Brautglück mit 58 – Eine zweite Chance für die Liebe in Deutschland

Braut mit 58

Der Mai jenes Jahres war wild, beinahe schamlos. Der Flieder blühte derart überwältigend, dass einem abends schwindlig wurde süß, schwer, sodass man kaum Luft bekam. Die Apfelbäume bei Nina Teichmann standen ganz in Weiß da, wie Bräute. Das Gras wuchs kniehoch, saftig und tiefgrün. Schon morgens wärmte die Sonne, und die Luft über den kleinen Gärten flimmerte vor Hitze.

Es war gut so. Ruhig.

Bis zum Freitag.

Nina kenne ich schon lange. Dreißig Jahre bestimmt. Sie kam damals nach Birkenau als junge Ehefrau ihrem Teichmann hinterher, dem Heinrich Teichmann, unserem Mechaniker und blieb. Zwei Kinder hat sie großgezogen: Anton und Gerlinde. Sie arbeitete in der Bücherei, war still und ordentlich. Das Tuch saß immer gerade, der Mantel stets geschlossen.

Vor sieben Jahren ist Heinrich gestorben. Herzinfarkt. Nachts, ganz ohne Vorwarnung.

Ich erinnere mich noch, wie sie dastand, als wir Heinrich verabschiedeten aufrecht, weint nicht, knetet ihr Tuch in der Hand. Das war alles. Die Kinder standen neben ihr und hielten sie am Arm, aber sie wirkte wie aus Holz. Eine Woche später kam sie zu mir einfach nur, um ein bisschen zu sitzen. Ich stellte Tee auf, fragte nichts. Sie schwieg eine Stunde, dann sagte sie: Allein sein ist beängstigend, Monika. Es ist beängstigend.

Seitdem lebte sie so. Allein. Ruhig. Garten, Bücherei, Kinder nur an Feiertagen.

Dann kam Edgar.

Er kaufte ein Haus am Dorfrand vorletzten Herbst. Witwer, irgendwo aus der Nähe von Kassel. Seine Kinder wohnen in der Stadt, kommen nicht, rufen nur ab und zu an. Ein grundsolider Kerl, schweigsam. Hat sein Leben lang in der Fabrik gearbeitet, jetzt ist er Rentner. Legt Gemüsebeete an, hält Hühner, lebt sein bescheidenes Leben.

Wie es zwischen ihm und Nina zur Sache kam, habe ich nie genau gesehen. Ich weiß nur, dass er ihr im Winter half, Schnee zu schaufeln. Im Frühling reparierte er ihren Zaun, der schon schief stand. Ich habe sie manchmal zusammen am Gartentor gesehen er sagte etwas, sie hörte zu, nickte. Immer zurückhaltend, ohne Spektakel.

Im April kam sie dann zu mir, errötete dabei wie ein junges Mädchen:
Monika, er hat mir einen Antrag gemacht.

Ich sah sie an. Ihre Wangen ganz rot. Die Augen so lebendig so lebendig, wie ich sie Jahre nicht mehr gesehen hatte.

Und? frage ich.

Ich habe ja gesagt, sagt sie und lacht. Leise, in die Hand.

Ich nahm sie in den Arm, wie ich es kann unbeholfen, aber von Herzen.

Die Kinder erfuhren es Anfang Mai.

Am Freitagmorgen flog Antons Stimme über den Zaun zu mir, ich war gerade bei den Beeten. Seine Stimme scharf, städtisch, ganz ungewohnt für unser Dorf, besonders so früh morgens.

Mama, du bist achtundfünfzig! Ist dir das klar?

Ich richtete mich auf, lauschte.

Nina antwortete ihm etwas zu leise, ich verstand es nicht.

Überleg mal! Du kennst ihn drei Monate! Drei Monate, Mama!

Der Flieder wankte über dem Zaun. Ein Maienwind, warm, langsam.

Und überhaupt… das war jetzt Gerlinde was sollen denn die Leute sagen? In deinem Alter…

Ich ging ins Haus. Lauschen ist nicht meine Art.

Aber mein Herz tat weh.

Abends kam Nina zu mir. Klopfte leise an die Tür.

Ich öffnete. Da stand sie, drückte ein graues Tuch in den Händen wie damals vor sieben Jahren nach der Beerdigung. Die Augen trocken, aber rot.

Komm rein, sage ich.

Sie setzte sich auf die Bank. Ich stellte den Wasserkocher an, fragte sie nichts. Ich kannte sie.

Wir schwiegen zehn Minuten. Das Wasser kochte, ich goss Tee auf. Sie nahm die Tasse mit beiden Händen kalte Hände trotz Mai draußen.

Sie meinen, es ist zu spät für mich, sagte sie endlich.

Wer meint das?

Die Kinder.

Sie schwieg.

Anton meinte, es sei eine Schande. Gerlinde sagte, die Leute würden lachen. Sie blickte in die Tasse. Aber ich denke… Monika, ich glaube, vielleicht habe ich noch einmal… ein Leben. Ein richtiges. Sie sah mich an. Oder täusche ich mich?

Ich legte meine Hand auf ihre. Trocken sind ihre Hände, sonst flink heute bewegungslos.

Nein, du täuschst dich nicht, sage ich.

Sie blickte wieder in die Tasse.

Ich habe Angst, sagt sie leise, fast zu sich selbst. Wieder allein zu sein. Dass er… dass es wieder so kommt. Bricht ab. Ihre Schultern zucken ganz leicht. Mit Heinrich war alles gut. Und dann war ich allein. Sieben Jahre. Ich hab mich daran gewöhnt, dachte, das bleibt so. Und jetzt…

Ich sagte nichts. Was sollte ich? Es stimmt es macht Angst. Wieder zu lieben ist schwer, wenn man einmal alles verloren hat.

Edgar ist gut, sagt sie leise. Nicht der große Redner, aber gut. Hat den Zaun repariert nicht gebeten, einfach gemacht. Im Winter den Schnee geräumt, ohne ein Wort. Einfach so.

Ich sah sie an und dachte: Was ist denn schlecht daran? Warum nicht mit achtundfünfzig? Wer hat das erfunden, dass da Schluss sein soll?

Was sagt Edgar? frage ich.

Sagt: Entscheide du. Ich warte.

So hat er gesagt. Ich warte. Einfach und ehrlich.

Und, was wirst du tun?

Nina hebt den Kopf. Schaut mich an. In ihren Augen ist etwas Starkes, das dort schon lange wohnt, nur meist verborgen war.

Ich habe entschieden, sagt sie.

Die nächste Woche gaben die Kinder keine Ruhe.

Anton rief täglich an. Gerlinde schrieb eine lange Nachricht Nina hat sie mir später gezeigt. Da stand, sie mache sich Sorgen, sie kenne Edgar kaum, habe sie ans Erbe gedacht?

Das Erbe. Da war endlich der Kern der Sache.

Ich habe nichts gesagt. Ist nicht mein Ding. Aber nachgedacht habe ich.

Mittwochs sah ich Edgar am Gartentor. Stand da, sah auf das Haus. Blieb drei Minuten, ging dann weg. Trat nicht ein. Drehte sich nur um und ging langsam fort, die Hände in den Taschen.

Was er dachte, weiß ich nicht. Vielleicht: Ich will ihrem Leben keinen Kummer machen. Vielleicht wollte er ihr zuliebe zurücktreten. Nicht aus Eigennutz, sondern für sie.

Ein guter Mann. Das weiß ich sicher.

Am Samstag reisten die Kinder ab.

Vorher kam Anton noch einmal zu seiner Mutter. Ich sah die beiden über den Zaun, nicht absichtlich ich jätete Unkraut. Er sagte leise etwas. Sie hörte zu. Dann sprach er lauter:

Mama, denk drüber nach. Was werden die Leute reden?

Nina schwieg einen Moment. Dann drehte sie sich zur Gartentür. Öffnete sie langsam, mit beiden Händen. Blieb im Rahmen stehen.

Anton schaute sie an, sah auf die Tür. Sagte etwas, das ich nicht verstand. Stieg ins Auto. Fuhr davon.

Nina stand noch eine Weile in der Tür. Allein. Der Flieder schwankte, weiße Blüten regneten langsam herab.

Dann ging sie ins Haus.

Geheiratet haben sie Anfang Juni.

Still. Kein großes Fest, kaum Gäste. Im Rathaus unterschrieben, zwei Zeuginnen ich und Klara Schulz von der Post das wars. Nina trug ein blaues Kleid, das ich nie an ihr gesehen hatte. Edgar im weißen Hemd, mit Krawatte, etwas steif ungewohnt, aber er stand fest da. Reichte ihr an der Treppe die Hand warm und sicher.

Die Kinder kamen nicht.

Nina weinte nicht.

Nach dem Standesamt gingen wir zu ihr nach Hause saßen zu viert in der Küche, Klara brachte Heidelbeerkuchen, ich Erdbeermarmelade. Es gab Tee. Edgar schwieg fast, aber lächelte. Nina sprach mehr als sonst, ein bisschen hastig, nervös wurde dann ruhiger.

Nach zwei Stunden gingen Klara und ich.

Abends trat ich auf meine Veranda frische Luft schnappen. Der Juni roch anders: Nicht mehr nach Flieder, aber warm und weich. Das Gras war trocken, irgendwo hinter dem Dorf brummte ein Traktor ganz leise, fast nicht zu hören.

Ich schaute über den Zaun zu Ninas Garten.

Sie saßen zusammen auf der Bank unter dem Apfelbaum. Der war längst abgeblüht, das Laub war dicht und dunkel. Im Schatten wars angenehm. Edgar sagte irgendetwas, langsam, wie es seine Art war. Nina saß neben ihm, hörte zu. Neigte leicht den Kopf. Dann lachte sie leise.

Das erste Lachen des Tages.

Ihr Tuch lag auf dem Schoß. Nicht geknüllt. Nicht fest umklammert.

Es lag einfach da.

Ich stand noch einen Moment da, schaute hin. Es war leise. Nur der Hahn von Familie Baumgart kräht noch müde zum x-ten Mal, wie aus Gewohnheit. Und der Traktor ratterte irgendwo in der Ferne.

Dann ging ich ins Haus. Es gibt nichts mehr zu sehen.

Die Kinder riefen einen Monat später an. Anton, kurz angebunden, wegen irgendwas mit den Papieren. Gerlinde blieb länger am Hörer, weicher. Nina sagte anschließend: Sie gewöhnen sich. Nicht sofort, aber sie werden.

Vielleicht tun sie es auch. Zeit kann das schon.

Vielleicht aber auch nicht. Auch das ist Leben.

Wie es mit ihnen weitergeht, weiß ich nicht. Keiner weiß das. Aber ich sage euch eins, meine Lieben: Ich habe diese Bank unter dem Apfelbaum gesehen, ihr Lachen gehört und ich weiß, an diesem Abend war alles richtig.

Von Papieren weiß ich nichts. Von dem Gerede der Leute auch nicht. Aber das das weiß ich.

Sagt mir, meine Lieben: Wieso soll es mit achtundfünfzig zu spät sein? Oder meinen das nur die Kinder dass man der Mutter ein Alter zuweisen kann, nach dem echtes Leben nicht mehr erlaubt ist?

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Homy
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