Mein Name ist Brigitte. Ich bin fünfundfünfzig, habe Rückenprobleme, zwei erwachsene Kinder und einen alten, auf Kredit gekauften VW Polo, speziell fürs Taxifahren angeschafft.
Gelernt habe ich früher Buchhalterin, mein ganzes Leben habe ich in der Buchhaltung eines Werks in Hannover gearbeitet. Bis Rationalisierung kam, die Abteilung aufgelöst wurde und man mir freundlich nahelegte, endlich mal auszuruhen. Ausruhen von Gehalt, Arbeitserfahrung und vor allem vom Gefühl, gebraucht zu werden.
Meine Erwerbsminderungsrente in Deutschland liegt bei etwa neunhundert Euro. Miete, Strom, Medikamente, Lebensmittel das wars. Entweder lebe ich, oder ich gehe zum Arzt. Meinen Kindern habe ich das nie erzählt. Sie denken bis heute, ich hätte alles bestens im Griff.
Mein Sohn, Sebastian, zweiunddreißig, ITler, wohnt in einer engen, kreditfinanzierten Zwei-Zimmer-Wohnung in Berlin, immer im Stress wegen Deployments und Sprints. Meine Tochter, Annika, siebenundzwanzig, arbeitet im Kosmetikstudio, teilt sich eine Einzimmerwohnung mit einer Freundin, und nimmt ständig Kredite auf für Nägel und das neue Handy.
Als ich meinen Job verlor, war ich eine Woche wie gelähmt. Dann entdeckte ich online das Inserat: Partner-Taxizentrale, flexibler Arbeitsplan, Verdienst ab . Ich dachte: Warum eigentlich nicht? Ich kann Auto fahren wie kaum jemand, habe den Führerschein seit dreißig Jahren, und trinke nie Alkohol.
Also nahm ich einen Kredit auf, kaufte einen gebrauchten Polo, und meldete mich bei der App an.
Mama, willst du jetzt echt Taxifahrerin werden? Annika verdrehte die Augen, als sie das Taxischild auf meinem Dach bemerkte. Du bist doch ne Frau! Da steigen dir lauter Besoffene ein!
Mama, musst du dich so erniedrigen? Sebastian schaute skeptisch. Sags ehrlich, brauchst du Geld? Ich kann dir jeden Monat was schicken. Nicht viel, aber
Ich möchte nicht, dass ihr mir was zuschiebt, antwortete ich möglichst ruhig. Ich will selbst verdienen.
Sie tauschten diesen Blick, den Kinder ihren Eltern schenken, wenn sie deren merkwürdige Alleingänge mitleidig betrachten: Was will man machen
Nachts ist die Stadt ein anderer Ort.
Tagsüber bin ich die ehemalige Buchhalterin mit Rückenproblemen. Nachts bin ich nur die Stimme aus dem Fahrersitz, die die Geheimnisse anderer hört.
Ich fahre immer vorsichtig, lasse das Radio aus, mische mich nicht ein. Die Leute fangen von ganz alleine an: streiten per Freisprechanlage, flüstern ins Handy Ich bin schon auf dem Weg, schluchzen in die Dunkelheit.
Eines Herbstabends, fast Mitternacht, kam eine Fahrt vom Hauptbahnhof. Ziel: ein Wohnviertel am Stadtrand, zwanzig Minuten über die B6.
Ich fuhr vor. In mein Auto stieg ein großes, schlankes Mädchen mit langem Daunenmantel, Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Ihr Gesicht war kaum zu sehen, nur die Nase rot vor Kälte.
Guten begann ich.
Kanns bitte schneller gehen? Sie unterbrach mich, der Blick gesenkt, Stimme rau, als hätte sie geweint.
Nach ein paar Minuten klingelte ihr Handy. Auf dem Display stand: Mama. Sie verzog das Gesicht, nahm aber ab.
Hallo.
Na, bist du angekommen? Die Stimme am anderen Ende, rau, ausgebrannt.
Bin unterwegs Sie schluckte. Mama, ich
Weinst du schon wieder? Die Mutter klang genervt. Wie oft hab ich dir gesagt: Du hättest früher Kinder kriegen sollen, solange du noch jung warst! Aber du immer Karriere, Karriere. Jetzt bist mit Bauch allein, keiner will dich mehr
Ich krieg ein Kind, und der Vater meint jetzt, das passt ihm grad nicht, flüsterte sie. Kann ich zu dir kommen?
Zu mir?, schnaubte die Mutter. Hättest früher überlegen sollen, als du mit dem in seinem Loch im Kiez gelegen hast. Ich hab mein eigenes Leben. Ich will auch noch was erleben, und nicht deine Babysitterin sein.
Ich drückte das Lenkrad so fest, dass meine Fingerknöchel weiß wurden. Ich wollte eingreifen, schwieg aber.
Mama, ich hab niemanden sonst, sagte die Passagierin kaum hörbar. Ich könnte einfach auf der Bushaltestelle schlafen
Mach doch, was du willst!, fuhr die Mutter sie ab. Ich hab dir gesagt: Männer kommen und gehen, die Mutter bleibt. Aber du hast dich für den Typen entschieden. Dann geh halt zu ihm. Ruf an, wenn du dich wieder einkriegst.
Das Gespräch endete. Im Auto herrschte Stille bis auf das leise Rauschen der Heizung.
Ich konnte nicht mehr.
Mädchen, sagte ich leise. Nimm es mir nicht übel, ich bin nur die Taxifahrerin. Aber auf der Straße schläfst du sicher nicht.
Sie zuckte zusammen. Hob den Blick zu mir verheulte, verschmierte Augen. Und ganz plötzlich sah ich darin Annika. Besser gesagt, die Annika mit siebzehn, als ihr erster Freund sie sitzen ließ, und ich mit ihr die Nacht am Küchentisch verbrachte, ihr sagte, die Welt gehe nicht unter.
Gibts jemanden, den du außer ihr anrufen könntest?, fragte ich vorsichtig.
Nein, seufzte sie. Ich bin wegen dem Studium nach Hannover gezogen, wohne in einer WG, die Mädels werfen mich raus. Mein Freund meint, er kommt damit nicht klar. Und meine Mutter na, das haben Sie ja gehört.
Wir waren schon fast bei ihrem Haus: typischer Plattenbau, gelbes Licht im Treppenhaus, nasser Asphalt.
Ich hielt, beendete die Fahrt aber nicht.
Pass auf, sagte ich dann, selbst überrascht von mir. Du gehst jetzt rauf, holst deine Sachen und kommst wieder raus. Ich warte.
Warum?, schaute sie mich erschrocken an.
Weil ich ein freies Zimmer habe. Mein Sohn wohnt längst nicht mehr hier, meine Tochter auch nicht. Da sind Bett, Schrank und Wasserkocher. Ich verlange kein Geld von dir. Aber eine Bedingung gibts.
Welche?
Morgen früh isst du ein ordentliches Frühstück. Und dann fängst du an, an dich zu denken. Nicht nur an die, die dich mit Füßen treten.
Sie starrte mich schweigend an, dann bedeckte sie ihr Gesicht mit den Händen und fing leise an zu weinen diesmal nicht aus Ohnmacht, sondern aus Erleichterung.
Am nächsten Morgen briet ich Pfannkuchen auf zwei Pfannen, die Küche roch nach Teig und Kaffee.
Sie hieß Friederike, zweiundzwanzig, in meinem alten Frottee-Pyjama, weil ihre Sachen noch im Beutel an der Tür standen. Unsicher zog sie den Ärmel zurecht, als hätte sie Angst, meine Sachen zu beschmutzen.
Sie Sie haben wirklich keine Angst, dass ich Sie ausnutze oder bestehle?, fragte sie leise.
Du ahnst nicht, was ich jede Nacht für Wahrheiten in meinem Auto höre, grinste ich. Wer lügen will, heult selten so verzweifelt.
Ich half ihr, besorgte einen Termin beim Frauenarzt, erklärte ihr Rechte, wir schauten zusammen nach Unterstützung und Aushilfsjobs. Sie war clever, hatte drei Semester Wirtschaft studiert, wollte ins Teilzeitstudium wechseln.
Eine Woche später erzählte ich es endlich meinen Kindern.
Wir telefonierten per Video-Call. Sebastian vor seinen Monitoren, Annika mit perfekten Augenbrauen.
Mama, du bist echt verrückt, schnaubte Annika. Sammelst jetzt schwangere Fremde ein oder was? Geht’s dir noch gut?
Mama, das ist gefährlich, runzelte Sebastian die Stirn. Du hast hoffentlich irgendeinen Vertrag gemacht?
Nein, entgegnete ich. Aber ich habe etwas viel Wichtigeres gemacht. Einem fremden Kind eine Tür geöffnet, das niemand sonst will.
Sie schauten sich an.
Sollen wir jetzt die schlechten Kinder sein, weil du dich um andere kümmerst anstatt bei uns um Hilfe zu bitten?, wurde Annika laut. Statt uns mal zu sagen, dass es dir schlecht geht, spielst du Mutter Theresa?!
Annika, hast du jemals gefragt, wies MIR geht? fragte ich ruhig. Nicht als Bankautomat, nicht als Taxi, sondern als Mensch.
Nach diesem Gespräch herrschte zwei Wochen Funkstille.
Und dann kam das Unerwartete.
An einem Samstagmorgen öffnete sich plötzlich leise die Wohnungstür. Meine Kinder standen da, mit Tüten in der Hand, mit Blumen und mit diesem nach innen gekehrten, entschlossenen Blick.
Friederike stellte gerade den Wasserkocher an, erschrak.
Ich kann auch rausgehen, falls
Bleib, sagte ich. Das sind meine Kinder. Und das ist Friederike. Sie wohnt jetzt hier, bis sie ihr Leben wieder sortiert.
Annika betrachtete stirnrunzelnd Friederikes Bauch, Sebastian schaute ihr in die Augen.
Hallo , murmelte er. Mama, können wir reden?
Wir setzten uns zu dritt in die Küche.
Wir haben nachgedacht, begann Sebastian und knetete den Griff der Einkaufstasche. Wir wissen, dass wir uns naja, nicht besonders gut verhalten haben. Aber du hast uns nie gesagt, wie schlimm es dir wirklich geht. Immer nur ich schaff das
Und dann habe ich gehört, wie du mit ihr gesprochen hast, sagte Annika. Dein Handy lag da, als du aus dem Zimmer bist. Ich habe aus Versehen laut gestellt und du hast Dinge gesagt, die ich nie von dir gehört habe. Dass du stolz bist, einfach weil sie durchhält. Dass sie nicht allein ist. Ich dachte: Hab ich das je von dir gehört?
Ich schwieg. Ich wusste nicht, dass sie das mitgehört hatten.
Also, seufzte Annika, wir haben beschlossen: Es reicht, dass du immer nur für uns da bist. Wenn dir das Taxifahren gefällt bitte! Aber lass uns wenigstens ab jetzt die Miete bezahlen. Und deinen Geburtstag feiern wir vernünftig. Und wir hören auch mal zu, statt immer nur zu reden.
Sebastian ergänzte:
Und ich bring dir morgen gescheite Winterreifen und baue dir einen Dashcam ein. Klar bist du eine Heldin, aber in dieser Stadt fahren echt viele Idioten rum.
Ich schaute meine Kinder an, wusste: Das war kein Wunder, keine Verwandlung in das perfekte Kind aber etwas war in Bewegung gekommen.
Drei Monate später brachte Friederike ein Mädchen zur Welt. Im Kreißsaal trug ich mich als Abholerin ein. Ich stand mit zitternden Händen am Ausgang, passte den Umschlag an der Babydecke an und neben mir wuselten meine Kinder.
Annika hielt die Babyschale, Sebastian schleppte die Taschen.
Nicht den Kopf knicken! mahnte Annika geschäftig.
Hab extra im Netz gelesen, wie man’s macht!, muffelte Sebastian.
Abends saßen wir alle am Tisch: ich, meine beiden erwachsenen Kinder, Friederike und das kleine Bündel in der Babyschale. Es war eng, laut und einfach richtig.
Ein klassischer Happy-End? Nein. Ich fahre immer noch nachts Taxi weil ich auch außerhalb der Oma-Rolle gebraucht werden möchte. Mein Rücken tut weh. Die Kinder werden manchmal wieder egoistisch. Wir streiten, reden lauter als nötig. Friederike sorgt sich, weil ihr Kind ohne Vater aufwächst.
Aber das Wichtigste ist: Wenn sie nachts ins Handy flüstert Mama, ich kann nicht mehr, ist jetzt am anderen Ende immer jemand da. Mal ich. Mal Annika. Manchmal Sebastian, der plötzlich gelernt hat, wie man Windeln wechselt und Babys schaukelt.
Und ich habe verstanden: Manchmal müssen deine eigenen Kinder erst sehen, wie du einem fremden Kind hilfst, um zu begreifen, dass auch sie deine Wärme hätten spüren können, wenn sie rechtzeitig nach deiner Hand gegriffen hätten.
Die Wahrheit ist: Wir machen aus Eltern schnell Kulisse aus Taxifahrt, Küche, Service. Wir vergessen, dass auch sie Ängste, Erschöpfung und Sehnsüchte haben. Und manchmal fällt es ihnen leichter, das Leid eines Fremden zu lindern als das eigene zu gestehen. Aber sobald ein Elternteil einmal entscheidet, zu leben statt zu leiden, bekommen die Kinder die Gelegenheit, hinter die Funktion zu schauen und den Menschen dahinter zu sehen.
Meint ihr, ich habe richtig gehandelt, als ich Friederike aufgenommen habe, statt wieder still zu leiden und meinen Kindern heile Welt vorzuspielen? Oder war das zu riskant und unverantwortlich?





