Sie erwachte damals vom Klang von Geheimnissen.
Keine Schreie. Keine zuschlagenden Türen. Nur leise, dringliche Stimmen, die wie Messer durch das nächtliche Schweigen ihres Schlafzimmers schnitten, gegen drei Uhr morgens.
Barfuß und zitternd schlich sie den dunklen Flur entlang, ihr Herz pochte wild gegen ihre Rippen. Sie drückte sich an den Türrahmen, wagte einen vorsichtigen Blick durch den schmalen Spalt.
Da saß erihr Ehemann, Johannesauf der Bettkante, die Schultern niedergedrückt. Neben ihm seine silberhaarige Mutter Gertrud, die sogar im Nachthemd eine gewisse Eleganz ausstrahlte und deren Hand etwas zu vertraut auf seinem Arm ruhte.
Die Nachttischlampe warf lange, schuldbewusste Schatten über ihre Gesichter.
Ich kann das nicht mehr, Mama, flüsterte Johannes, seine Stimme schwer vor Erschöpfung. Ich weiß nicht, wie lange ich das Theater noch durchhalten kann.
Die Worte trafen sie wie ein kalter Strom.
Theater.
Ihr wurde schwindelig, die Knie gaben beinahe nach. Tränen glitten ihre Wange hinab, ohne dass sie sie aufhalten konnte. Sechs Jahre Ehejedes Lächeln, jeder Kuss, jedes Ich liebe dichwar das alles nur Schauspiel gewesen?
Gertruds Griff verstärkte sich. Sei leise, du weckst sie noch.
Doch Johannes hob den Kopf, in seinen Augen lag etwas Gebrochenes. Vielleicht sollte sie es erfahren. Vielleicht ist es an der Zeit, dass sie die Wahrheit weiß.
Ein Fußbodenbrett knarrte leise unter ihrem Gewicht.
Zwei Köpfe wandten sich der Tür zu.
Langsam schwang die Tür auf.
Da stand sieFriederikebleich vor Schreck, ihr Körper zitternd, die Tränen liefen ihr nun frei übers Gesicht. Theater? Ihre Stimme brach. Die ganze Zeit hast du nur so getan, als würdest du mich lieben?
Johannes Gesicht verzog sich schmerzlich. Er sprang auf und war mit drei Schritten bei ihr.
Friederike, nein Er streckte die Arme nach ihr aus, doch sie wies ihn zurück.
Auch Gertrud erhob sich, ihr Ton war erstaunlich sanft. Mein liebes Kind du verstehst das falsch.
Johannes umfasste Friederikes Gesicht mit beiden Händen, wischte behutsam die Tränen mit den Daumen weg. Seine Augen waren offen, verletzlich.
Ich habe nie so getan, als würde ich dich lieben, sagte er mit gebrochener Stimme. Ich habe so getan, als ging es mir gut.
Friederike war wie gelähmt.
Ich bin seit zwei Jahren krank, gestand er und ließ endlich alles raus. Krebs. Schon im dritten Stadium, als sie ihn fanden. Mama hilft mir, es vor dir zu verbergen, weil ich hatte solche Angst, dich zu zerstören. Ich wollte nicht, dass unsere letzten Jahre von Kliniken und Mitleid geprägt sind. Ich wollte, dass alles normal bleibt. Ich wollte, dass du glücklich bist.
Gertrud trat zu ihr, ihre Augen voller Mitgefühl. Er hat es mir abgerungen, dass ich nichts sage. Jede Behandlung, jede schlimme Nachter hat alles allein getragen, damit du es nicht musst.
Friederikes Welt geriet ins Wanken. Die durchwachten Nächte, die plötzlichen Ausflüge, wie er sie manchmal ansah, als wollte er sich ihr Gesicht einprägen.
Weinend sank sie in seine Umarmung.
Ich will nicht normal, flüsterte sie entschlossen. Ich will dich. Mit alleman guten wie an schlimmen Tagen.
Johannes hielt sie fest, als würde sie ihn an der Erde festhalten.
Drei Monate später war das Haus nicht mehr still.
Es hallte wider von Lachenecht, rau, voller Leben. Johannes hatte eine neue, aggressive Therapie begonnen, jetzt mit Friederike an seiner Seite, Tag für Tag. Gertrud war ganz zu ihnen gezogen, nicht mehr als Mitwisserin, sondern als Familie.
Manche Nächte sprachen sie lange über alles, was sie verschwiegen hatten. An anderen tanzten sie langsam durchs Wohnzimmergenau wie damals, als sie sich verliebten.
Das Theater war vorbei.
Dafür stand nun etwas Kräftigeres an seiner Stelle: eine Ehe, getragen von Mut, Ehrlichkeit und einer Liebe, die stark genug war, jedem Morgen zu begegnen.
Und das erste Mal seit Jahren schlief Friederike ruhigeingekuschelt in die Arme ihres Mannes, das Herz weit und offen, keine Angst mehr vor Stimmen, die nachts durch die Dunkelheit wispern.




