Der Streit
Karin, ich vergebe dir! Unser Streit war völlig überflüssig. Schluss jetzt mit dem Schmollen! Wir sind doch keine jungen Mädchen mehr! brummte Gertrud Weber und tippte die Nummer ihrer Schwester zum ersten Mal seit sieben Jahren ins Telefon. Es wird Zeit, erwachsen zu werden, Karin! Wie lange noch
Entschuldigung Aber mit wem sprechen Sie? Ich bin nicht Karin
Die Stimme war eindeutig fremd. Jung, ein wenig brüchig, aber angenehm.
Gertrud Weber stockte mitten im Satz etwas, das ihr selten passierte.
Kindchen, wer sind Sie überhaupt? Wie kommen Sie an die Nummer meiner Schwester?
Das ist meine Nummer. Schon seit über einem Jahr. Es tut mir leid, aber ich kenne Sie nicht. Und die Karin, die Sie suchen, kenne ich auch nicht. Einen schönen Tag noch!
Gertrud wusste immer noch nicht, was los war und antwortete gar nicht. Während sie ihre Gedanken sortierte, dröhnte das Freizeichen ins Ohr warum war ihr jetzt nur so eigenartig ängstlich zumute?
Sie glaubte an einen Fehler, setzte die Brille auf und verglich die Nummer ihrer Schwester im alten, abgewetzten Notizbuch. Technik traute sie nicht; alles schrieb sie, wie früher, von Hand nieder in das rote Adressbuch, einst ein Geschenk von Karin. Karin hatte schon immer ein Händchen für hübsche Dinge und bedachte Gertrud, auch wenn diese alles als unnötig abtat, gern mit kleinen Präsenten: mal eine Tasche, mal einen schönen Füller, mal ein Tuch. So Kleinigkeiten und trotzdem eine Freude. Gertrud schenkte lieber großzügig: große Geschenke, damit alle sahen, wie sehr sie ihre Schwester schätzte.
Sie wählte die Nummer nochmals, diesmal von Hand und verstand nun, dass das Unheil von ganz woanders gekommen war. Wieder diese ruhige, melodische, fremde Stimme.
Entschuldigung, aber ich habe doch eben schon gesagt: Das hier ist meine Nummer, die junge Frau klang angespannt. Bitte hören Sie auf zu klingeln. Ich bin in der Arbeit. Ich gebe Nachhilfe.
Warten Sie!, rief Gertrud, aus Angst, die Gesprächspartnerin würde wieder auflegen. Wann kann ich Sie erreichen? Es ist dringend!
In einer halben Stunde habe ich eine Pause.
Gertrud legte das Handy beiseite und dachte nach.
Warum hat sich Karin bloß eine neue Nummer besorgt? Warum hat sie ihr das nicht mitgeteilt? Ja, sie hatten gestritten, aber das hieß doch nicht, dass man alle Wege zueinander abschneidet!
Gertrud wurde ärgerlich.
Unverbesserlich, wie immer Karin, du warst schon immer so!, knurrte sie, zum hundertsten Mal den Küchentisch abwischend und auf die Uhr schauend.
Untätig herumsitzen, das konnte sie nie. Schon als Kind musste sie die Hände und den Kopf beschäftigen immer in Bewegung, resolut, schnell und gnadenlos gerecht. An Reibereien mangelte es in der Familie deswegen nicht. Aber Gertrud störte das nicht sie fühlte sich im Recht!
Karin war das komplette Gegenteil: ruhig, sanft, langsam in allem. Während sie noch am Frühstücksbrei herumstoch, musste man schon losrennen, um pünktlich zur ersten Stunde in die Schule zu kommen! Gertrud bürstete beider Schulkittel, flocht Zöpfe, band Schleifen, während Karin scheinbar noch im Halbschlaf im Bad stand und mit dem Finger Kreise ins beschlagene Spiegelglas malte.
Karin, was tust du da drinnen?
Ich denke nach
Jetzt hör auf mit dem Quatsch! Wir kommen sonst zu spät!, schimpfte Gertrud. Denken!
Soll ich das etwa lassen?
Jawohl! Denk gefälligst später. Jetzt Zähne putzen und zum Frühstück!
Immer so. Karin schlich hinterher, während Gertrud den Gipfel eroberte und zurückeilte um zu meckern:
Was bist du bloß für eine Trödlerin! Kaum zu gebrauchen! Ein Schatten nur! So kann das nicht gehen!
Karins Geduld beeindruckte Gertrud nie. Karin sah sie ruhig an, lächelte gar:
Gertrud, nicht alle sind so flink wie du! Sei unsere Heldin ich komm schon nach
Immer dein Tempo! Deine ganze Jugend läuft an dir vorbei, wenn du alles langsam machst! Beeil dich!
Karin nahm es ihrer Schwester nicht übel. Sie verstand, dass Gertrud andere Energie kanalisieren musste. Sie wartete, dass die Schwester ruhiger würde, dass sie lernen würde zu lieben.
Wie zähmt man einen Vulkan? Nur das Meer kann das so ist das auch mit der Liebe. Feuer lodert in einem, doch irgendwann kommt die Liebe, legt sich drauf, alles ändert sich auf dem Vulkan wächst dann ein Palmeninselchen, ringsum Meer. Schön!
Doch das war nicht Gertruds Geschichte. Ihre Liebe war auch ein Feuer nichts hielt stand, was ihr zu nahe kam.
Sie hatte viermal geheiratet, von den ersten dreien trennte sie sich stets innerhalb eines Jahres.
Wir haben einfach nicht zueinandergepasst!, war stets ihre Erklärung.
Mit dem vierten Mann blieb Gertrud drei Jahre verließ ihn aber auch, obwohl sie nun eine kleine Tochter hatte und in die Zukunft nichts als Enttäuschung sah.
Was sind das heutzutage überhaupt für Männer? Haben kein Interesse, keine Familie, keine Verantwortung! Ehefrau ist doch nur noch ein Hausgegenstand, darf nichts sagen!, giftete Gertrud einmal bei einem Besuch bei ihrer Schwester. Und du, mit deinem Bernhard bist du wirklich zufrieden?
Karins Mann Bernhard stellte wortlos den Tee auf den Tisch und nahm die Nichte an die Hand:
Redet ruhig. Ich bringe die kleine Anna ins Bett.
Anna, schon längst müde, schlief fast ein ihre Mutter aber war zu aufgebracht für ein Schlaflied.
Siehst du! Nichts Halbes und nichts Ganzes!, klatschte Gertrud auf den Tisch, als Bernhard die Küche verließ. Wie hältst du das nur aus? Man könnte vor Langeweile sterben!
Ich mag mein ruhiges Leben, Gertrud!, sagte Karin sanft, rückte die Plätzchendose näher heran. Greif zu, du hast doch sicher Hunger?
Hab den ganzen Tag fast nichts gegessen!, gab Gertrud zu und griff zu. Und jetzt schau: Ich bin wieder allein!
Denkst du nicht, es wäre Zeit, ein bisschen milder zu werden? Du führst immer Krieg, das Leben rauscht an dir vorbei; Anna wird erwachsen, heiratet, zieht fort und du? Bleibst allein?
Ach, Karin, was weißt du schon?!
Was denn nicht?
Man sollte niemandem trauen! Alle lügen!
Auch ich?
Ja! Du erzählst mir, wie sehr du Bernhard liebst, aber Kinder willst du mit ihm nicht. Das heißt doch, dass du ihn nie wirklich geliebt hast!
Jetzt schwieg Karin, drehte sich zur Küchenzeile, wischte sich verstohlen die Augen, sprach ganz leise:
Es liegt nicht an meinem Willen, Gertrud Ich würde ja gern aber ich kann nicht. Mir ist es nicht vergönnt, Mutter zu werden
Gertrud sprang auf, umarmte ihre Schwester:
Quatsch! Ärzte! Ich suche dir die besten raus! Das schaffen wir schon. Du bekommst noch dein Glück!
Es sollten nicht Wille und Ehrgeiz genügen. Das Schicksal bestimmte anders
Karin wurde Mutter, aber nicht auf ihrem erhofften Weg. Eigene Kinder blieben ihr verwehrt. Hätte jemand gewagt zu behaupten, ihre zwei angenommenen Kinder ein Neffe und eine Nichte von Bernhard, deren Eltern tödlich verunglückten seien ihr nicht gleich lieb, der hätte Karins Zorn zu spüren bekommen. Selbst mit Gertrud gab es deswegen einen schlimmen Streit.
Nimm doch keine fremden Kinder, Karin! Du kriegst eigene!
Gertrud, ich bin fast vierzig! Wenn es hätte sein sollen, wäre es schon passiert. Aber diese Kinder wohin sonst? Ins Heim?
Was gehts dich an? Bernhards Verwandte sollen sie nehmen!
Ich will sie! Verstehst du?! Ich!
Ach, Karin, mit dir kann man
Was?!
Du bist stur und naiv! Siehst du denn nicht das sind Pakete auf Lebenszeit!
Jetzt reichts, Gertrud! Es ist Zeit, dass du gehst. Anna wartet zu Hause.
Die ist auf Klassenfahrt anderswo. Du kannst mich vergessen! Und frag mich auch nie mehr um Hilfe, wenn du auf meine Meinung keinen Wert legst!
Warum hast du so viel Wut in dir, Gertrud?, fragte Karin still, als ihre Schwester fast fluchtartig die Treppe herabstürmte.
Eine Antwort bekam sie nicht. Gertrud zog sich zurück, brach den Kontakt ganz ab. Kein Anruf, kein Besuch, keine Einladung. Selbst der Tochter untersagte sie, mit Karin zu sprechen. Doch Anna ließ sich das nicht verbieten. Sie mochte Karin und deren angenommene Kinder und besuchte ihre Tante heimlich die beiden Familien lebten im selben Viertel.
Eines Tages bekam Bernhard ein Angebot: neuer Job in einer anderen Stadt. Die Familie zog weg, aber nicht ohne Anna eine Adresse zu hinterlassen und ihr einzuschärfen, dass sie sich immer melden könne, egal ob ihre Mutter wollte oder nicht.
Man weiß nie, was passiert, Anna!, drückte Karin ihre Nichte am Bahnhof. Du bist Familie! Und wir helfen dir immer egal was ist. Und pass auf deine Mama auf, ja? Du weißt, ihr Temperament machts ihr nicht leicht. Hab Nachsicht! Wir haben doch bloß uns
Anna nahm sich das zu Herzen. Ungeachtet aller Schwierigkeiten versuchte sie, mit ihrer Mutter auszukommen. Es war nicht leicht. Und schließlich wurde es unmöglich.
Denn Anna wurde erwachsen und verliebte sich. Gertrud missbilligte die Wahl der Tochter aufs Heftigste.
Wer ist denn dieser Kerl?! So einen will ich hier nicht sehen!, rief sie, als der schüchterne, mager wirkende Brillenträger mit Anna an der Tür stand. Hättest dir nicht einen besseren aussuchen können?!
Anna verlor kein Wort, sah ihrem Verlobten kurz in die Augen und ging, ohne sich auch nur umzudrehen. Es interessierte sie nicht mehr, was ihre Mutter hinterherrief.
Der Kerl, Matthias mit Namen, war alles andere als ein Taugenichts. Er hatte einen guten Abschluss, arbeitete als IT-Experte, und nach kurzer Überlegung schlug er Anna vor, gemeinsam in die Stadt zu ziehen, wo ihre Tante lebte.
Anna, dort gibt es mehr Chancen. Ich verkaufe meine Wohnung, wir kaufen uns dort was Eigenes. Uns hält hier doch ohnehin nichts mehr.
Stimmt, weinte Anna, während sie sich an die fassungslose Mutter erinnerte. Karin versteht mich wenigstens. Sie ist so gut.
Das ist die Hauptsache, Anna. Ich möchte nur, dass du glücklich bist.
Matthias liebte Anna. Er hätte für sie alles aufs Spiel gesetzt, wäre ihr überallhin gefolgt, nur damit sie nie wieder weinte. Seine Eltern waren verstorben, er hatte keine Verwandten deshalb lag sein ganzes Leben jetzt in Anna, diesem zarten Mädchen mit der krummen Nase und den roten Augen, das sich so sehr nach einem Zuhause, einer Familie, nach zwei Kindern und einem langen, glücklichen gemeinsam sehnte.
Und so kam es.
Karin, die erfahren hatte, dass Gertrud wieder ausflippte, versuchte, mit der Schwester zu sprechen, doch diese lehnte jeden Kontakt ab.
Zu dir sind sie abgehauen?! Ist mir egal! Ruf mich bloß nicht an! Ich will niemanden mehr von euch kennen!, brüllte Gertrud ins Telefon.
Gertrud, jetzt reichts! Du reißt alles nieder, aber nichts baust du auf! Du hast deine eigene Tochter aus dem Haus gejagt, nur weil sie ihr Leben leben möchte. Das ist ihre Entscheidung und deins wäre, sie zu unterstützen! Wen hat sie noch, wenn nicht dich? Wer, wenn nicht ihre Mutter, sollte für sie da sein?
Du, versuchte Gertrud dazwischenzugehen, doch Karin ließ sie nicht zu Wort kommen.
Es reicht! Wenn du zur Vernunft kommst und Frieden willst, bist du uns willkommen! Aber zu unseren Bedingungen. Wir brauchen keine Vorwürfe oder deinen berühmten Charakterzug mehr! Überlegs dir. Und wenn du klüger wirst, dann ruf an wir warten.
Gertrud schmollte. Es schmerzte sie, dass keiner mehr ihren Rat hören wollte. Sie verbot sich selbst, Kontakt aufzunehmen, wollte sich nicht schwach zeigen.
Die Einladung zu Annas und Matthias Hochzeit riss sie in Stücke. Sie antwortete nicht auf Karins Anrufe. Und den Umschlag mit Fotos von der Hochzeit, den Karin ihr schickte, öffnete sie erst gar nicht ab in den Müll damit! Stolz hielt sie ihre Verletztheit fest Versöhnung ausgeschlossen.
Die Zeit trieb ins Land, doch die anderen machten keinen Rückzieher. Karin zog die Kinder groß, half Anna mit dem ersten Enkel, Matthias und Bernhard bauten ein Haus für die junge Familie.
Und siehe da: Der angeblich schüchterne Matthias war gar nicht so schüchtern. Anna versorgte ihn liebevoll, und Bernhard schwärmte über den neuen Schwiegersohn:
Klasse gemacht, Matthias! Wie bist du da bloß draufgekommen? Wo hast du das gelernt?
Ach, Onkel Bernhard, die Bücher und das Internet. Man kann alles lernen, wenn man nur will.
Anna war mit dem zweiten Kind schwanger, als sie Einweihung feierten. Auf die zurückhaltende Frage der Tante, ob sie die Mutter nicht einladen wolle, seufzte sie bloß:
Ich rufe sie immer wieder an, aber sie nimmt nicht mal ab. Oder legt gleich wieder auf. Sie will nicht mit mir reden.
Nicht weinen!, schnappte sich Karin ihre Nichte. Das tut dir nicht gut!
Ich bemühe mich, schniefte Anna, traurig über die abwesende Mutter.
Gertrud aber dachte nicht im Geringsten daran, sich zu versöhnen. Ach, die Zeit! Irgendwann würde man schon begreifen, wie sehr man sie verletzt hatte dann würde sie sehen, ob sie gleich vergab oder noch ein bisschen schmollte, so der Plan.
Doch ihre Geduld war irgendwann erschöpft. Ob es das Alter war oder etwas anderes sie wählte eines Abends wieder die Nummer der Schwester, als sie zum wiederholten Mal Silvester allein verbrachte. Und hörte wieder eine völlig fremde Stimme.
Als die vereinbarte halbe Stunde um war, rief Gertrud noch einmal an.
Ja, bitte?
Nein, ich höre Ihnen zu!, konterte Gertrud voller Selbstbewusstsein, wie eine strenge Chefin, die eine große Fabrik leitete, aber im Privaten verloren war. Wie kommen Sie an meine Schwesternummer?
Ganz einfach ich habe eine neue SIM-Karte gekauft, einen Vertrag abgeschlossen. So etwas passiert, wissen Sie? Wenn eine Nummer lange nicht mehr benutzt wird, wird sie neu vergeben.
So ein Unsinn! Aber wo ist dann meine Schwester?
Woher soll ich das wissen?, die Stimme klang jetzt fester, und Gertrud spürte, dass sie Einfühlungsvermögen zeigen sollte, wollte sie etwas über Karin herausfinden.
Seltsam alles. Könnten Sie mir einen Gefallen tun?
Die Pause dauerte eine Weile, doch schließlich antwortete die junge Frau.
Vielleicht. Was denn?
Könnten Sie sich bitte in Ihrer Stadt umhören? Ich gebe Ihnen die Daten meiner Schwester, Sie fahren kurz vorbei und bitten sie, sich bei mir zu melden. Natürlich bezahle ich Ihnen Fahrtkosten und Aufwände.
Die junge Frau schwieg. Gertrud dachte schon, sie hätte wieder aufgelegt, als ein leises Ja. Sie brauchen mir nichts zu zahlen. Diktieren Sie mir einfach die Adresse. kam.
So machte Gertrud es. Dann wartete sie und die Antwort kam. Allerdings ganz anders, als sie es erwartet hatte.
Ihre Schwester lebt nicht mehr. Sie ist vor eineinhalb Jahren gestorben. Sie war krank, kämpfte zwei Jahre lang, aber ihr Körper war zu schwach. Ihr Mann möchte Sie gerne sehen, wenn Sie kommen möchten. Und Ihre Tochter wartet übrigens auch auf Sie. Sie hat Ihnen auch etwas ausgerichtet. Es sind eigentlich die Worte Ihrer Schwester, sie meinte, das wäre besser so, da Sie ihr ohnehin nicht mehr zuhören wollten.
Was denn? Gertrud, deren Stimme belegt und rau klang, als ob sie nicht mehr zurechtkam mit dieser Nachricht.
Mach keinen Unsinn, Gertrud. Alles, was dir wirklich gehört, ist hier. Werd endlich erwachsen. Alle lieben dich noch immer.
Stille. Gertrud schluchzte vielleicht zum ersten Mal im Leben ahnte sie, dass sie beinahe alles verloren hatte, was man nur verlieren kann.
Das war alles?
Ja.
Danke
Kein Problem.
Die Stimme klang etwas wärmer.
Kommen Sie ruhig vorbei. Sie haben eine großartige Familie und wunderschöne Enkel.
Wieder das Freizeichen. Gertrud weinte. Sie hatte nie solchen Schmerz gespürt. Sie konnte nichts mehr ändern und diesen Schmerz weder vertreiben noch wollte sie das noch. Sie strafte sich selbst all die Jahre hatte sie geglaubt, Recht und Stärke zu besitzen, doch dabei hatte sie Liebe verloren.
Sie weinte die halbe Nacht, dann sammelte sie sich, griff zum Telefon, wählte die bekannte Nummer.
Anna
Mama! Hallo! Wir warten auf dich!
Kind, ich
Sag nichts! Komm einfach. Wir holen dich ab!
Die Stimme ihrer Tochter berührte Gertrud. Plötzlich begriff sie, was ihr so fremd war: In Annas Stimme war alles ihre Stärke, Karins Sanftheit, und etwas, das Gertrud all die Jahre gefehlt hatte.
Liebe. Einfach Liebe, die kein Übel und keinen Groll kennt die Liebe, die Karin so gut kannte und die Gertrud erst noch lernen musste.
Sie war sich sicher, dass es nicht leicht werden würde. Aber zum ersten Mal hoffte sie darauf von ganzem Herzen.




