Kleines Goldgewicht

Kleiner Goldschatz

Annika stürmte in das erstbeste Geschäft, entschuldigte sich hektisch zwischen den Kunden, schob sich an einer prächtigen Säule vorbei, die die stuckverzierte, von Putten gesäumte Decke stützte. Sie rückte ihre Tasche auf der Schulter zurecht, reckte den Hals und beobachtete.

Vor dem Schaufenster liefen zwei Männer vorbei, lautstark diskutierend, wild gestikulierend. Eine alte Dame tappte hinterher, zog einen vollbepackten Einkaufstrolley hinter sich her. Die Räder drehten sich kaum, schon voller Schnee, und der Wagen rumpelte wie ein alter Schlitten über den Bürgersteig. Das Ding drohte ständig, Butterpäckchen, Eier, eine in Papier gewickelte Wurst, ein Bündel Würstchen und Mehltüten auf den Asphalt zu spucken. Die Frau biss die Zähne zusammen und schleppte den Wagen unbeirrt weiter. Schließlich eilte eine andere Frau herbei, redete hektisch auf sie ein, riss den Trolley an sich und hakte sich bei der Oma unter. Gemeinsam verschwanden sie in Richtung des großen Wohnhauses an der Ecke.

Annika schüttelte den Kopf, als wären all diese Menschen, die wie Marionetten an ihr vorbeizogen, fehl am Platz, als wartete sie auf einen ganz anderen.

Das Geschäft war voller Menschen. Überall wurde gedrängelt, geschoben, geschaut. Es roch warm und lebendig. Annika sah sich um: Ein Buchladen. Überall leuchtende Buchcover, dicke Bände, dünne Hefte, alles sorgfältig sortiert, eng nebeneinander gedrückt. In der Mitte lagen luxuriöse Bildbände mit Fotos von Tieren, Städten, Menschen vor Ehrfurcht traute sie sich kaum, so ein Meisterwerk überhaupt anzufassen. Schmutzige Straßenhände hinterließen vielleicht Spuren, das war doch fast eine Schändung

Annika blickte nach oben. Im ersten Stock waren Tassen voll mit Stiften, Ordnern, Notizbüchern, Karten und allerlei kleines Krimskrams. Sie hätte sich gern alles genauer angeschaut, vielleicht einen Schlüsselanhänger oder einen Stift gekauft, aber sie hatte anderes vor. Sie hielt Ausschau.

Plötzlich rempelte sie jemand von hinten an, sie geriet ins Straucheln, krallte sich an der Säule fest und ritzte sich dabei den Finger.

Entschuldigung!, nuschelte es hinter ihr. Annika wollte schon etwas erwidern, aber die Menschenmenge ließ sie zögern.

Der Finger brannte. Ein Grat im Marmor hatte die Haut aufgeschlitzt. Sie wickelte ein Taschentuch um den Finger und kehrte auf ihren Posten zurück.

Da war er! Endlich. Groß, dünn, mit Sommersprossen und leuchtend roten Haaren. In einer dunkelblauen Jacke, eine zu kurze Jeans, darunter ragen Socken mit Bananen hervor. Die Ärmel ebenfalls zu kurz, lange rote Hände baumeln hervor, Gänsehaut vom Frost. Auf den Ohren Kopfhörer, der Kopf wippt im Takt der Musik, wie eine Giraffe.

Timo , seufzt Annika leise, drückt den schmerzenden Finger an ihr Herz. Timo

Sie mochte alles an ihm das markante Gesicht, seine stets lachenden Augen, die spitzen Ohren, diese raue, tiefe Stimme, die nur echte Kerle haben. Selbst seine ulkige Gestalt fand sie unwiderstehlich.

Schon wieder am Warten?!, ertönte plötzlich eine schrille Stimme hinter ihr. Ihr Rucksack knallte auf Annikas Füße. Was bist du nur für ein Mensch, Meyer?! Der hat doch längst eine Freundin, aus der Parallelklasse. Die heißt entweder Clara oder Greta! Die Stimme dröhnte von Lisas Kopf, auf dem die rote Mütze thronte. Lisa aus der gleichen Klasse.

Was gehts dich an, Becker!, schubste Annika ihre Mitschülerin. Ich schaue mir doch nur Bücher an!

Sie griff wahllos ein dünnes Heft aus dem Regal und tat, als lese sie. Ah, ähm Knoten für Seeleute, sehr wichtig, Becker! Das kannst du nachher zusammenfassen! Ich habs eilig!”

Annika schob Lisas Rucksack beiseite, schlüpfte aus dem Laden und rannte über die Straße, bevor die Ampel auf Rot sprang. Hätte sie gezögert, wäre Timo aus ihrem Blickfeld verschwunden.

Natürlich wusste sie, wo Timo wohnte, kannte sogar den Stock und die Wohnung hatte sie alles heimlich herausgefunden. Sie wusste, wie seine Eltern heißen und sogar welcher Rasse der Familienhund war. Sie wusste alles, verfolgte Timo jeden Tag auf dem Weg zur Schule, immer darauf bedacht, nicht entdeckt zu werden. Es war zugleich aufregend und seltsam schön, ihm in sicherem Abstand zu folgen es kribbelte im Bauch und sie wollte gleichzeitig lachen und weinen.

Annika war erst vor kurzem mit ihren Eltern in diese Gegend gezogen, hatte alte Freunde und Gewohnheiten zurückgelassen, und tat sich schwer mit neuem Umfeld, neuen Gesichtern, neuem Zuhause. Am liebsten hätte sie sich einfach krank gemeldet, doch Timo war ihre Rettung. Jetzt hatte sie einen Grund, morgens aufzustehen, sich schnell zu frühstücken, der Mutter einen Kuss zu geben und in die entgegengesetzte Richtung zur Schule zu rennen nur um Timo am Hauseingang abzufangen. Sie schlich ihm wie ein kleiner Schatten hinterher, bis zur Schultür. Für ihn saß sie tapfer den langweiligen Unterricht ab, nur damit sie in der Pause mit den Großen auf dem dritten Stock Timo begegnen konnte. Die Hortkinder gingen lachend, rauften und schubsten sich; die Mädchen erwiderten schimpfend, kicherten und taten so erwachsen.

Annika streckte den Hals, wollte auf keinen Fall verpassen, wenn Timo zur Kantine ging oder an die frische Luft trat. Sie versuchte, unsichtbar zu bleiben, und doch war sie voller Hoffnungen auf einen zufälligen Blickkontakt.

Doch immer häufiger stolperte sie dabei über Lisa. Ein echtes Unglück! Wohin Annika auch ging, Lisa folgte, als hätte sie einen Schatten. In der Schlange vor der Kantine stand sie plötzlich hinter Annika, kaufte zwei Brötchen und reichte eins ihr rüber, während Timo schon mit einem anderen Mädchen verschwand. Neben Lisa stand sie dann, missmutig mit Brötchen in der Hand, abgelenkt von ihrem ständigen Gerede.

Auch heute hätte Lisa ihr beinahe den Jagdtrieb verdorben …

Nachdem Annika Timo nach Hause hatte gehen sehen, schlenderte sie langsam zurück. Zu Hause wartete ihre Mutter Ulrike, die heute Nachtdienst hatte, sicher mit dem üblichen Na, wie wars?, hörte aber eh nie richtig zu, sondern schickte einen gleich zum Mittagstisch. Ihrer Mutter war es wohl egal, dass in Annikas Innerem ein Feuer brannte, dass sie auf etwas wartete, im Zwiespalt lebte. Ulrike hatte eben ihren eigenen Trott: nicken, kochen, einkaufen, für den Vater die Brote schmieren, Annikas Hausaufgaben abhaken, alles nach Plan. Sie kannte diese festen Regeln fürs richtige Leben, wusste für alles eine Antwort wie man isst, schläft, sitzt, wie man sich die Haare wäscht, die Nägel lackiert, was man anziehen sollte. Annika hatte da ein wunderschönes Kleid, ein Geschenk von Tante Sabine, das ihre Beine so schlank und elegant wirken ließ. Sie wollte es einmal zu einem Fest anziehen, träumte davon, dass Timo sie in diesem Kleid sehen würde die Aufregung schnürte ihr fast den Atem ab.

Bist du verrückt?! So ein Teil kann man allenfalls im Garten anziehen Und selbst da das ist doch peinlich! Zieh die Hose an, die du dir ausgesucht hast!, hatte Ulrike streng gesagt.

So hängt das Kleid weiterhin im Schrank

Ulrike wusste alles, verstand aber so wenig. Sie schien auch ihren Mann, Annikas Vater, nicht zu lieben sie lebten zusammen, weil es einfacher war. Bei Annika sollte alles anders werden! Sie würde später einen Mann, Romantik, Blumen, Schwüre haben. Wie schön wäre es, wenn Timo derjenige wäre

Na du?, lugte die Mutter im gestreiften Küchenhemd aus der Küche, das für Annika immer aussah wie eine Gefängniskluft. Hände waschen, Essen kommt! Los, setz dich endlich. Es wird sonst kalt. Ich habe Bohnensuppe gekocht, die ist scharf, mit Knoblauch!

Ja, ich komme ja schon, warf Annika ihre Schultasche in die Ecke. Es reichte ihr alles. Immer dieser Eintopf, wozu überhaupt all das? Ist das wirklich das Leben ihrer Mutter? Sie schaute zum Fenster hinaus da draußen wühlte Jonas, durchgefroren und voll Schnee vom Spielen.

Mensch, wer schleppt dir den an?!, murrte Annika.

Wen? Wie, zeig mal!, schob sich Ulrike ans Fenster. Ist das nicht dein Mitschüler? Was treibt der im Schnee? Der wird noch krank. Hol ihn lieber rein, zum Mittagessen!

Ich will den nicht einladen! Das ist Jonas aus dem dritten Haus der verfolgt mich überall …

Ach, komm schon! Ich lerne ihn mal kennen. Mich interessiert das!, lächelte Ulrike.

Annika staunte. Seit wann interessiert dich das? Du hast aus meiner alten Schule ganze zwei Mütter gekannt, weil die eine im Elternbeirat war und die andere dir mal die Zähne gemacht hat! Ich rufe doch jetzt nicht aus dem fünften Stock nach Jonas! Soll er doch im Schnee herumkugeln wie ein kleiner Hund …

Dann mache ich das!, Ulrike riss das Fenster auf, ließ kalte Januarluft herein und rief: Jonas! Ja, DU! Komm hoch in Wohnung 27! Ist Mittag, kannst dich aufwärmen. Wir trocknen nachher deine Schuhe!

Annikas Gesicht entgleiste, sie ließ den Löffel fallen und verzog sich.

Mann, Mama, warum blamierst du mich immer?! Wie auf dem Land!

Ach komm schon, dann erkältet er sich halt nicht. Der steht doch jeden Tag unter unserem Fenster rum. Ich geh ihn reinlassen.

Jonas stand auf der Schwelle, Mütze und Handschuhe voller Schnee, eiskalt und rot gefroren.

Guten Tag, sagte er, wohnt Annika hier, oder hab ich mich vertan?

Ja, herein. Häng alles auf, ich nehme dir das ab, schüttel den Schnee aus …

Mit einem Lächeln, das mehr sagte als tausend Worte, dachte Jonas: “Was für eine angenehme Mutter Annika doch hat! Lustig, herzlich, gastfreundlich. So anders als meine. Bei uns zu Hause muss man immer artig sein, ja nichts erlauben. Mein Vater hat früher Gitarre gespielt Westernhagen laut gegrölt bis Mutter das Pöbeln verbot. Ich habe es geliebt, daneben zu singen, falsch zu klatschen aber das zählte als unpassend und wurde schnell abgestellt…”

Jonas zog die Schuhe aus, stellte sie ordentlich auf die ausgelegte Matte und hing die Jacke ganz akkurat auf.

Sorry, ich habe ein bisschen Dreck gemacht, murmelte er.

Ulrike lachte: Ach Quatsch, komm rein und iss was!

Annika knallte den Teller auf den Tisch, warf einen Brotkorb daneben.

Was willst du hier überhaupt?, fragte sie schroff.

Deine Mutter hat mich eingeladen. Wenns dir nicht passt, kann ich auch gehen. Jonas setzte sich aber trotzdem hungrig und bedankte sich. Danke!

Annika grummelte.

Weißbrot oder Roggen?, fragte sie.

Wie bitte?

Das Brot, Jonas! Roggen ist von gestern.

Dann Roggen. Und du? Soll ich schneiden? Du musst auch essen, du hast doch gleich noch Kunst …

Annika blinzelte, Jonas wurde rot. Ja, er kannte ihren Stundenplan, hatte alle eigenen Hobbys aufgegeben, nur um sie zu begleiten …

Euer Messer ist stumpf. Habt ihr einen Wetzstein?, suchte er umständlich. Annika lachte trocken, Ulrike schnappte sich das Messer unter der Spüle.

Jonas wetzte, Ulrike und Annika schauten ihm stumm zu.

Jetzt gehts! Wo ist das Brot?

Mit einem krümeligen Schwung schnitt Jonas die Kruste an, Kümmelduft stieg auf, Ulrike nickte zufrieden.

Esst, ich hab noch was zu tun, verabschiedete sie sich.

Sie aßen schweigend, Jonas schleckte sich zufrieden die Lippen Ulrikes Suppe schmeckte ihm sehr.

Ich spül das ab, du mach das Wasser heiß für den Tee, sprang er auf.

Jetzt komm mal runter!, knurrte Annika. Mach dich nicht zum Butler! Geh heim, trink da Tee!

Jonas hielt kurz inne, spülte dennoch alles ab, trocknete sorgfältig ab und zog sich zurück.

Annika stand am Fenster. Da stapfte er, in seiner albernen Mütze. Was solls, schneidet feine Brote ihr Vater ist da noch geschickter! Und Timo, Timo sicher der wahre Profi!

Sie malte sich plötzlich aus, wie Timo zu Besuch käme, sich für nasse Schuhe entschuldigte, von Annika abgewunken, als wäres nichts. Dann in der Küche, wie Annika ihm Mutters Suppe anbot. Welch Ehre, dass dieser Coole von ihrem Geschirr aß und das Essen lobte. Dann würde es Kuchen geben Annika liebte die Traumtorte aus der Konditorei unten dahinfliegende Gedanken …

Was ist denn, Annika?, fragte Ulrike aus der Tür. Wo ist Jonas?

Weg. Er hat zu tun …, Annika goss sich Tee ein.

Na ja magst du einen Keks dazu? Jonas ist ein guter Kerl, wusstest du, dass er sogar den Flur geputzt hat? Guter Hausmann. Solche Kerle sind selten!

Hausmann? Er ist fast einen Kopf kleiner als ich und hat Würstchenfinger! Mama!

Wie sagt man in Deutschland? Kleiner Goldschatz aber er ist viel wert!

Wer sagt sowas? Alte Omas auf der Parkbank? Ach Mama, ich kenn schon echte Kerle in der Schule, sportlich und cool …

Aha, dieser rothaarige, den du immer beobachtest?, zog Ulrike sie in den Arm.

Annika lief rot an, riss sich los und verschwand. Lass mich in Ruhe! Wie kannst du nur?!…

Ulrike ließ sie. Sie wusste, wie es war, jung zu sein. Damals hätte auch sie gern mit ihrer Mutter über alles geredet Aber sie hatte sich nicht getraut.

Das Gleiche geschah nun bei Annika und Ulrike wusste nicht recht, wie sie helfen sollte.

Einmal fand sie einen Brief unter Annikas Kissen, darin drehte sich alles um Liebe, um Sehnsucht, um Schneeflocken und Sternenlicht. Man sollte eigentlich keine fremden Briefe lesen. Aber heute heißt es ja überall, man müsse hingucken, wies den Kindern geht

Der Brief blieb unter dem Kissen, aber Ulrike erinnerte sich abends daran, wie sie einst Annikas Vater kennenlernte sie stritten sich im Bus, weil er ihr auf den Fuß trat, später schenkte er ihr einen Strauß riesiger Gänseblümchen. Bis heute jedes Jahr. Auch Annika würde hoffentlich ihr Glück finden.

Am nächsten Tag beachtete Annika Jonas demonstrativ nicht, wandte sich ab oder tat, als wäre er Luft.

Was bist du so anhänglich?! zischte sie in der Sporthalle.

Hat doch nichts mit dir zu tun. Hier ist eben wenig Platz, antwortete Jonas gelassen.

Annika rollte mit den Augen, wich ihm aus und stolperte fast über eine Bank, als Timo den Raum betrat. Ihr Timo! Groß, rothaarig, wunderschön.

Annika richtete sich auf, zupfte das Shirt, zog den Bauch ein warum bloß dieser Bauch? Ihre Schuhe sind zu alt und Timo sieht das alles!

Die Lehrerin kündigte an, heute würde der Sportkurs von Timo geleitet. Die Jungs motzten lautstark.

Annika versteckte sich hinter Jonas, fuhr sich durch die Haare und war doch auf hundert Feuer und Flamme, ihrem Schwarm nahe zu sein.

Jonas seufzte: Na, das kann ja was werden. Er mochte Sport nicht.

Timo grinste, ließ alle im Kreis laufen.

Na klar, jetzt, stöhnte einer.

Timo blickte grimmig zu ihm. Annika auch.

Fünfzig Liegestütze!, bellte Timo. Annika zuckte.

Der Junge legte sich ängstlich auf den Boden und fing an. Alle anderen rannten.

Annika versuchte, vorneweg zu laufen, fröhlich, elegant.

Doch plötzlich stolperte sie irgendwer hatte ihr ein Bein gestellt, oder sich einfach nur geduckt es kamen alle ins Stolpern. Plötzlich lag der halbe Kurs im Durcheinander auf dem Hallenboden, Timo pfiff auf seiner Trillerpfeife.

Antreten!, rief er. Wer war schuld? Wer war das?!

Annika dachte, er würde den Schuldigen zu ihrem Sturz suchen, oder wenigstens den Übeltäter tadeln, doch dann:

Wer lief als erste wie ein Gaul vornweg und riss alle mit um? Zwei Schritte vor!

Meinte er sie? Sie, ein Gaul? Das war zu viel.

Alle schauten betreten zu Boden. Timo ging herum, machte sich über jedes Kind lustig die Figur, die Ohren, die Augen, abgebissene Nägel oder krumme Füße. Keiner wehrte sich.

Annika sah ihren Schwarm an aber das Idol wurde zum Spötter, zum kindischen Tyrannen.

Er verhöhnte Andreas wegen seiner schielenden Augen, machte sich über die hübsche, pickelige Irina lustig

Annika kämpfte mit den Tränen. So etwas hatte sie nicht erwartet ausgerechnet von Timo …

Plötzlich verstand sie: Weshalb leiden alle? Wegen ihr sie war gestürzt.

Annika wollte schon vortreten, wie Timo es forderte, doch Jonas streifte sie am Arm und flüsterte: Nicht tun, Annika. Das ist nicht richtig.

Ich wars. Ich hab das Rennen versaut. Und du, Timo du hältst dich also für den Größten? Nur weil man dir eine Trillerpfeife gibt, denkst du, alles ist erlaubt? Gott sei Dank wirst du mal kein Lehrer, Timo. Du bist eine Pfeife, kein Lehrer!

Annika schloss die Augen. Es tat weh, Jonas jetzt als Sündenbock zu sehen. Seil klettern, Sprünge, nichts für ihn doch Timo quälte ihn weiter. Jonas biss die Zähne zusammen, die anderen taten alles, was der Lehrer befahl.

Und Annika schwieg. Sie würde sich später oft daran erinnern, sich schämen, wünschen, sie hätte anders gehandelt. Aber verpasste Gelegenheiten bleiben eben, wie sie sind …

Auf dem Heimweg ging Jonas voraus, Annika hinterher. Sie hatte ein seltsames Bedürfnis, ihm zu danken. Jonas stapfte lässig voran, warf mit Schneebällen auf Laternen und Bäume, mal traf er, mal nicht.

Na, das kann ich auch!, rief Annika, warf und verfehlte. Sie lachten beide. Jonas nahm Annikas Tasche, sie trug seine Schulsachen. Zusammen gingen sie durch die Straßen, hörten Jonas Geschichten, lachten, fühlten sich frei.

Timo überholte sie, warf ihnen einen herablassenden Blick zu. Er mochte keine Schwächlinge, und für Händchenhalten war er sowieso zu cool. Er hetzte weiter, hatte ein Date mit einer älteren Schülerin, das war ihm wichtiger.

Warum läufst du ihm denn nicht hinterher, Annika?, blieb Jonas stehen. Das tust du doch sonst immer!

Annika runzelte die Stirn, zog die Mütze tiefer ins Gesicht. Komm lieber mit zu mir. Es gibt kein Eintopf mehr, aber Sülze ist da. Ich mag das zwar nicht, aber du bestimmt alle Männer lieben sowas! Magst du?

Sie rannten, rutschten aus, fielen hin und lachten aus tiefstem Herzen. Die mürrischen Passanten auf dem Weg begannen zu lächeln.

Hier, Sülze … aber die ist kalt! Dir tut was Warmes besser. Hm

Unsicher räumte sie den Kühlschrank aus. Eigentlich konnte Annika gar nicht kochen.

Komm, lass uns Pfannkuchen backen!, schlug Jonas plötzlich vor, krempelte die Ärmel hoch, bugsierte Annika sanft aus dem Weg und nahm Mehl, Milch, Eier zur Hand. Ich kauf morgen alles nach. Hab mein Taschengeld dabei.

Er setzte Ulrikes Sträflingsschürze auf, bat um einen Schneebesen …

Als später Ulrike und Martin, Annikas Vater, heimkamen, duftete es nach frischen Pfannkuchen, die ganze Küche war voller Lachen. Sie spähten durchs Glastürchen, schmunzelten.

Ihr seid entdeckt! Kommt schon rein!, rief Annika. Jonas backt gerade Zauberhaftes.”

Nachher, als das Geschirr gespült und der Tee dampfte, zeigte Jonas Annika noch, wie man Seemannsknoten bindet. Das Büchlein hatte er längst auswendig gelernt, weil Annika es ihm anvertraut hatte. Annika erlebte dabei ein warmes, unsicheres Gefühl sie wollte so sehr, dass alles für Jonas klappte, dass ihm ja kein Fehler passierte, damit er sich nicht schämte …

Er wurde ihr kleiner Goldschatz, ihr bester Freund, ein bisschen verliebt und immer großzügig. Später besuchte Jonas Annika und ihren Mann, Daniel, einen witzigen Informatiker. Er kam zuerst allein, dann mit seiner zierlichen Frau Carlotta, brachte im November frische Mandarinen aus dem Schwarzwald und fütterte Annika mit echtem Granatapfelsaft, als sie eine Blutarmut hatte. Er hörte Daniels liebevolles Genöle über die Familie, lachte nur. Er spielte mit Annikas Kindern, half beim Bau des Pavillons im Schrebergarten, fuhr mit zum Angeln und Campen. Und immer, bei jedem Besuch, backte Jonas seine perfekten, goldenen Pfannkuchen. Das Rezept ließ er Annika hundertmal da, aber so gut wie bei ihm wurden sie nie. So war er eben, ihr Goldschatz Jonas, der zwischen ihnen einen Seemannsknoten der Freundschaft gebunden hatte. Ganz fest, ein Leben lang.

Und ich, als Mann und Freund, habe daran gelernt: Wahre Freundschaft ist viel mehr wert als jede bewunderte Schwärmerei und hält meistens einfach ein Leben lang.

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Homy
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