Vaninas große Liebe

Vanessas Liebe

Johann Steffen schlich schon eine ganze Ewigkeit vor dem Hauseingang herum setzte sich auf die harte Bank, sprang wieder auf, blieb in hektischer Bewegung und konnte sich doch nicht aufraffen, endlich reinzugehen. Ihm wurde heiß, der Hemdkragen kratzte am Hals, unter dem Jackett war es so stickig wie im August im Regionalzug, und die Schuhe drückten so gemein, dass man fast heulen möchte aber Johann Steffen hielt tapfer durch. Er hatte ja auch nicht umsonst gestern beim Frisör brav eine Stunde ausgeharrt, war nachmittags in die Sauna und bügelte am Abend in seinem kargen, winzigen, fast nackten WG-Zimmer verzweifelt die Hosen glatt, spritzte hier und da etwas Wasser darauf, das dann unter dem Bügeleisen mit zischender Energie verdampfte. Ein paar Mal verbrannte Johann sich die Finger alles, damit heute einfach alles perfekt ist. Kaum dachte er, die Hose sei bereit da entdeckte er plötzlich ein Loch. Zum Glück an der Naht! Die alten Fäden gaben auf also musste er nähen. Doch der Faden wollte ums Verrecken nicht ins Nadelöhr, das Licht der kleinen, nackten Glühbirne reichte nicht und Johann fluchte sogar im Eifer des Nähgefechts. Dann schaltete er sich selbt schnell zurecht. Fluchen gehört sich schließlich nicht, vor allem nicht, wenn Damen in der Nähe sind!

Am Morgen war dann seine nervige Nachbarin aus der WG, Ingrid, schon wieder am Meckern. Ihren Kaffee fest in der Hand, die Zigarette im Mundwinkel, meinte sie: Johann, du riechst ja wie ein nasser Hund!

Wie bitte? Hund? Ich war doch gestern noch in der Sauna! Da wird man sauber, empörte sich Johann.

Du stinkst! Punkt, Ende! Wahrscheinlich hast du dich auf den Platz vom Hund gesetzt. Na, ich rette dich. Ich habe ein Kölnisch Wasser das killt jede Geruchsbelästigung! Und schon rollte sie los.

Zurück kam Ingrid mit einer riesigen dunkelgrünen Flasche, geriffelt und mit einer übertrieben bunten Quaste dekoriert wie Perserteppichkitsch aus dem Ramschladen.

So jetzt Kopf her! Warum windest du dich so? Du bist doch schon groß!, bestimmte Ingrid und zückte den Sprühkopf. Johann erschrak, duckte sich fast wie eine Kobra unter Ingrids massiger Hand weg doch zu spät: Schon wurde sein kahler Schädel großzügig beduftet.

Ein stechender, altväterlicher Geruch zog durch die Luft. Oje die ist aber schon etwas um naja, alt. Aber hilft trotzdem. Oder willst du noch?, fragte Ingrid und zielte nach. Johann flüchtete wie von der Tarantel gestochen aus der Küche ins Bad, versuchte, mit Erdbeer- und Kernseife gegen den Geruch zu gewinnen und schimpfte dabei wie ein Rohrspatz.

Unterdessen briet Ingrid in aller Gemütsruhe ihre Makrele in der WG-Küche, die Jacke von Johann diente ihr als Sitzpolster. Sie fühlte sich behaglich immerhin, ein männliches Jackett an ihrer Seite (wenn auch mit Hundeduft), ein Johann, der zwar schusselig und ein wenig erbarmenswert war, aber doch… Gemütlich! Schön.

Wie dem auch sei: Der Duft blieb, die Jacke roch nach Fisch, die Hose war leicht zerknittert aber Johann Steffen wirbelte schon eilig Richtung Große Bleibtreustraße, stolperte, rempelte Leute an, entschuldigte sich, entkam sogar knapp der Straßenreinigung. Und trotzdem war ihm ganz warm ums Herz: Heute passiert es! Heute! Unglaublich Wie oft hatte er sich den Tag ausgemalt, Dialoge geprobt, den Kopf geschüttelt, wenn es in Gedanken peinlich wurde.

Er wusste genau, was er sagen wollte, wie er auftreten sollte

Blumen! Mist! Er hatte Blumen vergessen! Pfingstrosen sollten es sein, am besten Knospen damit sich das große Blühen erst in der Wohnung vollzog. Also ein Blumenladen musste her!

Johann schaute sich um. Ein Obstladen, ein Teeladen, ein Schuster Aber wo?

Entschuldigung, weiß hier jemand, wo ich Blumen kaufen kann? fragte er einen Passanten, bekam aber nur einen flüchtigen Blick und die kalte Schulter. Also noch einmal. Niemand schien den leichten, verschwitzten Johann Steffen zu bemerken.

Johann, du bist wie eine Mücke, die um sich selbst kreist, ohne Ziel, aber mit ordentlich Brummgeräusch, pflegte Ingrid immer gönnerhaft zu sagen. Danach stellte sie ihm eine große Schüssel Bohneneintopf hin, schob dann einen saftigen Klecks Sauerrahm in die Suppe und beobachtete feierlich, wie er langsam zerfloss, während Johann schon zufrieden lobte, dankte und mit dem Kopf wackelte. Eines war klar: Was eine Frau für einen kocht, muss man loben, egal wie es schmeckt! Und nach Nachschlag fragen Mut vorausgesetzt. Bei Ingrid traute er sich nicht wirklich. Er war ja kein Bettler! Rührte sich später halt Spiegeleier und Würstchen. Wobei Ingrids Eintopf ist klasse.

Woher also jetzt die Blumen nehmen? Ach, da drüben! Johann wartete den Verkehr ab, huschte rüber in den Blumenladen.

Was darf es sein? Pfingstrosen? Na klar! Hier, hier, und hier noch welche!, strahlte die Verkäuferin.

Haben Sie auch Knospen? So richtige runde wo man noch nicht sieht, welche Farbe, und dann blühen sie über Nacht auf und Johann stotterte, schaute verlegen auf die Bodenfliesen. Frauenblicke machten ihn immer noch schüchtern so wie früher, als er samstags mit seiner Mutter zu deren Freundinnen musste.

Johanns Mutter war eine dieser klassisch enttäuschten Frauen: Alleinstehend, dem männlichen Geschlecht kritisch bis zum Anschlag gegenüber. Jede Woche traf sie sich zum Klagen, Lästern, Kichern und Rumheulens mit ihresgleichen. Johann saß als Kind in der Ecke, wartete gebannt auf das Ende dieser sozialpädagogischen Sitzungen. Zuhause bleiben durfte er nicht zu gefährlich. Aber in der Wohnung der Freundin durfte er auch nicht herumstreunen wer weiß, was der kleine Tollpatsch da kaputt macht.

Also saß Johann brav auf dem Hocker, kratze heimlich an der Raufasertapete und wurde wie ein seltenes Insekt von den Tanten beäugt. Sie stellten irrwitzige Fragen: Ob das Kleid der Gastgeberin wohl stände. Wie viele hübsche Mädchen es im Theater gegeben habe. Was er von dem jüngsten Filmstar halte, und findet er Tante Gertrud schön?

Johann stammelte, duckte sich, wurde später von seiner Mutter als sprachlos gescholten. Man musste richtig antworten! Aber alles geriet in seinem Kopf durcheinander: Er vergaß, was Mama über Filmhelden und Mode gesagt hatte. Außerdem gab es in seinem Kopf gar keinen Platz für so etwas da hauste schon sein schönstes, streng geheimes Geheimnis: Veronika.

Veronika wohnte mit ihren Eltern in einer prächtigen Altbauwohnung in der Bleibtreustraße mit Balkon, Ficus und flauschigen Sesseln, im Wohnzimmer ein Buffett mit Porzellan für besondere Anlässe und eine blitzsaubere Toilette. Im Arbeitszimmer ihres Vaters stand ein Bücherregal, das Johann in tiefe Ehrfurcht versetzte mit goldenen Lettern, Widmungen und Postkarten in den Seiten. Johann wusste: Diese Schätze darf er mit seinen grobmotorischen Händen nicht anrühren und trotzdem hätte er so gern darin geblättert

Johanns Mutter hielt von Literatur wenig, verschwenderisch, fand sie. Johann saß dafür stundenlang in der Bibliothek, verschlang Bücher, prägte sich alles ein, nur um daheim mit leeren Händen dazustehen weil da schon wieder neue Vorwürfe auf ihn warteten: Männer seien ohnehin unbrauchbar, Papa eine Schande, die Verwandtschaft sowieso, und ins Haus käme nie mehr ein Mann! Johann, sensibel wie Butterbrot bei Hitze, fürchtete, dass die Mutter auch ihn eines Tages rausschmeißen könnte was ihn regelmäßig in Kummer stürzte und kulturelles Interesse sofort verscheuchte.

Zum Glück durfte er ab und zu mit zu Veronikas Familie, wo es nach Möbelpolitur und frischem Kaffee roch. Veronika lachte viel und sprang manchmal erst durch den Flur, war erst kürzlich aus einer anderen Stadt in seine Klasse gekommen: hübsch, ein bisschen hochnäsig vielleicht eben die Schönste. Johann durfte ihre Schultasche tragen. Begleiten war ausdrücklich erlaubt.

Mein Vater wird überall von seinem Assistenten begleitet, Onkel Karl trägt die Akten, den Schirm, hält die Autotüre auf, erklärte Veronika. Du begleitest mich. Magst mich doch, oder?

Er nickte.

Onkel Karl wurde fürs Tragen bezahlt, Johann nicht vertrieben und durfte ein bisschen im Flur stehen, solange Veronika sich umzog.

Die Köchin, Frau Jutta, ließ Fremde wie Johann nicht an den Tisch strikte Ansage vom Hausherrn. Aber manchmal steckte sie dem Jungen unauffällig ein Tütchen mit Nüssen oder Bonbons zu.

So, Johann, du kannst jetzt gehen! rief Veronika gnädig und schenkte ihm endlich, endlich ein Lächeln.

Er war im Glück: Man bedankte sich bei ihm! Er wurde gebraucht nicht wie der letzte Looser behandelt.

Mehr brauchte Johann nicht. Er nickte, ging brav. Bittet nie um Bücher, so gerne er es getan hätte aufdringlich wollte er nicht wirken, bloß nicht sonst sieht man ihn nie wieder!

Veronika und er machten gemeinsam Abi, Johann schrieb ihr sogar Spickzettel. Beim Abiball nahm er sich vor, ihr endlich seine Liebe zu gestehen kühner Plan. Er schlachtete sein Sparschwein, kaufte Veronikas Lieblingsblumen, versteckte sie im Umkleideraum, doch als er sie ihr geben wollte, hatte irgendwer die Pfingstrosen zerdrückt und dann tauchte noch dieser Kerl im Marinemantel auf, drückte Veronika an sich. Sie tanzten, lachten, wahrscheinlich über ihn

Johann verschwand, sang nicht am Morgen mit den anderen am Lagerfeuer. Wozu auch. Die Mutter hatte recht: Er war ein hoffnungsloser Fall.

Von Jutta, der Köchin, erfuhr Johann später, dass Veronika den Marinemann geheiratet hatte, nach Hamburg gezogen war und dort Ingenieurin werden wollte.

Und du, mein Lieber? Was wird aus dir?, fragte Jutta.

Keine Ahnung. Ist auch egal. Machs gut!, rief Johann zum Abschied.

Aber natürlich hat das Leben ihn nicht verschluckt. Er begann ein Bauingenieurstudium, machte seinen Abschluss, arbeitet nun beim Bau, wohnte allein im alten WG-Zimmer des Vaters. Frauen umwarb er keine, zu unsicher, überhaupt nicht überzeugt, jemals für irgendwen interessant zu sein. Er wartete. Worauf? Auf Veronika.

Und sie kam zurück nach gut fünfundzwanzig Jahren.

Johann! Jo! Erkennst du mich nicht?!, rief Jutta, schwer bepackt mit Einkaufstaschen, ihn eines Abends lautstark auf der Straße.

Johann nickte zerstreut dann erkannte er das Gesicht, lächelte.

Veronika ist wieder da! Kaum wiederzuerkennen! Vom Matrosen geschieden, jetzt wieder bei uns. Besuch sie doch mal, Johann. Sie ist ganz traurig, es bricht mir das Herz. Vielleicht kannst du ihr wieder ein bisschen Leben einhauchen Jutta sah ihn voller Mitgefühl an. Kommst du, Johann?

Was für eine Frage! Ein armer Tropf, ein Niemand ganz nach Mutters Vorhersage.

Vielleicht ist es ja das Schicksal, Jo! Bitte, versuchs Sie hat sogar nach dir gefragt.

Nach ihm? Dann erinnert sie sich? Vielleicht ists wirklich Schicksal?

Gut, ich komme! Und danke!, murmelte Johann und wunderte sich selbst.

Jutta strahlte. Für sie waren die beiden immer noch Jugendliche, die sich im Flur zurechtstießen und rot wurden Die fremde Jugend blüht manchmal länger als das eigene Leben dauerte, dachte sie.

Johann irrte an dem Abend wie ein Gespenst durch Berlin. Was sollte er Veronika sagen? Was konnte er bieten? Nicht viel eigentlich nichts.

Na gut. Dann ist es eben so, wie es ist!

Also: Frisör, Sauna, Loch im Sakko, Ingrid mit Kölnisch Wasser, Erdbeerseife, Pfingstrosen in Zeitungspapier und sein sehnsüchtiger Blick zu ihren Fenstern alles fügte sich heute zusammen.

Einmal noch räusperte sich Johann, rückte den Kragen schön gerade, drückte die Haustür auf und trat ein.

Er erinnerte sich: Auf dieser Stufe war Veronika einmal gestolpert, hatte sich das Knie aufgeschlagen. Johann hatte fürsorglich daraufgepustet, es war weiß und zart unter der zerrissenen Strumpfhose Hier, am Treppenabsatz, aßen sie einmal Kirschen er hatte extra einen ganzen Beutel mitgeschleppt, aber es regnete im Strömen. Später schob sie sich eine pralle, dunkle Kirsche direkt von seiner Hand zwischen die Lippen neckte ihn, lachte, errötete.

Bei der großen Blumenvase versteckte sie einmal ihr Zeugnis, damit der Vater ihr den Tadel ersparte. Johann hatte am nächsten Morgen die schlechte Note heimlich korrigiert perfekt, niemand kam ihm auf die Schliche

Er richtete das Jackett, läutete entschlossen an der Tür.

Jutta machte auf, glänzte vor Freude: Was für eine Überraschung! Veronika schnell, schau, wer da ist!

Tür auf, Veronika kam in den Flur. Ja sie war rundlicher geworden. Die Jahre. Ihre Mutter war auch eine stattliche Frau geworden, mit glänzenden Pausbäckchen und gepflegten Händen.

Wer? Johann? Bist du das?, fragte sie ungläubig. Er stotterte, runzelte die Stirn, dann zog er die Pfingstrosen hervor.

Danke Du weißt noch, was ich liebe? Du erinnerst dich, hauchte sie.

Aus dem Wohnzimmer kam Veronikas Mutter, Frau Tamara, lächelte breit und lud ihn mit ausgebreiteten Armen an den Tisch. Früher hatte sie ihn kaum beachtet, streng gegrüßt, und das wars.

Aber jetzt war alles anders. Das Leben hatte sich gewendet, viel Mühe, viel Trauer, und Johann hatte seinen Platz darin gefunden ehrenvoll.

Siehst du, Johann, wie das Leben so spielt, raunte Tamara ihm zu, als sie gemeinsam Platz nahmen. Ihr Mann hat sie sitzen lassen, einfach so! Skandal! Und stell dir vor, man hat ihn nicht mal rausgeworfen, nicht degradiert bei diesen Hierarchien Katastrophe! Jetzt ist Veronika zurück zum Leiden. Siehst du, wie abgemagert sie ist? Johann, du isst überhaupt nichts! Hier, probier den Sülze! Jutta hat sie diesmal sogar mit Pute gemacht, für Veronikas sensible Verdauung

Mama! Jetzt lass doch Das ist peinlich!, bremste Veronika. Johann, erzähl mal von dir. Was macht deine Mutter?

Früher hatte sie sich nie auch nur ansatzweise für seine Familie interessiert. Plötzlich fragte sie

Johann zuckte die Schultern. Sie lebt, hat hohen Blutdruck Ich arbeite als Architekt auf dem Bau, eigene kleine Wohnung, viel zu tun Mehr brauch ich auch nicht.

Tamara musterte ihn, verzog noch mal den Mund, entspannte sich dann und lachte herzlich.

Architekt das ist was, oder?! Berlin wächst, wird immer schöner! Komisch, noch gestern wart ihr unsere kleinen Täubchen, piepste sie. Ich wusste immer, dass du was wirst, Johann! Jutta, servier doch endlich das warme Essen! Sülze für unseren Johann. Veronika, gib ihm noch Salat. Übrigens: Es ist fast wie früher, als ihr als Kinder hier am Tisch gesessen habt und alles so friedlich war

Nachdenklich seufzte sie. Johann hätte fast korrigiert, dass er noch nie hier mitessen durfte, aber Veronika legte ihre weiche Hand auf seine, schüttelte sanft den Kopf nach dem Motto: Lass Mama in ihren Erinnerungen, ruinier es nicht.

Also ließ Johann es. Er war leicht angeschickert, die Wangen glühten, Hände schwitzten, er wollte den Kragen aufreißen, das Sakko ablegen, und am liebsten einen (leicht falschen) Schlager anstimmen. Er sang sonst nie, kannte seine Rolle als ewiger Außenseiter. Bei der Arbeit war das anders da vergaß er alles, arbeitete, plante, rechnete, da waren Tantenklatsch und mütterliche Blicke ganz weit weg.

Und auch jetzt, bei Veronika, wurde ihm warm ums Herz: Die bewirten mich, halten mich für wichtig das fühlt sich gut an!

Veronika, hilf mir, den Samowar zu holen. Ach, Johann, Tee vom Samowar ist einfach etwas anderes gut, dass wir das Ding von der Datsche mitgebracht haben!, schwärmte Tamara und zog ihre Tochter in die Küche.

Jutta und Johann blieben zurück. Sie blickte ihn prüfend an, Johann wurde nervös.

Ich geh lieber helfen Samowar, schweres Gerät, erklärte er und verschwand in Richtung Küche.

Die Küchentür stand einen Spalt offen, Stimmen drangen durch.

Du weißt, Veronika, es ist doch prima, dass du diesen Johann mitgebracht hast!, sagte Tamara.

Ach, Mama, das ist doch Unsinn

Nein, wirklich! Das Kind braucht einen Vater, du einen Mann. Er hat ein Zimmer, das kann man notfalls vermieten. Oder seine Mutter zieht da ein, und Johann kommt zu dir die Wohnung vermieten wir!, seufzte Tamara.

Mama, er ist doch nur ein kleiner Beamter!, motzte Veronika und wie Johann gerade schockiert feststellte war sie eindeutig schwanger.

Und als du mit dem Matrosen ins Bett bist, hast du da an Standesunterschiede gedacht?! Nein? Dann jammer nicht. Johann ist Berliner, schlau, Architekt, was willst du mehr? Kein Adonis, na und? Dem Vater sag ich, alles ist geregelt. So, bring die Pralinen mit! Veronika, was hampelst du?

Veronika griff nach der Pralinenschale, sah dann Johann im Flur. Der mühte sich schon mit dem Türschloss ab.

Johann, wohin? Ist was passiert?, flüsterte sie erschrocken.

Nein doch Ja, leider. Ich Ich will nicht wieder als Trottel durchs Leben gehen, Veronika. Immer so behandelt werden, wie früher von deiner Mutter, von dir, von allen. Ich hab hart gearbeitet, bin jemand geworden. Bei uns auf Arbeit, die Praktikantin Elena lächelt mich ehrfürchtig an, sogar meine dauermeckernde Nachbarin sagt, ich sei ein Glücksfall. Aber dir komm ich grad nur recht, um das Loch in der Familienordnung zu stopfen? Nein, danke. Ich hab dich früher geliebt. Jetzt vielleicht auch noch ein bisschen. Aber lös deine Probleme allein, Veronika. Ich gehe!

Veronika blieb stumm, große, runde Augen, dann: Danke für die Blumen

Nur er kannte ihre Lieblingsblumen, ihr Lieblingseis, wusste, dass sie immer zählt, wie viele Sekunden zwischen Blitz und Donner liegen, keine Kuhbonbons mag und keinen Malzbier trinkt. Sogar Tamara war weniger aufmerksam. Er hätte ein guter Mann für sie werden können! Wenn man ihn nur ein wenig wertschätzen würde

Johann trat hinaus, warf das Jackett von den Schultern, öffnete den Hemdkragen, genoss den kühlen Berliner Abend unter den Linden, die Brise auf dem Rücken endlich befreit!

Weg hier! Raus aus Haus, Hof und Vergangenheit! Nach Hause! Zurück zu Ingrid mit ihrem Eintopf und dem wohlig grantigen Schimpfen, zu seinen Büchern und Bauplänen. In der WG, da wurde er fair behandelt als Mensch, nicht als Bittsteller. Zuhause!

Er war schon fast wieder auf der Kudamm, durch die Bleibtreustraße abgebogen, als ihn jemand rief:

Herr Steffen! Herr Steffen, entschuldigen Sie

Er drehte sich um. Da schleppte Elena, die Praktikantin, einen riesigen, schwer aussehenden Sack.

Frau Lemke? Was machen Sie hier?

Meine Tante wohnt um die Ecke, ich hab ihr Äpfel vom Garten gebracht. Möchten Sie welche? Mir sinds zu viele, tragen kann ich eh nicht, Elena wurde rot.

Na, dann geb mir her wohin damit?, sagte Johann bestimmt und nahm die Tasche ab.

Elena zeigte den Weg Später saßen sie in ihre Küche, tranken Tee mit Apfelschnitzen und Pasteten, Elena erzählte von der Familie in München, vom Bruder, der Grenzschutz macht, dass sie als Kind nach Hamburg getrampt ist und dass sie einmal einen kranken Streunerhund gesund gepflegt haben

Johann hörte zu, vergaß Kragen, Jackett und Veronika.

Elena, welche Blumen mögen Sie? Aber überlegen Sie gut!

Ich? Als Kind hat mein Vater mir immer Astern zum Geburtstag geschenkt. Die mag ich eigentlich am liebsten

… Veronika schob in trotzigem, fast wütendem Schweigen den Buggy durch den matschigen März. Vorn hupten Autos, ein Hochzeitscortege brauste über den Kudamm, den Bräutigam konnte sie kaum erkennen aber da, ja, sah ein bisschen aus wie Johann, und neben ihm eine knochendürre Ehefrau…

Das Baby im Wagen wachte auf und fing an zu schreien. Veronika schimpfte wie ein Seemann, beobachtete missmutig die Hochzeitsleute, dachte an ihr altes, lustiges Leben in Hamburg und seufzte.

Alles ist Mamas Schuld! Definitiv! Sie hat Johann vertrieben dann soll sie jetzt auch zusehen, wie sie klarkommt!, schoss es durch ihren Kopf.

Eine Stunde später stand Veronika schon mit Koffer im Flur.

Was wird denn jetzt, Veronika? Was mach ich mit Paul? Er ist doch noch ein Baby!, rief Tamara verzweifelt.

Mach, was du willst. Zieh ihn halt groß. Ich fahr jetzt nach Hamburg, mich mit meinem Ex versöhnen. Wenns klappt, gut. Wenn nicht, rollt er halt zum Gericht. Ach ja, Mama: Wer ist überhaupt wir?

Tja Da ist doch dieser Herr Mahler aus dem KaDeWe wir verstehen uns blendend, Tamara rückte sich verlegen die Frisur zurecht, errötete wie ein Backfisch nach dem ersten Kuss.

Veronika japste, dann fauchte sie: Na prima. Dann wird Paul einen Opa haben, nett und mit Beziehungen im Einzelhandel. Vergiss nicht, er verträgt keine Laktose. Ich steig dann in den Zug. Tschüss, Mama!

Veronika verschwand, Paul brüllte bei Oma im Arm. Tamara schaukelte, doch ohne Erfolg.

Herr Mahler, der KaDeWe-Mann, ließ sich nicht mehr blicken. Tamara hielt ihn fortan für einen Lumpen.

Nach Wochen meldete Veronika sich per SMS: Schick mir Geld!

Wie gehts euch? Kommst du zurück?, fragte Tamara hoffnungsvoll.

Vielleicht, mal schauen. Küss Paul von mir, häng das Foto an die Wand, damit er weiß, wie Mama ausschaut!, kicherte Veronika und legte auf. Ihr Privatleben dafür hatte sie jetzt zu tun.

Johann saß währenddessen bei schlafender Elena, glücklich wie nie: Sie, er und bald ein Kind! Vielleicht ein Sohn? Aber eine Tochter auch toll! Hauptsache gesund, und dass Elena sich nicht quält!

Behutsam deckte er sie zu, löschte das Licht.

So ist sie, Johanns, äh, Vanessas Liebe: ganz einfach, sehr warm und doch hat sie sich gelohnt.

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Homy
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