Kopie der Ehefrau
Bin ich mir sicher, dass das nicht zu eng für mich wird? Diese Frage ging mir durch den Kopf, als ich Mareike an der Tür empfing, ihre Tasche über der Schulter und mit diesem unsicheren Lächeln, das ich vorher an ihr nie gesehen hatte. Ist das wirklich in Ordnung für euch? Ich weiß, es ist ein bisschen unangenehm, wiederholte sie leise.
Mareike, bitte Einmal durchatmen. Komm rein! Das Gästezimmer ist frei, und Martin hat nichts dagegen. Alles gut.
Sie zögerte noch kurz, kam dann aber herein. Martin hat nichts dagegen. Ich spürte, dass sie das mit einer Mischung aus Zweifel und Verwunderung sagte. Kein Sarkasmus, eher Erstaunen. Wahrscheinlich weil das Wort nichts dagegen in ihrer aktuellen Lebenslage eine Bedeutung bekam.
Martin widerspricht selten, meinte ich und ging schon Richtung Küche. Schuhe bitte ausziehen. Pantoffeln stehen links.
So begann das also.
Ich bin 52, Mareike, meine Freundin noch aus Studienzeiten, ist 51. Wir hatten uns die letzten Jahre selten gesehen, gelegentlich telefoniert, ab und zu einen Kaffee in der Innenstadt getrunken. Ich dachte, ich kenne sie gut genug, um meine Tür ohne längeres Zögern zu öffnen. Sie war frisch geschieden. Die Übergangswohnung war gekündigt, die Papiere für die neue zogen sich. Zwei, drei Wochen maximal, vielleicht ein Monat, bis wieder alles geregelter wäre.
Unser Alltag spielte sich in Göttingen ab eine Stadt, die groß genug ist, aber auch nicht riesig. Die Viertel unterscheiden sich kaum, der Bäcker um die Ecke kennt Stammkunden beim Namen. Unsere Wohnung lag im dritten Stock, drei Zimmer, Fenster zum ruhigen Innenhof. Martin ist Bauleiter, auf dem Papier unauffällig, aber in einer guten Position. Ich unterrichte seit Jahren Betriebswirtschaft am Berufskolleg. 23 Jahre sind wir zusammen. Unsere Tochter wohnt schon länger in einer anderen Stadt. Alles ist so eingerichtet, wie es bequem ist und schon lange nichts mehr geändert.
Mareike kam nur mit einer großen Reisetasche und einem Karton. Sie packte still und beinahe unsichtbar aus. In den ersten drei Tagen hörte ich sie kaum: Sie war früh aus dem Haus, kam spät, aß wenig, redete noch weniger. Martin fragte am ersten Abend nur knapp: Wie lange bleibt sie? Ein Monat, antwortete ich. Ein Monat, sagte auch er mit genau jenem Ton, wie Mareike ihn anfangs benutzte.
Ich maß dem keine Bedeutung zu. Dachte ich zumindest. Bis zu dem Morgen, als mir auffiel, dass mein Flakon Parfum Gartenblüte nicht wie gewohnt links im Bad, sondern auf dem Waschbecken stand. Ich benutze es seit drei Jahren; es kommt von diesem kleinen Laden am Johannisplatz. Ich schob es zurück, dachte nicht weiter darüber nach.
In der dritten Woche fiel mir mehr auf.
Wir frühstückten morgens zu dritt. Ich bereite Kaffee immer auf meine Art zu: Erst ein Schluck kaltes Wasser, dann heißes, aber nicht kochendes sonst wird er bitter. Martin weiß das und lobt es immer. An einem Tag, als ich ans Telefon musste, bereitete Mareike den Kaffee. Martin nahm einen Schluck: Oh, lecker. Hab ich mir von Ilka abgeschaut, meinte sie. Ich sah sie an, sie lächelte. Alles wirkte harmlos. Trotzdem blieb ein Kitzeln im Kopf.
Der Alltag nahm mich bald wieder mit: Unterricht, Korrekturen, Konferenzen. Zuhause wirkte die Wohnung leiser, ordentlicher. Mareike hatte anscheinend Zeit, mal hier ein Regal zu wischen, dort etwas zu sortieren. Martin gewöhnte sich schneller daran als ich.
Sie hat heute gekocht, erzählte er einmal so, als sei es eine gute Nachricht. Bohnensuppe. Sehr lecker. Die mache ich doch sonst, sagte ich. Ja, ist ähnlich, murmelte er. Ich fragte nicht, wem sie besser gelang.
Mareike arbeitete damals viel von zuhause aus mit Dokumenten, was genau war mir egal. Sie saß stundenlang am Computer im Gästezimmer, erschien mittags in der Küche, schnippelte einen Salat oder etwas Einfaches, abends war sie zurechtgemacht nicht in Leggings und Pulli, sondern angezogen, als ginge sie noch aus. Ich konnte nicht anders, als den Unterschied zu bemerken; ich selbst schlüpfte abends in weiche Hosen und den alten Wollpulli.
Manchmal abends saß Martin neben Mareike auf dem Sofa, sie sahen zusammen fern. Ich saß dann im Schlafzimmer mit Schülerheften. Durch die Wand hörte ich sie reden, lachen ihr Lachen erinnerte an meines, nur weicher. Ich schob diesen Gedanken weg. Lachen ist Lachen. Und trotzdem
Ein paar Tage später: Mareike trug die Haare plötzlich anders, länger, locker zurückfrisiert genau wie ich. Früher hatte sie einen kurzen bob, modisch, klar geschnitten. Im Flur spiegelte ich uns gleichzeitig im Spiegel: Ich vorne, sie dahinter und plötzlich kam es mir vor, als sehe ich zwei Versionen von mir. Wie alte und neue Fotoaufnahmen im selben Bild.
Steht dir, sagte ich zu ihr. Echt? Hab ich bei dir ausprobiert, einfach mal so, sagte sie. Schon wieder bei dir. Und dieses fast zarte Kopieren. Ich lächelte, aber innerlich war mir nicht mehr danach.
Am Sonntag rief ich unsere Tochter an.
Wie gehts euch?
Alles wie gehabt. Mareike wohnt noch hier, du erinnerst dich?
Ah, die lebt noch bei euch?
Ja. Die Papiere dauern.
Und Papa?
Geht gut, die beiden verstehen sich.
Pause.
Ist das jetzt gut oder schlecht?, fragte sie.
Gut, sagte ich. Aber es fühlte sich anders an. Nach dem Gespräch saß ich längere Zeit mit lauwarmem Tee am Fenster. Verstehen sich. Das klingt neutral, aber ich hatte es mit Bedacht benutzt.
In der fünften Woche wollte Mareike das Rezept für Apfel-Zimt-Kuchen wissen, den ich neulich gebacken hatte. Ich schreib das nicht auf, mache das nach Gefühl, erklärte ich. Erklär es mir einfach. Ich dozierte, Mareike tippte Notizen im Handy. Drei Tage später buk sie den Kuchen, Martin aß und sagte: Lecker. Ich wusste nicht, ob er die Unterscheidung zwischen meiner und ihrer Version überhaupt wahrnahm.
Gegen Abend, als ich einen Blick in den Flurschrank warf, entdeckte ich plötzlich eine hellgraue Steppjacke mit Gürtel fast identisch mit meiner. Mareike hatte offensichtlich ihre eigene gekauft. Beide Jacken hingen nebeneinander. Ich fragte nicht. Nicht aus Angst. Mir fehlten nur die Worte.
Arbeit war in diesen Wochen stressig; das Kolleg bereitete sich auf die Prüfung durch das Ministerium vor. Martin verbrachte die Abende immer häufiger im Wohnzimmer; Mareike auch. Ich hörte durch die geschlossene Schlafzimmertür Gesprächsfetzen, wenn ich mal hereinkam, setzte der Dialog nicht aus, veränderte sich nur. Ich war eingebunden, aber nur als eine von dreien.
Irgendwann sprach ich es Martin an, als Mareike schon ins Zimmer verschwand.
Martin, findest du nicht, dass sie mich ein bisschen nachahmt?
Er schaute mich verständnislos an.
Wer?
Mareike. Frisur, Jacke, Kuchen, Parfum
Freundinnen machen das halt so.
Wahrscheinlich, sagte ich. Wahrscheinlich.
Er scrollte schon wieder am Handy, das Gespräch endete.
In der Dunkelheit im Bett dachte ich über seine Antwort nach. Freundinnen kopieren eben. Ich vielleicht damals auch. Es ist normal das Wort sagte ich mehrfach leise vor mich hin, um mich zu beruhigen. Normal Nur, es beruhigte mich nicht.
Jetzt sah ich genauer hin. Beim Gespräch mit Martin neigte Mareike leicht den Kopf nach rechts das war MEINE Geste. Sie sagte Genau das!, zog das “Genau” wie ich in die Länge. Sie trank Tee plötzlich ohne Zucker früher nahm sie zwei Löffel. Jetzt, wie ich, keinen.
Zufall war das nicht mehr. Eher ein Spiegelbild.
Ich rief Nina an, eine Kollegin, mit der ich auch privat sprach.
Nina, hast du mal erlebt, dass jemand, der dir nahe steht, beginnt fast dich zu werden?
Wie meinst du das?
Dass jemand dich kopiert Äußerliches, Gesten, Angewohnheiten.
Das nennt man leise Eifersucht. Hab ich mal gelesen, antwortete sie prompt. Man wünscht sich dein Leben, kann es aber nicht direkt übernehmen also nimmt man Stück für Stück.
Ich schwieg.
Ist bei dir jemand?
Weiß nicht vielleicht doch.
Das Gespräch mit Mareike entstand übrigens eher zufällig; wir saßen abends gemeinsam mit Tee.
Ilka, du bist so wahnsinnig stabil. Ich schaue dich an und denke: so müsste man leben. Wohnung, Ehemann, Beruf alles bei dir in Ordnung, sagte sie.
Hat 20 Jahre Arbeit gekostet, das so aufzubauen, antwortete ich.
Das sieht man. Das merkt man. Auch Martin, sie stockte.
Martin was?
Ach, er schätzt dich sehr. Erzählt oft, wie gut ihr funktioniert. Dass ihr euch versteht.
Ich stellte meine Tasse ab.
Du redest mit ihm über mich?
Nur manchmal. Im Gespräch halt. Er lobt dich.
Das ist nett, erwiderte ich, fühlte aber einen ganz anderen Stich dabei.
Ich konnte gar nicht sagen, warum mir das so unangenehm war. Eigentlich sollte es doch schmeichelhaft sein. Trotzdem bei mir kribbelte es. Die berühmte Frauenintuition. Sie hatte mal wieder recht, diesmal ohne spürbare Worte.
Am Ende der sechsten Woche bat Mareike, mein Parfum zu benutzen. Gartenblüte.
Meins ist leer. Ich schaffe es heute nicht in die Stadt. Ginge das?
Natürlich.
Am Abend stellte ich fest, dass kaum noch ein Drittel übrig war. Noch vorige Woche war die Flasche halbvoll. Ich verschloss sie und packte sie in den Spiegelschrank, drehte den kleinen Schlüssel um, der nie benutzt wurde. Im Spiegel sah ich mich: Jetzt versteckst du Parfum vor einer Freundin? Aber ich ließ die Flasche zu.
Martin kam gegen Abend mit richtig guter Laune heim; das war zuletzt immer, wenn Mareike da war. Er brachte Kuchen mit einfach so, ohne Anlass. Einfach mal gönnen, meinte er lachend. Mareike freute sich darüber genauso wie ich mich ansonsten gefreut hätte. Richtige Reaktion, dachte ich: Alles, was ich tue, macht sie mit nur energiegeladener, freundlicher, weniger abgekämpft. Und Martin? Dem gefiel das offenbar vielleicht instinktiv.
Ich aß ein Stück Kuchen mit, alles war freundlich-normal, doch mein Gefühl blieb, dass alles ein Stück verschoben war. Wie wenn man nach Hause kommt und merkt: Die Sachen stehen noch da, aber nicht mehr ganz genau.
Dann kam die Dienstreise. Das Berufskolleg schickte jemanden auf Fortbildung nach Hannover, vier Tage. Der Abteilungsleiter fragte mich, und ich sagte spontan zu. Für einen Moment dachte ich: Vier Tage allein Martin mit Mareike. Sofort schüttelte ich die Gedanken ab. Erwachsene Leute. Es würde schon nicht passieren. Ich sollte das loslassen.
Vor der Abfahrt redeten wir in der Küche. Ich bin Freitagabend wieder zurück. Mareike kann ja das Abendessen machen, das klappt.
Machen wir, sagte Martin, mach dir keine Sorgen.
Ich sorge mich nicht.
Ich betrachtete ihn: 23 Jahre gemeinsam, ich kannte seine Gesichtszüge auswendig. Heute wirkte er entspannt. Ein bisschen befreit, als wäre ihm eine Last abgenommen worden.
Mittwoch früh fuhr ich los. Im Zug las ich Fachtexte, trank Kaffee aus dem Pappbecher und schaute auf das flache Umland. Die Fortbildung war öder als gedacht, aber immerhin etwas Input. Abends klingelte ich kurz durch. Und alles okay bei euch? Alles prima, wir haben gegessen, Mareike ist in ihrem Zimmer. Schlaf gut. Routine, keine Auffälligkeiten. Doch im Bett konnte ich stundenlang nicht einschlafen dachte an die Fortbildung, an unsere Tochter, an den Sprung von Tasse, weil sie einen Sprung hat, daran, neue zu kaufen. An Mareike. An die zwei steingrauen Jacken. An den Duftflakon.
Donnerstag rief der Abteilungsleiter an: Der letzte Seminartag sei nur Wiederholung, ich könne ruhig am Abend schon heimfahren. Ich kam dreiviertel zehn zu Hause an Taxi, keine Staus, alles unkompliziert.
Ich öffnete die Tür. Licht im Wohnzimmer. Keine Fernsehgewalt, sondern zwei Kerzen auf dem Tisch, Teller und Weingläser, kleine Schälchen. Es duftete nach Essen und Parfum nach Gartenblüte. Den Flakon hatte ich weggeschlossen, also hatte Mareike sich selbst einen gekauft.
Martin saß auf dem Sofa, Mareike dabei, in einem blauen Kleid, das ich nie an ihr gesehen hatte, aber es entsprach meinem Stil, meiner Lieblingsfarbe. Haarfrisur, Haltung, alles. Als ich ins Zimmer kam, sahen beide hoch.
Drei Sekunden Pause.
Du bist früh, sagte Martin.
Offensichtlich. Ich stellte die Tasche ab, hängte meinen Mantel auf. Ich bewegte mich langsam, kontrollierte die Hände, einfach um klar zu bleiben.
Ilka, wir haben nur gegessen, versuchte Mareike zu erklären. Das sehe ich, entgegnete ich. Mit Kerzen.
Kurze Pause erneut.
Sehr stimmungsvoll, fügte ich hinzu, tonlos. Ich war selbst überrascht, wie ruhig das klang.
Martin wollte etwas sagen, ich hob die Hand. Martin, sag jetzt einfach nichts.
Er schwieg. Mareike blickte auf die Tischdecke.
Ich ging in die Küche, trank ein Glas Wasser und starrte auf das Fensterbrett. Dort stand der Geranientopf den gieße ich immer mittwochs. Das war diese Woche Mareike gewesen.
Ich kehrte zurück.
Mareike, wirst du morgen eine andere Unterkunft finden?
Sie sah hoch. Ilka, ich weiß, das sieht komisch aus
Kannst du morgen gehen? Ich fragte kein zweites Mal.
Ja, sagte sie, ich kann gehen.
Ich ging ins Schlafzimmer und legte mich ins Bett, in Straßenkleidung, einfach aufs Bett. Geräusche aus dem Wohnzimmer, das Wegräumen. Dann war Ruhe. Dann hörte man die Tür vom Gästezimmer. Martin kam nachts nicht ins Schlafzimmer; er legte sich ins Wohnzimmer.
Am Morgen war ich als Erste wach, kochte Kaffee, sah durchs Fenster über die langsam erwachende Straße. Hunde-Gassi-Gängerin, Tauben, Alltag.
Martin trat um acht in die Küche.
Wir müssen reden, sagte er.
Ja.
Zwischen mir und Mareike ist nichts.
Vielleicht.
Nein, da ist nichts.
Ich sah weiter aus dem Fenster. Es geht nicht um das, was ist oder nicht ist. Es geht um das, was ich sehe und gesehen habe, die letzten Wochen.
Er wartete.
Ich habe zugeguckt, wie jemand hier immer mehr ich wurde. Meine Frisur. Mein Parfum. Meine Gesten. Und du, der das wahrnimmt und mag. Weil das eben ich war aber unverbraucht, frisch, ohne 23 Jahre Ehealltag.
Er sagte nichts.
Das ist kein Vorwurf. Ich zog den Mantel an. Wenn ich heute Abend zurückkomme, möchte ich keine Sachen mehr von Mareike in unserem Gästezimmer sehen.
Ilka
Noch etwas: Du weißt sicher, dass ich zu vertrauensselig war. Daran musst du dich gewöhnen.
Ich schloss ruhig die Tür.
In der Schule unterrichtete ich, trank Tee mit Nina. Sie sagte wenig, und das war gut so. Ihre Art zu schauen, sagt Ich verstehe auch ohne Worte.
Nachmittags um halb vier zuhause: Gästezimmer sauber, keine Spuren mehr. Nur eine kleine weiße Plastikbürste lag im Bad. Ich warf sie weg.
Martin war daheim und las auf dem Handy. Sie ist weg.
Ich sehe es.
Was jetzt?, fragte er.
Ich hängte ruhig den Mantel auf, ging in die Küche, schnitt Gemüse klein, ohne zu wissen, was ich kochen wollte.
Ilka, wir sind 23 Jahre verheiratet. Man kann doch nicht einfach
Doch. Aber gib mir Zeit.
Wie viel?
Weiß ich nicht. Ein paar Tage. Ich muss nachdenken.
Aus Tagen wurde eine Woche. Wir lebten wie manchmal in WGs, höflich, distanziert, getrennt. Aßen getrennt, schliefen in getrennten Zimmern. Martin versuchte, wieder zu reden, ich antwortete knapp. Nicht aus Trotz, sondern weil alles, was ich dachte, noch in mir war. Ich wollte nicht riskieren, dass zu viel aus mir herausbrach.
Ich dachte oft an Mareike, an den Anfang wie selbstverständlich ich sie aufnahm, wie selbstverständlich ich immer Das ist doch normal dachte. Wie und wann sich das gewandelt hatte und warum ich es nicht gleich bemerkte. Leise Eifersucht, sagte Nina. Allmähliches Kopieren, vielleicht ohne böse Absichten. Jemand, dem seine eigene Geschichte fehlte, nimmt sich kleine Dinge: Parfum, Rezept, Gesten.
Der eigentliche Schmerz lag trotzdem bei Martin.
Er hätte es ignorieren können, er hätte es mit mir besprechen können. Er hat aber die bessere Kopie einfach genossen, als ob ich es auch gewesen wäre nur ohne Müdigkeit, Routine, Alltagserschöpfung. Selbst als er mir Kuchen mitbrachte, lachte, ein romantisches Abendessen veranstaltete, sah er es nicht, benannte es nicht. Vielleicht dachte er gar nicht darüber nach.
Anfang zweiter Woche rief ich unsere Tochter an.
Mama, was ist los?
Wie meinst du das?
Deine Stimme klingt anders.
Papa und ich ich glaube, wir trennen uns.
Lange Pause.
Wegen Mareike?
Nicht nur. Durch Mareike wurde klar, was schon vorher da war.
Und das war?
Schwer zu sagen. Wir haben uns aneinander gewöhnt. Sie kam herein, war eine bessere Version von mir. Aufmerksamkeit, Frische. Und das hat ihm gefallen.
Mama
Alles gut, ich erkläre es dir nur.
Bist du alleine?
Ja, für eine Weile. Es ist okay.
Diesmal stimmte okay tatsächlich. Weil ich es selbst so wählte.
Mit Martin sprach ich am Sonntagabend ernsthaft.
Ich denke, wir sollten uns eine Zeit lang trennen.
Er schwieg lange.
Endgültig?
Ich weiß es nicht. Ich brauche Platz. Um herauszufinden, wer ich bin außerhalb von Wohnung, dir, allem.
Wegen der Kerzen? Ilka, das war nur ein Abendessen.
Nein. Die Kerzen sind nur das Letzte. Es gab so viel vorher und ich sagte mir immer: Das ist normal. Und es war eben nicht.
Was habe ich falsch gemacht?, fragte er.
Nichts Bestimmtes. Du hast einfach irgendwann aufgehört, mich zu sehen würdest du merken, wenn ein fremder Mensch langsam deine Frau wird?
Er schwieg. Es gab nichts zu antworten.
Wir verkaufen die Wohnung, oder ich zahle dir deine Hälfte aus. Nicht jetzt, aber bald. Und ich suche mir erstmal etwas Eigenes.
Wohin gehst du?
Ich werde mieten. Hier oder woanders.
Mit 52 nochmal neu anfangen, sagte er, und Mitgefühl oder Mitleid schwang mit.
Ja. Manche machen das noch später im Leben.
Ich betrat das Bad, nahm den fast leeren Flakon Gartenblüte, schaute ihn an und stellte ihn dann vorsichtig in den Mülleimer, ohne ihn einfach hineinzuwerfen.
Die nächsten Tage war ich organisiert: rief beim Makler an, informierte mich zu Wohnungsmarkt und Unterlagen, sprach mit Nina. Sie schüttelte nicht verständnislos den Kopf, hörte einfach zu und sagte ab und zu nur Ja ich verstehe lag darin.
Bei Nina in der Küche:
Bist du wütend auf sie?
Auf Mareike? Kaum. Auf mich, dass ich nicht gemerkt habe, was Sache war. Dass ich es normal fand, statt hinzusehen.
Du konntest nicht ahnen, was passiert.
Zu viel Vertrauen, sage ich leise.
Nicht zu viel. Es war nur Vertrauen, nicht Naivität.
Vielleicht.
Und auf Martin?
Ich bin auf Martin wütend, gebe ich zu. Aber das geht vorbei.
Was jetzt?
Ich miet mir eine eigene Wohnung. Änder meinen Haarschnitt. Neue Parfümsorte. Wahrscheinlich nicht Gartenblüte.
Vernünftig, sagt Nina.
Und ich werde ausprobieren, was eigentlich meins ist nicht nur Gewohntes.
Das wird dauern.
Ich hab Zeit.
Draußen regnete es leicht, grau, nicht kalt. Ich blickte hinaus und dachte: Vor ein paar Wochen war mein Leben klar Wohnung, Martin, Arbeit, Weg, Rezepte, Flakon links im Bad. Und jetzt war es verrückt, aber ich fühlte nicht Angst oder Verlorenheit, sondern eine seltsame, fast unangenehme Leere, so als hätte ich einen Mantel ausgezogen, der lange zu eng war.
Weißt du, sage ich zu Nina, zum ersten Mal seit vielen Jahren weiß ich nicht, wie es weitergeht. Aber es ist erträglich.
Erträglich ist ein gutes Wort, stimmt sie zu.
Eine Woche später hatte ich eine kleine Wohnung gefunden, in einem anderen Viertel von Göttingen, hell, mit Blick auf den Park. Nicht billig, aber machbar. Ich vereinbarte eine Besichtigung, durchschritt die leeren Zimmer, knarrte auf dem Dielenboden und dachte: Das geht.
Nehme ich, sagte ich zur Vermieterin, einer älteren Dame.
Wie lange?
Mal sehen, erstmal ein Jahr.
Ich räumte zu Hause einiges, sortierte aus, was meins ist und was nicht. Bücher, Geschirr, Kleidung. Manche Sachen wegzuwerfen fiel mir leichter als gedacht. Die graue Jacke gab ich weg, kaufte mir eine dunkelblaue, anderen Schnitts. Sie passte besser zu mir.
Von Mareike hörte ich wenig. Sie schrieb eine SMS: Ilka, es tut mir leid, wenn ich dich verletzt habe. Verzeih mir, wenn du kannst. Ich las die Nachricht, antwortete nicht. Nicht aus Groll. Ich wollte einfach nicht. Ob ich vergeben könnte ich wusste es noch nicht.
Martin wohnte noch in der Wohnung, wir sprachen nur, wenn nötig. Irgendwie war es bitter, aber befreiend. Ich sah ihm an, dass er nicht wusste, wie er zurückbekommen sollte, was verloren war.
Vor dem Umzug ging ich los und kaufte Parfum. Ich stand ewig vor dem Regal, die junge Verkäuferin geduldig. Irgendwann nahm ich Silberner Zedernholz. Kein Blumenduft, eher holzig, warm. Völlig ungewohnt für mich, aber ich kaufte ihn.
Gute Wahl, sagte die Verkäuferin.
Mal sehen, antwortete ich.
Der Umzug dauerte einen halben Tag. Nina half, Martin auch. Alles lief ruhig. Im neuen Apartment mit Blick auf den Park sortierte ich meine Sachen eigene Plätze, selbst ausgesucht.
Als alle gegangen waren, öffnete ich Silberner Zedernholz, tupfte ein wenig auf mein Handgelenk. Der Duft war fremd aber nicht unangenehm. Ich roch, überlegte, mich daran zu gewöhnen. Oder: Vielleicht musste ich gar nicht gewöhnen. Einfach akzeptieren.
Draußen stand der Park im späten November die letzten Blätter, Lichter schon früh an. Ich kochte Tee, kramte meine beste Tasse hervor und stellte mich ans Fenster.
Das Handy leuchtete: Anruf von meiner Tochter.
Wie gehts dir, Mama? Schon eingerichtet?
Noch dabei.
Hast du Angst?
Ich schaue in die beginnende Dämmerung, auf die Lichter im Park.
Nein, sage ich. Weißt du, ich hab eigentlich keine Angst.Ich weiß gerade noch nicht, wer ich werde, wenn ich alles abgegeben habe, was mich bisher ausgemacht hat. Aber Angst habe ich davor nicht. Ich will wissen, was da kommt.
Ich finde das mutig, sagt meine Tochter leise. In ihrer Stimme schwingt Wärme und Stolz.
Draußen fliegt eine Amsel auf, zieht eine kreisförmige Bahn über die spärlichen Äste, bevor sie verschwindet. Ich schließe das Fenster und atme tief ein. Der neue Duft umspielt mich, undefinierbar holzig, ungewohnt, aber ganz und gar mein.
Am Küchentisch schreibe ich meine Einkaufsliste, kritzle sie zweimal neu. Ich lächle bei dem Gedanken, dass niemand anderer sie sehen muss, niemand sie heimlich kopiert. Es sind lauter Kleinigkeiten, und doch: Sie gehören zu mir.
Dann setze ich mich mit meinem Tee ans Fenster, sehe in die Dämmerung und begreife: Das Leben hat keine Kopien. Es macht jedem das Angebot, neu anzufangen auch mit 52.
Das sanfte Licht fällt auf die Umzugskartons, noch halb offen, doch ein paar Dinge haben schon ihren Platz. Ich lehne den Kopf zurück und lasse die Stille zu. In ihr liegt nichts Bedrohliches, sondern ein Anfang, dem mein eigenes Lachen gehört und mein eigener Duft, ganz unverbraucht.
Und während der Tag leise zu Ende geht, denke ich: Vielleicht besteht das wahre Glück darin, zu wagen, nicht mehr irgendjemandes Version zu sein sondern die beste, unbekannte Version von sich selbst.
Draußen im Park gehen die Lichter an.
Ich lasse den Tag los und öffne das Fenster noch einmal, weit.





