Mamas beste Freundin

Mutters beste Freundin

Achtzehn Jahre, mein Schatz! Stell dir das mal vor! strahlte Anna Becker an jenem Morgen, als sie ihrer Tochter zärtlich die schmalen Schultern tätschelte. Jetzt bist du wirklich erwachsen! Paul! Paul, unsere Tochter ist jetzt ganz erwachsen und du liest einfach wieder die Zeitung! Komm her, wir müssen gratulieren! rief sie ihrem Mann zu.

Paul erhob sich widerwillig aus dem Sessel, nahm einen Blumenstrauß natürlich Rosen, lachsfarben mit zartgrünen Äderchen, als wären sie aus Wachs gemacht und extra ohne Dornen, damit Helene sich die Hände nicht verletzte, wenn sie das Bouquet trug. Anna organisierte alle Feiern höchstpersönlich, ihr Mann war dafür nur als Bote zuständig. Für den Einkauf im Feinkostladen, das Abholen der Kleider für sie und Helene bei der Schneiderin, das Bringen der Schuhe zum Schuster und selbstverständlich musste er sie gleich wieder zurückbringen, denn schon bald würden Gäste eintreffen und Anna hatte nichts anzuziehen, das Teeservice von den Nachbarn ausleihen all das lag auf Pauls Schultern. Er war immer an ihrer Seite, wie der Schatten eines quirligen kleinen Dackels.

… Paul und Anna unser Glücksfall! witzelten die Freunde damals auf ihrer Hochzeit, während Helene stolz die Brautablösung durchwinkt. Damals liebte er sie noch, sogar sehr. Er liebte sie auch, als Helene geboren wurde, ihre einzige Tochter, denn Anna wollte keine weiteren Kinder. Paul hätte schon noch einen Sohn gewollt, oder auch eine zweite Tochter. Aber …

…Weißt du eigentlich, was es mich gekostet hat, sie auszutragen und zu gebären?! Hast du eine Ahnung, wie es ist, ein Kind zu bekommen? Wenn du das je hättest durchmachen müssen, du wärst längst von mir geschieden, das ist die Hölle, Paul! Widersprich mir nicht! Hör sofort auf, mich zu kritisieren, hörst du? Während ich Helene trug, sah ich keine Freunde, keine Reisen, immer nur diese vier Wände, und alles nur, weil du diese schreckliche Grippe ins Haus geschleppt hast! Ich war krank und konnte nicht wie ein Mensch leben. Nein, mein Lieber, nie wieder! Jetzt gibt es nur noch Helene. Erzieh sie gefälligst selbst. Aber wen kannst du schon erziehen?! Lustig … Du konntest ihr nicht mal die Windeln wechseln, hast gezittert, ich musste alles selbst machen. Weiter wird es nichts geben, Paul, keine weiteren Schwangerschaften, keine Geburten, keine Milch und keine ruinierten Figur. Übrigens! Anna blickte streng zu ihrem Mann, der langsam die Augen schloss. Hast du schon wegen des Kuraufenthalts gefragt? Helene und ich müssen den Frühsommer an unserer See verbringen, danach fahren wir vielleicht in die Türkei oder nach Zypern! Du hast keine Ahnung, dass deine Tochter schlechte Blutwerte hat, sie braucht dringend Waldluft, Sonne und Meerwasser!

Natürlich hatte Helene keine schlechten Blutwerte, Anna log. Sie möchte nur selbst raus aus dem stickigen Berlin, entspannen, Weintrauben mit ihren weichen Fingerncker vom Strauch schneiden, sie genüsslich aufbeißen und behaupten, sie seien zu sauer, Mineralwasser trinken, im Schlammbad liegen, seufzen und das Gefühl genießen, wie ihre Haut sich verjüngt. Baden, am Strand faulenzen, einschlafen und sonnenverbrannt wieder aufwachen, dann mitleidig die Kellner im Restaurant anschauen, damit sie ihr ein Eis bringen natürlich ohne Trinkgeld zu geben…

Das alles konnte Anna, hatte es von ihrer Mutter gelernt. Wovon sie sich erholen musste, wusste nur sie selbst, denn Anna hatte in ihrem Leben noch keinen Tag gearbeitet, obwohl sie ihr Studium abgeschlossen hatte; das Diplom lag im Kommodenschubfach unter den schönen Spitzennachthemden, die Paul von einer Dienstreise mitgebracht hatte. Es ist praktisch, einen Mann zu haben, der oft im Ausland ist Diplomat, Übersetzer. Das erleichterte das Leben erheblich.

Sie arbeitete nicht, hatte aber ein Personal: eine feste Köchin, Reinigungskräfte, Nachhilfe für Helene dennoch war Anna immer erschöpft und brauchte ein neues Publikum für ihr kleines Schauspiel namens Leben. Dann zog sie ihren Trumpf: Helene.

Helene hat zu wenig Hämoglobin, Anämie, Apathie und Rachitis, ist vom stickigen Stadtleben gequält, erschöpft von der Schule für sie ist Erholung überlebenswichtig.

Paul widersprach nicht. Wenns sein soll dann soll es sein, schließlich ist Helene seine einzige Tochter, ohne Hoffnung auf ein zweites Kind… Da musste man alles in sie investieren!

Die besten Kurorte und Hotels im Sommer, im Winter Besuche bei Freunden auf dem Land mit Grill und Feuerwerk die ganze Welt zu Helenes Füßen. Nur Anna wäre Begleiterin wie könnte man das Kind alleine fahren lassen…

Überhaupt, Anna und Helene waren sehr nah, sie waren allerbeste Freundinnen, tuschelten, lachten, zwinkerten sich zu, lagen gemeinsam auf dem großen Bett im Schlafzimmer und blätterten durch Modemagazine. Paul durfte in solchen Momenten nicht stören.

Du verstehst das, Paulchen, Helene muss mir vollkommen vertrauen, ich bin ihre Vertraute, dann wird alles gut! erklärte Anna ihrem Mann.

Das Mädchen braucht Freundinnen in ihrem Alter, deine ständigen Versuche, dich in ihr Seelenleben zu drängen, sind einfach falsch! entgegnete Paul, klappte die Zeitung zu und warf sie auf den glänzenden Esstisch.

Aber die hat sie doch! Was meinst du, wie viele pappnasige Gören sie kennt! winkte Anna ab. Aber mit mir muss sie über ihr Leben sprechen. Und dann …

Sie unterbrach sich und lachte. Paul schaute sie erstaunt an.

Was ist?

Du? Sieh dich mal an, wie witzig du dich im Buffetspiegel spiegelst! Wie ein buckliger Zwerg! Herrje, Paul, wie schaust du denn aus! Anna bekam solchen Lachanfall, dass sie zu hicksen begann, woraufhin Frau Pauline, die Köchin, ihr ein Glas Wasser brachte, um die prustende, korpulente Herrin zu beruhigen. Die wiederholte:

Paul der Bucklige! Paul der Zwerg! und zeigte auf sein Spiegelbild…

Solche Streitereien flackerten immer wieder auf, manchmal loderten sie, manchmal glommen sie bloß, aber sie brannten immer in ihnen weiter…

… Helenchen, Liebling! Jetzt hat Papa es endlich begriffen und bringt dir unser Geschenk. Blumen! Paul, steh nicht rum, überreiche deiner Tochter die Blumen! Ich hab hier … Anna zauberte eine kleine Schmuckschachtel hervor.

Helenes Augen leuchteten, Paul runzelte die Stirn.

Trag sie mit Freude, Schatz. Saphir-Ohrringe samt passender Kette. Wunderschön, oder? hauchte Anna.

Helene probierte den Schmuck, fummelte vergeblich mit den Ohrringen herum, aber ihre Mutter half ihr.

Anna, wovon hast du das bezahlt? Du weißt doch, wir müssen sparen, jeden Moment kann ich meine Stelle verlieren und… flüsterte Paul, doch seine Frau winkte nur ab.

Oje, Paul, fang jetzt nicht an! Helene, Papa knausert wieder bei dir! Anna schob die Lippen so vor, dass sie wie ein schnatterndes Kaninchen aussah.

Was redest du da, Anna!? Ich hab nie an euch gespart, aber du hast versprochen, es wird nicht zu teuer! Außerdem, Helene ist noch zu jung für so schweren Schmuck, wohin damit? Der Vater schaute eher zu seiner strahlenden Tochter als zu seiner Frau, den Kopf schüttelnd.

Das geht dich wohl kaum etwas an! Morgen gehen wir ins Deutsche Theater, schauen uns Ballett an, da werden wir glänzen, stimmts, mein Kind? Und du, Paul, setz dich wieder zu deinen langweiligen Zeitungen, die sind genauso gefühllos wie du selbst! Wir Mädchen schwatzen jetzt.

Anna drängte ihren Mann aus dem Zimmer, schlug die Tür zu und drehte sich lächelnd um.

Liebling, nachher kommen deine Freunde, Pauline kocht schon auf Hochtouren. Ich glaube, du musst mich gleich noch mit einigen deiner Gäste bekannt machen … Und welches Kleid soll ich anziehen? schnurrte Anna, strich Helene durchs Haar und lächelte. Wie schön, Mama und Tochter als beste Freundinnen!

Helene erzählte Anna von all den kleinen und großen Freuden und Sorgen des Tages und so wurde auch Annas Tag ein wenig zu Helenes. Danach erklärte sie Paul: Helene und ich können die Mathelehrerin gar nicht leiden! Sie schreit immer hat sie überhaupt das Recht dazu? Aber Erik Müller, der mit Helene Geige spielt, ist sympathisch, höflich. Lernt an der Musikhochschule. Ach, wozu erzähl ich dir das du hörst ja eh nie zu!

Ich höre zu, Anna. Helenes Leben, ihre Freunde, ihre Schule sind mir auch wichtig. Aber ich finde, sie muss ihre eigenen Entscheidungen treffen, ohne dass du ihr alles abnimmst! entgegnete Paul.

Ach, willst du, dass sie genauso viel falsch macht wie wir? Dass sie ihr Leben verpfuscht, nur weil ich ihr nicht geholfen habe? Anna schüttelte verächtlich den Kopf über ihren unfähigen Mann. Hätte meine Mutter mir damals gesagt, welch Schwächling du bist, wäre ich nicht mit dir nach Bayern aufs Land gefahren. Dann hätte ich vielleicht ein besseres Leben mit jemand anderem geführt. Aber nein, meine Mutter wollte sich auch nie einmischen. Und nun: Ich habe mein Leben dir geopfert und du bist weder ein gescheiter Ehemann noch Vater. Also, Paulchen ich entscheide hier, was Sache ist!

… Anna und Helene probierten noch einmal Schuhe durch, blieben bei den hellbeigen Wildlederpumps. Dann ließ sie Helene spazieren gehen.

Helene schlenderte die Allee entlang, zwinkerte der Sonne zu, die wie sie hell und leicht war und ihr an diesem Tag scheinbar folgte. Achtzehn Jahre ein festlicher, aufregender Tag. Und heute würde Erik zum Geburtstagsbankett kommen…

Der Gedanke an Erik ließ sie innerlich kribbeln und aufgeregt werden.

So fühlt sich das also an, dieses berühmte Kribbeln im Bauch, dachte Helene und atmete scharf ein. Ihr war, als könne sie vor Glück gleich laut auflachen…

Erik schrieb ihr oft alberne, witzige Nachrichten. Sie waren noch kein offizielles Paar, doch heute, so hoffte Helene, würde sich alles klären. Falls die Eltern und Gäste früh genug verschwänden und Erik blieb, ja dann… Der Kopf schwindelte nur so!

Helene sah auf die Uhr Zeit, nach Hause zu gehen und die Freunde in Empfang zu nehmen!…

Kaum hatte sie Kompott getrunken und das Haar gerichtet, hatten Pauline und Anna schon gedeckt: Besteck neben den festlichen Porzellantellern auf dem schneeweißen Tischtuch, Servietten mussten natürlich aus Baumwolle sein wir sind doch nicht in einem Imbiss!. In der Mitte des Tisches eine Schale mit Früchten: Trauben, Pfirsiche, Orangen, Äpfel. Wobei Anna später die Äpfel entfernen ließ. Wieso? Äpfel sind zu gewöhnlich, nur das Beste muss aufgetischt werden.

Es klingelte, Anna öffnete, selbst übertrieben aufgebrezelt, in einem Kleid mit zarten Trägern und kräftigem Make-up, hohe Stilettos. Die Füße taten weh, aber für ein Fest hält Anna das aus!

Guten Tag! Mehrere Jungen stürmten in den Flur, überreichten Anna Blumen. Helene! Alles Gute!

Sie reichten Helene die Hand, etwas umständlich, unter den wachsamen Augen von Anna. Sie war bei allen Feiern ihrer Tochter anwesend schon im Kindergarten, wenn die anderen Mütter längst gegangen waren, verlagerte sie das Kaffeetrinken in die Fotowand.

Ich mach noch ein Foto! Das ist doch so süß! Sie sind so herzig! Anna wischte sich gerührt ein Tränchen weg, knipste aber immer nur Helene. Den anderen Kindern erzählte sie, die Fotos seien nichts geworden…

In der Schulzeit feierte Helene, wie damals üblich, im Kinderclub Eltern nippten an saurem Wein, Kinder hockten über Pizza.

Später wurden Helenes Geburtstage ruhiger, im Kreis ausgesuchter Freunde zu Hause und natürlich mit Anna. Später durften die Freunde und das Geburtstagskind noch ausgehen, Anna drückte ihnen sogar Taschengeld zum Ausgehen in Euro in die Hand, im Vertrauen, dass Helene nichts anstellen würde…

… Mama, sollen wir die Blumen ins Wasser stellen? Geh doch mal in die Küche, die Vase steht schon bereit… deutete Helene. Nun wurde sogar ihr die mütterliche Präsenz zu peinlich.

Ach ja! Wie dumm von mir… So ein besonderer Tag… meinte Anna und spielte auf Glückwünsche an sich selbst an, doch die Jugendlichen verstanden nicht, zogen lieber weiter ins Kinderzimmer.

Bald kamen die Mädchen, drückten Helene feierlich, kicherten und verschwanden im Zimmer.

Helene lugte immer wieder hinaus, das Handy fest in der Hand.

Nun, Liebling, ich glaube, alle sind da! Zeit zu essen! Ruf deinen Vater, die Gäste sind hungrig! lächelte Anna.

Noch eine Minute, Mama, bitte! Lass uns noch warten. Helene schüttelte energisch den Kopf.

Ach was was gibts da zu warten?! Jungs, Mädels: Ins Wohnzimmer, der Tisch ist gedeckt! Paul! Paul Becker, bitte hilf wenigstens, den Sekt zu öffnen! rief Anna.

Paul kam aus seinem Arbeitszimmer.

Papa, lass uns noch einen Moment warten, flüsterte Helene. Es ist wirklich wichtig!

Nein, nein! Wir beginnen jetzt! Bitte zu Tisch! Anna öffnete schwungvoll die Flügeltüren zu Ess- und Wohnzimmer, wie im Film, und breitete die Arme einladend aus.

Die Jugendlichen setzten sich. Anna kannte sie alle gut, da war niemand Unpassendes.

Der rothaarige Oskar interessierte sich für Physik und Raumfahrt, will später ins DLR. Gut so!

Neben ihm saß Friederike, deren Vater ein hohes Tier in einer Ölgesellschaft war. Einmal lud sie Helene aufs Land ein, aber das war kein einfaches Landhaus eine richtige Villa! Anna war begeisterte Gäste, blieben prompt mehr als eine Woche. Und natürlich wäre Helene alleine nie gefahren…

Elias, Niklas, Sebastian ganz normale Jungs, ohne große Perspektiven, aber lustig. Sollen bleiben. Einer hat einen Vater in der Werkstatt, muss man sich merken man weiß nie, wozu es gut ist…

Susanne und Kirsten, kichernde, etwas flatterhafte Mädchen dafür kommt Helene prima zur Geltung. Gute Gäste!

Die Gläser wurden mit Sekt gefüllt, Paul hielt eine kleine Ansprache, die Gläser klangen. Etwas Sekt schwappte auf die Tischdecke und in den Salat, aber das machte alles nur noch ausgelassener.

Paul Becker stand bald wieder auf, angeblich wegen dringender Angelegenheiten. Helene nestelte nervös an der gestärkten Serviette. Sie aß beinahe nichts.

Weiß jemand, wo Erik ist? Ich hab ihm geschrieben, aber die Nachricht ist nicht angekommen. Er hat versprochen, zu kommen… fragte sie schließlich leise.

Jeder wusste um ihre Zuneigung, alle hatten Verständnis.

Weißt du es nicht? meldete sich Friederike.

Was denn? Helene runzelte die Stirn.

Er ist gestern gefahren, aufgenommen an einer Uni, allerdings nicht hier, er wollte doch Medizin studieren…

Wie gefahren? Wir hatten abgemacht… Er hätte doch morgen fahren können… Wie? Wohin? flüsterte Helene erschrocken. Die Schmetterlinge im Bauch schlugen wild um sich, es tat weh.

Das kann dir Frau Becker besser erklären, sagte Friederike mit Blick auf Anna.

Anna richtete sich auf, schob die Schultern zurück ganz Gänsemutter.

Mama? Was hast du damit zu tun?

Paul Becker seufzte im Türrahmen. Also, sie hatte es getan. Seine undurchsichtige, sture Frau…

Ich? Ich bin völlig unschuldig! Bedient euch, Jungs, probiert vom Kassler, selbst gemacht, und Matjes gibts auch! Gleich gibt es das Hauptgericht, danach wird getanzt… trällerte Anna, doch Paul trat ein und führte sie hinaus.

Paul! Was soll das? Hier sind Gäste! Was willst du? empörte sich Anna, während er sie energisch in die Küche zog.

Helene, komm. Es reicht mit dem Schauspiel! bestimmte der Vater. Das Mädchen gehorchte.

In der Küche duftete es schwer nach Kuchen. Der Tisch war übervoll mit Schüsseln und Tellern, irgendwo stand eine halbleere Tasse Tee, auf dem Herd mehrere Pfannen, aus dem Ofen ragte ein Bräter.

Jetzt erzählst du Helene alles. Alles, Anna! Wie du ständig ihre Nachrichten gelesen hast, gelauscht, überall reingeschnüffelt hast, wo man dich nicht gebeten hat. Alles! Paul schlug mit der Faust auf den Tisch. Seine Frau zuckte zusammen. Helene auch.

Na und?! zog Anna arrogant die Brauen hoch. Es ist übrigens erlaubt, die Korrespondenz seines Kindes zu prüfen, das verhindert viele Katastrophen! Zwischen Helene und mir herrscht eben ein ganz besonderes Vertrauensverhältnis, das empfinde sie nie als Demütigung, stimmts, Helene?!

Helene blickte verwirrt erst den Vater, dann die Mutter an, ballte die Fäuste.

Mama … Wirklich?! Wieso solltest du das dürfen, wieso sollte mich das nicht stören, dass du immer in mein Leben reinpfuschst?! Und du hast alles gelesen? Jeden Tag?! Das ist so fies und erniedrigend! Helene zitterte, wollte flüchten, hielt sich aber zurück. Und du, Papa? Du wusstest alles und hast geschwiegen? Unfassbar! Ich dachte immer, du wärst still, vielleicht unter Annas Pantoffel aber ein anständiger Mensch! Jetzt weiß ich: Du bist noch schlimmer! Das Mädchen zeigte auf Anna.

Ja, Helene! Ja, er ist ein schrecklicher Mensch! Aber hör nicht auf ihn, wir beide packen das! Wir, Helene, sind ein Team, wir schaffen alles zusammen! Warum bist du so aufgebracht? Wegen nichts! Ohne mich hättest du einen Bruchteil deiner Erfolge erzielt, das weißt du! Wettbewerbe, Aufnahmeprüfungen, sogar die Abschlussarbeiten ohne mich hättest du das alles nie geschafft! Und Erik … der ist nichts für dich. Glaub mir, ich kenne Männer! Kaum hatte ich dem Institut in Tübingen zugesichert, der Junge könne jetzt beginnen, hat er gepackt und ist abgereist. Und das mit Hilfe von Papas Beziehungen! Ohne mich hätte Erik das Wohnheim nie bekommen. Dankt mir sein Leben lang! Für dich warst du nur eine von vielen für ihn. Das eine Platz im Medizinstudium war entscheidend! Hier hat er nichts verloren. Niemals akzeptiere ich diesen Jungen, einen Arbeiterkind. Ich habe dich geboren, Helene, ich habe das Recht, über dich …

Worüber, Mama? Über mich? Helene lachte bitter. Deine Erfolge? Die sind alle meine, Mama. Ich habe gesessen und gelernt, und du hast mich mit deinem Tee? Willst du rausgehen? Rücken gerade, Finger lockerlassen! genervt. Du hast keine Ahnung vom Leben, Mama, keine, aber ich habe dich aus Mitleid ertragen…

Paul Becker schaute beim Zuhören neidisch ins Fenster. Nun war alles vorbei: Der Schein einer normalen Familie, das ruhige Zusammenleben. Und dabei wollte er doch einfach eine ganz gewöhnliche, friedliche Familie führen! Er hatte Anna geheiratet, weil … weil sie damals von ihm schwanger geworden war. Er trug seine Strafe und mit Annas Charakter… Aber sie war so temperamentvoll, schmiegte sich an ihn, an den Streber mit der dicken Brille, dass er an sich glaubte, sich kurz als Tiger fühlte, und … da kam Helene.

Und Anna? Sie kam aus gutem Hause, wie hätte er sie sitzen lassen können? Natürlich heiratete er.

Was nun?…

Wie kannst du nur, Helene? Ich habe alles für dich getan, mein Leben, meine Gesundheit geopfert, damals so schwer geboren, viel gelitten. Dafür wirst du jetzt meine beste Freundin… Hättest du so eine Mutter gehabt, wie ich sie für dich bin, hättest du ihr die Füße geküsst! Wir sind ein Team, Helene, beste Freundinnen! Anna schluchzte, drehte sich weg. Paul! Warum schweigst du?! Deine Tochter ist verloren und du … ?

Ja. Verloren. Wir haben sie verloren. Eingefangen, dann verheddert, seufzte Paul. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Verzeih uns, Helene, wenn du kannst!

Das Mädchen wollte gerade sagen, echte Freundinnen mischen sich nicht so ein, als es an der Tür klingelte. Friederike öffnete, rief: Helene, komm!

Vor der Tür stand Erik mit einem üppigen Strauß, so einen, wie Anna immer zusammengerafftes Allerlei aus Eimern nannte.

Erik? Du bist ja doch gekommen! Helene schaute den groß gewachsenen Jungen von unten an.

Na, so weit ist Tübingen ja auch wieder nicht! zwinkerte Erik.

Tja … Einem Dackel ist kein Weg zu weit! knurrte Anna durch die Zähne.

Ich hab versprochen, zu kommen. Also bin ich hier! grinste Erik verlegen. Helene, alles Gute! Nimm die Blumen, sonst seh ich ganz schön dumm aus. Für dich sind sie jedenfalls…

Sein Gesicht wurde rot, sogar die Ohren. Helene hatte noch nie erlebt, dass Menschen so schnell erröten und griff nach dem Strauß.

Komm runter! befahl sie dem langersehnten Gast.

Er beugte sich, sie küsste ihn. Auf den Mund. Einfach so.

Die Gäste im Wohnzimmer raunten, Paul Becker atmete auf, und Anna schloss die Augen.

Danke, Frau Becker! stürzte Erik zu Anna und umarmte sie herzlich. Sie sind meine Wohltäterin! Dank Ihnen! In Tübingen gibt es einen bekannten Professor, der meinen Großvater operiert hat, ein Schlauer Kerl! Dank Ihnen kann ich bei ihm studieren! Vielen Dank, Tante Anna! Und wenn ich ausgelernt habe, lade ich Sie ein, ich schneide Ihnen die Gallenblase raus, ohne dass Sie schreien, versprochen!

Anna erbleichte, murmelte: Um Gottes Willen!, alle lachten, auch Paul lachte laut, fast mit Tränen in den Augen!

Im Esszimmer tobte die Festgesellschaft, Witze wurden gerissen, Anekdoten erzählt, und Helene ließ Eriks Hand nicht mehr los. Er wollte das ja ebenso.

… Paul! Was gibts Neues bei der Arbeit? Wer hat angerufen? fragte Anna scharf, als sie ihre leere Tasse abstellte. Jetzt wollte Anna plötzlich die beste Freundin des Mannes sein, doch Paul entwich.

Niemand.

Ach, du hast eine halbe Stunde mit niemandem geredet? höhnte Anna, wartete, bis Paul ins Bad war, schnappte sich sein Handy, wollte alles herausfinden, doch sie kam mit dem Passwort nicht klar, legte es erschrocken zurück. Macht nichts, Anna bleibt beharrlich. Sie wird schon alles herausfinden. Ganz bestimmt nur wird es ihr wohl kaum gefallen…

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Homy
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