Setz dich! Wir sind gar nicht zu Hause! – sagte Peter ganz gelassen.

Bleib sitzen! Wir sind nicht zu Hause! sagt Peter ruhig.
Aber es klingelt doch! Franziska erstarrt halb aufgestanden vom Sofa.
Lass sie ruhig klingeln, entgegnet Peter gelassen.
Aber was, wenn es jemand Wichtiges ist? Oder es um etwas Wichtiges geht? fragt Franziska.
Es ist Samstag, Mittag, zwölf Uhr, Peter blickt sie an. Du hast niemanden eingeladen, ich warte auf niemanden. Was schließt du daraus?
Ich schaue bloß durch den Spion! raunt Franziska.
Setz dich! ertönt Peters kompromisslose Stimme. Wir sind nicht da! Ganz gleich, wer draußen steht, der kann wieder gehen!
Weißt du etwa, wer das ist? Franziska starrt ihn an.
Ich habe eine Vermutung. Und darum sag ich dir ja, du sollst dich setzen und dich nicht vor dem Fenster zeigen!
Wenn es das ist, was ich denke, dann gehen die so schnell nicht weg! meint Franziska und zuckt die Schultern.
Das hängt davon ab, wie lange wir nicht aufmachen, sagt Peter ruhig. Früher oder später gehen sie schon. Keiner übernachtet doch im Hausflur. Und wir müssen nicht raus. Also Kopfhörer auf, Handy nehmen und einen Film anmachen.
Peter, meine Mutter ruft an, Franziska hält ihm das Handy hin.
Dann steht wohl deine Tante mit ihrem kleinen Chaos-König draußen vor der Tür, schlussfolgert Peter.
Woher willst du das wissen? staunt Franziska.
Würde da mein Cousin stehen, Peter zieht das Wort mit einem abfälligen Ton in die Länge, würde meine Mutter anrufen!
Du ziehst keine weiteren Möglichkeiten in Betracht? fragt Franziska.
Wenns Nachbarn wären, würde ich ohnehin nicht aufmachen. Wenn Freunde vorbeikommen wollten, hätten sie vorher Bescheid gegeben anstatt wie bekloppt zu klingeln! So nervt nur Familie!
Peter, es ist tatsächlich meine Tante, leidvoll zeigt Franziska ihm die Nachricht. Mama fragt gerade, wo wir schon wieder rumlungern. Tante Gisela will für ein paar Tage bei uns unterkommen, sie hat Termine in der Stadt!
Schreib ihr, dass es in München genug Hotels gibt, grinst Peter.
Peter! fährt Franziska ihn tadelnd an. Das kann ich doch nicht bringen!
Ja, ja, murmelt Peter. Dann schreib, dass wir nicht zu Hause sind, weil wir die Wohnung wegen Kakerlakenbefall behandeln mussten und jetzt selbst im Hotel wohnen!
Großartig! flüstert Franziska und tippt.
Jetzt will sie, dass wir ein Doppelzimmer für sie und Max reservieren, Franziska schaut ungläubig aufs Handy.
Schreib, wir haben kein Geld. Und füge hinzu, wir hätten stattdessen zwei Betten im Hostel gebucht, im Zimmer mit fünfzehn Bauarbeitern, Peter schmunzelt über seine Idee.
Mama fragt, wann wir wieder kommen, Franziska blickt ihren Mann an.
In einer Woche, winkt Peter ab.
Das Klingeln verstummt. Die beiden atmen erleichtert auf.
Peter, Mama schreibt, die Tante kommt dann halt in einer Woche, sagt Franziska mit matter Stimme.
Da sind wir halt wieder nicht zu Hause, erwidert Peter trocken.
Peter, das ist doch keine Lösung! Wir können nicht ewig vor denen davonlaufen! Was, wenn die mal in der Woche kommen oder uns nach der Arbeit vor der Tür abfangen? Deine Cousins sind ja für alles zu haben!
Leider, Peter seufzt. Warum haben wir bloß diese große Wohnung gekauft?
Peter, wir wollten doch eine Familie gründen, sagt Franziska.
Wir sollten endlich Kinder bekommen! Peter wird ernst. Am besten gleich zwei!
Bin ich etwa dagegen? Franziska empört sich. Du weißt doch, wir sollten noch Untersuchungen machen, es klappt einfach nicht!
Weniger Stress, und es klappt schon, betont Peter. Ständig reißen uns unsere Familien auseinander!
Franziska widerspricht nicht. Sie weiß, dass Peter recht hat.
***
Als sie ihre Hochzeit planten, ließen sie teure Tests auf genetische Risiken und Fruchtbarkeit machen alles war bestens. Doch den Kinderwunsch mussten sie aufschieben: Erst mal für die Wohnung arbeiten.
Ein Erbe war ausgeschlossen. Vor der Ehe wohnten beide bei ihren Müttern in kleinen Ein-Zimmer-Wohnungen. Sie hatten nur sich selbst.
Fünf Jahre schufteten sie und sparten eisern dann konnten sie endlich eine große Wohnung in München kaufen. Kein Neubau, gebraucht, alles selbst renoviert und möbliert. Aber sie waren glücklich!
Und ständig hörten sie leise im Kopf das Lied aus einer alten deutschen Musical-Komödie über Sozialbauwohnungen.
Doch kaum gefeiert, stand Gisela mit Sohn Max plötzlich auf der Matte und Franziskas Mutter im Schlepptau.
Ihr habt Platz! Nicht so wie wir damals zu zweit auf zwanzig Quadratmeter!, lobt die Mutter.
Wunderbar, ruft Tante Gisela, dann nehmen Max und ich uns hier jeweils ein Zimmer.
Im Wohnzimmer schläft aber niemand!, stellt Peter klar. Das ist unser Rückzugsort.
Arbeiten werde ich hier sowieso nicht!, lacht Tante Gisela. Franzi, erklär deinem Mann mal, dass es mit Max im selben Zimmer nicht geht der schnarcht!
Außerdem: Gäste im Haus und noch nicht mal der Tisch gedeckt!
Wir haben euch nicht erwartet, wendet Franziska ein.
Und der Kühlschrank ist leer, schaltet sich Peter ein.
Na gut, räumt Tante Gisela gönnerhaft ein. Peter, ab in den Supermarkt, Franzi in die Küche!
Nun macht mal!, ruft die Schwiegermutter. So empfängt man Gäste? Nochmal: Ganz schön schwach!
Wer glaubt ihr, dass ihr seid …, setzt Peter an, doch Franziska zieht ihn schnell in ein anderes Zimmer.
Als Peter endlich ihr Hand weg vom Mund zieht, zischt er:
Franzi, hat hier jemand was verwechselt? Ich schmeiße die gleich samt deiner Mutter raus!
Sie ist halt zu direkt. Ländlich eben. Da läuft das so!
Dorf hin oder her unhöflich ist es überall nicht in Ordnung!
Lass uns keinen Stress anfangen! Die nerven mich sonst ein halbes Jahr! Und du bist dann der Feind! Willst du das?
Mir egal, was die von mir halten! Wer so mit mir umgeht, kann mir gestohlen bleiben!
Peter, Schatz! Bitte, für mich! Wenn wir Tante Gisela rauswerfen, verflucht mich Mama! Die ist alles, was ich hab!
Dieser Gedanke zieht. Peter presst die Lippen zusammen und geht einkaufen.
Eigentlich sollte Tante Gisela drei Tage bleiben. Es werden zwei Wochen und Peter beruhigt sich ab dem zweiten Tag nur noch mit Baldrian-Tee.
Giselas Abreise mit Max feiern die Beiden mit ausgiebigem Wohnungsputz. Drei Tage dauert es, bis alles wieder wie vorher ist.
Doch dann das gleiche Spiel aber diesmal von Peters Seite.
Bruderherz, ich bin paar Tage bei euch in München!, Djamal wirft Peter beinahe die Rippen ein. Muss was erledigen, dann sind wir wieder weg!
Kannst du das nicht allein erledigen?, fragt Peter.
Wie denn? Meine ganze Familie ist dabei! Wie soll ich sie allein im Dorf lassen? Und wenn ich Ärger kriege? Mein Frau muss mich im Auge behalten!, lacht Djamal. Deshalb auch die Kinder, klar!
Super …, knurrt Peter.
Kurz nach deren Einmarsch liegt Franziska mit Kopfschmerzen im Bett. Die Kinder lärmen, Djamals Frau Jasmin schreit und kreischt bei jedem Anlass. Djamal verschwindet ständig um München aufzumischen, woraufhin Jasmin noch lauter kreischt.
Peter, warst du nicht Einzelkind?, stöhnt Franziska ins Kissen.
Cousin mütterlicherseits, murmelt Peter.
Kannst du ihn nicht bitten zu gehen?
Ich würde gern, ehrlich. Aber dann bohrt meine Mutter mir das Hirn raus wie bei dir mit deiner!
Kaum ist die eine Familie weg, kommt die andere. Tante Gisela hat andauernd in München zu tun. Cousin Djamal musste irgendwas klären. Und beide Mütter mischen sich regelmäßig ein Stress pur für das junge Paar.
Kein Wunder, dass da an Kinder gar nicht zu denken ist! Emotionale und nervliche Belastung schlägt voll durch.
***
Lass uns die Wohnung austauschen!, schlägt Franziska vor.
Gegen die Gummizelle?, feixt Peter. Könnten wir gebrauchen bei DEN Verwandten …
Nein, lass uns gegen eine ähnliche Wohnung tauschen! Wohnungswechsel und keiner kennt unsere neue Adresse!
Die finden uns trotzdem! Und dann lynchen die uns für den Umzug …
Aber vielleicht reichts endlich zu … du weißt schon!, blickt Franziska hoffnungsvoll.
Wir müssen nicht nur schwanger werden, sondern auch entbinden. Deine Schwangerschaft, Franzi sowas schreckt die auch nicht ab!, Peter schüttelt den Kopf.
Sollten wir zu Freunden flüchten? Vielleicht können wir bei Valeria und Katharina abtauchen? Die hätten ein Zimmer frei …
Da wohnt doch deren Schäferhündin Tessa!, Peter lacht.
Lieber mit dem Hund leben als mit unseren Familien!, seufzt Franziska.
Warte!, ruft Peter plötzlich, greift zum Handy: Valeria, kann ich mir Tessa für ein paar Wochen ausleihen?
Super, Freund! Wir wollen eh verreisen, aber die Hündin kennt euch und mag euch! Ich bring Futter, Decke, Napf, Spielzeug und sogar was oben drauf!, schreit Valeria.
Bringt sie vorbei!, jubelt Peter.
Dann zu Franziska: Ruf deine Mutter an sag, deine Tante kann morgen kommen! Ich rufe Djamal an und lade sie für nächste Woche ein!
Meinst du das ernst?, staunt Franziska.
Aber klar, wir freuen uns doch über Besuch! Ist doch nicht unsere Schuld, wenn sie unseren Hund nicht mögen!, grinst Peter.
Cousin Djamal und Familie braucht nur ein kräftiges WUFF! und schon suchen sie sich lieber ein Hotel mit Frühstücksbuffet.
Schafft dieses Tier weg!, kreischt Jasmin, als Tessa sie einmal anknurrt.
Sie macht nur ihren Job, meint Franziska trocken.
Geht gar nicht! Ich kann nicht mit diesem Monster leben!, jammert Tante Gisela.
Unser kleiner Schatz ist unser Familienmitglied, wir lieben sie!, sagt Peter empört.
Und aufgeben tun wir sie nicht!, ergänzt Franziska.
Die Mütter rufen noch ein paar Mal an warum sie denn die Familie ausgesperrt hätten.
Niemand ist rausgeflogen tut uns leid, dass sie nicht bleiben wollten!, antworten Peter und Franziska höflich. Sie können jederzeit kommen, wir freuen uns! Der Hund bleibt übrigens.
Doch auf einmal besuchen die Mütter auch nicht mehr so oft.
Einen Monat später kehrt Tessa zu ihren Besitzern zurück. Aber die Familientür bleibt verrammelt Franziska ist schwanger, mit Zwillingen.
Manchmal hilft es, Grenzen zu setzen.

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Homy
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Setz dich! Wir sind gar nicht zu Hause! – sagte Peter ganz gelassen.
Das Ebenbild der Ehefrau