Einmal auf dem Land
Und wenn er gar nicht zurückkommt? Frau Maria Feldmann wischte sich die Tränen aus den Augen und blickte verzweifelt zum Dorfpolizisten. Mein Paulchen ist nicht so einer! Sie Männer denken immer nur ans Weglaufen, aber mein Paul ist ganz anders.
Ist das etwa kein Kerl? grinste Dietmar.
*****
Dietmar seufzte innerlich erleichtert, als er auf die Uhr blickte: Feierabend! Endlich konnte er heimfahren und den Arbeitstag hinter sich lassen.
Er schloss die Tür seines kleinen Polizeipostens ab und wollte gerade zu seinem Wagen gehen kam aber nicht weit.
Hilfe! ertönte mit schriller Stimme hinter ihm. Dietmar fuhr blitzschnell herum.
Arme fuchtelnd, stolperte Maria Feldmann auf ihn zu. Schon an ihrer Eile erkannte Dietmar: Hier ist etwas Ernstes passiert.
Hoffentlich ist nicht Schlimmeres passiert, dachte er und ging ihr entgegen.
Dietmar war der Dorfpolizist, kam drei- bis viermal pro Woche vorbei, um sich um die Angelegenheiten der Leute zu kümmern. Heute war wieder ein solcher offener Tag seine Station war ab Mittag im Minutentakt besucht.
Der Erste war Herr Stephan Neumann, der sich über den Nachbarn beschwerte, weil dieser Holz aus dem Wald holte.
Ich kauf mein Brennholz teuer, der schleppts umsonst! Wo bleibt hier die Gerechtigkeit? motzte er und schlug auf den Tisch.
Wir klären das, Herr Neumann, versprochen, nickte Dietmar und notierte sich alles im Block.
Es muss streng durchgegriffen werden! Ich zahl für mein Holz und der bestiehlt quasi den Staat!
Aber nur, wenn auch wirklich ein Gesetz gebrochen wurde, antwortete Dietmar mit einem kleinen Lächeln.
Die Sache mit dem Holz war nichts Neues am Ende war es immer einfach nur totes Geäst, das der Nachbar rausgeschafft hatte. Eigentlich war er hilfreich und räumte auf, aber Herr Neumann regte sich jedes Mal auf, dass andere ihr Holz umsonst bekamen. Ärgerlich
Dann kam Frau Tatjana Engel, eine Rentnerin, sie beklagte sich bitterlich über ihren Sohn Martin, der schon wieder das Geld versoffen hatte und jetzt ihre Rente forderte.
Reden Sie mal mit ihm, Herr Dietmar! flehte sie. Ich kann das nicht länger ertragen!
Dietmar schrieb wieder mit.
Soll ich ihn vielleicht mal ordentlich zur Arbeit verdonnern, damit er vom Trinken wegkommt?
Dietmar hörte ihr geduldig zu und erklärte ruhig, dass man niemanden so einfach zur Arbeit schicken könne, versprach aber mit Martin zu sprechen auch wenn solche Gespräche meist nicht viel halfen.
Aber das war eben sein Beruf: Zuhören, vermitteln, manchmal streng werden.
Dann kam Egon kein Anliegen, einfach nur, weil er reden wollte.
Oma Liesel bat Dietmar, ihr aus der Stadt Radieschen-, Gurken- und Tomatensamen mitzubringen.
Und dann war da noch Herr Michael Haas, ehemaliger Nachtwächter, der erkundigte sich, ob es vielleicht eine offene Stelle bei der Polizei gebe. Ich will mich nützlich machen!, sagte er stolz.
Dietmar lächelte und versprach Bescheid zu geben, falls mal eine Stelle frei werde.
So wars heute ein Tag voller kleiner Probleme und Sorgen der Leute. Eigentlich wollte Dietmar nur noch heim ins Bett. Aber dann kam, wie immer auf den letzten Drücker, Frau Feldmann.
Guten Abend. Was ist denn los? Sie sehen ganz außer sich aus fragte Dietmar, nachdem Maria neben ihm stehen blieb und nach Luft schnappte.
Mein Paulchen ist weg! Einfach verschwunden! Sie müssen sofort mit der Suche beginnen!
Dietmar runzelte die Stirn. Er war erst seit drei Monaten im Dorf, er wusste genau: Einen Ehemann hatte Maria Feldmann nicht. Wen meinte sie also mit mein Paul?
Moment, Frau Feldmann. Wer genau ist denn dieser Paul? Ihr Sohn?
Hach Quatsch, das ist doch mein Kater! Mein Ein und Alles! Wir leben jetzt ein Jahr zusammen wie Pech und Schwefel. Und gestern kam er abends nicht mehr heim verstehen Sie, Herr Dietmar? Gar nicht mehr! Ich rufe und rufe keine Reaktion. Was, wenn ihm was passiert ist?
Dietmar seufzte. Wie sollte er ihr beibringen, dass Katze-Suchen eigentlich nicht zu seinen Polizistenpflichten gehörte?
Vielleicht wurde er entführt, mein Paul! So ein wunderschöner Kater, redete sie schnell weiter. Sie müssen sofort eine Fahndung rausgeben! Wie heißt das noch gleich? Es liegt mir auf der Zunge
Operation Fahndung? half Dietmar.
Ja, Fahndung! Im Fernsehen machen die das immer so!
Na klar, und gleich rufe ich das SEK dazu, dachte Dietmar, sagte aber laut:
Vielleicht machen Sie sich nicht zu viele Sorgen? Paul hat sich vermutlich nur ein wenig rumgetrieben Es ist März, Katzen gehen dann gern mal auf Tour. Eine Woche später ist er wieder da, quicklebendig
Und wenn nicht? Maria wischte sich die Tränen weg. Das trauen Sie Männern vielleicht zu, aber nicht meinem Paul! Der ist nicht so.
Ist also doch kein richtiger Kerl? schmunzelte Dietmar.
Natürlich ist er ein richtiger Kater. Aber: Meine Tochter hat ihn aus der Stadt hergebracht und die Katzen werden dort Sie wissen schon.
Ja, ist okay, ich verstehe schon
Der arme Kerl, dachte Dietmar.
Und noch mehr dachte er, dass Maria Feldmann ihn nicht wieder loslassen würde. Offiziell müsste er sich um solche Sachen nicht kümmern, aber auf der anderen Seite
Sie hatte ihn so oft mit Kuchen versorgt da konnte er sie nicht einfach abweisen. Und sie sorgte sich wirklich. Der einzige Haken: Eine Katze zu suchen ist nicht das gleiche wie einen Menschen.
Einen Menschen kann man leichter finden, es gibt Papiere, man kann Krankenhäuser abtelefonieren, Zeugen suchen Bei einer Katze? Kaum denkbar.
Höchstens ein paar Fotos könnten helfen, Zettel am Gartenzaun
Nicht viel, aber man weiß nie. Und da es ja keine anderen Hinweise gab, warum nicht?
Nur: Wo anfangen? Das stand in keinem Handbuch. Dietmar hatte noch nie eine Katze aufgespürt.
Herr Dietmar, hören Sie mir überhaupt zu? Frau Feldmann packte ihn am Arm. Ich frage: Was machen wir denn nun? Die Zeit läuft!
Ich höre schon zu. Ich überlege
Sie denken zu lange wir müssen suchen! Paul war die ganze Nacht nicht da. Es war eiskalt. Und wenn ihm was passiert ist?
Maria konnte nicht weiterreden, sie schluchzte nur noch in die Hände.
Dietmar entschied, dass er ihr unbedingt helfen musste, auch wenn man sich über ihn lustig machen würde. Sollen sie doch lachen Hauptsache, er findet den Kater!
Also gut, Frau Feldmann. Setzen Sie sich ins Auto, wir starten die Suche bei Ihnen zu Hause. Erzählen Sie mir auf dem Weg alles über Paul. Ist Ihnen irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen?
Okay, okay, sie stieg auf den Beifahrersitz des Polizeiautos. Ich erzähle alles
*****
Mit ernster Miene durchforstete Dietmar das Haus und Grundstück der Feldmanns. Er warf einen Blick in jeden Winkel, in jede Abstellkammer.
Keine Spur von Paul.
Der ist sonst nie weg! Letztes Jahr im März waren auch alle Nachbarskatzen unterwegs. Nur mein Paul nicht, wissen Sie warum?
Warum?
Meine Tochter sagte, das interessiert ihn nicht mehr, weil er Sie wissen schon.
Ja Ich weiß, was Sie meinen.
Maria Feldmann blickte ihn mit großen Augen an und drückte seine Hand fest:
Sehen Sie, es gab keinen Grund, dass er weggelaufen ist. Deshalb denke ich, jemand hat ihn entführt! Es riecht nach Verbrechen, Herr Dietmar.
Dietmar holte tief Luft.
Es roch nach dem Restschnee, der nicht schmelzen wollte, nach Mist und nach Grillfleisch. Offenbar feierte jemand in der Nachbarschaft und Dietmars Magen knurrte laut.
Ich habe heute früh noch Futter hingestellt, falls er wiederkommt. Aber es ist unangetastet. Schauen Sie selbst sie hielt ihm den Napf hin.
Hm, stimmt Dietmar trat einen Schritt zurück. Sie sagten, er saß in letzter Zeit oft traurig auf dem Zaun und schaute in die Ferne?
Ja, genau so. Seit einer Woche etwa. Immer auf dem Zaun, immer Richtung Dorfende.
Wohin genau?
In die Ferne, sie winkte ab.
Und was ist da?
Da steht ein altes, verlassenes Haus. Die Besitzer sind vor zehn Jahren weggezogen und nie wiedergekommen.
Maria sah Dietmar an.
Aber da hat Paul nichts zu suchen. Wenn, dann käme er danach gleich wieder nach Hause. Ich glaube, er wurde doch gestohlen
Wir befragen erst mal die Nachbarn, vielleicht hat jemand etwas bemerkt. Wir fangen mit Ihrer Straße an.
Wird höchste Zeit
Nach zwei Stunden musste Dietmar gestehen, dass sie keinerlei Hinweise gefunden hatten. Niemand hatte Paul gesehen. Einige Dorfbewohner kannten ihn nicht einmal vom Sehen.
Wie sieht er denn überhaupt aus, Ihr Paulchen? fragte Frau Nadja Stein, die am Dorfrand wohnte.
Wie ein ganz normaler Kater.
Aber, Frau Feldmann, beschreiben Sie doch mal näher, drängte Dietmar freundlich.
Ein kräftiger Kater, grau mit Streifen, schöne hellgrüne Augen. Ganz normal eben.
Gibt es ein Foto?
Meine Tochter hat eines auf dem Handy. Ich kann ihr schreiben, dann schickt sie es Ihnen, lächelte Maria.
Sie lächelte immer, wenn es um ihre Tochter Julia ging. Julia arbeitete in einer großen Firma, kam selten, half aber immer. Die brachte letztes Jahr den Kater als Gesellschaft und immer gutes Futter, sogar teures. Und Julia rief jeden Tag an, egal was war.
Nur gestern nicht Doch Maria war zu beschäftigt vor Sorge sie hatte den Kater in der Nacht gesucht, danach Herztabletten genommen, geweint, war immer wieder vor das Haus hinaus Sie wartete und wartete Paul kam nicht zurück. Ob er jemals wiederkam?
Soll sie mir das Foto schicken, sagte Dietmar. Und fragte Nadja Stein: Sind bei Ihnen Katzen verschwunden?
Bei mir? Nein, manchmal wünsche ich es sogar, denn ich hab schon sechs, die fressen wie zwanzig. Aber weggegangen ist keine, seufzte Tante Nadja.
Auch bei anderen Nachbarn war kein Tier verschwunden. Die Serien-Katzenfänger-Theorie konnte man vergessen. Aber wo steckt Paul dann?
Tja, bleibt nur noch eine Option, murmelte Dietmar, schaute hinüber zum alten Haus.
Welche? fragte Maria verunsichert und griff sich ans Herz.
Die letzte Kommen Sie mit, sagte Dietmar entschlossen und ging voran.
*****
Nach zehn Minuten erreichten sie das alte Haus. Zerfallene Fenster, Türen von den Angeln, alles ziemlich baufällig, nicht ungefährlich.
Frau Feldmann, Sie warten bitte hier draußen, ich schaue nach drinnen.
Sie verschwenden Zeit, seufzte Maria. Ich sage ja, Paul hätte nie dort Unterschlupf gesucht.
Aber manchmal gibts ganz einfache Erklärungen für seltsame Dinge.
Warum sollte er abhauen? Er hat Futter, ein gutes Zuhause, mich Wozu?
Keine Ahnung Dietmar grinste. Aber ich schau jetzt trotzdem nach.
Zehn Minuten dauerte es. Maria glaubte in der Ferne Stimmen zu hören. Bis Dietmar aus dem Haus kam. Sie hielt die Luft an Endlich näherte er sich.
In der Hand hielt Dietmar seine Jacke, darin etwas
Paul?
Herr Dietmar, was ist das? lief sie ihm entgegen.
Kätzchen.
Kätzchen? Was machen die da? Und Paul? Ist er dort?
Paul und seine Freundin. Sehen Sie selbst! Dietmar trat bei Seite; da kamen Paul und eine Katze aus dem Haus angesaust, erhobene Schwänze.
Das verstehe ich nicht Paul war doch Wegen Sie wissen schon
Frau Feldmann, ist schon gut, Dietmar grinste.
Aber sind das Pauls Kinder?
Wohl kaum, sagte Dietmar. Sie sagten ja selbst, Paul ist nicht mehr in dem Zustand Und auch zeitlich passt es nicht. Ich denke, Paul wollte Vater sein. Vielleicht ist er aus Liebe einfach abgehauen und sorgt jetzt für die Kätzchen. Nur so eine Vermutung.
Verliebt, ja? Maria blickte ihn an.
Miau, antwortete Paul.
Und mich dann so quälen? Musste das sein?
Paul rieb sich an ihren Beinen und schnurrte versöhnend.
Vielleicht wusste er nicht, wie Sie reagieren Ich hab Ihre beiden neben den Kätzchen sitzen sehen, sie haben sie gewärmt. Es war ja kalt. Deshalb war er die Nacht weg Er hat seine Freundin beschützt und die Kleinen bewacht. Und auf mich wollte er sich sogar stürzen, als ich kam bis er verstanden hat, dass ich helfen will.
Na gut, Maria wischte sich über die Augen. Bringen Sie uns nach Hause, Herr Dietmar!
Nehmen Sie die Kätzchen auch mit?
Und auch die Katze, natürlich. Glück kann man ja nie genug haben!
Eben!
Paul verliebt sich ja auch nicht in irgendwen. Das ist ihm wohl ernst.
*****
Vor dem Haus Feldmann stand inzwischen ein schicker Wagen. Daneben eine junge, elegante Frau.
Mama, hast du Paul gefunden?! Warum gehst du nicht ans Handy, ich habe dich zwanzigmal angerufen!
Ach ja, lächelte Maria verlegen, als sie aus dem Polizeiwagen stieg. Der Akku war leer. Zum Laden kam ich nicht wir waren ja auf Katzensuche! Und weißt du, Julia, das ist Herr Dietmar, unser Polizist. Ihm solltest du das Foto von Paul schicken.
Ich habs versucht aber du hast die Nummer falsch geschrieben. Eine Ziffer fehlte!
Verzeih, hatte es sehr eilig Wir suchten doch Paul.
Schön, Sie kennenzulernen, Julia reichte Dietmar die Hand.
Ganz meinerseits.
Und? Ist Paul wieder da? fragte Julia ihre Mutter, etwas verwirrt.
Kommt rein, dann erzähle ich euch alles. Ich koche schnell Kartoffeln, hole die Gurken aus dem Keller und einen Schnaps stoßen wir auch an. Das gibt was zu feiern!
Wieso feiern? staunte Julia.
Komm, meine Kleine, alles im Haus Herr Dietmar, kommen Sie auch!
Ja, ich hol kurz die Jacke
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Jetzt hat Frau Feldmann statt einem Kater gleich fünf eine ganze Katzenfamilie.
Natürlich grübeln Maria und Julia noch darüber, wie Paul, der kastrierte Kater, plötzlich Katzenvater werden wollte und wie er wohl die schwangere Katze kennenlernte.
Aber eigentlich spielt das keine Rolle mehr. Hauptsache, alle sind glücklich: Maria, Julia, Paul und seine neue Familie. Im Haus wars lange leise, jetzt herrschte wieder das schöne, chaotische Leben.
Und Maria freute sich über ihre Tochter, die endlich einen tollen Mann kennengelernt hatte. Vielleicht gibt es bald eine eigene Familie Enkel für Maria! Dann wird das Leben noch bunter.
Und das alles nur wegen Paul.




