In unserem Nachbardorf an der Elbe, in einem kleinen Häuschen gleich am Ufer, lebte ein Mädchen eine stille, bescheidene Seele, wie sie in jedem Dorf zu finden ist. Sie hieß Gerlinde Schneider. Solche Menschen gibt es: Man weiß, sie sind da, und doch fallen sie kaum auf. Gerlindes Blick war immer zum Boden gerichtet, ihr Zopf dünn und aschblond, das Kopftuch schon längst aus der Mode. Sie arbeitete bei der Post, sortierte Briefe und brachte die Renten zu den alten Leuten.
Niemand schenkte Gerlinde große Beachtung. Unsere Dorfjungs waren wie Hähne: Sie liebten es bunt, laut und temperamentvoll. Wild, lachend, voller Charme daran hängten sie ihr Herz. Aber Gerlinde
Im Frühling kam ein neuer Landmaschinen-Mechaniker aus Hamburg zu unserem Genossenschaftshof. Felix Baumgartner. Groß, breitschultrig, schwarzes Haar fast wie Ebenholz, die Augen blitzten schelmisch. Und dazu spielte er Ziehharmonika! Wenn er sich bei Sonnenuntergang vor dem Gemeindehaus niedersetzte und die ersten Töne erklangen, spürte jedes junge Mädchen einen Stich im Herzen. Auch Gerlinde. Bei ihr war das besonders schlimm. Man sah ihr an, wie ihr Herz auf einmal schneller schlug.
Was sollte sie, das graue Mäuschen, schon ausrichten gegen die Schönheiten, die Felix umschwärmten? Sie sah dem bunten Treiben nur aus der Ferne zu und seufzte so, dass mir das Herz schwer wurde.
Aber dann geschah im Dorf Ungewöhnliches.
Plötzlich begann Gerlinde, Briefe zu bekommen. Dicke Umschläge, aus der Stadt, immer schön beschriftet, mit kräftigem, klaren Männerhandschrift. Da sie selbst in der Post arbeitete, war sie natürlich die Erste, die davon erfuhr. Aber das Dorf bleibt nicht lange ahnungslos: Unsere alte Briefträgerin, Frau Else Mertens, war eine wahre Klatschbase. Schon bald ging das Gerede um:
Na, unsere stille Schneider hat wohl einen Verehrer in der Stadt! Der schreibt ja fast täglich! Vielleicht nimmt er sie gar zur Frau!
Gerlinde wurde ganz verzaubert, die Wangen rosa, die Augen leuchteten. Sie blühte richtig auf, flechtete ihren Zopf mit einem blauen Band. Wenn sie durch die Dorfstraße ging, ihren Brief in der Hand, sah sie aus, als trüge sie einen Orden.
Auch Felix begann, sie zu bemerken. Seine Blicke streiften sie öfter. Männer sind eben so: Wenn sie merken, dass eine Frau anderen etwas bedeutet, wächst auch ihr Interesse.
Gerlinde versank immer mehr in diese Hoffnungen. Sie saß oft alleine auf der Posttreppe, las einen Brief und lächelte vor sich hin. Die Leute im Dorf tuschelten: So ein Glück, die stille Schneider!
Das Ende kam plötzlich, wie ein Gewitter aus heiterem Himmel und heftig.
Es war Erntedankfest. Das Dorf war auf den Beinen, vor dem Gemeindehaus spielte Musik, es wurde getanzt und gelacht. Auch Gerlinde war da, ganz herausgeputzt im neuen geblümten Kleid, mit ihrer Umhängetasche.
Da kamen die berüchtigten Franz-Brüder angerannt, schon ordentlich angeheitert. Sie wollten einen schlechten Scherz machen, rissen an Gerlindes Tasche der Riemen, alt und dünn, riss und alles fiel zu Boden: Puderdose, Haarbürste und eine dicke Bündel Liebesbriefe mit rotem Band.
Einer der Brüder, Moritz, griff sofort zu und rief: Na, schauen wir doch mal, was der Stadtjunge unserer braven Gerlinde schreibt!
Gerlinde wurde ganz blass. Bitte, gib sie mir zurück!, flehte sie.
Moritz hatte sie schon aufgerissen, zog einen Brief heraus und begann lauthals vorzulesen: Meine liebe Gerlinde! Deine Augen leuchten wie der klare See
Alle verstummten, hörten zu schön geschrieben war das.
Doch dann stockte Moritz. Er grinste spöttisch, zog ein anderes Blatt aus dem Bündel voller Durchstreichungen und Korrekturen, ein richtiger Entwurf. Er hielt es gegen das Licht:
Ha, hört mal her! Zuerst steht da Liebe Gerlinde, dick durchgestrichen, dann Hallo, meine Liebste, wieder durchgestrichen! Das sind alles Entwürfe! Sie schreibt sich selber!
Das Gelächter brach an, dass die Birken zu wackeln schienen.
Sie schreibt sich selbst Liebesbriefe! Was für eine Geschichte! Einen Bräutigam hat sie sich ausgedacht!
Gerlinde stand mitten im Kreis, die Hände vors Gesicht gepresst, die Schultern zuckten so eine Scham, dass ich selbst nicht wusste, was tun, wie als würde mir selbst die Luft ausgehen.
Da verstummte plötzlich alle Musik.
Felix, der bis dahin auf der Treppe mit der Ziehharmonika gesessen hatte, legte das Instrument zur Seite. Er stand langsam auf, sein Gesicht ernst und ganz anders als sonst. Alle wichen einen Schritt zurück.
Ohne ein Wort nahm er Moritz die Briefe ab. Der hielt die Luft an, das Lächeln verschwand. Felix hob die verstreuten Umschläge auf, klopfte sie sauber und trat zu Gerlinde, die die Hände immer noch vor dem Gesicht hatte.
Leise, aber so, dass es alle hören konnten, sagte er:
Was lacht ihr denn? Noch nie einen Menschen gesehen?
Und dann, ganz ruhig zu Gerlinde: Komm, Gerlinde. Ich bring dich heim. Es ist schon dunkel.
Und so gingen sie, mitten durch die betretene Stille er, den Kopf hoch, ihre Tasche mit den beschämten Briefen in einer Hand, mit der anderen fest ihren Ellenbogen haltend.
Ab diesem Abend wurde alles anders. Es ging langsam, sehr langsam. Lange traute sich Gerlinde nicht, den Leuten in die Augen zu sehen. Aber Felix blieb an ihrer Seite, holte sie von der Arbeit ab. Nach einem halben Jahr feierten sie Hochzeit.
Sie lebten in großer Harmonie. Felix las ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Gerlinde wurde eine tatkräftige Bäuerin, sie bekamen drei Söhne. Und nie, kein einziges Mal, hat je wieder jemand im Dorf jenes Ereignis erwähnt. Felix hatte eine Art zu schauen, dass jedem Klatsch der Atem ausging.
Die Jahre vergingen. Felix starb vor drei Jahren am Herzen. Gerlinde, oder wie wir sie nannten, Frau Gerlinde Baumgartner, baute sehr ab ohne ihn. Ich besuche sie oft den Blutdruck messen, Tee trinken.
Einmal, es regnete draußen, im Ofen knisterten Buchenscheite, saß ich mit ihr in der Stube. Sie kramte in ihrem alten Bauernschrank, holte eine Holzschatulle hervor Felix hatte sie selber geschnitzt.
Sie öffnete sie, und da waren sie: genau diese Briefe, alt und vergilbt.
Weißt du, Maria, sagte sie und ihre Stimme zitterte ich dachte immer, er hätte sie damals weggeschmissen oder verbrannt. Ich habe mich mein ganzes Leben für diese Lüge geschämt.
Sie nahm den obersten Umschlag, darunter lag ein frisches kariertes Blatt. Noch gar nicht vergilbt, wohl erst kurz vor Felix Tod geschrieben.
Gerlinde setzte die Brille auf, las Tränen liefen ihr über die Falten.
Dann reichte sie mir das Blatt: Lies, Maria, meine Augen sind schwach.
Ich entzifferte Felix ungeschliffene Schrift:
Meine Gerlinde. Habe heute beim Aufräumen die Schatulle entdeckt. Verzeih mir, dass ich all die Jahre geschwiegen habe. Ich habe gesehen, wie sehr dich das beschämt. Aber ich wollte dich nicht verletzen, keine alten Wunden aufreißen. Nun denk ich, es war ein Fehler zu schweigen. Hätte ich dir damals gesagt, was ich wusste, hättest du das Herz nie so belastet. Ich wusste doch sofort, dass du die Briefe selbst geschrieben hast. Deinen Schriftzug kannte ich schon von den Quittungen. Und weißt du, warum ich nicht gelacht habe? Weil es mir das Herz zusammenschnürte: Wie einsam muss ein Mensch sein, um sich selber Liebesworte zu schreiben? Wie blind wir Männer doch manchmal sind! Ich danke diesen Briefen. Ohne sie hätte ich mein Glück vielleicht übersehen. Für mich warst du immer die Schönste. Dein Felix.
Wir saßen da, weinten gemeinsam inmitten des Geruchs nach Apfelringen, Tee und dieser bittersüßen Liebe, wie man sie heute selten findet.
So ist das Leben, meine Freunde. Sie hat aus lauter Verzweiflung geträumt, dass jemand sie sieht und er hat nicht auf die Lüge geachtet, sondern auf den verborgenen Schmerz. Und hat ihr Herz gewärmt ihr ganzes Leben lang.
Wenn ich heute die Schatulle sehe, denke ich: Verurteilt nicht allzu streng, wenn jemand Torheiten begeht. Wer weiß, welche Sehnsucht nach Liebe dahinter verborgen ist?




