm den Fernseher. Diese Liste wuchs täglich.
Und die Mutter? Sie verwandelte sich in Dirks Anwältin. Jede seiner Forderungen griff sie sofort auf und beförderte sie.
Liselotte, Dirk ist nach der Arbeit müde. Ist es denn so schwer, leiser zu gehen?
Liselotte, er hat doch recht. Warum die Musik so laut?
Liselotte, denk an die anderen.
Die anderen hieß in diesem Kontext Dirk. Wenn Liselotte für Prüfungen lernen wollte und um Ruhe bat, schienen ihre Bitten niemanden zu interessieren.
Wir sind nicht in der Bibliothek, sagte Dirk. Willst du Ruhe, geh in dein Zimmer.
Liselottes Zimmer war winzig, ein ehemaliger Abstellraum. Nur ein Bett und ein Schreibtisch fanden Platz. Wenn sie sich dort versteckte, drückten die Wände, die Luft wurde knapp. Ein Ausweg schien nicht zu existieren.
Nach und nach lernte Liselotte, unsichtbar zu sein. Sie kam nach Hause, wenn Dirk schlief, oder wenn er nicht da war. Sie aß in der Küche, wenn niemand hinsah, und beteiligte sich nicht an den Familiengesprächen.
Das funktionierte, bis die Autosache begann.
Am nächsten Morgen klopfte die Mutter an ihr Zimmer.
Liselotte, bist du wach? Wir müssen reden.
Liselotte setzte sich aufs Bett. Ihre Mutter trug ein neues, offensichtlich teures Kleid, die Haare sorgfältig frisiert. Sie war eindeutig unterwegs.
Ich hör zu.
Dirk war gestern verärgert. Er dachte, du würdest das Auto sofort akzeptieren.
Warum dachte er das?
Die Mutter setzte sich ans Bett, blickte aus dem Fenster.
Liselotte, du weißt ja Dirk und ich planen zu heiraten. Wir wollen alles schön machen, die Gäste einladen. Und das Geld du weißt, wie es gerade ist.
Liselotte schwieg.
Dirk braucht das Auto für seine Arbeit. Er hat eine neue, verantwortungsvolle Position, muss durch verschiedene Stadtteile fahren. Öffentliche Verkehrsmittel sind zu umständlich.
Er soll sich eins kaufen.
Wofür?, erhob die Mutter die Stimme, beruhigte sich dann schnell wieder. Liselotte, wir sind doch Familie! Dirk hat schon so viel für dich getan
Was genau hat er für mich getan?, fragte Liselotte.
Die Mutter suchte nach Worten, blieb dann einfach stehen.
Na ja er hat dich erzogen, wie ein richtiger Vater. Hat dir bei den Hausaufgaben geholfen
Er hat dich angeschrien, das wollte ich sagen.
Sag das nicht!, sprang die Mutter vom Bett. Er hat es versucht! Und du bist immer undankbar gewesen. Dein Vater hat dich vernachlässigt, das ist das Ergebnis.
Im Zimmer wurde es still. Liselotte sah ihre Mutter an, erkannte sie kaum wieder. Früher waren sie eng verbunden, die Mutter hatte sie beschützt, nicht einen fremden Mann verteidigt.
Ich gebe das Auto nicht her, sagte Liselotte.
Dann such dir woanders ein Zuhause, antwortete die Mutter kalt und ging.
Allein blieb Liselotte zurück, ihr Herz war schwer, das Atmen fiel ihr schwer. Sie hätte nie gedacht, dass es so weit kommt.
Am Abend, als Dirk von der Arbeit kam, begann im Haus ein kleines Theaterstück. Durch die dünne Wand hörte Liselotte ihr Gespräch.
Na, hast du mit der Tochter geredet?, fragte Dirk.
Ja, sie weigert sich.
Klar. Dann müssen wir sie anders erziehen. Zu großzügig war sie bisher.
Dirk, sie ist noch jung, versteht das nicht.
Und wann versteht sie es? Wenn sie selbst Mutter wird? Nein, Lieselotte. Wenn wir sie jetzt nicht zurück auf den Platz setzen, sitzt sie bald am Hals.
Die Mutter murmelte etwas, zu leise, um gehört zu werden.
Hör mir gut zu, fuhr Dirk fort. Entweder sie gibt das Auto zurück, oder sie zieht aus. Ich will nicht in einem Haus wohnen, das mich nicht respektiert!
Und wo soll sie dann hingehen?
Das ist nicht dein Problem. Sie ist erwachsen, Zeit, selbstständig zu werden.
Nach diesem Gespräch konnte Liselotte bis zum Morgengrauen nicht schlafen. Sie lag wach und dachte: Wählt die Mutter wirklich Dirk?
Die Antwort kam nach zwei Tagen. Die Mutter trat mit ernstem Gesicht in ihr Zimmer.
Liselotte, Dirk und ich haben beschlossen: Wenn du nicht mit uns zusammenlebst, ziehst du aus.
Mama, meinst du das ernst?
Ja, du bist erwachsen, du verdienst es, deine eigene Wohnung zu haben.
Liselotte sah ihre Mutter lange an.
In Ordnung. Ich ziehe aus.
Die Mutter hatte mit Tränen, bittere Worte und vielleicht einem kleinen Drama gerechnet nicht aber mit dieser ruhigen Zustimmung.
Liselotte vielleicht überlegst du es dir noch?
Worüber soll ich nachdenken? Du hast deine Entscheidung getroffen! Jetzt treffe ich meine.
Die Wohnungssuche dauerte weniger als eine Woche. Liselotte fand ein Zimmer in einer kleinen Wohngemeinschaft nahe der Universität. Billig, aber sauber und geräumig. Die Vermieterin, eine ältere Lehrerin, gefiel ihr sofort sie redete leise und mischte sich nicht in Liselottes Angelegenheiten.
Als Liselotte ihre Sachen packte, stand die Mutter in der Tür und sah zu.
Vielleicht haben wir das falsch gemacht, begann sie.
Mama, das ist in Ordnung.
Du verstehst ja, ich wollte dich nicht rauswerfen. Nur Dirk
Dirk ist wichtiger. Ich habe es verstanden!
Die Mutter weinte.
Sag das nicht. Du bist meine Tochter.
Ich war einmal deine Tochter, antwortete Liselotte ruhig, während sie Bücher in einen Karton packte.
Die ersten Wochen in der WG waren hart nicht wegen des Alltags, denn Liselotte war daran gewöhnt, sondern weil sie begreifen musste, dass ihre Mutter einen fremden Mann über die eigene Tochter gestellt hatte.
Doch allmählich stabilisierte sich ihr Leben. Sie verdiente mehr Nachhilfestunden, die Kundschaft wuchs. Das Geld reichte nicht nur für Essen und Miete, sondern auch für kleine Freuden.
Sie konnte essen, wann sie wollte, Musik hören und ab und zu Freunde einladen. Niemand kommandierte, niemand kritisierte, niemand machte Dramen.
Die Mutter rief selten an, meist zu Festen.
Wie läufts, Liselotte? Alles okay?
Ja, alles gut.
Willst du mal vorbeikommen?
Mal sehen.
Aber Liselotte fuhr nicht zu Besuch, und das verstand ihre Mutter.
Ein halbes Jahr später, als Liselotte bereits an das selbstständige Leben gewöhnt war, klingelte das Telefon spät abends. Die Stimme klang erschöpft und traurig.
Liselotte, kann ich zu dir kommen? Wir müssen reden.
Klar, komm vorbei.
Eine Stunde später stand die Mutter, müde, mit dunklen Augenringen, an der Tür. Sie setzte sich und schwieg lange.
Was ist passiert?, fragte Liselotte.
Dirk ist gegangen.
Wie?
Zu einer anderen Frau. Er hat sie bei der Arbeit kennengelernt. Sie ist zehn Jahre jünger als er.
Liselotte goss Tee und stellte die Tasse vor ihre Mutter.
Wann ist das passiert?
Vor zwei Wochen. Ich dachte zuerst, er kommt zurück. Gestern kam er nur wegen ein paar Sachen und sagte, er reiche die Scheidungspapiere ein.
Die Mutter begann zu weinen leise, erschöpft.
War ich zu dumm?
Liselotte hatte nichts zu sagen. Was bleibt da noch?
Sie tranken schweigend Tee. Dann fragte die Mutter:
Darf ich hier übernachten? Ich will nicht nach Hause, da erinnert alles nur an ihn.
Natürlich, leg dich aufs Sofa.
In der Nacht hörte Liselotte das leise Schluchzen ihrer Mutter. Sie wollte sie trösten, umarmen, aber alte Verletzungen hielten sie zurück.
Am nächsten Morgen beim Frühstück sagte die Mutter:
Liselotte, ich verstehe, ich habe falsch gewählt. Ich habe ihn über dich gestellt. Es tut mir leid.
Mama
Lass mich reden. Ich dachte, ich bräuchte einen Mann um jeden Preis, sogar wenn das bedeutete, meine eigene Tochter zu verlieren. Jetzt sehe ich: besser allein, als mit jemandem, der das Leben vergiftet.
Liselotte nickte.
Kommst du nicht zurück nach Hause?, fragte die Mutter leise.
Nicht. Ich habe mich hier eingelebt. Und ich bin jetzt jemand anderes, nicht mehr die, die ich früher war.
Anders wie?
Selbstständig. Unabhängig von fremden Launen. Und das gefällt mir.
Die Mutter seufzte.
Wollen wir noch Kontakt haben? Ab und zu treffen?
Ja, aber nicht mehr wie früher. Das wird sich ändern.
Als die Mutter ging, saß Liselotte noch lange am Fenster und dachte nach. Sie hatte Mitleid mit ihrer Mutter, aber Mitleid ist nicht Liebe. Vertrauen, einmal verloren, lässt sich nicht einfach mit einem Entschuldigungsgespäch zurückkaufen.
Sie nahm die Autoschlüssel, ging zum Spiegel. Im Spiegel sah sie eine erwachsene, selbstständige Frau.
Keine kleine Studentin mehr, die Angst hat, ihre Mutter zu enttäuschen. Keine Dienerin in einem winzigen Zimmer, die sich vor einem fremden Stiefvater versteckt.
Liselotte lächelte ihr Spiegelbild an.
Na dann, ab ins Abenteuer?, sagte sie und ging zur Tür.
Draußen schien die Sonne. Vor ihr lag ein ganzes Leben ihr eigenes Leben, trotz aller Fremdmanipulationen und Forderungen.
Und das war wunderbar!





