Mamas Schuhe
Mama, verstehst du das einfach nicht? So kann ich unmöglich zum Vorstellungsgespräch gehen! Es ist schließlich eine große Firma!, stöhnt Carola und zieht den restlichen, eher überschaubaren Inhalt ihres Kleiderschranks hervor, um sich dann direkt auf dem Haufen Kleidung auf den Boden plumpsen zu lassen. Ich habe wirklich nichts Anständiges anzuziehen! Mama, bin ich irgendwie nicht richtig?
Carolines Mutter, Gisela, tippt ihr gegen die Schulter, damit sie aufsteht, und grummelt:
Und wer hat dich daran gehindert, mal etwas Neues für dich auszusuchen, noch bevor du die Bewerbungen losgeschickt hast?
Ich wusste doch nicht, dass sie so schnell antworten!, ruft Caroline verzweifelt. So ein Glücksfall bin ich ja nicht, dass mich direkt alle einstellen wollen!
Carolines Geschrei schreckt das ansonsten anonyme Etwas auf, das unter dem Küchentisch friedlich döste und wegen seiner Unsicherheit allenfalls manchmal für einen Hund gehalten wurde.
Das Etwas hört auf den Namen Fritzi, zuckt vor seinem eigenen Schatten zurück, entpuppt sich aber als bemerkenswert mutig, sobald es um seine Besitzerinnen geht. Sobald jemand in einen Abstand gerät, den Fritzi als gefährlich empfindet, bricht ein spitzer, schriller und gnadenlos durchdringender Kläff los, dass sich jeder Eindringling lieber ganz schnell zurückzieht, statt sich mit dieser kleinen Beschützerin auseinanderzusetzen.
Fritzi hat Carola aus dem Tierheim geholt, wo sie mit Freundinnen eigentlich als ehrenamtliche Helferin losgezogen war, fest entschlossen, arme Tierchen zu retten.
Die Tiere zeigten kaum Wertschätzung für Carolines Enthusiasmus. Schon am ersten Tag waren Carolines Arme von Katzen zerkratzt, die ihre aufdringlichen Streicheleinheiten nicht mochten, und Hinsetzen konnte sie sich auch nicht ein von seinem Besitzer ausgesetzter Dobermann hatte ihren Umarmungsversuch falsch gedeutet und sie ins Hinterteil gezwickt.
Natürlich kam das alles nur, weil Carola die Regeln der Tierheimleiterin konsequent ignorierte und meinte, sie wüsste schon selbst, wie man das alles richtig macht.
Nach dem Krankenhausbesuch wegen ihrer Verletzungen bestand sie trotzdem darauf zurückzukehren, obwohl die Leiterin protestierte.
Schimpfen Sie nicht, bitte! Ich habs verstanden, ich bin hier fehl am Platz. Ich kann nicht allen helfen. Aber einem vielleicht ich hab da doch diesen hässlichen kleinen Hund gesehen, mit den schiefen Zähnchen. Den nimmt bestimmt niemand. Ich will ihn!
So einfach geb ich den dir nicht! Ich schaue mir genau an, wie es Fritzi bei dir geht!
Kein Problem, gern.
Wohnst du allein?
Mit meiner Mutter.
Und wenn sie dagegen ist?
Das wird sie nicht sein. Sie liebt mich und vertraut mir.
Na, wir werden sehen
Caroline hat nicht gelogen. Ihre Mutter liebte sie tatsächlich so sehr, dass sie fast alles durchgehen ließ, in der Hoffnung, aus Caroline eine starke und eigenständige junge Frau zu machen. Ihr Versuch, Caroline zur Selbstständigkeit zu erziehen, führte allerdings hin und wieder zu abenteuerlichen Konsequenzen.
Carola, warum hast du Onkel Christians Auto geklaut?!
Ich habs nicht geklaut! Ich habs nur geliehen! Jonas hat sich den Fuß an einem rostigen Nagel aufgerissen und seine Oma war nicht zu Hause! Da war niemand, der ihm helfen konnte!
Carola, du bist selbst noch ein Kind!
Trotzdem! Was wäre, wenn sich alles entzündet hätte?!
Du hättest doch den Notarzt rufen können! Onkel Christian hat uns doch die Wohnungsschlüssel nicht gegeben, damit du nach Lust und Laune mit seinem Auto fährst!
Den Wohnungsschlüssel, Mama! In die Wohnung bin ich gar nicht. Aber am Schlüsselbund war halt auch der Autoschlüssel. Ich musste Jonas retten!
Du bist bestraft. Den ganzen Sommer wirst du bei Oma im Schrebergarten Unkraut jäten statt durch die Gegend zu tollen!
Mama!
Nichts da! Das ist kein Spaß! Du bist erst dreizehn! Ein Führerschein steht dir noch lange nicht zu! Dass du fahren kannst, heißt gar nichts! Weißt du nicht mehr, was dein Vater dazu gesagt hat?!
Doch, weiß ich, brummt Carola, wissend, dass keine Diskussion mehr hilft. Deine Fehler deine Verantwortung. Wenn du Mist baust, musst du es auch wieder geradebiegen.
Genau so!
Carola hätte sich niemals getraut, ihrem Vater zu widersprechen. Er war es schließlich, der ihr das Autofahren beigebracht hatte, dabei lachend über Giselas Sorgen:
Was hast du denn? Je eher sie es vernünftig lernt, desto sicherer ist sie später.
Sie ist noch viel zu jung!
Zwölf ist sie schon! Siehst du nicht, wie groß sie ist? Kommt locker an die Pedale, und an Reaktionsschnelligkeit fehlts ihr definitiv nicht. Ganz die Papa!
Bloß nicht, das reicht, wenn einer in der Familie ständig für Action sorgt!
Wer weiß! Vielleicht tritt sie mal in meine Fußstapfen?
Gisela ringt die Hände, während Carola dem Vater zustimmt. Doch das Schicksal hatte andere Pläne.
Kurz vor Weihnachten, zwei Monate vor Carolines dreizehntem Geburtstag, war ihr Vater ein Stuntman nach Dreharbeiten mit dem Wagen Richtung Heimat unterwegs. Den Jungen, der hinter einem Bus auf die Straße rannte, sah er zu spät, um alles zu verhindern. Nur seine automatisierten Reflexe ermöglichten es ihm, das Auto im letzten Moment so zu lenken, dass er die nahe Haltestelle voller Schüler und den Zebrastreifen voller junger Mütter mit Kinderwagen verschonte. Der Laternenmast, gegen den das Auto schließlich prallte, hielt stand. Doch für Carolas Vater war keine Hilfe mehr möglich
Diese Weihnachten waren für Carola die schwärzeste Zeit ihres jungen Lebens. Sie verstand zum ersten Mal, dass es Dinge gibt, die sich nicht ändern lassen.
Ihre Mutter weinte ununterbrochen, weigerte sich anzuerkennen, was passiert war, und Carola irrte zwischen den Zimmern umher, unsicher, wie sie Gisela und der angereisten Großmutter helfen könnte, die den Haushalt übernahm. Die Oma stand stundenlang am Herd, um Hände und Kopf zu beschäftigen, schickte Carola aber aus der Küche:
Geh, geh schon. Du schneidest dich noch
Nur Nachbarin, Frau Brunner, beendete das weinerliche Schweigen. Sie sah Carola im Flur sitzen und traurig weinen und sorgte für Klarheit:
Habt ihr den Verstand verloren?! Was kann das Kind dafür?!, rief sie und stürmte ins Schlafzimmer. Steh auf, Gisela! Schluss mit Selbstmitleid! Deine Tochter braucht dich! Du hast deinen Mann verloren, aber sie ihren Vater! Sie versteckt sich vor Angst und du verschließt dich im Kummer!
Wie kannst du so etwas sagen, Brunner
So wie es ist! Hör auf zu jammern und schick deine Mutter heim! Glaubst du, du hast keine Hände, um für deine Tochter zu kochen? Steh auf! Dein Mann würde dich wohl zum Teufel jagen, wenn er sähe, dass du euer Mädchen alleine lässt! Steh auf!
Frau Brunner war die einzige, die Gisela nicht in ihrer Trauer bemitleidete, sondern ihr half, zurück ins Leben zu finden.
Am selben Abend fuhr die Großmutter ab und Gisela schnitt sich gleich dreimal beim Kartoffelschälen.
Schon gut, flüsterte sie, während sie das nächste Pflaster aufklebte. Wir schaffen das, Carola Ganz bestimmt Dein Papa hätte es gewollt
Und sie schafften es. Langsam, aber sie gewöhnten sich an das neue Leben.
Carola ging zur Schule, zeichnete, versuchte sich auf Papas alter Gitarre und hielt ihre Mutter auf Trab.
Carola, was ist das?! Gisela stockt der Atem, als sie Fritzi das erste Mal sieht, wie sie grundlos knurrt und die Welt beleidigt.
Das ist dein Geschenk, Mama! Du wolltest doch einen Hund hier ist er! Jetzt hast du jemanden zum Spazierengehen am Abend. Sieh mal, wie süß! Langweilig wird dir bestimmt nicht!
Gisela nimmt vorsichtig die zitternde Fritzi auf den Arm und seufzt:
Ein Wolfshund Mein Gott, wie viel Lärm kann so eine kleine Kreatur machen!?
Ob Fritzi die Worte versteht, ist unklar, aber sie schmiegt sich schnaufend eng an Giselas Hand bereit, alles zu sein, was nötig ist, Hauptsache, sie muss nie mehr zurück ins Tierheim.
Das wollte sowieso niemand. Gisela geht jetzt abends mit Fritzi im Park spazieren, lacht mit den Nachbarn über das seltsame, spinnenbeinige Tier, das sich so fest in ihr Herz gekrallt hat.
Und Carola? Sie lernt und versucht herauszufinden, was sie vom Leben will.
Die Freunde ihres Vaters kümmern sich um Gisela und Carola. Sie laden Carola zu Dreharbeiten, Veranstaltungen und Festivals ein. Mit 18 kann Carola nicht nur Auto, sondern auch Motorrad fahren. Sie ficht, beherrscht den Umgang mit dem Schwert und taucht inzwischen auch recht ordentlich.
Sogar im Film hat sie kleine Rollen. Mal als Statistin, mal in winzigen Szenen, doch das reicht, um den Alltag am Set kennenzulernen.
Ob sie den Weg ihres Vaters gehen sollte, weiß Carola aber nicht.
Mama, was soll ich tun?
Wie soll ich das für dich entscheiden, mein Schatz? Das wäre ja dann mein Leben, nicht deins. Das will ich nicht und dein Papa hätte das sicher auch nicht gewollt.
Ich will nicht, dass du dich immer um mich sorgst!
Das wirst du nicht verhindern. Eine Mutter macht sich immer Sorgen! Das ist unsere Natur, Carola! Aber wie man mit dieser Sorge umgeht, das kann man lernen. Manche wickeln ihre Kinder so eng ein, dass sie kaum atmen können, weil sie glauben, dann könne nichts passieren. Aber vor dem Schicksal kannst du niemanden schützen Und riskieren will ich dich natürlich auch nicht. Du bist mein einziges Kind!
Ist es schwer für dich?, schmiegt sich Carola an ihre Mutter.
Was meinst du selber?
Natürlich!
Gut, dass du das weißt. Und ich weiß, wie schwer es für dich ist. Entscheidungen zu treffen ist nie leicht. Besonders, wenn es um die Zukunft und die eigene Berufung geht, muss man suchen und alles zusammen abwägen. Was würdest du denn gern machen?
Ich weiß nicht Ich mag Film, Zeichnen und Rennen fahren Aber davon lebt niemand. Es muss ja ein Beruf mit Perspektive sein.
Genau! Und wenn du das verstehst, dann müssen wir gemeinsam schauen, was für dich in Frage kommt, und was wir uns leisten können.
Was heißt das?
Einfach, dass wir uns nicht alles, was mit Studium zu tun hat, auch leisten können nicht hier in unserer Stadt.
Ohje
Tja, dann bleibt nur München oder vielleicht Berlin. Das heißt aber auch: Unterkunft, Essen, alles. Wir müssen vernünftig planen, verstehst du?
Ja, du hast recht, Mama. Ich denke drüber nach!
Sehr schön. Überlege und sag mir dann Bescheid. Ich werde nach Möglichkeiten suchen.
Gisela nimmt einen zweiten Job an, engagiert zwei Nachhilfelehrer. Carola entscheidet sich, nach Berlin zu gehen schließlich haben Papas Freunde ihr geraten, dort zu studieren.
Wir helfen, so gut wir können. Lerne, Carola! Dein Vater hätte sich gewünscht, dass du Spezialistin wirst was genau, ist egal.
Ich will Spezialeffekte machen!
Spannend! Da gibts nicht viele Profis. Aber das Feld ist riesig packst du das?
Ich werde es versuchen.
Hauptsache, du überschätzt dich nicht gleich. Mach weiter so.
Zwei Jahre braucht Carola in Berlin, um sich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Dann läuft es besser.
Sie arbeitet nebenher als Make-Up-Artistin, verdient ordentlich, denn sie versteht es, selbst aus zurückhaltenden Bräuten echte Schönheiten zu machen.
Vor Cosplay-Festivals stehen sie bei ihr schon Monate vorher Schlange, denn durch ihre Präzision bringt sie ihre Kunden unter die Favoriten bei Wettbewerben.
Auch bei Filmsets arbeitet sie mit, zunächst nur auf Empfehlung von Papas Freunden, dann längst aus eigener Kraft.
Groß, schlank, mit frecher Kurzhaarfrisur und immer in ausgetretenen Chucks, jagt Carola durch die Stadt und träumt nur davon, wieder mit ihrer Mama zusammenzuziehen. Ihr fehlt Giselas ruhige Zuversicht, Fritzis eigenwilliges Bellen und die Wärme, die sonst niemand ihr je geben konnte. Klar, sie trifft immer mal Jungs, aber keine Beziehung ist ernst genug, um deswegen ihr Leben grundsätzlich zu ändern.
Erst als die Großmutter stirbt, kann Carola wirklich zu Gisela zurück. Die Oma hinterlässt ihr Wohnung, Laube und eine alte Garage. Es reicht immerhin für eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung am Stadtrand, genug Platz für alle. Die neue Bleibe ist renovierungsbedürftig, aber Carola und Gisela packen es gemeinsam an und freuen sich über ihr beisammen sein.
Carola beendet das Studium, arbeitet eine Weile an einer kleinen Filmproduktion, dann bekommt sie ein Angebot von einem großen Medienkonzern, mit Aufstiegschancen und netten Extras.
Deshalb fegt sie jetzt wie ein Wirbelwind durchs Zimmer, nachdem sie zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurde. T-Shirts und Jeans fliegen durch die Gegend sie hat das Gefühl, nichts davon passt zu diesem Anlass.
Du bist wirklich mein Goldstück!, Gisela hält Caroline das x-te T-Shirt mit dem von Carola gezeichneten Esel Emil entgegen. Das ist doch grandios! Du solltest eine eigene T-Shirt-Kollektion auf den Markt bringen. Wir würden reich werden!
Mama! Das hat jetzt echt keine Priorität!, ruft Carola, zieht ihre einzige festliche Bluse aus dem Haufen, verwirft sie aber wieder. Diese Rüschen! Wie aus Omas Kleiderschrank!
Lass Oma aus dem Spiel, Liebes!, lacht Gisela, nimmt die zitternde Fritzi auf den Arm. Und weißt du was ausgerechnet deine Oma wird dir jetzt helfen.
Wie denn?, Carola ist den Tränen nahe und lässt sich wieder auf den Boden fallen.
Doch Gisela lächelt geheimnisvoll, verschwindet kurz und kehrt dann mit etwas zurück, das Carola ins Staunen versetzt.
Ein weißer Hosenanzug elegant, streng den Gisela aus dem Kleidersack holt.
Mama, was ist das?, fragt Carola leise.
Mein Hochzeitsanzug. Darin habe ich deinen Vater geheiratet.
Ich dachte, du hattest ein Kleid Carola streicht mit den Fingern über den festen Stoff und über die Knöpfe.
Nein. Wir haben doch gar keine Hochzeitsfotos mehr, die sind damals beim Umzug verloren gegangen Ich habe so geweint! Es gab kaum Bilder, und dann waren sie auch noch weg. Bei uns wars nur standesamtlich, ohne großes Fest.
Warum hattet ihr keine Feier?
Ach, wir waren noch so jung und so dumm. Wir haben geheiratet, weil dein Vater direkt zu Dreharbeiten musste. Also unterschrieben, dann direkt in den Zug! Die eigentliche Feier kam mit seinen Freunden hinterher. Und die Flitterwochen? Na ja da hat dein Vater sich am Set das Bein gebrochen. Ich habe ihn gepflegt wie eine Krankenschwester. War schon was Besonderes Aber wir hatten Sommer, See, Pfirsiche und Glück Was wollten wir mehr? Und natürlich haben wir aus dieser Zeit dich mitgebracht Also, der Anzug bringt Glück. Probier mal!
Blazer und Hose sitzen perfekt.
Wie für dich gemacht! Ein Wunder, oder?
Und was hat das mit Oma zu tun? Carola dreht sich vorm Spiegel, schaut schräg zu ihrer Mutter.
Na, alles! Sie hat ihn genäht. Und sie hat auch die passenden Schuhe gefunden genau so, wie ich sie wollte. Ich mochte ja nie Absätze, hab mir aber für die Hochzeit einfache weiße Ballerinas gewünscht. Nicht diese glitzernden, überladenen Dinger! Die habe ich nicht gefunden.
Und hat Oma sie gefunden?
Nicht ich, Oma. Sie hat Maß genommen und einen bekannten Schuhmacher gebeten. Und der hat genau gemacht, was ich wollte. Schau!
Die Schuhe in der Schachtel sind wunderschön. Carola probiert sie, lacht aber sofort:
Aus mir wird nie eine Aschenputtel, Mama
Warum nicht?, fragt Gisela.
Die sind zu groß! Wir haben doch nicht die gleiche Schuhgröße!, schluchzt Carola fast beim Blick in den Spiegel.
Dabei passen die Schuhe perfekt zum Anzug.
Ach, das ist doch keine Hürde!, lacht Gisela. Du hast keine Ahnung, was man alles mit ein bisschen Watte machen kann!
Carola lacht, während Gisela beherzt in die Schuhe ein wenig Watte stopft.
Du lachst, aber du würdest staunen, was dieser Trick auch im BH ausmacht! Ihr jungen Leute ihr müsst alles erst noch lernen! Los, probier nochmal!
Jetzt passen sie!
Trag sie als Glücksbringer, Kind
Carola wird die Stelle kriegen.
Und der Film, an dem sie zusammen mit einem Freund ihres Vaters arbeitet, wird ein Erfolg sein und ihr neue Türen ins große Kino öffnen nicht mehr nur als Helferin, sondern als richtige Spezialistin.
Aber das Wichtigste ist: Auf einem Dreh lernt Carola ihre große Liebe kennen. Und sie wird in denselben Schuhen heiraten, die ihr die Mutter als Glückssymbol geschenkt hat.
Wie damals die Eltern unterschreibt Carola einen Tag vor Drehbeginn am Standesamt, küsst am Flughafen zum Abschied Mama und Fritzi. Fritzi bleibt beim Abschied ganz ruhig. Und als das Flugzeug abhebt, seufzt sie fast menschlich, leckt Gisela eine Träne von der Wange.
Ich werd nicht weinen, Fritzi Ich weine nicht. Du hast recht. Wir müssen uns freuen, dass es unserem Mädchen gut geht.Zu Hause, in der kleinen Wohnung, stehen noch immer Mamas Schuhe ordentlich geputzt neben der Tür. Gisela betrachtet sie manchmal und lächelt dabei, während draußen im Park ein spinnenbeiniges Etwas eifrig die Blätter ums Eck jagt.
Carola schickt Postkarten von ihren Reisen. Sie schreibt nicht viel meistens nur einen Satz: Die Welt ist groß, aber ihr fehlt mir. Oder: Wusstet ihr, dass Glück in einen Schuhkarton passt? Beim nächsten Besuch trägt Carola den weißen Anzug und Oma Lottchens Schuhe zum Familienessen und lacht, als Gisela meint: Kind, du bist kein Aschenputtel, du bist der ganze Märchenwald!
Und als sie später mit ihrer Liebe im Garten tanzt, barfuß nach der Trauung, stellt Carola die alten Schuhe vorsichtig auf die Terrasse. Fritzi, inzwischen ein bisschen grau ums Schnäuzchen, rollt sich daneben zufrieden zusammen. Für einen Moment scheint es, als wäre alles so geblieben als wäre der Himmel voller Möglichkeiten, und als wäre alles, was einmal wehgetan hat, jetzt sanft wie Mamas Hand, die ihre Tochter hält, wenn das neue Leben beginnt.
Denn manchmal, so begreift Carola, sind Mamas Schuhe mehr als nur Schuhe: Sie sind Versprechen, Erinnerung, Mut und eine Einladung, hinauszutreten in das eigene Abenteuer.
Der Weg mag nie ganz gepflastert sein. Aber solange man darin läuft, passt er immer ganz gleich, wohin einen die eigenen Schritte tragen.




