Markus verließ als Letzter das kleine Teehaus am Bahnhofsvorplatz. Nach einem Glas Korn im eisigen Wind fröstelte er nicht einmal, zog nur den abgewetzten schwarzen Mantel enger um die Schultern und schlenderte langsam vom Wochenmarkt in Richtung seines Hauses.
Ins Teehaus ging er am Samstag weniger des Trinkens wegen, sondern um unter Menschen zu kommen. Zu Hause vereinsamte er nach dem Tod seiner Frau vor drei Jahren, und die Tochter war nach München gezogen, rief selten an. Also ging er samstags erst auf den Markt, dann ins Teehaus, das auch eine kleine Bierstube war. Heute hatte er kein Glück niemand zum Reden da.
Damals hatte er gleich nach dem Tod seiner Frau das Hausrat unter den Nachbarn verschleudert. Wozu braucht man noch ein Haushaltsgefüge, wenn der Markt doch gleich um die Ecke ist? Über seinen alten Schrebergarten beugte er sich noch häufig, werkelte im Schuppen. Im Winter saß er stundenlang zuhause an kleinen Holzarbeiten. Niemand mehr, der über die Späne schimpfte oder nachts seine schmerzenden Knochen belächelte das Alter.
Nur selten verkaufte Markus etwas von seinen Bastelarbeiten, zumeist verschenkte er sie. Als Handwerker sah er sich nicht, es war bloß mehr Beschäftigung, um die Hände ruhigzustellen.
Jetzt, auf dem Heimweg, fiel sein Blick auf eine kräftige Obstkiste aus frischen Planken, die mitten im Schnee am Zaun stand. Er schaute sich um sicher weggeworfen, hier, am Rand des Nürnberger Marktes, stapelten sich solche Kisten jeden Samstag. Er packte sie und wollte weitergehen.
He, du Drecksack! Lass sofort die Kiste da!
Beleidigt blieb Markus stehen und drehte sich um. Kein Zweifel, die Worte trafen ihn. Vor ihm stand eine stattliche, bäurische Marktfrau, das Gesicht scharf geschnitten, aufgedunsen von Kälte, mit grauer Schürze über der Jacke, dicken Wollstrümpfen, Filzschuhen und geblümtem Kopftuch Annegret war ihr Name, wie er wusste. Sie kam gerade aus ihrem Metallkiosk, vielleicht zwanzig Meter entfernt.
Hab ich gesagt, die Kiste bleibt hier, du alter Zausel! Was glotztn so?
Markus hasste Grobheit, schluckte sie aber meist runter. Heute jedoch, wohl vom Korn beschwingt, war er ein Stück kühner, warf die Kiste zu ihren Füßen.
Da, friss sie doch!
Die Kiste landete auf der Ecke, sie bückte sich, sammelte fluchend die zerbrochenen Bretter auf.
Markus hörte schon nichts mehr von ihrem Gezeter. Solche Marktfrauen hasste er besonders: laut, zudringlich, sie hielten sich für die Herrscherinnen über den Stand. Ein Jahr zuvor hatte sich so eine Frau aus der Nachbarschaft an ihn rangemacht zuerst kam sie mit einer Flasche Obstler vorbei, klagte ihr Leid. Dann war sie plötzlich ständig da, stellte alles um.
Sag mal, Annegret, was willstn du wirklich von mir?
Ach, als ob du das nicht weißt! Ihre Augen waren gierig und prüfend. Wir sind doch beide noch nicht so alt, kein Grund allein zu versauern!
Schon klar. Aber …
Einzige Bedingung, unterbrach sie, du kommst zu mir. Ist für dich vorteilhafter, glaub mir. Mein Haus ist größer, der Garten auch. Kochen tu ich gern. Und deine Wohnung verkaufst du das Geld können wir brauchen fürs Zusammenziehen.
Ach, verkaufen …
Klar! Wozu die Bude noch halten? Bei mir ists warm, gibts immer Kuchen …
Schon mal mit mir gesprochen, wie ich das finde?
Hiermit tu ich das! Ist doch logisch. Keller ist bei mir aus Beton, und dein …
Sie schwärmte vom gemeinsamen Leben, hatte alles längst ausgedacht. Markus wurde das Ganze rasch widerwärtig und wies sie ab. Seitdem grüßte sie nicht mehr.
Er hatte sich an das Alleinsein gewöhnt. Er dachte oft an seine Frau: ruhig war sie gewesen, stets freundlich, und leise aus dem Leben geglitten im Universitätsklinikum Erlangen. Er hatte ihre kalte Hand gehalten.
All das rauschte ihm durch den Kopf in einer Sekunde während er weiterging.
Wenig später hörte er hinter sich das Krachen von Holz und einen Schrei. Als er sich umsah, lag die Marktfrau auf dem Rücken, dick eingemummelt, im Schnee, ringsherum die Bruchstücke der Kiste. Offenbar hatte sie sich, wie immer, auf ihre Kiste gesetzt aber diesmal war sie zerbrochen. Sie ruderte, versuchte sich hochzustemmen, rutschte aber wieder weg.
Markus eilte zurück. Wie sollte er nicht helfen? Er gab ihr die Hand, sie packte fest zu, fauchte zwar, aber der Blick war dabei verzweifelt und müde. Laut stöhnend kam sie langsam wieder auf die Beine.
Kaum wieder stand sie, verwandelte sich die Hilflosigkeit in Wut: Nun war natürlich Markus an allem schuld auch am Bruch des Kastens.
Du Blödmann! Wie kannste nur du Saufkopf! Die Kiste war mein Lieblingsstück, jetzt hinüber. Verfluchter Depp!
Sie schimpfte weiter, während sie den kaputten Kasten auflas und knurrend zum Stand schleppte, wütend und gekränkt.
Markus blickte ihr nach. Irgendwie war er empört und er schämts sich fast zuzugeben auch gerührt.
Am nächsten Morgen trat er schon in der Dämmerung vors Haus, blinzelte in den Himmel, schätzte das Wetter wie immer meistens lag er mit seiner Prognose besser als der Deutschlandfunk. Bald schon saß er wieder im Schuppen, warm eingemummelt in seiner alten Lodenweste und hobelte liebevoll eine robuste Eichenplanke ab. Er roch den feinen Duft, strich über das helle, glatte Holz. Die Beine der Bank sägte er aus einer durchgehenden Latte, massiv und standfest.
Zwei Tage später war eine helle, leichte, doppelt lackierte Bank fertig, die er zum Markt trug.
Annegret verkaufte von ihrem Stand aus alles: Schmalzstullen, Wasser, Zigaretten, Sonnenblumenkerne, sogar Lose und allerlei Kram. Über dem Fenster prangte ein Schild: Alles da!. Er kaufte eine Tafel Schokolade, dann zückte er ein paar Euro.
Die da bitte, einmal!
Sie griff nach den Geldscheinen graue Handschuhe mit abgeschnittenen Fingern und erkannte ihn. Sie schob barsch das Geld zurück.
Wird nicht verkauft!
Warum das denn? Liegt doch da im Fenster!
Ich verkauf nicht an solche Ziegenböcke wie dich! Sie sah stur an ihm vorbei.
Ach so, brummte er, plötzlich wieder auf den Boden der Tatsachen geholt, Ziegenböcke essen keine Schokolade. Vielleicht hätte ich dir die sogar gelassen.
Oooch, spar dirs! Die Kiste stand doch was stört die dich? Musst du alles kaputtmachen! Ihr Kerle seid alle gleich!
Na, bin doch bloß ich.
Nee, alle! Sitzen kann man ja nirgends in Ruhe, ihr kommt immer und macht alles platt. Am liebsten …!
Er beugte sich durch das Fenster innen stand statt einer richtigen Sitzgelegenheit ein armseliger Hocker mit Loch. Es war kaum Platz.
Was gaffst du so? Hau ab, hab gesagt, für dich gibts hier nix mehr zu kaufen!
Auch gut! Dann nimm wenigstens die Bank!
Was?
Die Bank!, er umrundete den Kiosk, rüttelte an der Tür verriegelt.
Lass das sein, sonst hol ich die Polizei!, diesmal weniger bedrohlich durch die Tür.
Er trat wieder vors Fenster, hob demonstrativ die Bank hoch.
Nimm sie oder ich zersäg sie gleich!, rief er und erschrak selber über sich; aber diesmal hätte er es beinahe getan.
Oh! Was ist das? Für mich?
Klar!, sie duzte ihn, also duzte er auch.
Sie tauchte kurz ab, kam aus dem Seitenfenster. Sah die Bank an, schüttelte den Kopf, nestelte verlegen ihr Haar unters Kopftuch, wurde plötzlich fast mädchenhaft scheu.
Warum gibst du die mir? Brauchst die doch selber, oder?
Wenn ich eine brauche, mach ich mir eine. Ist eh nur über. Er stellte die Bank ab und ging davon.
Warte also die Schokolade … soll ich … verkaufen?, rief sie ihm nur noch zögerlich hinterher.
Iss sie selbst!, murmelte er im Gehen.
Unterwegs schimpfte er leise, auf sie, auf sich und über die ganze Szene. Was für eine störrische Frau! Doch je weiter er sich entfernte, umso lebendiger erinnerte er sich an ihren verlegenen Blick, das fahrige Zurechtrücken des Kopftuchs. So alt war sie doch gar nicht. Nur kräftig eben.
Irgendwie kam es ihm in den Sinn, endlich seine Wohnung etwas in Schuss zu bringen. Viel schaffte er nicht, aber die Werkstattspäne waren raus, die Teppichläufer ausgeschüttelt, der Kühlschrank von Resten befreit.
Abends lag er erschöpft da und dachte an sie. War sie verheiratet? Er glaubte, nein. Diese raue Art das roch eher nach einem gebrochenen Leben. Wer verheiratet ist, hält die Kälte nicht den ganzen Tag in einem Kiosk am Nürnberger Markt aus. Und sie war schon im Rentenalter. Wäre sie verheiratet, säße sie nicht mehr dort.
Am nächsten Tag begann er einen besonderen Stuhl zu bauen einen, dessen Sitz höhenverstellbar war, das hatte er noch nie gemacht. Er brauchte Ersatzteile, stöberte am nächsten Tag auf dem Markt. Er umging ihren Kiosk. Warum, wusste er selber nicht genau. Vielleicht, weil das Geschenk noch nicht fertig war, vielleicht aber auch, weil die Tasche voll Teile war und er endlich loslegen wollte.
Einmal jedoch kam er am Kiosk vorbei. Sie beschimpfte gerade einen Kunden, beide schrien sich an. Der Mann stapfte verärgert davon.
***
Erst nach zwei Wochen wagte Markus sich mit dem fertig gebauten Stuhl zum Marktstand. Die Arbeit hatte viel Zeit gekostet. Er malte sich alles Mögliche aus: Bestimmt schleuderte ihm Annegret den Stuhl um die Ohren. Eine Bank war ja noch nachvollziehbar als Ersatz für die kaputte Kiste, aber ein Stuhl?
Er überlegte sich Ausreden: Der Stuhl steht beim Schuppen nur im Weg herum, ein Kunde hätte abgesagt … Oder so.
Beim Basteln fragte er sich: Was interessiert mich ihr Kiosk? Oder eigentlich sie? Marktfrauen wie Annegret sind keine Schönheiten, kräftig gebaut, nicht sonderlich gepflegt daran lags nicht. Es war der Ausdruck ihres Gesichts, als sie gefallen war: hilflos, verloren. Und später, als er die Bank überreichte. Sie konnte mit Geschenken längst nicht mehr umgehen das sah man.
Er schlich seitlich an den Stand, um nicht gleich erkannt zu werden und hörte plötzlich einen fremden Akzent. Im Fenster stand eine neue Verkäuferin: eine rundgesichtige Frau mittleren Alters, eindeutig aus Südosteuropa.
Was darfs denn sein? Frische Berliner heute!
Geben Sie mal zwei, stotterte Markus, mochte das Ölgebäck eigentlich nicht, aber nahms aus Verlegenheit.
Nehmen Sie doch gleich mehr!
Nein, reicht. Die Frau, die sonst hier war älter, kennen Sie die?
Frau Annegret? Bestimmt Geld von ihr zu bekommen? Müssen Sie nächste Woche kommen, wir wechseln uns ab.
Ach so Markus wusste nicht weiter. Sollte er jetzt den Stuhl abgeben? Eigentlich hatte er ihn für die Arbeit gebaut. Aber warum war es ihm so wichtig, dass ausgerechnet sie ihn bekam?
Wann ist sie wieder da?
Am Montag drauf. Soll ich was ausrichten? Frische Berliner! Kaufen Sie doch mehr!
Nein, schon gut , murmelte Markus und zog ab.
Ein bisschen stand er noch da. Dass ihm die Situation derart aufs Gemüt schlug, hätte er nicht gedacht. Er hatte sich beeilt und jetzt das für nichts.
Aus dem Bäckerladen kam eine Frau im weißen Kittel herein: Sag mal, Daria, wann ist Annegret wieder hier?
Übernächste Woche. Wieso?
Müsste ihr noch Geld geben. Sie hat geholfen, als ich nicht weiter wusste. Mein Mann lag im Krankenhaus, sie hat mir sofort was geborgt. So eine Hilfe!
Ja, mir hat sie auch schon geholfen. Sie ist eigentlich ein guter Mensch.
Sie ist nur unglücklich, das ist alles. Na, ich gebs ihr später.
Die Woche putzte Markus ungewohnt oft. Staubsaugen, Waschen war kein Problem, aber Fenster putzen? Die Blumen auf dem Sims waren eh längst vertrocknet, jetzt warf er sie fort und wischte die Fensterbank ab.
Früher hatte er immer Frauen im Haus: Schwiegermutter, Ehefrau, Tochter. Da war immer für alles gesorgt, er kümmerte sich mehr um Reparaturen. Dann plötzlich war er allein. Die Tochter bei ihrer eigenen Familie, Schwiegermutter und Frau verstarben schnell hintereinander.
Er hatte früher mit seiner Frau in einer Strickwarenfabrik gearbeitet, sie als Näherin, er als Schlosser. Sogar die gerüschten Gardinen nähte sie selbst. Sie lebten ordentlich, wie alle in Schweinfurt.
Jetzt blickte Markus in seine Vergangenheit, alles kam ihm bedeutungslos vor, wie ein Bewusstseinsschleier, der die Erinnerungen dämpfte. War das wirklich sein Leben gewesen? Weit weg, wie hinter dem Horizont.
So sollte es enden? Einfach so, leise? Vielleicht zog es ihn zu dieser rauen, lauten Marktfrau gerade deshalb weil er noch einmal etwas erleben wollte, was aus dem Rahmen fiel?
Er antwortete sich: Nein, das war es nicht. Warum dann? Es blieb keine Antwort.
Er wünschte sich, dass ausgerechnet sie einmal zu Besuch käme. Komisch, es gab doch genug andere Frauen?
Aber schließlich dachte er nur an sie.
***
Am nächsten Montag stand Markus früh auf, rasierte sich, putzte die Schuhe, packte den besonderen Stuhl und zog auf den Markt. Sie war da, hantierte mit Kisten, rechnete im Notizbuch.
Warten Sie! Einen Moment, ja?, murmelte sie, blickte dann auf: Und, was ist?
Guten Morgen! Alles gut draußen?
Ja, ja, alles gut! Was wollen Sie? Ich muss hier weitermachen!
Ich …, er zeigte ihr den halbfertigen Stuhl,
Was ist das?, sie kniff die Stirn.
Ein Stuhl. Für Sie. Als Ersatz für den Hocker.
Plötzlich fiel ihm auf, dass im Kiosk kein Hocker mehr stand, sondern ein alter Wiener Kaffeehausstuhl, mit einem dicken Polsterkissen drauf.
Ach, der Hocker ist weg?
Sie folgte seinem Blick, verstand schnell.
Warum interessiert dich der Hocker?
Gar nicht wirklich. Ich dachte nur … na ja …
Kaufst du was oder nicht?, fragte sie scharf.
Nein, seufzte er. Das letzte Mal hatte er die Berliner mit Mühe vertragen oder lags an seinem Essverhalten?
Sie wandte sich ab, zählte Flaschen weiter. Für sie war er bloß ein Kunde mehr.
Markus spürte, dass seine ganzen Träumereien absurd gewesen waren. Er hätte sich denken können, dass sie keinen Bedarf an Geschenken hatte. Er sah sich um dann trugen ihn die Füße von allein ins Teehaus. Würde er den Stuhl jetzt irgendjemandem schenken?
Dort jedoch waren frühmorgens keine Bekannten. Die jungen Serviererinnen lachten bloß. Verschenken wollte er das Werk auch nicht, lieber zog er sich zurück, trank wenig, schaute aus dem Fenster ohne Ziel. Dann packte er den Stuhl, setzte die Mütze auf und stapfte heimwärts.
Im Schneematsch knirschten die Sohlen, seine Gedanken kreisten. Plötzlich hörte er seinen Namen.
He!
Annegret saß unter den Sträuchern auf seiner Bank genau da, wo seine Kiste zerbrach. Die Beine in Filzstiefeln vorgestreckt, schwer atmend.
Warum warst du vorhin da? Hast du echt den Stuhl gemacht?
Ja, er baute das Sitzteil im Nu zusammen. Kann man in der Höhe verstellen, sieh her. Er setzte sich daneben.
Donnerwetter! Deine Hände können was. Wahrscheinlich ist bei euch im Haus alles piccobello.
Ach was, kaum noch. Die Küchenschränke … ewig vor, fang ich gar nicht erst an. Wozu auch? Ich bin allein die Sachen reichen so.
Ganz allein?
Ja. Er seufzte.
Er hatte keine Erwartungen mehr, alles erschien ihm nun peinlich. Einfach dazusetzen, das musste reichen. Sie wird schon bald wieder weg sein.
Ich arbeite deshalb am Stand, du. Da ist man wenigstens unter Leuten, zu Hause geht man völlig vor die Hunde, begann sie plötzlich. Mein Leben erst gings rauf, dann nur noch runter. Mein Otto starb früh, ich blieb mit dem Sohn allein. Wollte immer das Beste für ihn, hab ihn vielleicht zu sehr verhätschelt. Es waren harte Zeiten, verständlich, oder? Haus mit drei Zimmern hatten wir, Garten Aber irgendwas war wohl immer falsch in meinem Jungen.
Sie sprach, ohne ihn anzusehen, ihr Blick wandte sich der Straße zu.
Mit zwölf goss ihr Sohn Benzin über die Nachbarskatze und zündete sie an, fing an zu rauchen, später zu stehlen. Nach Polizei, Banken, Knast: Immer wieder neue Vorfälle. Nach der Armee rutschte er auf die schiefe Bahn, wurde Geldeintreiber für die Schutzgelderpressung am Markt. Das Haus an der Stettiner Straße wurde zur Räuberhöhle, sie musste irgendwann ausziehen.
Nach dem letzten Mal hat er mich krankenhausreif geschlagen. Nase gebrochen. In der Klinik hab ich noch gesagt, ich wär gestürzt ist ja mein Sohn, trotz allem. Dann hab ich die alte Hütte verkauft, mir eine Einzimmerwohnung gekauft, den Rest dem Jungen gegeben. Aber Ruhe ließ er mir nicht.
Nach der nächsten Strafe starb der Sohn im Gefängnis an einer Lungenentzündung zehn Jahre her.
Tja, seufzte sie, jetzt sind meine fünfzehn Minuten längst rum. Sie ließ sich von Markus helfen, aufzustehen. Der Stuhl?
Ist für Sie für den Kiosk. Der Hocker tat Ihnen doch auch weh.
Mhm. Danke dir. Soll ich was zahlen?
Nein, ist doch schnell gemacht.
Na gut mal sehen, ob er passt.
Geschenke waren sie offensichtlich nicht mehr gewohnt.
Wie lange ist der Stand heute offen?
Bis sechs ungefähr. Wieso?
Ich wohn hier ganz in der Nähe. Vielleicht treffen wir uns nach Feierabend auf einen Tee vielleicht?
Überrascht blickte sie auf.
Na, können wir machen, murmelte sie und hastete zurück an die Arbeit.
Kurz vor halb sechs stand Markus in der Nähe, versteckte sich halb hinter einer Litfaßsäule. Als sie den Kiosk abschloss, trat er an ihre Seite.
Soll ich tragen helfen?
Ach, du bists. Weißt du was? Ich geh heute direkt heim. Bin fertig. Außerdem den Stuhl kannst du ruhig wieder mitnehmen, fühlt sich seltsam an, drauf zu sitzen.
Sie trottete in Richtung Bushaltestelle davon in Filzschlappen, das schwarze Mantel, das Kopftuch, langsam, schwer. Markus blieb stehen, sah ihr nach, bis sie hinter der Ecke verschwand.
Sie hat sich nicht umgedreht.





