Drei Lebensfäden. Drei Schicksale

Drei Fäden. Drei Schicksale

Was hat sie gesagt? Bärbel, ich habs akustisch nicht verstanden, was? Erika Wagner beugte sich etwas näher zu ihrer Freundin, Bärbel Schneider, die an ihrer Seite entlangging.

Bärbel begann ausführlich zu erklären, worüber die gerade an ihnen vorbeigehende Mutter und das etwa siebenjährige Mädchen gesprochen hatten.

Da ist so ein Rüpel in ihrer Schule, und sie hat ihm gesagt

Bärbel sprach so laut, dass alle es hören konnten. Erika hörte ihr aufmerksam zu, unterbrach sie nicht und schielte dann zurück, um das Mädchen noch einmal anzusehen sie nickte ihr hinterher.

Ein nettes, ordentliches Mädchen. Aber ganz schön verkopft, findest du nicht? stellte sie fest.

Wieso das? wunderte sich Erika, hakte sich bei Bärbel unter und zog sie voran, denn die Ampel zeigte schon länger Grün und die Autos warteten brav darauf, dass die beiden älteren Damen endlich die Straße überquerten.

Was? Ich versteh dich nicht, Eri, was? fragte Bärbel, sah sich verwirrt um, drückte ihre Einkaufstasche an sich und tappte eilig mit kleinen Schritten Richtung rettenden Bürgersteig.

Warum verkopft? wiederholte Erika nun lauter.

Ach so einfach deshalb!

Manchmal mochte Erika Wagner ihre eigenen Gedanken nicht erklären aus Bequemlichkeit, oder weil sie glaubte, alles sei sowieso klar.

Ein Mädchen, das es sich zur Aufgabe macht, den Tunichtgut in der Klasse zu disziplinieren? Ihm Vorhaltungen macht, ihn erziehen will? Nein, so funktioniert das nicht, Mädels! Das geht schief!

Erika schüttelte in Gedanken den Kopf, während Bärbel seufzte. Ihre Freundin war manchmal unerträglich mit ihrer mysteriösen Andeutungsweise. Aber ohne Erika wäre die Welt, die sich so sehr verändert hat, eigenen Regeln folgte und lauter geworden war, noch viel schwerer zu ertragen.

Erika Wagner und Bärbel Schneider waren Nachbarinnen. Ihre Wohnungen waren besonders: Jede hatte einen eigenen Ausgang zur Straße, keine Stufen, kein Aufzug sie wohnten in einem der ehemaligen Seitenflügel einer alten Villa, die einst einem preußischen Rittmeister gehörte und nach mehreren Besitzerwechseln zuletzt von einem bekannten Theaterregisseur genutzt wurde. Auf seine Frau hörend, baute er das Hauptgebäude zur Kunstschule um, und die Nebengebäude, früher Stallungen, wurden zu kleinen Künstlerwohnungen. Die Geschichte der Villa wurde durch die Zeit immer wieder durcheinandergewirbelt und nun, im halbkreisförmigen Flachbau, der einst als Stall diente, lebten die letzten Hartnäckigen: Bärbel, Erika und noch eine Freundin, Gisela. Alle drei verteidigten ihre vier Wände, zerrissen Angebote von Immobilienfirmen zur Auflösung, zum Kauf mit oder ohne Umzugsservice, zur Modernisierung oder Tausch.

Viele Interessenten gab es bei dieser Ecke Münchens, direkt am Maximiliansplatz, unweit des Künstlerhauses, der Residenz! Das Haupthaus gehörte nun der Kunstschule, aber die Seitengebäude, so hofften manche, könnten lukrative Privatobjekte werden.

Aber die alteingesessenen Damen, schon gebrechlich, verteidigten ihr kleines Reich hier spielte sich ihr Leben ab, hier wollten sie auch einmal Abschied nehmen.

Lass uns zu Gisela gehen, beschloss Bärbel bestimmt, trug eine Kuchenschachtel. Wir gratulieren ihr.

Was? Was hast du gesagt? Bärbel, schau mich an, ich versteh sonst gar nichts mehr! Erika zog ihre Freundin am Ärmel, spürte das unangenehme Gefühl, dass Bärbel eines Tages die Geduld verlieren, schimpfen und gehen könnte. Natürlich war Erikas Schwerhörigkeit anstrengend aber Bärbel war keine, die aufgab

Geduldig blieb sie stehen, beugte sich zu Erikas Gesicht, artikulierte langsam und deutlich. Erika nickte, beruhigte sich. Es war Gisela, bei der sie sich heute zum Geburtstag ihrer Tochter verabredet hatten. Marion, die Tochter, war längst erwachsen, hatte eine eigene Anstellung, kam selten vorbei. Das Fest sollte am Wochenende nachgeholt werden. Aber Gisela trug es ihr nicht nach.

Ich bin selbst Schuld, sagte sie, als die Gäste am schlicht gedeckten Tisch Platz nahmen. Und bitte, sagt nichts gegen meine Marion! Sie hob ermahnen den Finger aber keiner hätte etwas Schlechtes gesagt. Marion gehörte zur Familie, über sie wurde nur Gutes gesprochen!

Bärbel strich über Giselas zittrige Hand. Diese war dünn, knochig einst, als Gisela noch ein Mädchen war, hatte sie im winzigen Hof der alten Villa Unkraut gejätet, die schlimme Nachkriegszeit mit Gartenarbeit bekämpft. Sie grub mit einer riesigen Schaufel im schweren Boden und streute zart, wie ein Vögelchen, die Saat aus. Schwierig war es damals, kalt und hungrig. Die Mütter der drei Mädchen arbeiteten im Klinikum Bogenhausen, die Kinder blieben sich tagsüber selbst überlassen. Was sie fanden, aßen sie, was möglich war, kochten sie selbst. Abends brachten die Mütter Brot mit, manchmal sogar ein Stück Butter, das oft nach Holzspänen schmeckte. Aber sie jammerten nicht jeder hatte zu kämpfen. Doch sie hatten ihren kleinen Garten, wollten alles Mögliche pflanzen! Die Saat bekamen sie von Herrn Friedrich, einem freundlichen Rentner aus der Nachbarschaft, ehemals Landwirt. Er stritt ständig mit seinen Wohnungsgenossen, rauchte wie ein Schlot, aber die Mädchen, die im Stall wohnten, mochte er.

Kommt her!, winkte er damals Bärbel zu. Hier, Mädels, habt ihr Samen. Wenn ihr sie sät, wird das etwas! Ich helf euch dabei.

Anfangs glaubten sie selbst nicht an den Erfolg, aber es klappte: Zwei Köpfe Kohl wuchsen, kleine Gurken rankten und blühten; nur die Petersilie verdorrte frühzeitig. Herr Friedrich schimpfte, aber brachte ihnen als Versöhnung ein paar Knäckebrote.

Wenn der Krieg vorbei ist, bauen wir einen richtigen Garten an! Eure Väter werden stolz sein!

Doch er überlebte das Kriegsende nicht. Mit Schrecken sahen die Freundinnen, wie man ihn hinaus trug. Der Tod war allgegenwärtig, aber wenn ein Bekannter ging, war die Angst besonders groß Die Väter kehrten nie zurück; den Garten legten die Mädchen ohne sie an.

Nun saß Gisela, grau geworden, im Rollstuhl Bärbel hielt ihre Hand, Erika schnitt Gurken und verteilte das Brathähnchen. Auf dem Tisch standen kleine Gläser für die Preiselbeerlikör, den Gisela besonders mochte. Er sollte gegen den Winter helfen, für Marion getrunken werden auf die Beine, die vor fünf Jahren versagten.

Die Lähmung kam plötzlich und war besonders ärgerlich ein harmloser Sturz auf Glatteis, nicht einmal schlimm. Am nächsten Morgen waren die Beine gelähmt. Ohne Hilfe konnte sie das Telefon nicht erreichen. Die Jahre hatten aus der kleinen, schlanken Gisela eine schwere, unbewegliche Frau gemacht. Die Ärzte schoben es auf die Hormone, rieten zu Tabletten. Aber eigentlich war es einfach das Alter Dinge sollten beim Namen genannt werden

Gisela hörte, wie Bärbel hinaus ging, im Hof die Tauben fütterte, dann zum Einkaufen schlurfte. Ihre Wohnung lag nah am Boden, im Winter war der Fußboden eiskalt, man ging drinnen fast in Filzpantoffeln. Man sah wie im Fernsehbild, wer draußen vorbeilief.

Jetzt kommt bald auch Erika, die Langschläferin, dachte Gisela mit einem müden Lächeln.

Doch sie wagte es lange nicht, selbst um Hilfe zu rufen fror, hatte Hunger, musste auf die Toilette

Die Freundinnen suchten sie. Dass Gisela nicht zum Frühstück Radio oder Schallplatte anmachte, war ein Alarmsignal! Sie stand immer früh auf, nie verschlafen! Erst klopfen Bärbel und Erika bei ihr, dann kam auch der Hausmeister. Auf Druck öffnete er die Tür und stürmte mit den Frauen hinein.

Da lag Gisela, hilflos, und die geschickten Hände von Bärbel machten ihr das Bett, wuschen sie, zogen sie um. Bärbel war geübt, hatte ihren Mann gepflegt, als er nach einem Unfall querschnittsgelähmt war. Acht Jahre zuvor hatte sie ihn beerdigt, mit Trauer und einer dunklen Erleichterung.

Sein Leiden war groß, sagte sie am Grab. Nun hat er es besser. Dort, oben, ist er wieder gesund.

Warum ausgerechnet Bärbels oft griesgrämiger Mann in den Himmel sollte, verstanden nicht alle, aber sie ließen sie in dem Glauben gewähren.

Gisela kam ins Krankenhaus, nach langem Weinen und Grübeln über ihr Dasein und die Vergangenheit.

Mit 19 Jahren hatte sie Marion bekommen aus einer großen Liebe zu einem Jungen aus der Parallelklasse. Nach dem Schulabschluss war sie schwanger. Ihre Mutter schlug sie mit dem Handtuch, schickte sie zum Arzt, aber die Sache war nicht zu verhindern: Sie fuhr aufs Land zu einer Tante, bekam dort ihr Kind, arbeitete im Milchviehbetrieb, lebte zwei Jahre dort. Die Oma besuchte sie selten gewöhnte sich mühsam an das Enkelkind.

Der Vater des Kindes wollte sein Leben nicht verbauen lassen, hatte Karrierepläne, reagierte mit Rückzug. Auch die Familie wollte mit den Problemen nichts zu tun haben.

Als Marion zweieinhalb war, holte sie ihre Mutter zurück nach München. Erika und Bärbel wurden gleich die gewissenhaftesten Tanten, Marion pendelte zwischen beiden Wohnungen immer drei Paar Augen passten auf sie auf.

Es schien paradox: Gisela war erst ein Mädchen und plötzlich schon Mutter, wie sollte man das einordnen? Aber bald merkten die Freundinnen ihre Gisela war stets dieselbe, bloß etwas müder.

Sie machte ihren Fernstudienabschluss, arbeitete hart, erzog Marion. Ihre Mutter starb, als Marion neun war.

Dann kam eine ausländische Delegation zur Druckerei: ein charmanter Franzose! Keine Dienststelle hielt ihn, auch Gisela nicht, auch wenn sie ein paar Mal zu Gesprächen geladen wurde aber Liebe war eben nicht zu stoppen!

Bärbel und Erika staunten über die riesigen Geschenkkartons, die Pierre aus Paris brachte. Kleider, Puppen, Geschirr! Und dann fragte er, ob sie mit nach Frankreich käme.

Er hat eine Villa bei Paris, alles ist bereit für mich und ein Zimmer für Marion!, erzählte Gisela begeistert.

Und Marion?, fragte Bärbel skeptisch.

Sie bleibt erst in Deutschland, ich hole sie nach, wenn alles klappt, versuchte sich Gisela rauszureden sie war im Hochzeitsfieber.

Mama, wo ist mein Ticket? fragte Marion, von der Schule zurück. Was soll ich den Lehrerinnen sagen?

Du bleibst erst hier, das ist zu viel für dich Ich hole dich später

Da zerbrach Marion voller Wut Piers Vase, warf sein Geschenkgeschirr an die Wand. Sie erzählte später Bärbel, in diesem Moment sei etwas in ihr zerbrochen, ihr wurde der Atem abgeschnürt, alles schwarz.

Bärbel tröstete sie: Deine Mutter wird zurückkommen, du musst dann überlegen, ob du ihr verzeihst.

Sie erzählte von einer eigenen bitteren Erfahrung, als sie auf der Straße einer Frau vertraute, die ihr eine angeblich wertvolle Persianermütze anbot am Ende hatte sie nur alte Stofffetzen gekauft, keine Schönheit.

Gisela fuhr nach Frankreich. Marion verabschiedete sie nicht am Bahnhof, reagierte nicht auf Briefe. Gisela erfuhr nur über ihre Freundinnen das Nötigste.

Sie kehrte nach einem halben Jahr zurück zu lang für ein Kind in der Pubertät. Marion hatte null Lust mehr, sie zu sehen, alle Geschenke waren im Müll.

Und, hast du wenigstens geheiratet? fragte Erika leise.

Nein, schüttelte Gisela den Kopf. Pierres Familie wollte kein Kind aus erster Ehe, riet dazu, Marion freizugeben, Pierre sah es genauso. Da habe ich ihnen was erzählt und bin nach Hause.

Erika zuckte mit den Schultern: Vielleicht irgendwann. Sie muss erst erwachsen werden, vielleicht selbst Liebe erfahren. Dann versteht sie vielleicht. Aber entschuldigen kann ich dich nicht das war schon sehr dumm.

Zu der Zeit hatten Erika und Bärbel längst selbst eigene Söhne und konnten sich gar nicht vorstellen, das Zuhause so zu verlassen.

Aus Schuldgefühlen glaubte Gisela, das Schicksal habe sie mit der Lähmung bestraft.

Marion stellte eine Pflegekraft an, die mechanisch, oft grob, arbeitete. Gisela schwieg, weil sie auf Hilfe angewiesen war. Einmal kippte die Pflegerin versehentlich kochendes Wasser über Giselas Rücken. Die Frau rannte verschreckt fort. Gisela, nackt, verbrannt, weinte vor Schmerz.

Die Wände in der alten Villa waren dünn Bärbel kam zu Hilfe. Sie und Erika hatten einen Schlüssel zu Giselas Wohnung. Sie pflegten ihre Freundin wieder gesund, und Bärbel wurde zu ihrer festen Hilfe.

Ich kann das nicht annehmen, es ist beschämend. Wenigstens will ich dich bezahlen!

Quatsch!, zischte Bärbel. Geld besorg dir besser Verstand!

Wofür die falsche Scham? Sie hatten ein Leben gemeinsam geteilt, sich gegenseitig aus Notlagen gezogen, in den Luftschutzkeller begleitet, sich bei Bombenalarm gegenseitig Deckung gegeben da wird man doch kein Geld verlangen!

Das Thema Geld war schnell erledigt. Bärbel betreute also Gisela, anschließend spazierte sie mit Erika gemeinsam hinaus, die orientierungslos wurde, seit sie fast nichts mehr hörte. Bärbel nahm sie am Arm, führte sie die Maximilianstraße entlang, manchmal in kleine Parks oder den Hof der ehemaligen Villa. Sie erinnerten sich dann an ihre eigenen Kindheitstage, wie ihre Söhne die Hosen an den Bäumen zerrissen und sie im Zentrum unter den Lindenblüten saßen. Wenn die blühten, duftete es betörend! Erika sammelte die Blüten, wusste, wie man sie aufbewahrt und zubereitet. Sie hatten einen traditionellen Abend des Lindenblütentees, saßen zu dritt in Erikas winziger Küche, holten das feinste Porzellan hervor und brachten etwas Selbstgebackenes mit meist wurde doch wieder ein bayerisches Rezept daraus.

Im Gespräch schauten sie auf den Garten hinaus zu den tanzenden Lindenblüten. Gisela erzählte dann von Paris, Bärbel von den Künstlern, die sie im Museum kennengelernt hatte, Erika ehemalige Chemikerin in der Gummifabrik schwieg meist. Das Gehör ließ nach, sie wollte nicht, dass es die anderen merkten.

Als Kind war sie infolge eines Bombenangriffs schwer getroffen worden, die Ohren schmerzten jahrelang. Jetzt, in der Fabrik, lernte sie ihren Mann kennen 12 Jahre älter, sein Gesicht von Narben gezeichnet.

Was willst du mit mir? Such dir einen jungen Kerl, ich halt das nicht aus, wenn du mich verlässt!

Sie heirateten. In der Hochzeitsnacht vergewisserte Ivan sich immer wieder, dass sie nicht träumte, lauschte sogar auf ihr Atmen, die Geräusche im Haus, das Trommeln des Sommerregens aufs Dach, wie Erika Atem holte, alles. Der Brandfleck im Gesicht, das graue Haar das störte Erika nicht. Sie war seine einzige Liebe, aber früh wurde er ihr genommen, starb mit 55 im Schlaf. Erika weinte an seinem Bett, wischte ihre Tränen von seinem Gesicht, hatte Angst, ihn zu verbrennen.

Ihr Sohn Gregor holte die Freundinnen, sie weinten gemeinsam um ihn, Marion begann, ihre Mama langsam zu verzeihen. Stück für Stück.

Bärbels Mann mochte keiner der Freundinnen. Er war berechnend, sprach viel, tat wenig. Neue Vorhänge? Später. Kühlschrank? Erst sparen, dann doch nicht. Am Ende schimpfte er nur.

Warum hast du ihn geheiratet? fragte Erika, als ihr Mann selbst den Schrankkauf ablehnte.

Ich hatte Angst, dass ich sonst allein bleibe. Ihr seid schön, ich bin eine graue Maus. Wer nimmt mich schon? klagte Bärbel.

Lass dich scheiden! riefen die Freundinnen. Warum aushalten?

Ich kann nicht. Mein Sohn, Michael, mag seinen Vater, da ist Harmonie. Er würde das nicht verstehen. Nein, das geht nicht

Erika und Gisela verdrehten die Augen, zankten mit Andreas, bestanden auf ihrer Meinung. Doch plötzlich veränderte sich Bärbel, blühte auf, lachte.

Was ist los? fragte Erika. Wie kannst du jetzt fröhlich sein?

Bärbel errötete, winkte ab, vertraute dann an: Ich bin verliebt. Da ist jemand, der mich wirklich versteht

Sie weinte, und Erika schüttelte nur den Kopf. Mit ihren Moralvorstellungen würde Bärbel sich nie scheiden lassen, weder sich noch den anderen quälen.

Der Roman dauerte lang, endete erst, als Michael volljährig wurde und Andreas nach einem Schlaganfall im Beruf starb. Bärbel wurde seine Pflegerin, ließ sich von Schuldgefühlen quälen. Am Ende, als er tot war, lehnte Bärbel den Antrag ihres Freundes ab.

Michael würde das nicht verstehen, das wäre Verrat. Ich habe Andreas so viel geschadet.

Der Mann verließ München, schrieb nie. Er hatte Bärbel aus ihrer Opferrolle nicht befreien können, leider.

Die Jahre vergingen, die Nachbarinnen wurden alt wie die Villa. In der Kunstschule wuchsen junge Talente heran, und die drei Damen hörten von Zeit zu Zeit den Konzerten im Festsaal zu.

Gisela im Rollstuhl mit wärmender Decke, Bärbel im feinen Kleid mit Perlengürtel, Erika nur der Gesellschaft wegen in grau, mit bequemen Schuhen und abgenutzter Handtasche. Immer trugen sie Spitzenhandschuhe, als Reminiszenz an Giselas Pariser Vergangenheit.

Vorwürfe brauchst du dir nicht mehr machen, Gisela, sagte Bärbel beim Torte schneiden. Marion ist jetzt selbst Mutter, weiß, was Liebe bedeutet. Pierre kann sie ruhig verachten, aber du bist ihr wichtig geblieben.

Ja, ja! bekräftigte Erika. Jungsein ist hart und kompromisslos. Später sieht man die Zwischentöne. Damals hat Marion es nicht verstanden, doch Liebe wächst und Pierre bleibt trotzdem ein Schuft

Sie setzten noch ein letztes Mal den Wasserkocher auf, es gab keinen altmodischen Samowar, aber der elektrische spendete eine heimelige Wärme. Seine spiegelnde Oberfläche zeigte verschleiert die Zeiten, Generationen, die ihn pflegten.

Draußen raschelte der Wind durch feuchtes Laub. Der Herbst nahte, die letzten Blumen im Hofe beugten sich schon traurig. Wärme lag noch in der Luft, aber bald kam die Kälte.

Ein Auto hielt vor dem Haus, Lichter blinkten. Stöckel klapperten über den Gehweg, bis zur Tür. Gisela hielt den Atem an.

Die Klingel schrillte. Bärbel öffnete, Marion trat ein, küsste sie, eilte in Richtung Küche.

Höchste Zeit. Sie wartet. Geh rein, mein Kind! Alles Gute zum Geburtstag, Liebling!

Marion brachte einen Strauß Lieblingsdahlien, tief violett-gelb. Hinter diesem großen Strauß verbarg sich die Tochter, die Tränen in den Augen hatte sie konnte kaum glauben, dass sie schon lange verziehen war. Oder hatte sich selbst nie vergeben Und doch war sie voller Freude: An diesem Tag hatte sie selbst eine Tochter bekommen, ein kleines, rothaariges Mädchen, geborgen im rosa Tuch. Glück!

Wenn Sie heute durch das Fenster jenes kleinen, halbkreisförmigen Hauses hinter dem Hauptgebäude der alten Villa blicken, sehen Sie drei freundliche alte Damen. Sie lachen, trinken Tee, erinnern sich an vergangene Tage und warten auf ihre Kinder, Enkel, Urenkel die ihrem Leben Sinn und Tiefe schenken. Bald werden sie gehen, werden sich im Vergessen auflösen. Darum sollte man jede Minute mit geliebten Menschen nutzen und ihre Nähe schätzen das ist durch nichts zu ersetzen.

Das Leben ist ein Geflecht aus vielen Fäden: Wo Verständnis, Verzeihen und Liebe walten, können auch schwere Zeiten zu neuen Blüten führen.

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Homy
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Drei Lebensfäden. Drei Schicksale
Eines Tages im Dorf