Alles wird gut!
Es war einmal ein wunderschönes Haus, eine alte Villa mit einer großen Veranda, auf der einst wohlhabende Damen oder Gräfinnen ihren Tee mit Pfannkuchen und Apfelstrudel genossen, Nachbarsklatsch austauschten, über die Zukunft ihrer Töchter berieten, auf den aus Berlin heimkehrenden Sohn warteten, mit vorbeiziehenden Offizieren flirteten, träumten unter dem Schatten der Weinlaube, sich in einer Laube mit weißen Säulen verbargen, weinten in ihrem gut eingerichteten Zimmer voller französischer Möbel lachten, wenn sie die Treppe ins Foyer hinunterliefen, tanzten und sich kokett hinter Fächern versteckten, Kinder zur Welt brachten, stritten, alterten und schließlich unter dem Schluchzen ihrer Bediensteten zum Friedhof getragen wurden.
Doch jetzt gab es hier weder Krinolinen noch Samt. Die feinen Nasen der Putten an den Toren waren längst abgeblättert, teure Teppiche und Kristalllüster verschwunden. Die großen, lichten Zimmer waren modern eingerichtet, mit allem Komfort, statt Kronleuchtern kleine Spots in der Decke, die Holzdoppelfenster durch moderne Kunststofffenster ersetzt, Türrahmen verbreitert.
Der Leiter des Hauses, Stephan Ilgner, von gedrungener Statur, in Hemd und Weste, mit einer Brille auf der Nasenspitze, stand am Fenster seines Büros und blickte auf die alte Apfelbaumwiese, die sich bis zum Zaun seiner Ländereien erstreckte. Stephan, Daumen in die Hosenträger gehakt, beobachtete die Bewohner, wie sie die glänzenden, saftigen Äpfel einsammelten. Die Apfelbäume, alt und sortenrein, waren gekrümmt und ineinander verschränkt, genau wie die alten Menschen, die das Schicksal in dieses ehrwürdige Haus geführt hatte.
Aber um die Apfelbäume, da musste man sich kaum kümmern, die trugen Jahr für Jahr von allein. Ganz anders die Alten…
So ein anspruchsvolles Völkchen! platzte die Küchenchefin, Helena Feddersen, wie immer ohne Anzuklopfen, ins Zimmer. Sie war eine kleine, scharfzüngige Frau, die ihren Gesprächspartner oft aus zusammengekniffenen Augen argwöhnisch musterte. Stephan fand sie immer etwas echsenhaft, immer so, als würde gleich eine gespaltene, kühle Zunge hervorschnellen und ihm über die Hand gleiten. Nee, Stephan, stell dir vor! fing sie an und spähte zu den Leuten draußen, die mit Säcken voller Äpfel über den Rasen schlurften.
Was ist denn jetzt schon wieder? fragte Stephan ungehalten, sichtlich verstimmt, unterbrochen worden zu sein.
Die! Die wollen Marmelade kochen! Sagen, Lena, hilf uns ein bisschen, Stephan soll den Zucker kaufen und Gläser besorgen, den Rest machen wir selbst! Schälen, schneiden, kochen, einkochen dann gibts im Winter was Leckeres! Aber woher soll ich das Geld nehmen? Ich brauche deine Zustimmung, hier, sieh mal: Eine Petition sogar aufgesetzt! Schau! Sie wedelte ihm mit einem Blatt unter der Nase herum, auf dem akribisch Kilos Zucker und Gläser aufgelistet waren. Die Handschrift erinnerte Stephan unangenehm an seine alte Physiklehrerin. Und dass gerade SIE diesen Brief verfasst hatte, mit demselben kleinen Schnörkel am D, verärgerte ihn umso mehr. Siehst du, unangenehm, oder? nickte Helena aufgeregt. Und außerdem! Wie soll ich die ganzen alten Leute in die Küche lassen?! Wenn was passiert, das erklärt mir keiner!
Stephan schürzte die Lippen, ging grübelnd durchs Büro, rückte das Briefbeschwerer gerade, wischte Staub von der lackierten Oberfläche, dann nahm er endlich das Blatt, schrieb: Genehmigt! und reichte es Helena zurück.
Wie kannst du nur, Stephan?, wisperte Helena erschrocken, ihre Augen wurden vor Schreck rund wie zwei Schlangeneier. Solche hatte Stephan als kleiner Junge schon in Laubhaufen gefunden und zertreten. Wirklich jetzt, du lässt sie einfach machen? Die fangen an rumzukommandieren! Also auf meine Kücheohne mich! Dieses Marmeladekochen, also wirklich! Sollen sie doch Zuhause
Gleich schleudert sie ihre Zunge raus!, dachte Stephan angewidert. Und gleich tropft ihr Gift auf den Boden!
Laut aber sagte er, während er den Zeigefinger in die Luft reckte: Helena Feddersen, vergiss nicht, von wessen Geld wir hier leben! Wer bezahlt deinen Spaziergang durch den Park, den Koch, deinen Besuch im Fitnessraum, wer finanziert dein Schwimmen im Pool? Sie! Er deutete mit dem Papier auf die Apfelsammler draußen. Und sie zahlen dafür, dass sie hier würdevoll und nach Möglichkeit glücklich ihren Lebensabend verbringen dürfen. Von ihrem Geld baumeln dir die Ohrringe an den Ohren, die du im Juwelier gekauft hast. Schon vergessen? Na dann, also: Es wird Apfelmarmelade geben, unsere Hobbyköchinnen bekommen jede Unterstützung und falls was fehlt, Liste auf meinen Tisch, verstanden? Wenn du querstellst kündige ich dir. Ich bin hier der Chef. Los, verschwinde jetzt, ich habe keine Zeit.
Helena Feddersen, wieder mit zusammengekniffenen Augen, drehte sich um und klackte mit den Absätzen über den honigfarben glänzenden Eichenparkett, schloss leise die schwere Tür…
Ja, Jutta, mir gehts hier gut. Frische Luft, Natur fantastisch! Ehrlich! hörte Anneliese den leisen Frauenstimme hinter dem Jasminbusch.
Dort, im Schatten, stand eine Bank. Keine gewöhnliche Holzbank, sondern aus Marmor, wunderschön aber, wie Anneliese fand, vollkommen unpraktisch. Wie soll man nur darauf sitzen? Davon bekommt man doch Nierensteine! meinte sie und zuckte die Schultern. Deshalb waren die Grafen und Gräfinnen wohl immer so kränklich von dem kalten Stein!
Die Stimme war ihr fremd. Sie ging neugierig um die Ecke, spähte durch den Jasmin.
Auf der Bank saß, auf ein mehrfach gefaltetes Tuch gestützt, eine große, kräftige Frau mit kurzem, silbergrauem Haar. Die eine Hand am Handy, mit der anderen rieb sie gedankenversunken die Knie. Die spröde Haut knisterte an der Stoffhose; die Frau massierte ungerührt ihre Gelenke.
Ach, was du sagst! Das Essen ist prima, ich war richtig überrascht! Das Zimmer ganz wunderbar, sonnig, wie ichs liebe. Und was für ein Saal! Ja, der beim Empfang, ganz genau. Rosen, Stuck, lauter Blumen und Engel an der Decke, bemalt herrlich! Ich bin wirklich froh, hier im Sanatorium zu sein. Nein, mach dir keine Gedanken Klar, du hast viel zu tun in München. Ich bin gut angekommen, Taxi war einfach. Und wie gehts Linchen? Schön, schön Mir gehts wunderbar, Kind! Bis bald, hab dich lieb!
Die Frau beendete den Anruf und seufzte.
Guten Tag! Anneliese trat vor, reichte die Hand. Ich heiße Anneliese Jenny.
Waltraud Semmler, erwiderte die Frau und schüttelte die Hand.
Waltraud, warum sitzen Sie auf dem kalten Stein? Kommen Sie! Ich zeig Ihnen ein wärmeres Plätzchen. Hier holt man sich ja die Gicht!
Ach nein, danke. Ich bin gern hier. Verzeihen Sie, ich möchte lieber allein sein. Gehen Sie ruhig, Frau Jenny, wandte sich Waltraud ab.
Na Na gut. Wie Sie möchten…
Anneliese schlenderte zur Wiese hinüber, wo man bereits Kisten mit glänzenden, rotbackigen Äpfeln zur Veranda schleppte und mit alten Zeitungen abdeckte. Auch sie griff zu einer Kiste nicht mehr so leichtfüßig wie früher, aber untätig rumsitzen wollte sie nicht.
Die Damen in Kleidern und Gummistiefeln, die Herren, fast alle hager und eingefallen (aber was will man, sie sind halt alt!) lachten und foppten sich gegenseitig.
Ach, ihr Apfelbäumchen, ihr Guten!, rief die rundliche alte Dame, Annelieses Bekannte, Doris Irmler. Unsere Ernte! Jetzt kochen wir Marmelade, trocknen Apfelringe, herrlich! Und ihr Kerle, was hockt ihr da auf der Wiese? Wir warten auf euch und ihr habt Pause! Nun gut, kam sie zu den auf der Wiese hockenden Männern, ließ sich ächzend auf einen Baumstumpf nieder und zündete sich, die Strickjacke zurechtrückend, eine Zigarette an.
Eigentlich dürfen Damen nicht rauchen”, lachten die Herren und schüttelten die Köpfe. Aber ein Bonbon vielleicht? Einer reichte Doris ein gelbes Zuckerl. Meine Tochter hat mir einen ganzen Sack gebracht, weiß, dass ich sie gern zum Tee esse
Doris Irmler zuckte mit den Schultern und nickte bedächtig.
Danke, Gustav Moritz, danke!
Sie raschelte mit dem Bonbonpapier und steckte sich die Süßigkeit in den Mund.
Niemand fragte hier nach Familien, keiner wollte wissen, warum sie ins Altenheim gekommen waren. Jeder hat seine eigene Geschichte, mal traurig, mal heiter, aber das war jetzt nicht wichtig. Die Tochter bringt Bonbons, und das ist schön. Ob Gustav Moritz nur Stiefvater ist, spielt keine Rolle. Sein altes Haus war abgebrannt, und so kam er hierher, seinen Lebensabend zu verbringen. Es ist, wie es ist.
Der Tag war heller Festtag, voller Sonne; Äpfel leuchteten wie Lichter, das Gras glänzte, zwischen dem saftigen Grün blühten Gänseblümchen wie verstreute Perlen. Ein Tag für fröhliche Gedanken.
Gustav hob den Kopf seine Haarpracht dicht und silbergrau. Anneliese war sich sicher, dass in Gustav irgendwo Sinti- oder Romablut steckte, so stolz, so ungezähmt wirkte er, mit einer fast eleganten Wildheit. Abends spielte er Manouche-Melodien auf der Gitarre und sang samtweiche Chansons. Es war wohlig mit ihm…
Man saß, blinzelte in die cremefarbenrunde Nachmittagssonne, plauderte Belangloses: über den kommenden Winter, über einen möglichen Ausflug zur Quelle am Dreikönigstag, über den zu salzigen Brei heute Mittag der Koch muss wohl verliebt sein…
Dann rief man zum Mittagessen. Die Bewohner schlenderten zurück ins Haus.
Anneliese schloss sich an, hielt nach Waltraud Ausschau. Diese kam langsam vom Jasminstrauch, in Gedanken versunken, die Augen auf den Weg gerichtet.
Wann sind Sie angereist?, fragte Anneliese sie.
Heute früh. Mit dem Taxi, antwortete Waltraud, fast unnötig.
Wissen Sie noch, wo der Speisesaal ist?
Waltraud schüttelte den Kopf. Während sie ihre Papiere ordnete, den Arzt besuchte, das Zimmer bezog, hatte sie das Frühstück verpasst die Bedienung hatte ihr Brei und Rührei direkt ins Zimmer gebracht, dabei aber den Tee vergessen. Waltraud beschwerte sich nicht. Es war gut so
Dann gehen Sie mit! Ich kenne hier jede Ecke. Anneliese grinste. Früher habe ich als Restauratorin in alten Häusern gearbeitet. Es ist immer das gleiche Muster, wie bei unseren Plattenbauten alles ein Prototyp! Sie führte Waltraud geschickt ins Labyrinth der Flure.
Diese waren mit Holztäfelungen verkleidet, etwas dämmerig, aber das war auf eine seltsame Art gemütlich. An den Wänden echte Gemälde, nicht einfach Kopien: Motive der Villa, des nahen Sees, Alltagsszenen, Stillleben.
Vor drei Jahren wohnte hier ein Maler, sehr zurückgezogen, aber welche Kunst! Die sonnigen Lichtflecken, das sind Meisterwerke!, schwärmte Anneliese, doch Waltraud hörte nicht recht zu, murmelte dann: Heutzutage sehen Wohnungen nicht mehr alle gleich aus. Mein Sohn und seine Frau haben so eine komisch geschnittene neue Wohnung, nennen sie Studio. Furchtbar, alles offen, das ganze Leben auf dem Präsentierteller.
Sie seufzte. Anneliese nickte verständnisvoll. Offenheit Vielleicht auch nicht gerade leicht. In Annelieses kleiner Wohnung war immer Gewusel; Onkel mit Ehefrauen, Schwester mit zwei Kindern, die pflegebedürftige Oma hinter der Trennwand. Väterliche Onkel kamen zu Besuch, schliefen am Boden, Anneliese durfte auf dem Teppich neben Omas Bett nächtigen, die nachts stöhnte und seufzte
Ständig war Trubel, jemand erzählte Geschichten, lachte, sang. In der Küche wurde unaufhörlich gebraten und gekocht; der Duft von Kohlsuppe und Frikadellen lag stets in der Luft.
Anneliese träumte von Freiheit, aber als sie erwachsen, studiert, verheiratet und ausgezogen war, fehlte ihr das bunte Gewusel. Sie wollte wieder eine lebendige Wohnung, Gespräche, Türenschlagen, zu Nachbarn laufen und Stühle ausborgen, weil es zu wenig gab. Das Besteck am Tisch verzählen, die Teetassen am bauchigen Samowar nicht ausreichen
Ihr Mann jedoch liebte Ordnung, Scheuermöbel sollten geschont, das gute Porzellan nicht zerkratzen, Teppiche nicht zertreten werden. Anneliese akzeptierte es aus Liebe und Respekt zu ihm. Sogar ihre Tochter durfte kaum Freundinnen einladen. Später würde ihr das vorgeworfen werden Schuld daran, dass Lucia keinen Anschluss fand und distanziert blieb. Lucia würde am Telefon schreien, weinen, während Anneliese schweigend eine Serviette knüllte…
So verging Annelieses Leben. Jetzt war sie hier.
Hier in Herrenberg war wieder Leben, wieder Lärm, und sie fühlte sich wohl, irgendwie wieder zu Hause, als ob alle hier ihre Verwandten wären… Vielleicht war das senile Schwärmerei, aber es war ihr egal…
Waltraud Semmler ging als Erste in den Speisesaal, schaute zu den vollen Tischen alte Menschen, mal fitter, mal gebrechlicher, doch alle schon ans Ufer gespült, voller Falten und mit Silberstreifen im Haar.
Wo möchten Sie sitzen? Sollen wir uns dahin, in die Ecke setzen?, schlug Anneliese vor. Gewöhnlich saß sie in der Mitte, merkte jedoch, dass Waltraud Berührungen mit anderen meidet.
Nein, ich möchte bitten, das Essen ins Zimmer zu bekommen, sagte Waltraud plötzlich und steuerte zum Buffet. Dort hörte man sie an, zuckte die Schultern.
Wie Sie wollen Sie bekommen alles aufs Zimmer serviert!
Waltraud aß mechanisch, löffelte Suppe, nahm gar nicht wahr, was es gab. Erst als sie sich am Kompott verschluckte, wurde sie wach, runzelte die Stirn.
Hat sie ihn gefüttert? In kleinen Stücken? Am besten püriert, er kann kaum kauen! Und Kamillentee mag er nicht, warum immer das? Es wird kälter, Schuhe braucht er noch, mit Fütterung. Neue Jacke auch, er ist doch rausgewachsen Und Mütze die Wolle hab ich mit!
Waltraud wusch sich, nahm das Strickzeug heraus, setzte sich in den Sessel ans große Fenster. Ihr Zimmer lag im zweiten Stock, zum Garten, wo der Brunnen sprudelte, die Sonnenstrahlen in den Wegen verliefen. Schön, wohnlich. Doch Waltraud lebte mit den Gedanken ganz woanders, wo sie nicht mehr hingehörte so hatte sie es entschieden…
Stephan Ilgner aß in seinem Büro. Die sauren Gurken in der Suppe schob er gleich weg. Seine Mutter hatte sie jede Woche gekocht, er kippte sie heimlich ins Klo. Nur am Sonntag war sie zu Hause und dann gab es Frühstück wie im Café: kein Brei, belegte Brote, Eier, Pfannkuchen, Spaziergang im Park, Mittagessen außer Haus. Sie sprach nie vom Geld, genoss den einzigen freien Tag, lachte, Männer warfen ihr Blicke zu, und Stephan mochte das.
Deshalb hatte er auch diese Villa gekauft. Seine Mutter wollte im Alter ein wenig für sich leben, flanieren, gutes Essen genießen, sorglos sein. Stephan war längst ein erfolgreicher Geschäftsmann, hätte ihr ein Leben in Italien oder Griechenland bieten können. Aber sie lehnte lachend ab.
Wo soll ich denn hin, Stephan! Sprachen kann ich nicht, und Deutsch sprech ich eh zu derb! Bleib du mal hier am deutschen Ufer.
So blieb seine Mutter in Herrenberg. Sie starb nach drei Jahren an Krebs, ist hier begraben. Es wäre zu weit, sie zurück in ihre Heimat zu bringen…
Stephan Ilgner! Helena klopfte an. Ihre Rasselbande hat gegessen und verlangt nach Tischen, Messern, Töpfen. Zucker geliefert, Gläser unterwegs.
Sie trat ein, lächelte.
Stephan wandte sich vom Fenster ab, Helena sah das Cognacglas in seiner Hand.
Bist fertig? fragte sie. Stephan, du nimmst das alles zu ernst! Die leben hier, na und? Zum Glück sind es keine Verrückten, unser Arzt passt auf. Es ist nur Arbeit. Aber du sitzt hier und mutest dich zu. Du bist ja ganz der Alte…
Sie nahm ihm das Glas weg, wollte sich auf seinen Schoß setzen, doch Stephan wischte sie wortlos beiseite. Helena stolperte zum Fenster, rückte den engen Rock zurecht.
Du bist genau wie die anderen, ein alter Kerl, hörst du! Die zahlen für ihren Lebensabend hier. Aber du bist nur noch ein fetter, harmloser Dackel! Schau, kümmer dich selbst um die Äpfel. Für heute bin ich raus!
Sie ließ Papiere zu Boden flattern, das Cognacglas kippte, karamelliger Duft breitete sich aus. Helena erschrak kurz vor seinem Blick, wollte die Blätter aufsammeln, doch Stephan wies sie mit einem Flüstern hinaus.
Helena war Waise, das machte sie sich zunutze jeder nahm Rücksicht auf Lena, das Waisenkind. Heim, Geborgenheit, Familie: Nichts klappte. Die erste Ehe endete nach zwei Jahren, die zweite nach langem Ausharren auch, obwohl der Mann alles für sie tat, selbst ein Kind war ihr zu viel er verließ sie. Stephan, selbst geschieden, war ihr Chef, behandelte sie freundlich, nahm sie aber nie mit nach Hause. Sie war die immer naive Untergebene, träumte vom Heiraten, kümmerte sich sogar um seine Mutter vergeblich. Als seine Mutter starb, hörte Stephan, wie Helena ins Telefon zischte: Endlich! Sie hat nur genörgelt, jetzt kann Stephan frei durchatmen. Danach war sie endgültig aus Stephans Herz verbannt…
Stephan tupfte die Cognac-Pfütze weg, sammelte die Blätter ein. Er sollte Helena wirklich feuern. Wenn nur Ersatz zu finden wäre, so tüchtig wie sie ist.
Der Trubel draußen unterbrach seine Gedanken. Der Lieferwagen mit den Gläsern war eingetroffen, die Bewohner halfen beim Abladen.
“Nicht doch!”, lachten die kräftigen Umzugshelfer “Lassen Sie uns das machen, Sie schaffen sich sonst ab!”
Doch Gustav bestand darauf, seine Kiste selbst zu tragen: Gib her, Junge, ein bisschen Muskelkraft hab ich noch!
Anneliese half ebenfalls, trug Gläser in die Küche, wo der Küchenchef, weiß wie ein Engel, die Lieferung entgegen nahm, alles prüfte und versprach, das beste Apfelmus zu zaubern.
Stephan ging in den Flur, um die Lieferscheine zu unterschreiben und sich die Beine zu vertreten.
Voraus schlurfte eine Frau und blickte wirr umher.
Eine Neue!, dachte er. Hat sich bestimmt verirrt.
Kann ich Ihnen helfen, soll ich Sie führen?, rief er zu laut. Die Frau ließ das Tablett fallen, das Besteck klirrte, ein Teller zerbrach. Verzeihung Waltraud? Bist du das?
Entschuldigung … Ich zahle den Schaden, ich räume es gleich weg! plapperte Waltraud und schaute zu Stephan auf. Du? Also Sie?!
Ja, Waltraud! Dich hier zu treffen nie im Leben hätte ich damit gerechnet!
Irgendeine Freude überkam ihn, ein fast kindisches Kichern. Stephan half ihr auf, funkte die Putzfrau herbei.
Komm mit, da braut sich was zusammen!, sagte er, wir machen Apfelmarmelade du bist doch da Profi?
Waltraud zuckte die Schultern. Sie fühlte sich alt, saß hier im Altenheim, und ausgerechnet Stephan sah sie so. Alle Falten, das weiche Gewebe an den Armen… Ihr Sohn Jenschen, seine Frau, die sie für eine Belastung hielt, all das war vergessen. Ihr Enkel, krank geboren, durfte nie mit ihrer Hilfe verwöhnt werden, schon gar nicht an die frische Luft…
Immer dachte Waltraud daran, nun war es weg. Stephan, der früher Gedichte geschrieben, Blumen gebracht hatte, hatte sie in Studentenjahren geliebt. Und sie hatte einen anderen geheiratet. Auch jetzt wieder vereint nach all den Jahren
Draußen begrüßte Stephan die Männer: Na, Jungs? Packen wirs!, warf die Weste ab, krempelte die Ärmel hoch, griff eine Kiste, wollte energisch zur Treppe marschieren da ließ ihn plötzlich der Rücken im Stich, Gläser klirrten auf den Stufen.
Die Männer alle mindestens 15 Jahre älter als der Direktor zuckten gleichmütig die Schultern, arbeiteten weiter. Waltraud eilte zu Stephan, half ihm aufs Sofa.
Sie saßen lange dort, ganz allein. Höre den Duft der Äpfel, das Klirren der Gläser, das Singen der Frauen, Doris am lautesten, Anneliese stimmte ein, und alle anderen vereinigten sich im Chor. Draußen hüpfte ein aufgeschreckter, herrenloser Hase durchs Gras und verschwand schließlich hinter den Apfelbäumen. Waltraud seufzte.
Ihr Handy klingelte. Mama! Wo bist du nur? Ist es Leni, hat sie dich rausgeworfen? Peti schreit wieder, ich bin nach der Arbeit völlig fertig! Mama, ich komm dich abholen! Leni, lass mich!, der Sohn schrie am Telefon, doch Waltraud schaltete einfach aus. Sie bedauerte ihre Schwiegertochter, die mit Kind und Mann allein zurückblieb, nicht mit einer Helferin, sondern mit einem weiteren Kind das sie so selbst erzogen hatte.
Es wird alles gut, sagte Stephan leise. Wenn du willst, ich kenne einen Spezialisten für solche Kinder.
Woher weißt du das?, fragte Waltraud.
Ich weiß viel über dich, Waltraud. Aber dass du hier landen würdest, hätte ich nie gedacht Schlechter Detektiv. Soll ich Kontakt herstellen? Auch für Leni wäre es wichtig. Glaub mir es wird gut werden! Warum weinst du, Waltraud?
Er wischte ihr die Tränen mit seinen dicken Fingern von den Wangen, schüttelte den Kopf, seufzte.
Helena, in Mantel und mit riesigen Augen, sah, wie der Direktor diese neue, linkische Waltraud umarmte. Wie konnte er nur? Eine alte, zerzauste Frau und sie, Helena, wäre noch lange nicht zum alten Eisen! Stephan ein Esel!
Sie ging in ihr Zimmer.
Am Abend probierte man die Marmelade. Stephan ließ die Tische zusammenschieben, ein großes Bankett, fast wie Hochzeit. Die Bewohner witzelten, sangen, schwelgten in Erinnerungen, tranken Tee und ließen sich die Früchte ihrer Arbeit schmecken. Anneliese umsorgte Gustav, bewunderte sein silbriges Haar, fand, er glich ihrem verstorbenen Mann. Doris war stolz auf ihre Apfelringe, die Herren lobten das Gelee…
Stephan betrachtete diese, im Grunde fremden Menschen, und staunte, wie rasch sie zu einer Gemeinschaft wurden. Wenigstens für diesen einen Abend waren sie wie eine Familie. Und so hatte alles doch einen Sinn. Er hatte die Villa in Herrenberg nicht umsonst gekauft, das Ganze nicht umsonst begonnen. Irgendwie wusste er auch Waltraud Semmler würde hier ihren Frieden finden.
Was weiter wird, wissen nur der alte Apfelgarten und der Himmel mit seinen festgesteckten Sternen…
Helena Feddersen rollte ihren Koffer zum Tor, winkte dem Taxifahrer. Noch einmal blickte sie auf das von Lichterketten erleuchtete Haus zurück: Sollen sie an ihrer Marmelade ersticken! Nicht mal eingeladen haben sie mich! In der Hauptstadt wird man mich besser schätzen. Dort bekomme ich alles Marmelade, Kuchen. Es gibt genug Stephans Ilgner auf der Welt. Für Lena wirds schon reichen!Im Haus füllte sich der Speisesaal mit dem süßen Duft der frisch gekochten Marmelade. Die alten Damen donnerten ihre Löffel begeistert an die Gläser und prosteten einander zu, als hätten sie ein großes Werk vollbracht. Für einen Moment fehlten sämtliche Sorgen: keine Schmerzen, kein Heimweh, kein Grübeln über das Morgen oder das Gestern nur Lachen, Gläserklingen und der liebenswürdige Kitsch des Lebensabends.
Anneliese blickte von ihrem Platz auf, als draußen ein leichter, kühler Wind gegen die Fensterscheiben strich, und hörte das ferne Ticken der Standuhr. Sie dachte an ihr früheres, lärmendes Zuhause, an die leeren Zimmer nach dem Auszug, und spürte dabei das warme Durcheinander in ihrem Inneren eine neue Art von Glück, nicht schrill, sondern sanft wie Apfelmus auf warmem Toast.
Waltraud, erschöpft, aber irgendwie erleichtert, lächelte Stephan schief zu. Weißt du, vielleicht ist das Glück gar nicht, was wir gesucht haben sondern das, was übrig bleibt, wenn alles Nebensächliche fehlt. Stephan nickte und faltete ihre Hand in seine, ganz selbstverständlich, ohne Eile.
Ganz zum Schluss, als das letzte Stück Marmeladenbrot gegessen, die letzte Tasse Tee geleert und das Lachtrio Doris, Gustav und Anneliese ein leises Volkslied anstimmte, bemerkte man in der Küche ein Glas, das eigens für Helena zurückgestellt wurde. Für den Fall, dass sie es sich anders überlegt, sagte Anneliese und stellte es sacht ins Regal, direkt neben ein Glas voll Eingelegtem vom Vorjahr.
Draußen wiegten sich die Apfelbäume im Wind als hätten sie, all die Jahre, nur auf diesen einen Abend gewartet. In der Nacht funkelte über der alten Villa ein Stern besonders hell, und alle, die noch einmal zum Fenster hinaussahen, fühlten es: Alles wird gut. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann schnippeln sie noch immer, reden und singen und finden inmitten all der kleinen Alltäglichkeiten immer wieder den süßen Geschmack der Liebe und des Lebens.





