Der Aufstand der Mütter

Mutters Aufstand

Mama, erklär mir bitte, warum? Andreas steht mitten in ihrer Küche und schaut auf den Tisch, als hätte er dort etwas völlig Unangebrachtes entdeckt. Warum hast du das ins Netz gestellt? Die Leute sehen das doch alle.

Erika Baumann beeilt sich nicht mit der Antwort. Sie füllt Wasser in den Wasserkessel, holt zwei Tassen aus dem Schrank, eine himmelblaue und eine mit goldenem Rand, und dreht sich erst dann zum Sohn um.

Wer ist alle, Andi?

Na, wer wohl. Meine Kollegen. Geschäftspartner. Menschen aus meiner Arbeit.

Und?

Er blinzelt. So eine entspannte Reaktion erwartet er offenbar nicht.

Was heißt und? Mama, ich arbeite in einer Bank. Nicht als kleiner Angestellter, ich habe einen Ruf. Und dann näht meine Mutter irgendwelche Hasen und stellt Videos online, wie sie das macht. Mit Kommentaren wie Hier das Pfötchen annähen, Mädels.

Hasen, wiederholt Erika leise. Ja. Hasen.

Der Wasserkocher rauscht, wird heiß. Draußen regnet es leicht, der April ist nass, das Fenster unten beschlagen, sodass man nur den oberen Teil der Straße erkennen kann. Einige Leute, Regenschirme, glänzendes Pflaster. Alles wie immer.

Verstehst du, was ich meine? Andreas läuft in der Küche auf und ab. Das war schon immer so, er läuft, wenn er nervös ist. Seit seiner Kindheit. Ich habe diese Woche Verhandlungen, Kunden, sogar eine Delegation aus dem Nordbezirk kommt. Und dann stolpert einer von denen auf Lernwelt, sieht deinen Account und

Was sieht er? Erika gießt den Tee auf. Eine ältere Frau, die Stofftiere näht?

Die Mutter eines Bankdirektors der Berliner Stadtfinanz.

Sie sieht ihn an. Lange, aufmerksam, so wie früher, wenn er als Kind gelogen hat, etwa wegen einer schlechten Note oder einem kaputten Fenster beim Nachbarn.

Andi, sagt sie leise, schenk dir Tee ein. Und setz dich.

***

Erika Baumann ist zweiundsechzig. Nicht in den Sechzigern, nicht um die sechzig, sondern exakt zweiundsechzig sie nennt ihr Alter ohne Scheu, anders als manche Freundinnen, die jahrelang an 58 festkleben. Vierundzwanzig Jahre hat sie in der Johann-Gutenberg-Stadtbibliothek gearbeitet, erst als einfache Bibliothekarin, zuletzt als Leiterin des Lesesaals. Vor anderthalb Jahren ist sie in Rente gegangen. Nicht aus gesundheitlichen Gründen und auch nicht, weil ihr etwas über den Kopf wuchs. Sie hatte einfach plötzlich genug. Sie wollte endlich etwas Eigenes, Ruhiges, Echtes.

Die Wohnung liegt in der Seestraße, dritter Stock eines fünfstöckigen Altbaus. Zwei Zimmer, eine kleine Küche zum Hof hinaus, ein Balkon, wo im Frühjahr Setzkästen stehen. Ihr Mann ist gestorben nein, anders. Ihr Mann ist vor neun Jahren von ihr gegangen, seither lebt sie allein. Andreas hat ihr angeboten, zu ihm in die große Neubauwohnung nach Prenzlauer Berg zu ziehen, aber sie hat abgelehnt. Zu viel Glas und Metall, alles steril, ohne jeden Geruch und Erika braucht einen Ort, der duftet.

Bei ihr riecht es nach dem alten Holzbuffet, ein wenig nach Vanille von der Lieblingskerze auf dem Fensterbrett und noch nach etwas, das sie selbst einfach Zuhause nennt. Als sie das erste Mal zu Andreas und Schwiegertochter Katrin ins neue Zuhause kam, dachte sie: hier riecht es nach Kaufhaus. Nicht schlecht, bloß nichtssagend.

Das Nähen beginnt sie eher aus Zufall.

Letzten Oktober, die Tage schon kurz, die Abende lang wie unbeleuchtete Flure, sortierte sie das Fach über dem Schrank, fand eine alte Kiste mit Stoffresten: Baumwolle mit Punkten, dunkelgrüner Nicki, ein Stück grobreines Leinen, fest und angenehm anzufassen. Sie griff einfach zur Schere, ohne zu wissen warum.

Der erste Hase war schief. Ein Ohr länger, die Seitennaht nicht ganz gerade. Aber er saß da, blickte sie mit Knopfaugen voller Würde an, dass sie lachen musste. Und zwar zum ersten Mal seit Monaten kein gezwungenes Telefonlachen, einfach nur so. Für sich.

Der zweite Hase gelang schon besser. Beim dritten arbeitete sie nach eigenem Schnittmuster.

Dann kam die Nachbarin Frau Hagemann, eine aktive und moderne Frau trotz ihrer fünfundsechzig, und meinte:

Erika, warum versteckst du sie? Zeig sie doch! Stell sie bei Lernwelt ein.

Ich bin da doch gar nicht richtig angemeldet.

Dann machen wir das. Dauert fünf Minuten.

Es dauerte zwei Abende und einige Anrufe bei Frau Hagemanns Tochter. Aber die Seite entstand. Und das erste Video auch: Erika, etwas zögerlich vor der Kamera, näht einem Hasen das Pfötchen an und erklärt, wie ein verdeckter Stich geht. Die Stimme ein bisschen zittrig. Doch die Hände geübt.

Binnen drei Tagen kamen einhundertzwölf Follower. Dann zweihundert mehr. Sie hörte auf zu zählen.

***

Andreas trinkt Tee und schweigt. Auch das macht er seit Kindheit: In Schweigen flüchten wie in ein anderes Zimmer und sitzen bleiben, bis er Worte findet. Erika kennt dieses Schweigen und wartet geduldig.

Mama, sagt er schließlich, ich sage ja nicht, dass es schlecht ist. Ich finde es nur unangenehm.

Für wen?

Für mich. Er blickt hoch. Verstehst du? Mir ist das peinlich. Ich bitte dich ja nicht, aufzuhören. Aber vielleicht stell es nicht so offen ins Netz. Näh weiter, schenk es den Enkelkindern

Du hast keine Kinder, Andi.

Na, dann eben Nachbarskinder. Schenk sie, wem du willst. Aber warum muss das ganze Internet wissen, was du machst?

Erika sieht auf ihre Hände. Am rechten Zeigefinger fast unsichtbar eine Narbe von der Nadel sie bemerkt sie.

Weißt du, sagt sie bedächtig, dreißig Jahre habe ich die Leute gefragt: Was kann ich für Sie tun? Erst in der Bibliothek, dann zuhause, für dich, für Papa. Jetzt tue ich etwas für mich. Das erste Mal wirklich für mich. Und das scheint peinlich zu sein.

So meinte ich das nicht.

Ich weiß, was du meintest, Andreas.

Sie steht auf, räumt die Tassen. Das heißt: Gespräch beendet. Kein Drama, keine knallende Tür. Einfach ein Punkt.

Er geht nach fünfzehn Minuten. In der Diele, als er den Mantel anzieht, murmelt er, dass er die Woche noch anruft. Sie nickt. Schließt die Tür. Wartet kurz, hört auf seine Schritte im Treppenhaus.

Dann geht sie ins Wohnzimmer, wo der angefangene Bär mit Holzwolle gefüllt auf dem Tisch liegt, und greift zur Nadel.

***

Der Account bei Lernwelt heißt Faden an Faden. Den Namen hat Erika sich selbst ausgedacht. Frau Hagemann schlug etwas mit Oma und Gemütlichkeit vor, aber sie hat abgelehnt.

Ich will nicht Oma sein, sagt sie bestimmt. Ich bin Handwerkerin.

Auf der Seite stehen inzwischen einunddreißig Videos. Erika filmt einfach: Handy auf ein Stativ, die Schreibtischlampe rechts für gutes Licht. Stoff, Garn, Nadel und ihre Stimme, erklärend, warum und wie man das macht. Manchmal erzählt sie Persönliches: wie sie die Stoffkiste fand, dass der erste Hase noch immer auf dem Kühlschrank sitzt. Die Leute mögen das. Schreiben Kommentare: Sie sind so echt, Wie ein Gespräch mit Mama.

Eine Frau aus München schreibt: Ich sehe Ihre Videos jeden Abend, dann ist es weniger einsam. Erika liest das morgens beim Kaffee und hält lange das Handy in der Hand.

Damals, Mitte März, meldet sich Victor Heinemann.

Er schreibt ihr eine Direktnachricht. Männer tauchen selten auf ihrer Seite auf, meist verirrt sich mal einer. Aber Victor Heinemann schreibt konkret: Er ist Fotograf, hat einen eigenen Account über Handwerk und Brauchtum, möchte wegen einer Zusammenarbeit sprechen.

Erika liest die Nachricht dreimal. Ruft Frau Hagemann an.

Hagemann, mir hat da so ein Mann geschrieben. Sagt, er ist Fotograf.

Und?

Na ja Was mache ich?

Erika. Hagemanns Ton ist der einer geduldigen Lehrerin. Schreib zurück. Sei doch kein Kind.

Erika antwortet. Kurz, höflich: Guten Tag, erzählen Sie gerne mehr. Er erklärt. Er führe eine Seite, sie heiße Lebendige Hände und zeige Meister unterschiedlicher Gewerke: Töpfer, Stickerinnen, Holzbildhauer. Die Bilder sind beeindruckend. Sie scrollt durch und bleibt hängen an den Aufnahmen von Händen. Falten, Schwielen, Arbeitsspuren. Und in diesen Händen so viel Leben, dass ihr die Kehle eng wird.

Ich würde Sie gern bei der Arbeit fotografieren, schreibt er. Ohne Projekt, nur weil ich in Ihren Videos etwas Wichtiges sehe.

Etwas Wichtiges.

Lange denkt Erika über diese Worte nach. Dann schreibt sie: Gerne.

***

Sie verabreden sich für Samstag um elf bei ihr zuhause. Victor Heinemann kommt pünktlich, was Erika wohlwollend notiert. Er ist in etwa ihr Alter, vielleicht etwas älter: fünfundsechzig, nicht groß, kariertes Hemd unter der Jacke, eine große Fototasche. Sein Gesicht weckt sofort Vertrauen: Nicht besonders schön, aber freundlich, mit tiefen Falten an den Augen.

Frau Baumann? fragt er an der Tür.

Herr Heinemann? Kommen Sie rein.

Sie führt ihn in die Küche, nimmt Tee und Kekse, er stellt die Tasche hin, holt die große, professionelle Kamera heraus, blickt sich um.

Sie haben es schön, sagt er schlicht.

Eine normale Wohnung.

Nein. Er schüttelt den Kopf. Nicht normal. Riechen Sie, wie es hier duftet?

Sie lacht.

Nach Holz und Vanille, sagt man.

Genau. Bei den meisten Menschen zu Hause riecht es heute nach gar nichts. Bei Ihnen duftet es nach Leben. Kein Pathos in der Stimme, er stellt es einfach fest. Wo arbeiten Sie? Also, wo nähen Sie?

Sie zeigt ihm das Wohnzimmer. Tisch am Fenster, Lampe mit flexiblem Hals, Stoffkisten in den Regalen, ein paar fertige Tiere am Fenstersims. Der schiefe Hase auf Ehrenplatz.

Der erste? fragt Victor, auf den Hasen nickend.

Der erste. Dreimal wollte ich ihn neu machen, kann ihn nicht wegwerfen.

Richtig so, sagt er. Darf ich erstmal nur zuschauen? Nicht gleich fotografieren? Machen Sie einfach weiter.

Das ist ungewohnt vernünftig. Sie nickt, nimmt den Bären, den sie schon am dritten Tag näht, und setzt den Faden an. Anfangs merkt sie seinen Blick, dann vergisst sie ihn, arbeitet wie gewohnt, die Nadel gleitet durchs Licht, draußen hört man Spatzen. April.

Er fotografiert leise. Hin und wieder sagt er: Bitte halten Sie die Hand so kurz. Oder: Schauen Sie zur Figur, nicht zu mir. Sie folgt ohne Mühe. Auch das ist ungewohnt: Mit Andreas spürt sie oft ein unterschwelliges Rechtfertigen, als müsste sie sich ständig erklären. Bei diesem fremden Mann fühlt sie in anderthalb Stunden nichts davon.

Wie lange fotografieren Sie schon? fragt sie, ohne von der Naht aufzusehen.

Seit ich dreißig bin. Erst war ich Ingenieur im Werk, dann gekündigt. Meine Frau meinte, ich spinne. Er schweigt einen Moment. Vielleicht hatte sie recht. Aber ich bereue nichts.

Und jetzt?

Meine Frau ist vor fünf Jahren gestorben.

Das tut mir leid.

Ach, geht schon, sagt er, mit etwas leiserer Stimme. Sie hat meine besten Arbeiten gesehen. Das zählt.

Erika fragt nicht weiter, sondern nickt und näht weiter am Bären. Bestimmte Dinge brauchen keine Worte.

Beim Tee zeigt er ihr die Bilder auf der Kamera. Sie betrachtet sie und erkennt sich nicht wieder. Nicht, weil sie nicht gut getroffen wäre im Gegenteil sondern weil darauf eine andere Frau ist. Konzentriert, lebendig, mit einem feinen, kaum wahrnehmbaren Lächeln. Die Hände im Großformat, Faden, Nadel, Stoff. Das Licht fällt auf die Finger, als seien sie wichtig.

Dieses Foto, sagt Victor, würde ich gern veröffentlichen. Wenn Sie erlauben.

Darauf sieht sie den Hasen mit dem schiefen Ohr an. Einfach so. Und in ihrem Blick liegt etwas, das sie nicht benennen kann.

Machen Sie, sagt sie.

***

Andreas ruft mittwochs an, wie versprochen. Das Gespräch ist kurz, sachlich: Wie gehts, alles in Ordnung, brauchst du was? Sie antwortet ebenso knapp: Alles gut, nein, danke. Er fragt nicht nach Lernwelt. Sie erwähnt es nicht.

Doch noch am gleichen Abend bringt Frau Hagemann einen Kuchen und Neuigkeiten.

Erika, weißt du, dass Victor dein Foto gepostet hat?

Ja, sagte er mir.

Es gibt schon dreitausend Likes.

Erika setzt den Wasserkocher an. Dann entscheidet sie sich um, nimmt lieber die Mokkakanne: Es ist ein Kaffeetag.

Hagemann, sind dreitausend Likes viel?

Erika, sagt sie mit dem Tonfall derer, die das Offensichtliche erklären müssen, für seinen Account ist das üblich. Aber dass die Hälfte der Leute dann zu dir rübergeht und folgt, das ist mehr als viel. Wie viele Follower hattest du vorher?

Gestern warens um die achthundert.

Und heute?

Erika nimmt das Handy.

Tausenddreihundertzweiundvierzig.

Frau Hagemann sieht zufrieden aus.

Siehst du. Wegen deiner Hasen.

Sie trinken Kaffee, Frau Hagemann erzählt von ihrer Tochter, die schon wieder den Job gewechselt hat, und Erika denkt währenddessen immer wieder an das Foto. Als Victor sagte: Ich sehe da etwas Wichtiges. Was meint er? Was ist wichtig an einer älteren Frau, die Stofftiere näht?

Vielleicht weiß sie es.

Es ist das Echte an dem, was sie tut. Nicht Gewinn, nicht Pflicht, sondern weil sie darin etwas von sich findet. Was viele ihr Leben lang suchen und nicht finden. Sie hat es mit zweiundsechzig zufällig bekommen.

Das ist es, was zählt.

***

Im Mai sehen sie sich wieder. Victor Heinemann schreibt: Im Kulturhaus an der Flussstraße ist eine Handwerksausstellung, wollen wir gemeinsam gehen? Sie sagt schneller zu, als sie denkt. Danach starrt sie lange auf die eigene Nachricht und denkt: Erika, du bist doch verrückt.

Aber sie bleibt dabei.

Auf der Ausstellung sind viele: ältere Paare, junge Familien, einige Frauen in ihrem Alter. Töpferware, Weidenkörbe, Stickereien. Victor fotografiert diskret, stört keinen. Erika schaut auf die Hände der Künstler.

Schauen Sie, flüstert er an einem Stand, wo eine Dame Klöppelspitze arbeitet. So hält sie das Garn. Genau solche Momente muss man festhalten. Nicht das Gesicht, nicht das Endprodukt, sondern den Moment zwischen Idee und Bewegung.

Moment zwischen Idee und Bewegung, wiederholt Erika. Poetisch.

Hat mir mal ein alter Fotograf erklärt, als ich jung war. Damals verstand ichs nicht. Jetzt schon.

Wer war das?

Er schweigt etwas länger als nötig.

Lange Geschichte, sagt er. Erzähle ich mal.

Sie fragt nicht nach, merkt sich aber die Pause.

Nach der Ausstellung trinken sie Tee im kleinen Café nahebei, einfache Holztische, Kreidetafel als Speisekarte. Sie sprechen über Handwerk, Spitze, dann über die Fabrik, in der er gearbeitet hat: Groß, laut, nach Maschinenöl. Und über die Bibliothek: Stille, Papierduft, Leser, die sie beim Namen kennt.

Vierundzwanzig Jahre, sagt er. Lange Zeit.

Das war mein Leben, erwidert sie schlicht.

Und jetzt?

Sie sieht aus dem Fenster. Draußen zünden die ersten Laternen, obwohl es noch dämmert. Ein langer, heller Mailabend.

Jetzt auch. Nur anders. Nicht schlechter, einfach anders.

Er nickt, als hätte sie etwas Genaues gesagt.

Haben Sie keine Angst? fragt er. So spät, etwas Neues zu beginnen.

Anfangs schon. Jetzt nicht. Wer Angst hat, erlebt nichts.

Eben.

Sie schweigen aber es ist ein gutes, kein leeres Schweigen. Wie es nur Leute schaffen, die auch ohne Worte hören können.

***

Andreas taucht Anfang Juni überraschend auf, ein Sonntagmorgen. Erika sitzt noch im Bademantel mit Kaffee auf dem Balkon, als es klingelt.

Andreas? Ist was passiert?

Nein, alles gut. Er tritt ein, zieht die Schuhe aus und stellt sie ordentlich hin. Diese Geste, so genau und vertraut, erinnert Erika für einen Moment an die Teenagerzeit, als er stets so die Sneakers stellte. Ich wollte nur vorbeischauen.

Einfach so, wiederholt sie, ohne Frage. Das ist sonst nicht seine Art.

In der Küche setzt er sich, greift zu ihrer Kaffeetasse vom Fensterbrett. Fragt nicht nach einer eigenen. Also ist er nervös.

Mama, ich habe das Foto gesehen. Das von dem Fotografen.

Sie schweigt. Wartet.

Es gibt viele Kommentare, sagt er. Ich habe sie gelesen.

Und?

Also Er reibt sich die Stirn. Da steht viel Gutes. Über dich.

Unerwartet.

Mama, bitte.

Ich meine es ernst.

Er bleibt still.

Wer ist dieser Fotograf? fragt er dann. Victor Heinemann? Ihr habt euch öfter getroffen?

Woher weißt du das?

Frau Hagemann hats gesagt. Ich habe sie angerufen, wollte wissen, wie es dir geht.

Du hättest mich anrufen können.

Hätte ich. Er geht ans Fenster, sieht in den Hof. Mama, was ist er für dich?

Fotograf. Hab ich dir gesagt.

Ja, schon. Nur Er dreht sich um. Sie sieht etwas wie Verunsicherung, keine Wut, kein Ärger einfach Unsicherheit. Siehst du dich selbst auf dem Foto?

Ja.

Du bist da so Er sucht das Wort.

Wie?

Glücklich, sagt er schließlich, und das klingt, als wäre es schwer, das auszusprechen.

Erika sieht ihn an. Die gut gebügelte Hemdbluse, den gepflegten Haarschnitt, die Hände, in den Hosentaschen. Vierzig Jahre. Erfolgreich, ernst, erschöpft. Kommt am Sonntagmorgen unangekündigt zu ihr, sagt, dass sie auf einem Foto glücklich aussieht.

Dann ist es wohl so, sagt sie.

Er nickt. Setzt sich wieder.

Erzähl mir von den Hasen, bittet er. Wie machst du die?

Sie sieht ihn überrascht an.

Wirklich echtes Interesse?

Ja. Oder ich tue mein Bestes.

Sie lacht. Holt den unfertigen Bären.

***

Der Sommer ist schön. Warm, etwas feucht, abends Gewitter, wie sie es mag: Sie steht dann auf dem Balkon, beobachtet das dunkler werdende Himmel, die Regentropfen auf den Setzkästen, in der Luft der typische Geruch, den man Regenluft nennt eigentlich ist es der Duft feuchter Erde.

Die Seite Faden an Faden wächst. Im Juli sind es über viertausend Follower. Erika zählt keine Likes mehr, liest aber die Kommentare. Nicht alle bei der Menge ist es unmöglich. Aber einige. Vor allem von jenen, die etwas von sich erzählen.

Davon gibt es überraschend viele.

Eine Frau aus Dortmund, seit der Rente ratlos, findet durch die Videos einen Grund auszuprobieren: Ich habe Stoff gekauft und das erste Mal seit einem Jahr war mir nicht langweilig. Pflegerin aus Stuttgart, die sich abends Erikas Videos anschaut, um wieder ein bisschen für sich selbst zu sein. Ein junges Mädchen, das schreibt, ihre Oma sei genauso und nun verstehe sie erst, wie einsam das für Oma war und bedauere, es nicht früher erkannt zu haben.

Letzteres liest Erika mehrmals.

Victor sagt einmal zu ihr:

Wissen Sie, was Ihr Geheimnis ist? Sie spielen nichts vor. Die Menschen merken das sofort. Sie sehen jeden Tag so viel Inszeniertes, Hübsches. Sie kommen einfach mit ihrer Lampe und dem schiefen Hasen das ist wichtiger als alles Perfekte.

Das ist kein Geheimnis, widerspricht sie. Das bin nur ich.

Genau.

Inzwischen sehen sie sich regelmäßig: einmal die Woche, manchmal öfter. Gehen zu Ausstellungen, ins Kino, einfach spazieren. Einmal fährt er sie an den Stadtrand zu einem Freund, Fotograf Olli. Dort ist ein ganzes Grüppchen interessanter Leute Künstler, ein Bildhauer, mehrere Frauen ihres Alters, die auch mit den Händen schaffen. Erika bleibt den ganzen Tag, ist am Abend angenehm müde von echtem Gespräch.

Erst Ende Juli erzählt Victor die Geschichte, warum er vom Werk zum Fotoapparat wechselte. Sie spazieren am Flussufer nach einem Open-Air-Konzert, der Abend riecht nach Wasser.

Erinnern Sie sich an den alten Fotografen, den ich genannt habe? fragt er.

Ja.

Das war mein Vater. Nach kurzem Schweigen: Er fotografierte sein Leben lang. Nie beruflich. Nach seinem Tod blieben einige Alben. Ich blätterte darin, erst dann verstand ich, dass ich all die Jahre zusah, aber nichts begriff. Erst mit dreiundfünfzig griff ich zu seiner Kamera.

Dreiundfünfzig! erwidert Erika. Auch nicht gerade ein Frühstarter.

Tja. Das galt, bevor ich anfing.

Sie blickt aufs Wasser. Das Licht der Straßenlaternen zittert wie Fäden über die Oberfläche.

Victor, sagt sie, haben Sie es bereut? Dass so viele Jahre so anders waren?

Er überlegt nicht lange.

Nein. Wissen Sie warum? Weil ich sonst nicht so fotografieren könnte, wie ich es heute kann. Das Leben davor hat es gebraucht. Werk, Frau, Kinder all das musste erst gelebt werden.

Das ist tröstlich.

Das ist wahr. Er sieht sie an. Für Sie auch. Die Bibliothek war nötig. Sie verstehen Menschen so, wie es keiner kann, der immer nur für sich lebt.

Sie antwortet nicht, denkt aber, dass er wahrscheinlich recht hat.

***

Im August passiert etwas Unerwartetes.

Ein regionaler TV-Sender, Stadtwelle, ruft an Rubrik Menschen, die nach der Rente Neues wagen. Erika will zuerst ablehnen.

Fernsehen? fragt sie Hagemann. Das ist mir zu viel.

Wieso?

Naja Irgendwie peinlich.

Erika. Der Ton von Hagemann bedeutet, dass sie Geduld verliert. Du bist zweiundsechzig, machst tolle Sachen, hast viertausend Follower, und man will dich zeigen. Wovor schämen?

Vermutlich nichts.

Eben. Mach das ruhig.

Sie ruft Victor an. Nicht um Rat, nur zum Erzählen. Er hört zu.

Und, wie empfinden Sie es? fragt er.

Ein bisschen Angst.

Verständlich. Angst vor Öffentlichkeit ist normal. Aber wollen Sie es?

Ja, wenn ich ehrlich bin.

Dann tun Sies.

Aber was, wenn Andreas wieder nörgelt?

Er schweigt kurz.

Erika, sagt er ruhig. Andreas ist erwachsen. Er kommt klar.

Sie lacht.

Sie haben Recht, vermutlich.

Das Filmteam kommt zu Erika. Eine junge Reporterin, sehr ernsthaft, fragt nach Hobby mit Herz, nach dem Leben nach sechzig, dem Finden des eigenen Sinns im Ruhestand. Erika antwortet ehrlich und schlicht: Die ersten Monate als Rentnerin waren schwer der Rhythmus weg, viel Leere. Sie erzählt von der Stoffkiste, vom ersten schiefen Hasen. Dass die wichtigste Entdeckung ihres Lebens mit einundsechzig passierte, und zwar zufällig.

Kein Bedauern, dass es so spät kam? fragt die Reporterin.

Keine Sekunde.

Der Bericht läuft Ende August. Erika sieht ihn mit Hagemann in der Küche. Ihre Stimme am Fernseher klingt tiefer, ruhiger als sonst.

Ist doch gut geworden, sagt Hagemann.

Ja, sagt Erika. Ich schäme mich nicht.

Dabei denkt sie nicht an das Fernsehen, sondern daran, dass sie sich nicht für sich selbst schämt. Für das, was sie ist. Das ist ganz neu. Oder alt aber lange vergessen.

***

Andreas ruft am Tag nach der Ausstrahlung an. Die Stimme seltsam nicht warm, nicht kalt, eher unsicher.

Mama, habe deinen TV-Bericht gesehen.

Ja, sie sagten Freitag kommts.

Hättest du sagen können.

Hab nicht daran gedacht.

Pause.

Mama, sagt er, dann lange nichts. Weißt du in dem Interview. Du sagst, die ersten Monate nach der Rente waren hart.

Waren sie.

Das hast du nie gesagt.

Du hast nicht gefragt, Andreas.

Wieder eine längere Pause.

Ja, sagt er schließlich. Hab ich nicht. Und in diesen Worten liegt so viel, dass sie es nicht weiter analysieren will.

Kommst du Sonntag? fragt sie. Ich backe Apfelkuchen.

Ich komm.

Gut. Um zwölf.

***

Der September bringt Kühle und braune Blätter auf die Bürgersteige. Erika startet eine neue Serie: Teddybären aus Nicki, mit Füllung aus Buchweizenschalen. Die sind schwerer, wärmer und duften leicht nach Korn. Einige verkauft sie über ihren Kanal. Zögerlich, nicht des Geldes wegen, aber schön, dass jemand genau ihre Bären will.

Victor hilft ihr beim Technik-Kram der Seite, er kennt sich aus. Sie sitzen abends öfter lange zusammen: trinken Tee, reden, manchmal schweigen sie einfach, jede mit seinem. Er an Laptop mit Fotos, sie mit Nadel und Garn. Das Ticken der alten Uhr sie hängt hier schon seit ihrem Einzug vor dreißig Jahren macht den Abend beständig.

Einmal fragt er:

Erika, was würden Sie sagen, was tun wir da eigentlich?

Sie blickt vom Bären auf.

Wie meinen Sie das?

Wir treffen uns, reden. Sind Sie gern mit mir?

Sehr.

Ich auch mit Ihnen. Pause. Ich frage mich manchmal, ob das einen Namen braucht.

Wozu?

Weiß auch nicht. Wohl nicht nötig. Er lächelt.

Victor, ich bin zweiundsechzig. Sie, wenn ich nicht irre, fünfundsechzig?

Sechsundsechzig im Oktober.

Eben. Wir müssen nichts benennen. Wir spüren doch, wies ist.

Genau.

Und sie näht weiter. Die Wangen werden warm. Hoffentlich sieht mans nicht bei diesem Licht.

***

Im Oktober sind es über sechstausend Follower. Erika eilt der Zahl nicht voraus, sie wächst von allein. Ein Mädchen aus dem Nachbarhaus, Studentin, bietet an, beim Filmen zu helfen: bringt ein Mini-Stativ mit, zeigt wie man Licht auch ohne große Lampen setzt. Das rührt Erika.

Sie sind toll, sagt das Mädchen schlicht. Sie sind echt.

Was heißt echt? wundert sich Erika.

Na ja, Sie tun nicht jung. Sie sagen, wie es ist.

Es ist das zweite Mal, dass ihr das jemand sagt. Erst Victor, nun die Studentin.

Es muss etwas bedeuten.

Andreas kommt alle zwei Wochen. Nach dem Fernsehinterview gibts eine kleine Verschiebung. Kein abruptes Gefühl, er zeigt nie offen Gefühle, umarmt auch nun nicht mehr beim Abschied. Er gibt nur keine ungefragten Ratschläge mehr. Einmal bittet er sogar, ihm zu zeigen, wie man Knöpfe richtig annäht.

Wozu das? fragt sie erstaunt.

Mantel kaputt. Katrin auf Dienstreise.

Gib her, ich machs.

Nein, ich will es selbst.

Sie zeigts. Er näht an schief, aber selbst.

Im November lädt er Katrin zum Kennenlernen ein. Beim Essen wirkt alles ein bisschen steif, alle tasten sich ab, aber Katrin, scharfe Beobachterin, redet bald mit Victor über Fotos, Andreas steht dabei und hört zu.

Als sie gehen, steht Erika am Abwasch und denkt: So ist es gut. Nicht wie im Film, aber einfach menschlich gut.

Mehr braucht es oft nicht.

***

Der Winter kommt Ende November schlagartig, wie immer. Gestern noch Regen, heute alles weiß. Erika steht auf dem Balkon, schaut auf den verschneiten Hof, die Vogelbeeren vorm Haus wie rote Trauben unter Schnee.

Im Dezember näht sie zwölf Tiere für eine Weihnachtsaktion: Das örtliche Kinderheim sammelt Geschenke. Zwölf Hasen, grau, weiß, einer in rostig. Sie packt sie selbst ein, bindet ein Garnband drum und bringt sie zu Fuß hin trotz Kälte und Glätte.

Auf dem Rückweg geht sie ins kleine Café an der Ecke, nimmt einen Kaffee, setzt sich ans Fenster. Draußen schneit es. Menschen eilen, erledigen ihre Dinge, ihr Leben. Leben nach sechzig, davor, dazwischen, wie man eben lebt am Fenster, mit Becher Kaffee.

Sie denkt an all das: Wie sie sich gesucht und gefunden hat, nicht auf den ersten Versuch, nicht leicht. Über einen schiefen Hasen, eine alte Stoffkiste, einen Menschen mit Kamera, eine Stimme, die im leeren Zimmer erklärt, wie ein verdeckter Stich geht.

Durch das, was sie nun nicht mehr scheut, sich sichtbar zu machen.

Da summt das Handy. Nachricht von Victor: Guten Tag, Erika. Ich habe gute Nachrichten. Rufen Sie an, wenns passt.

Sie lächelt. Wählt sofort die Nummer.

***

Die Neuigkeit: Eine Galerie für moderne Kunst in der Berliner Innenstadt lädt Victor zur Gemeinschaftsausstellung ein. Thema Lebendige Arbeit. Seine Serie mit ihren Porträts soll Teil der Ausstellung sein.

Sind Sie einverstanden? fragt er.

Eine Serie meiner Porträts?

Ja. Ich habe Sie in diesen Monaten bestimmt über zweihundertmal fotografiert. Das ist eine fertige Bilderserie. Sie heißt Faden an Faden, wenn Sie nichts dagegen haben.

Das ist mein Seitenname.

Eben deswegen.

Sie überlegt lang.

Victor, da werden Menschen sein. Sie schauen auf meine Hände. Auf meine Falten.

Ihr Leben eben. Seine Stimme ruhig. Erika, Sie brauchen nichts zu fürchten. Es ist eine ehrliche Arbeit.

Ich habe nichts zu fürchten, wiederholt sie langsam. Das sagte ich mir selbst schon. Damals, beim allerersten Video.

Und, was haben Sie dann getan?

Es hochgeladen.

Siehste.

Die Ausstellung öffnet im Februar, mitten im Winter, wenn der Schnee nervt und man meint, es gäbe keinen Frühling mehr.

Erika kommt mit Andreas und Katrin zur Eröffnung. Frau Hagemann ist auch da. Victor empfängt sie etwas aufgeregt, aber elegant.

Die Serie Faden an Faden hängt im Mittelraum achtzehn Fotos. Sie tritt ein und bleibt stehen.

Es ist merkwürdig, sich selbst so groß an der Wand zu sehen. Aber sie ist es. Echte Hände mit Nadel, Blick auf die Naht, Lächeln am Rand, das sie selbst nie bemerkt. Der schiefe Hase auf dem Abschlussbild, ihre Hände um ihn darin liegt eine so stille Fülle, dass ihr fast die Kehle eng wird.

Katrin nimmt ihre Hand.

Sie sind schön auf diesen Bildern, sagt sie.

Ich bin alt.

Sie sind schön, wiederholt Katrin. Es ist nicht dasselbe.

Andreas steht etwas abseits, betrachtet die Fotos still. Dann geht er zum letzten Bild, mit dem Hasen. Bleibt lange.

Mama, sagt er, ohne sich umzudrehen.

Ja?

Erinnerst du dich, dass ich als Kind mal einen Teddy wollte?

Ja, da warst du sechs oder sieben.

Sieben. Du konntest damals nicht nähen. Sagtest: Ich kauf einen im Laden.

Du warst enttäuscht.

Stimmt. Und habs dann vergessen.

Ich habs nicht vergessen, gesteht sie. Und erstaunt sich selbst mit diesen Worten. Vielleicht ist das sogar ein Grund, warum ich angefangen hab.

Er sieht sie an. Dann auf die Bilder. Dann wieder sie.

Nähst du mir noch einen Bären? fragt er. Ganz leise.

Sie schaut ihn an. Sein ernstes Gesicht sieht in dem Moment fast jungenhaft aus.

Natürlich. Aus grauem Nicki und mit Zirbenspänen gefüllt.

Warum Zirbe?

Riecht besser.

Er nickt. Als wäre das die einzig richtige Antwort.

Victor tritt mit einem Wasserglas dazu, schaut zwischen beiden hin und her, versteht sofort.

Wollt ihr in die anderen Räume gehen? fragt er. Da gibts auch Interessantes.

Später, sagt Erika. Wir bleiben noch ein bisschen.

***

Sie verlassen die Ausstellung spät. Hagemann nimmt ein Taxi, Andreas fährt mit Katrin und Erika im Golf nach Hause. Im Auto ist es still. Katrin döst vorne. Andreas fährt vorsichtig Winter.

Mama, sagt er auf dem Parkplatz, dieser Victor. Ist ein guter Mensch?

Sie schaut auf die dunklen Fenster. Dritter Stock, zweites Fenster links. Das Nachtlicht brennt, sie hat es absichtlich angelassen.

Ein sehr guter.

Das ist gut.

Sie schweigen.

Papa hätte sich gefreut für dich, meint er. Glaube ich.

Ich auch.

Sie steigt aus. Betrachtet kurz die Spuren im Schnee. Der Schnee fällt ruhig, bald sind sie verwischt.

Kein Aufzug, wie immer. Erika geht die Treppen ins dritte Stockwerk Flurgeruch wie immer, leicht nach Nadelholz von Tannenresten. Die Stufen knarren vertraut.

Oben nimmt sie das Handy, tippt Victor eine Nachricht: Danke für heute. Es war richtig schön.

Er antwortet fast sofort: Danke auch Ihnen. Gute Nacht, Erika.

Drinnen duftet es nach Holz und Vanille. Auf dem Kühlschrank sitzt der schiefe Hase. Auf dem Tisch liegt der unfertige graue Bär mit Knopfaugen.

Sie hängt den Mantel auf, geht in die Küche, blendet das Licht ein. Setzt den Wasserkocher auf.

Draußen fällt leise Schnee.

***

Im März, wenn die Tage wieder länger werden und erste grüne Triebe durch die Balkonritzen wachsen, kommt Andreas sonntags mit einem Buch. Groß, schwer, Bildband über Textilkünster:innen aus aller Welt.

Hab ich im Buchladen gefunden, sagt er, stellt ihn auf den Tisch. Dachte, das interessiert dich.

Erika schlägt zufällig auf. Eine Japanerin, alt und mit weißem Haar, hält mit beiden Händen feinstes Gewebe. Schwarz-Weiß.

Schön, sagt Erika.

Ja. Andreas setzt sich, nimmt eine Tasse. Übrigens, Mama, Katrin meint, sie kann dir einen echten Webshop aufsetzen. Nicht nur Lernwelt, sondern auch Videos, Fotos, Verkauf im Warenkorb. Sie kennt sich aus.

Erika sieht ihn an.

Katrin hilft mir?

Ja. Er zuckt mit den Schultern. Wenn du willst.

Ihr sprecht über meine Seite?

Klar. Reden ist normal.

Sie überlegt.

Das ist sehr normal, sagt sie. Sag Katrin danke. Ich freue mich.

Andreas nickt. Nimmt einen Schluck Tee. Blickt auf das Fenster, wo der Frühling anklopft, der Schnee ist schon grau, tropft vom Sims.

Mama, sagt er nach einer Weile.

Ja?

Ist der Bär fertig?

Erika lacht.

Fast. Nur noch Ohr und Nase annähen.

Dauert das noch?

Kommt drauf an, wie dringend du es willst.

Hab keine Eile, sagt er. Und das klingt ein bisschen wie ein Versprechen.

Draußen bricht der April sacht herein. Leise wie alles, was wirklich ist.

Das Ohr nähe ich heute noch an, sagt Erika. Die Nase morgen. Mittwoch kannst du ihn holen.

Gut, sagt Andreas.

Dann schweigen sie noch ein wenig. Einfach nur so. In der warmen Luft, wo es nach Holz und Vanille und alten Uhren tickt.

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Homy
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Der Aufstand der Mütter
Kuckucks Tränen