Andreas saß auf dem Küchenhocker und beobachtete, wie Staubkörner im Schein der untergehenden Sonne tanzten. In Wohnung Nr. 48 in der Friedensstraße herrschte absolute Ordnung. Vielleicht zu viel Ordnung.

Sonntagabend, 18:30 Uhr

Ich sitze wieder auf dem Küchenhocker und schaue dabei zu, wie Staubkörner im schrägen Licht über dem Herd schweben. In Wohnung 14 in der Lindenstraße herrscht seit Wochen sterile Sauberkeit. Alles glänzt, obwohl mir davon längst schlecht wird. Es ist zu leise. Zu ordentlich.

Vor drei Monaten hat Juliane die Koffer gepackt. Und den Ficus mitgenommen. Vor allem aber hat sie unsere Kinder mitgenommen meinen zehnjährigen Benjamin und die kleine, sechsjährige Käthe. Am Anfang fühlte ich mich frei. Keine Zeichentrickfilme mehr, keine Legosteine unter den Füßen, und ich konnte Spätzle direkt aus dem Topf essen.

Doch nach einer Woche war diese Freiheit weg. Der Alltag wurde zum luftleeren Raum. Und mir wurde klar, wie hilflos ich nach all den Ehejahren war, wenn es um einfache Dinge im Haushalt ging. An vieles konnte ich mich gar nicht mehr erinnern.

Das Schwierigste aber war diese dumpfe Wartezeit am Freitag.

Papa, wir sind daaa! Käthe stürmt in den Flur und bringt den Duft von kalter Luft und Kindershampoo mit. Ich umarme sie unbeholfen. Benjamin folgt ihr, Kopfhörer auf den Ohren, mustert mich flüchtig, mit dem typischen Blick eines Älteren vorsichtig, abwartend.

Na, kommt rein, ihr zwei. Ich versuche zu lächeln. Ich hab mich vorbereitet.

Wenn ich alles richtig mache, dachte ich, bleiben sie vielleicht gerne. Also kaufte ich die beste Antihaftpfanne im Laden und tippte das Rezept ins Handy. Diesmal klappt es, redete ich mir ein.

Am Samstagmorgen fragt Benjamin verschlafen: Was gibts zum Frühstück?
Pfannkuchen!, rufe ich viel zu laut, während ich verzweifelt versuche, die Klümpchen im Teig zu besiegen. Mit Himbeermarmelade. So wie ihrs mögt.
Wie bei Mama?, fragt Käthe leise, balanciert schon auf dem Küchenstuhl.
Ich halte einen Moment inne.
Besser als bei Mama. Ihr werdets sehen.

Nach einer halben Stunde sieht meine Küche aus wie ein umgedrehtes Mehlpaket auf meinen Brauen und am Boden, sogar bis hoch zur Lampe. Der erste Pfannkuchen landet als zerknitterter Teigklumpen im Eimer. Der zweite brennt an. Der dritte sieht seltsam aus.
Ich knirsche innerlich. Diese Pfanne macht mich wahnsinnig. Und die Küche. Und eigentlich ich selbst. Was daran ist so schwer?! Aber da sitzen zwei Gesichter und warten auf das, was ich liefere.
Fast fertig, krächze ich, wische mir den Schweiß von der Stirn.

Dann gelingt mir tatsächlich ein ganzer Stapel etwas fransig, nicht perfekt, aber goldbraun und nach echtem Frühstück riechend. Ich stelle ein Schälchen Marmelade dazu und warte.

Käthe kostet. Sie kneift die Augen zusammen.
Lecker, Papa! Wirklich.
Benjamin sagt nichts, nimmt nur die Kopfhörer ab und isst drei am Stück. Ich atme auf. Es wird warm in mir. Vielleicht klappt es ja. Vielleicht wächst da ein festes Netz aus dünnem, süßem Pfannkuchenteig zwischen uns.

Sonntagabend ist immer der schwerste Moment. Es sind diese Wechselstunden, wenn aus Freude Leere wird. Der Abschied.

Wir sitzen alle im Wohnzimmer. Ich habe eine neue Spielkonsole besorgt, das Topmodell, das Benjamin sich seit Monaten wünscht.
Na, Ben, bist du weitergekommen? Endgegner geschafft?, setze ich mich neben ihn.
Mhm, murmelt er, starrt weiter auf den Fernseher. Danke, Papa. Ist echt cool.

Ich versuche, Käthe abzulenken.
Soll ich dir noch eine Geschichte vorlesen?, frage ich, greife schon nach dem bunten Kinderbuch auf dem Couchtisch.
Käthe schaut nicht; sie blickt zu ihren Turnschuhen an der Wohnungstür.
Papa, wann kommt Mama?
In einer Stunde, Schatz. Gefällts dir bei mir nicht? Wir haben doch alles: Die Konsole, Pfannkuchen sogar Eis ist im Gefrierschrank. Bleib doch einfach noch einen Tag, wir könnten morgen in den Zoo fahren

Benjamin legt plötzlich den Controller weg. Es ist fast unheimlich leise.
Papa, bei dir ists echt lecker. Und die Konsole find ich super. Und du gibst dir viel Mühe, wir merken das schon.

Das trifft mich. Ich lächle, aber mein Herz zuckt vor Sorge.
Also gefällt es euch hier?
Käthe kommt zu mir, drückt ihr Gesicht an meine kratzige Wange.
Bei dir schmeckts, Papa. Aber bei Mama ist Zuhause.

Diese Sätze treffen tiefer als der Scheidungsbeschluss. Ich schaue mich um. Designermöbel. Neue Technik. Alles picobello renoviert. Alles glänzt. Aber es lebt nicht.

Was meinst du mit Zuhause, Käthchen?, meine Stimme bricht ein bisschen. Hier sind doch eure Zimmer, eure Spielsachen

Benjamin sieht mich an. Kein kindlicher Blick mehr, eher ein Erwachsener, ehrlich und traurig.
Papa, Zuhause ist, wenn man weiß, wessen Socken wo liegen. Wenn meine alten Bilder am Kühlschrank hängen, die du nie wahrgenommen hast. Erinnerst du dich noch an meine Urkunde von der Roboter-AG? Vor drei Jahren?
Ich will sofort ja sagen, aber es bleibt stumm. Drei Jahre? Ich war immer unterwegs. Dienstreise. Oder schon wieder im Büro. Oder einfach nur müde.

Mama weiß noch, gegen welches Waschmittel ich allergisch bin, meint Benjamin weiter. Und gestern hast du gefragt, in welcher Klasse ich bin. Du bist wie ein Besucher, der sich sehr bemüht, uns zu gefallen. Du kannst in einer Nacht Pfannkuchen lernen, aber du kennst uns nach zehn Jahren nicht wirklich.

Ich vergrabe das Gesicht in den Händen. Es stimmt. Ich habe immer gearbeitet, das Geld heimgebracht, Urlaube organisiert aber ich war nie wirklich da. Eher wie ein Bankautomat. Ein Schatten auf dem Weg ins Schlafzimmer.

Ich habe nicht Juliane verloren. Ich habe mich selbst verloren den Mann, der ich vor der Scheidung war. Dachte, Familie wäre selbstverständlich. Jetzt fühl ich, dass Familie tägliche, aufmerksame Nähe ist.

Es klingelt. Juliane steht vor der Tür, will die Kinder abholen.
Ich stehe langsam auf, fühle mich wie ein alter Mann. Helfe Käthe mit der Jacke, reiche Benjamin seinen Rucksack.

Danke für die Pfannkuchen, Papa, sagt Käthe und küsst meine Nase.
Bis bald, Papa, Benjamin legt kurz die Hand auf meine Schulter. Die Konsole ist wirklich gut.

Juliane mustert mich. Sie sieht das Mehl auf meinem T-Shirt und die Müdigkeit in meinen Augen.
Gehts dir gut, Martin?, fragt sie leise.
Ja. Ich schlucke. Juliane Käthe sagte, bei mir ist nicht Zuhause. Sie hat Recht.

Sie sagt nichts. Lässt mich reden.
Ich möchte öfter kommen. Wenn ihr erlaubt. Nicht nur für Wochenende im Museumsmodus. Wirklich mitmachen: Benjamins Projekt. Und am Donnerstag ist Käthes Aufführung im Kindergarten. Ich würde gerne kommen. Darf ich?

Juliane lächelt vorsichtig.
Klar, Martin. Wir freuen uns.

Die Tür fällt ins Schloss. Ich bleibe allein zurück. Diesmal schalte ich nicht den Fernseher ein.

Ich gehe zum Kühlschrank. Die Oberfläche ist makellos weiß. Kein einziges Bild. Aus der Flurmappe ziehe ich eine geknickte, alte Zeichnung von Benjamin die mit dem schiefen Auto und den drei Strichmännchen. Ich befestige sie mit einem Magneten, so dass sie jeder sieht.

Dann suche ich Benjamins Kontakt im Handy.
Ben, ich hab deinen Roboterkurs nochmal angesehen. Mittwoch bin ich frei. Soll ich dich abholen und wir fahren zusammen zu dieser Werkstatt? Dieses Mal ohne Pfannkuchen und Konsole. Nur wir und ein Gespräch.
Die Antwort kommt schnell: Okay, Papa. Freu mich.

Mein Spiegelbild in der Glasscheibe. Meine Hände, mein Gesicht aufgeregt und erschöpft. Zuhause baut man nicht an einem Wochenende. Aber heute habe ich den ersten, echten Stein gelegt.

Ich fange an, die Küche zu spülen. Nicht, weil es so sein muss, sondern weil ich weiß: Mein echtes Zuhause das, in dem ich und meine Kinder leben können darf keinen alten Ballast tragen. Damit Käthe und Benjamin bleiben wollen, muss ich nicht wie Mama braten. Ich muss einfach Papa sein. Jeden Tag. Ganz ohne Rezept.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Andreas saß auf dem Küchenhocker und beobachtete, wie Staubkörner im Schein der untergehenden Sonne tanzten. In Wohnung Nr. 48 in der Friedensstraße herrschte absolute Ordnung. Vielleicht zu viel Ordnung.
Verräterischer Vater