Sie starb im Schlafzimmer, während wir uns im Sessel küssten…
Nein, Herr Doktor, wir werden sie nicht ins Hospiz verlegen. Ich habe es ihr versprochen.
Ich stand im Türrahmen des Schlafzimmers, presste das Handy so fest, dass meine Fingerknöchel weiß hervortraten. Meine Stimme brach beim letzten Wort, ging fast in ein Flüstern über. Ich lehnte die Stirn an das kalte Holz, schloss die Augen.
Ich verstehe Ihre Lage, aber Sie müssen auch meine nachvollziehen, ertönte am Telefon die erschöpfte Stimme von Dr. Becker, dem Neurologen. Fast zwei Jahre hatte er Ingrid nun betreut. Die Prognose ist leider weiterhin sehr ungünstig. Der zweite Schlaganfall hat kaum Chancen gelassen. Sie sehen ja selbst, wie es sich entwickelt. Die Lebensqualität…
Sie ist meine Frau, unterbrach ich ihn. Ich bin verantwortlich für sie. Ich werde mich um sie kümmern.
Aber Sie selbst, Herr Feldmann…
Ich unterbrach ihn. Legte einfach auf. Die Hand zitterte. Hanna, die gerade das Kopfkissen unter dem Kopf von Ingrid zurechtrückte, sah zu mir herüber. Ihr dunkles Haar war zu einem ordentlichen Dutt gebunden, ihr weißes T-Shirt makellos, trotz einer Zwölfstundenschicht.
Schon wieder das gleiche? fragte sie leise.
Die leben alle nicht hier, antwortete ich und blickte auf den Boden. Die sehen nicht, wie es wirklich ist… wie ich…
Ich vollendete den Satz nicht. Hanna richtete sich auf, nahm das Fieberthermometer vom Nachttisch und las die Anzeige ab.
Sechsunddreißig Komma sieben. Gut. Blutdruck heute Morgen einhundertzwanzig zu achtzig. Neurostabil um neun gegeben, wie vorgeschrieben. Mittagessen sie hat die Hälfte vom Nutridrink geschafft, der Rest ging nicht, aber das ist normal. Keine Druckstellen, habe mit Salbe behandelt. Windel zwei Mal gewechselt.
Ich hörte diesen Alltagbericht nun schon seit siebenhundertdreißig Tagen. Zwei Jahre. Vierundzwanzig Monate. Ich könnte es auf die Stunde genau ausrechnen, wenn ich wollte. Wenn ich überhaupt noch Kraft hätte, irgendetwas zu wollen, außer eins: dass es endlich vorbei ist. Und dann hasste ich mich für diesen Gedanken so sehr, dass ich am liebsten im Boden versunken wäre.
Danke, murmelte ich. Ich bleibe bei ihr. Geh ruhig, es ist schon neun.
Noch eine Stunde laut Vertrag, erwiderte Hanna. Hast du heute überhaupt schon gegessen?
Ich… erinnere mich nicht.
Ich mache dir jetzt Suppe warm. Bleib hier sitzen.
Sie verließ das Schlafzimmer, und ich war mit der Frau allein, die ich einst so geliebt hatte, dass ich Berge für sie versetzt hätte. Ingrid lag auf dem Rücken, die rechte Gesichtshälfte etwas schlaff, der Mund leicht geöffnet. Sie atmete schwer und mit einem pfeifenden Laut. Dank der abendlichen Medikamentendosis schlief sie tief und regungslos. Auf dem Nachttisch stand ein eingerahmtes Foto: Wir beide am Bodensee, sie lachte, ihr Haar flog im Wind, braungebrannte Schultern, strahlend weiße Zähne. Vierzig war sie damals, einen Monat vor dem Tag, der alles veränderte als sie in der Küche mit der Kaffeetasse in der Hand zusammenbrach. Ich hatte erst gedacht, sie sei gestolpert.
Ich ließ mich in den Sessel neben ihr sinken meinen Sessel, in dem ich inzwischen die meisten Nächte verbrachte, immer lauschend, falls etwas passierte. Mein Rücken schmerzte ständig. Ich war zweiundvierzig, doch im Spiegel sah ich morgens einen Greis: fahles Gesicht, eingefallene Augen.
Hanna kam zurück mit einer Schale Suppe, stellte das kleine Klapptischchen auf den Sesselarm.
Iss. Ich bleibe bei ihr.
Das ist nicht nötig, ich…
Jakob, iss.
Da war diese sanfte Bestimmtheit in ihrer Stimme. Ich nahm den Löffel zur Hand. Die Suppe schmeckte hausgemacht, war heiß. Sie hatte sie gestern gekocht, das wusste ich noch. Hanna konnte kochen. Konnte vieles. Seit elf Jahren arbeitete sie als Pflegekraft, war fünfunddreißig, geschieden, kinderlos. Das hatte sie mir mal erzählt, als wir zusammen in der Küche standen. Ihr Mann hielt ihren Schichtplan, die vielen Nachtdienste, den Geruch von Krankenhäusern schließlich nicht mehr aus.
Schmeckt gut, sagte ich, obwohl ich kaum Geschmack wahrnahm.
Du hast weiter abgenommen, merkte sie an. Zehn Kilo bestimmt, seit ich da bin.
Wann war das?
Vor einem Jahr und zwei Monaten. Nach der ersten Pflegekraft, die nicht zu euch gepasst hat.
Die erste war grob, gleichgültig. Ingrid hatte nach deren Schichten geweint, so sehr, wie es eine Frau mit halbseitig gelähmtem Gesicht überhaupt konnte. Hanna kam wie eine Rettung. Sie war sanft, geduldig und professionell. Sie sprach mit Ingrid, als könne diese antworten, las ihr vor, spielte Musik. Sie sagte mir, das Gehör bleibe, das Verstehen, dass Ingrid noch alles spüre, selbst wenn sie nicht antworten könne.
Manchmal dachte ich, das machte alles noch schlimmer.
Ich bin fertig, sagte ich und schob die Schale beiseite. Danke.
Du solltest schlafen, sie nahm die Schale, blieb aber noch stehen. Wann hast du das letzte Mal richtig geschlafen? Im Bett, länger als vier Stunden?
Weiß ich nicht mehr.
Jakob…
Ich kann nicht, hauchte ich. Ich kann einfach nicht mehr im Bett liegen. Nicht im anderen Zimmer schlafen. Was, wenn es ihr schlechter geht? Wenn sie…
Ich bin ja da, unterbrach sie. Jeden Tag zwölf Stunden. Du hast das Babyphone direkt am Ohr. Wenn nachts etwas ist, hörst du es sofort.
Ich kann trotzdem nicht.
Sie sah mich lange an, nickte dann und ging hinaus. Ich lehnte mich in den Sessel zurück, schloss die Augen. Ingrid atmete gleichmäßig, monoton. Dieses Geräusch war der Soundtrack meines Lebens geworden. Ein, aus. Ein, aus. Ich öffnete die Augen, betrachtete sie im schwachen Licht der Nachttischlampe. Sie wirkte friedlich. Sie litt gerade nicht. Die Medikamente wirkten. Sie schlief fast rund um die Uhr. Wachte nur kurz auf, schaute mich an, wollte irgendetwas sagen doch es kamen nur Laute. Ich hatte gelernt, ein paar davon zu deuten: Trinken klang wie Tr…, Schmerz wie Sch…. Manchmal weinte sie, und das waren die schlimmsten Momente.
Irgendwo in der Küche klapperte Geschirr. Hanna spülte, ich hörte das Wasser, ihre Schritte auf dem Parkett. Sie blieb vor der Tür stehen.
Jakob, rief sie leise.
Ja?
Darf ich reinkommen?
Komm rein.
Sie trat ein, lehnte sich mit der Schulter an den Türrahmen. Im Licht der Nachttischlampe wirkte ihr Gesicht weich, müde. Plötzlich spürte ich: Sie war auch erschöpft. Sie war jeden Tag bei uns, atmete diesen Geruch aus Medikamenten, sah mein Elend, hörte Ingrids Schluchzen nachts und blieb dabei ruhig, stark, freundlich.
Du bist ein guter Mensch, sagte ich plötzlich.
Sie blinzelte überrascht.
Wie kommst du darauf?
Weil du geblieben bist. Nicht nach der ersten Woche gegangen bist. Weil du sie behandelst… als sei sie nicht nur deine Arbeit.
Sie ist nicht einfach nur meine Arbeit, antwortete sie leise. Kein Mensch sollte einfach nur Arbeit sein.
Wir schwiegen. Ingrid wimmerte kurz im Schlaf, drehte den Kopf. Ich spannte mich an, aber sie schlief weiter.
Ich geh dann, sagte Hanna. Morgen wieder um neun?
Ja. Wie immer.
Sie nickte, blieb aber noch im Türrahmen stehen. Fragte dann:
Hast du noch jemanden? Familie, Freunde jemanden, mit dem du reden kannst?
Meine Eltern sind lange tot. Mein Bruder lebt in Leipzig, wir telefonieren einmal im Monat. Freunde… hatte ich mal. Die haben vor gut einem halben Jahr aufgehört, sich zu melden. Ich bin nicht böse. Ich würde vielleicht auch nicht anrufen, wenn ich nur von Krankheit und Pflege reden könnte.
Und Arbeit?
Homeoffice. Programmierer. Ich sitze hier am Bett und schreibe Code. Chef hat Verständnis. Verdiene weniger, aber es reicht.
Du solltest mit jemandem sprechen, sagte Hanna. Über etwas anderes als Diagnosen und Tabletten.
Gibt nichts anderes mehr, entgegnete ich. Keine Themen mehr übrig.
Doch. Jeder hat immer noch sein eigenes Thema. Du bist nicht nur der Mann einer kranken Frau. Du bist Jakob. Zweiundvierzig Jahre alt. Hast mal Science Fiction gelesen, bist ins Kino gegangen, hast Rockmusik gehört. Ich habe dein Bücherregal gesehen. Die Gitarre im Koffer im Wohnzimmer.
Ich grinste bitter.
Das war in einem früheren Leben.
Das ist erst zwei Jahre her. Nicht alles ist vorbei. Du bist nicht tot, Jakob. Du lebst noch.
Fühlt sich nicht so an, murmelte ich.
Hanna trat ganz in das Zimmer ein, hockte sich vor den Sessel. Ihr Gesicht war jetzt auf meiner Höhe. Sie sah mir direkt in die Augen, und ich spürte, wie mir dieser Blick, diese Nähe, unangenehm war; dass da jemand Lebendiges, Wärmendes so genau hinschaut.
Du verbrennst, sagte sie. Ich sehe das. Ich habe viele Familien betreut… Die, die pflegen, brennen oft schneller aus als die Kranken. Das ist Erschöpfung. Emotionale Erschöpfung. Du bist am Limit. Verstehst du das?
Ja, nickte ich. Aber was soll ich machen? Sie einfach abgeben? Sie sterben lassen unter Fremden?
Du kannst dir erlauben, Mensch zu sein. Wenigstens manchmal.
Ich weiß nicht mehr, wie das geht, hauchte ich und spürte plötzlich die Tränen nah. Ich habs vergessen.
Hanna legte ihre Hand auf meine, die auf der Sessellehne lag. Ihre Finger waren warm, lebendig. Ich erschrak fast. Wann hatte ich das letzte Mal menschliche Wärme gespürt, jenseits von Einmalhandschuhen beim Pflegen? Ich wusste es nicht mehr.
Es wird wieder gut, flüsterte sie.
Nein, entgegnete ich. Es wird nicht gut. Es wird nie mehr gut. Sie wird so daliegen, ein Jahr, zwei, fünf, bis es den nächsten Schlaganfall, die Lungenentzündung, das Herzversagen gibt. Und ich sitze hier und warte darauf, dass sie stirbt. Und hasse mich, weil ich warte.
Die Worte kamen von allein, wie Eiter aus einer Wunde. Ich sagte laut, was ich jeden Tag und jede Nacht dachte. Ich wartete, dass es vorbei war. Dass Ingrid stirbt. Und ich hasste mich so sehr dafür, dass ich lieber selber sterben wollte.
Das ist menschlich, so zu denken, sagte Hanna. Das macht dich nicht zu einem schlechten Menschen.
Doch, erwiderte ich. Ich bin ihr Mann. Ich habe Treue geschworen. Jetzt wünsche ich mir, dass sie stirbt.
Du wünschst dir, dass sie nicht mehr leiden muss, berichtigte sie leise. Das ist ein Unterschied.
Ich betrachtete unsere Hände. Ihre lag immer noch auf meiner. Ich hätte sie wegziehen sollen, ihr danken und sie gehen lassen. Allein mit meiner Schuld bleiben, wie jede Nacht. Aber ich zog meine Hand nicht weg. Ich drehte sie um und drückte ihre Finger fest. Verzweifelt, wie ein Ertrinkender den Rettungsring packt.
Hanna, krächzte ich.
Ganz ruhig, flüsterte sie. Ich bin da. Du bist nicht allein.
Sie stand auf, ließ meine Hand aber nicht los, zog mich hoch. Meine Beine waren weich. Sie umarmte mich, legte meinen Kopf an ihre Schulter. Ich erstarrte, wusste nicht, wohin mit mir. Wann hatte mich zuletzt jemand umarmt? Ohne Mitleid, ohne Pflicht einfach als Trost?
Da brach ich zusammen. Vergrub das Gesicht an ihrer Schulter, schluchzte stumm, krampfhaft, schämte mich für jede Träne, konnte aber nicht aufhören. Sie strich mir übers Kreuz, flüsterte Beruhigendes, Sinnloses, und ich klammerte mich an sie wie ein Mann, dem der Halt fehlt.
Zeitgefühl hatte ich nicht. Vielleicht eine Minute, vielleicht zehn. Als ich den Kopf hob, wollte ich mich entschuldigen, doch sie legte mir sanft den Finger auf die Lippen.
Nicht nötig, sagte sie.
Wir standen nah beieinander. So nah, dass ich ihren Duft roch: eine Spur von Blumencreme, vermischt mit Waschpulver und Desinfektionsmittel. Hinter mir hörte ich Ingrids regelmäßigen Atemzug. Ein, aus. Ein, aus. Ich sollte mich lösen. Ich sollte Hanna danken und hinausbegleiten. Das hätte ich tun müssen.
Doch ich tat nichts davon. Ich schaute sie an. Ihre Lippen. Die dunklen Augen, voller Mitgefühl und etwas anderem, was ich nicht benennen wollte. Sie strich meine Wange mit dem Daumen, wischte eine Träne weg.
Jakob, sagte sie sehr leise.
Ich konnte nicht antworten. Innerlich war alles eng: Angst, Scham, ein wahnsinniges Bedürfnis nach menschlicher Nähe. Sie beugte sich vor und küsste mich. Zart, fast schwebend. Ich hielt inne. Jede Faser meines Körpers schrie, dass das falsch war, Verrat, in zwei Metern Entfernung lag Ingrid, hilflos, krank, meine Frau, die ich liebe, der ich Treue schulde.
Aber ich stieß Hanna nicht weg. Ich erwiderte den Kuss, zögernd, unsicher, als hätte ich verlernt, wie das geht. Sie umschlang mich fester. Ich verlor mich in dieser Umarmung, in der Wärme, im Gefühl, gesehen und gewollt zu werden.
Wir sanken in den Sessel. Sie setzte sich auf meinen Schoß. Ich umarmte sie, küsste sie, strich ihr durchs Haar, und jeder Moment war gleichzeitig glühende Scham und ebenso glühende Sehnsucht nach mehr. Ich hasste mich. Jede Sekunde. Aber ich konnte nicht aufhören.
Ihre Hände öffneten meine Hemdknöpfe, meine Hände fuhren unter ihr T-Shirt. Hinter mir atmete Ingrid. Tief, ruhig, mit Hilfe der Tabletten. Sie schlief. Sie sah nichts. Aber ich sah es. Ich hörte es. Ich wusste es.
Hanna… murmelte ich, versuchte sie, mich, aufzuhalten.
Ganz ruhig, flüsterte sie. Ich bin da. Du bist nicht allein.
Und diese einfachen Worte brachen den letzten Widerstand. Ich ließ alles zu. Im Sessel, am Bett meiner schlafenden Frau, im Dämmerlicht der Nachttischlampe, begleitet vom leisen Geräusch ihres Atems. Ich tat, was ich nie tun durfte. Ich betrog eine sterbende Frau, der ich Treue geschworen hatte. Ich verriet den Menschen, der völlig auf mich angewiesen war.
Und ich konnte nicht anders.
Später lagen wir eng umschlungen im Sessel. Hanna atmete ruhig, ihr Kopf an meiner Brust. Ich starrte an die Decke. Innen war nur Leere. Kein Schmerz, keine Scham mehr. Nur Leere und Schwere, die mich festhielt, bewegungslos machte.
Ingrid atmete. Ein, aus. Sie wachte nicht auf. Regte sich nicht. Ich sah auf ihr Gesicht es war friedlich. Sie wusste nichts. Sie wird es nie erfahren. Ich werde bis ans Ende meiner Tage damit leben, aber sie wird es nie wissen.
Das war das Schlimmste.
Ich muss gehen, sagte Hanna leise und stand auf.
Ich antwortete nicht. Sie zog sich an, band ihr Haar wieder zusammen, sah mich an so lange, so sanft, ohne Schuld, ohne Reue. Mit Zärtlichkeit. Mit Verständnis. Und das schmerzte am meisten.
Bis morgen, sagte sie.
Bis morgen, erwiderte ich wie ein Echo.
Die Tür fiel leise zu. Ich hörte ihre Schritte im Flur, das Schließen der Wohnungstür. Ich blieb allein zurück. Mit meiner Frau, die regelmäßig atmete, nichts ahnend von dem, was ihr Mann zwei Meter entfernt getan hatte.
Ich stand auf, schwankte, die Beine gehorchten kaum. Ich schleppte mich ins Bad, sank vor die Toilette und erbrach mich. Lange, schmerzhaft, bis der Magen leer war und die Tränen liefen. Dann saß ich auf dem kalten Fliesenboden, die Stirn an die Wand gelehnt, starrte auf einen Punkt.
Ich konnte nicht mehr ins Schlafzimmer zurück. Konnte Ingrid nicht anschauen. Das Sessel war mir zuwider. Ich verbrachte die Nacht im Bad, schlief ein wenig am Morgen, geweckt vom Handywecker. Sieben Uhr. Zeit für Ingrids Medikamente.
Ich wusch mich mit kaltem Wasser, sah mein Spiegelbild. Graues Gesicht, rote Augen, Drei-Tage-Bart. Ich sah aus, als hätte ich eine Woche nicht geschlafen. So war es ja auch. Wirklich geschlafen hatte ich seit zwei Jahren nicht mehr.
Im Schlafzimmer war es ruhig. Ingrid war wach, schaute an die Decke. Als sie mich sah, bewegte sie ihre linke Hand, so gut sie konnte. Ich setzte mich ans Bett.
Guten Morgen, sagte ich, meine Stimme klang fremd.
Aa, murmelte sie, versuchte zu lächeln.
Ich goss Wasser ins Glas, nahm die Tabletten, half ihr beim Aufrichten. Sie war leicht, kaum noch Körper. Zwanzig Kilo hatte sie abgenommen. Ich reichte ihr die Tabletten einzeln, ließ sie trinken, legte sie dann wieder hin, deckte sie zu.
Ich bring dir gleich Frühstück, sagte ich. Warte einen Moment.
Sie nickte, so weit sie noch nicken konnte, schloss die Augen. Ich ging hinaus, lehnte die Stirn in den Flur an die Wand, atmete tief durch. Meine Hände zitterten nach wie vor.
Gegen neun kam Hanna. Ich hörte die Türklingel, öffnete, ohne sie anzusehen. Sie zog ihre Jacke aus, hängte sie ordentlich auf.
Guten Morgen, sagte sie.
Morgen, antwortete ich, den Blick abgewandt.
Wir gingen in die Küche. Sie setzte Wasser für Tee auf, holte ihre Thermobox mit dem Mittagessen heraus. Alles war Routine, als wäre nichts geschehen. Ich saß am Tisch, ballte die Hände, wusste nicht, was ich sagen sollte.
Jakob, sagte sie leise.
Ich hob den Kopf. Sie sah mich ruhig an, ohne Vorwurf, ohne Forderung. Einfach nur so.
Ich muss mit dir reden, begann sie.
Ich kann nicht, stieß ich hervor. Nicht jetzt.
Gut. Dann hör mir nur zu. Gestern… das war kein Fehler. Für mich nicht. Ich bereue es nicht. Du warst nicht allein. Ich habe das gesehen. Und ich war da.
Du verstehst das nicht, murmelte ich. Ich habe meine Frau betrogen. Meine kranke, hilflose Frau. Sie liegt da drüben und kann ohne mich nicht mal den Arm heben und ich…
Du bist nur ein Mensch, fiel sie mir ins Wort. Ein lebendiger, erschöpfter Mensch, der am Ende seiner Kräfte ist. Das ist keine Entschuldigung. Aber eine Erklärung.
Das macht mich nicht besser.
Nein, sagte sie. Aber es macht dich auch nicht zu einem Monster.
Ich schüttelte den Kopf, stand auf, ging zum Fenster. Draußen ein ganz normaler Münchner Hinterhof, kahle Bäume, ein Spielplatz, Bänke. Menschen gingen zur Arbeit. Ihr Leben lief weiter. Und ich zerfiel hier in dieser Wohnung, die sich in ein Krankenzimmer verwandelt hatte.
Ich kann nicht mehr, flüsterte ich. Ich kann ihr nicht mehr in die Augen schauen. Nicht nach gestern. Ich kann nicht.
Was willst du dann tun? fragte Hanna.
Ich weiß es nicht, gestand ich. Ich weiß gar nichts mehr.
Sie stand auf, berührte sanft meine Schulter. Ich zuckte zusammen, wehrte mich aber nicht.
Ich komme weiterhin, wie immer, sagte sie. Kümmere mich um Ingrid. Unterstütze dich. Was gestern war… Wenn du möchtest, vergessen wir es. Willst du, dass ich gehe, gehe ich. Willst du, dass ich bleibe dann bleibe ich. Nicht als Pflegekraft. Als Mensch, dem du nicht gleichgültig bist.
Ich schwieg. Wusste nicht, was ich wollte. In mir tobte alles: Scham, Dankbarkeit, Verzweiflung, dieses Bedürfnis, nicht mehr allein zu sein. Ich wollte, sie ginge und nie mehr zurückkommt und gleichzeitig, dass sie nie wieder weggeht. Ich wollte das Unmögliche: Ingrid gesund zurück und mich als Ehemann, nicht als Verräter.
Ich muss zu ihr, sagte ich. Sie muss gefüttert werden.
Hanna nickte, nahm die Hand weg. Ich verließ die Küche, ohne mich umzudrehen. Im Schlafzimmer lag Ingrid wach, sah zur Tür. Als ich hereinkam, versuchte sie zu lächeln, hob schwach die linke Hand.
Ich setzte mich, nahm ihre Hand. Sie war kalt, schwach, kaum mehr Kraft in den Fingern.
L-l, murmelte sie mit Mühe. Liebt. Sie wollte sagen, dass sie mich liebt.
Ich schloss die Augen. Etwas in mir zerbrach endgültig. Ich küsste ihre Handknöchel.
Ich dich auch, flüsterte ich. Ich liebe dich auch.
Und es stimmte. Entsetzlich, unausweichlich. Ich liebte diese hilflose, sterbende Frau vor mir. Ich liebte, was sie war und was sie geworden ist. Ich liebte sie ganz, mit allem Schaden und Schmerz. Und trotzdem hatte ich sie verraten. Sie betrogen mit einer anderen Frau, die jetzt in meiner Küche Kaffee kochte, als wäre nichts geschehen.
Wie soll ich so weiterleben? Jeden Tag ihre Hand halten, sie füttern, Windeln wechseln, Tabletten geben und ihr abends zuflüstern, dass alles gut wird, wenn ich weiß, was ich getan habe? Wenn ich jede Sekunde von gestern Abend erinnere, jede Berührung, jeden Kuss?
Hanna brachte die Nutrison-Flasche mit Strohhalm, stellte sie auf die Kommode, verließ das Zimmer schweigend. Ich fütterte Ingrid langsam, vorsichtig, tupfte ihr Kinn, wenn sie sich verschluckte. Ihre Haare waren dünn geworden, brüchig. Früher war sie stolz auf ihre dichten kastanienbraunen Haare. Heute blieben die Büschel auf dem Kopfkissen.
Alles gut, sagte ich. Lass dir Zeit. Ich habe alle Zeit der Welt.
Ihr Blick auf mich war voller Vertrauen. Voller Liebe. Ich ertrug diesen Blick kaum, wich ihm aus, starrte ins Fenster, auf das Foto, an die Wand wohin nur, nicht in diese sehenden Augen, die noch immer in mir den sahen, der ich einmal war.
Der Tag zog sich hin. Hanna arbeitete wie immer: Blutdruck messen, Temperatur, Massagen, Umlagern, Wäsche wechseln. Ich saß inzwischen in der Stube am Computer, stierte auf den Code nichts ergab mehr Sinn. Die Buchstaben verschwammen. Ich klappte das Notebook zu, stand am Fenster. Unten auf dem Hof spielten Kinder. Alltag, den ich fast vergessen hatte.
Mittags waren wir zu dritt in der Küche, wie früher. Hanna machte Auflauf, schenkte Tee ein. Wir aßen schweigend. Ich fing mich dabei, wie mein Blick immer wieder zu ihr ging: ihre Hände, ihr Mund, ihre Augen, die gestern meine gesehen hatten.
Heute Nachmittag kommt die Krankenschwester von der Kasse, sagte Hanna. Für die Infusion, um drei.
Okay, nickte ich.
Und die Sozialarbeiterin hat angerufen. Ich habe gesagt, wir kommen zurecht.
Danke.
Stille. Nur die Uhr an der Wand tickte, der Fernseher in der Nachbarwohnung summte leise. Hanna stand auf, räumte ab. Ihr Rücken so vertraut, so heimlich Zuhause geworden. Zwei Jahre gehörte sie zu unserem Leben, zu diesem Albtraum. Nun war sie etwas mehr geworden, etwas, das keinen Namen hatte und keinen Platz haben durfte.
Abends, als Ingrid unter den Medikamenten schlief, bereitete Hanna sich zum Gehen vor. Ich brachte sie zum Flur. Sie zog die Jacke an, nahm ihre Tasche, drehte sich noch mal zu mir.
Jakob, begann sie.
Ich unterbrach sie, ohne sie anzusehen, meine Stimme klang rau:
Gestern… das ist nicht geschehen. Du schuldest mir nichts. Ich verstehe.
Sie schwieg. Ich zwang mich, sie anzusehen. Da war zum ersten Mal Schmerz in ihrem Blick.
Gut, sagte sie leise. Wie du möchtest.
Komm morgen bitte wieder, fügte ich hinzu. Und wusste gar nicht, warum ich das sagte. Bitte.
Ich komme, versprach sie. Ganz sicher.
Die Tür schloss sich. Ich blieb zurück in der Stille der Wohnung, in der man nur noch das regelmäßige Atmen meiner Frau hören konnte. Ein, aus. Ich konnte nicht ins Schlafzimmer gehen. Nicht in den Sessel. Ich ließ mich im Flur zu Boden sinken, lehnte mich an die Wand.
Ich saß lange da. Vielleicht eine Stunde, vielleicht länger. Draußen wurde es dunkel. Die Wohnung war still. Ich dachte daran, dass mein Leben vor zwei Jahren geendet hatte, am Tag, als Ingrid mit der Kaffeetasse in der Hand in der Küche stürzte. Und das Leben, das danach kam, endete gestern Abend. Nun wusste ich nicht, in welchem Abschnitt ich steckte, wusste nicht mehr, wer ich war.
Aus dem Schlafzimmer hörte ich ein leises Stöhnen. Ingrid. Vielleicht wach, vielleicht ein Alptraum. Ich stand auf, schwankte, ging zu ihr. Das Licht der Nachttischlampe brannte. Sie lag wach, sah zur Decke. Als sie mich bemerkte, bewegte sie die Hand.
Aa, rief sie.
Ich setzte mich an ihr Bett.
Ich bin da, sagte ich. Alles ist gut. Ich bin bei dir.
In ihren Augen sah ich so viel Liebe, so viel Vertrauen, dass ich schreien wollte. Am liebsten wäre ich auf die Knie gefallen, hätte um Verzeihung gebeten. Alles gestanden, alles auf den Tisch gelegt, ihren Zorn, ihren Hass verdient irgendetwas, nur nicht diesen vertrauensvollen Blick, den ich nicht mehr verdiente.
Doch ich sagte nichts. Hielt ihre Hand, ganz fest, bis sie wieder eingeschlafen war. Dann setzte ich mich in den Sessel, zog mir die Wolldecke über die Schultern und schloss die Augen.
Schlafen konnte ich nicht. Lag einfach da, hörte Ingrids Atem. Ein, aus. Dieses Geräusch wird mich begleiten, bis alles zu Ende ist. Ob es noch Monate sind, Jahre oder ob es für mich zuvor zu Ende geht. Ob ich anbrenne, ganz verbrenne, dann bleibt niemand mehr, der hier sitzt, ihre Hand hält, ihr sagt, dass alles gut wird.
Ich dachte an Hanna. An ihre Worte, ich solle mir erlauben, Mensch zu sein. Daran, wie leicht das am Abend gewesen war und wie schwer. Daran, dass sie morgen kommt, und übermorgen, dass sie immer kommen wird und dass ich nicht weiß, wie ich ihr begegnen soll, wie ich mit dem zwischen uns leben soll.
Ich wusste keine Antworten. Ich wusste nur eines: Morgen werde ich wieder auf diesem Sessel aufwachen, aufstehen, Ingrid Medikamente geben, sie füttern, zum Chef telefonieren, Code schreiben, den keiner braucht. Hanna kommt um neun. Wir reden über Blutdruck, Windeln, Medikamente. Wir lächeln uns zu, vorsichtig, wie Menschen, die zu viel voneinander wissen. Und wir machen weiter. In diesem Leben, das kaum noch eines ist. In diesem Albtraum ohne Ende.
Und irgendwo tief in mir wusste ich: Was gestern geschah, wird sich wiederholen. Vielleicht nicht heute, nicht morgen aber irgendwann, weil ich schwach bin. Weil ich nicht allein kann. Weil ich Mensch bin und Menschen zerbrechen unter Lasten, die sie nicht tragen können.
Ingrid atmete. Ein, aus. Ich versuchte zu schlafen. Aber der Schlaf kam nicht. Nur Gedanken, Erinnerungen, unbeantwortete Fragen.
Wie geht es weiter?
Wie kann ich ihr in die Augen sehen?
Wie mir selbst verzeihen?
Ich wusste es nicht. Am Morgen werde ich tun, was ich tun muss. Weil es keine Alternative gibt. Weil ich das Versprechen gegeben habe. Weil ich ihr Mann bin, und das ist das Letzte, was mir geblieben ist.
Alles andere bleibt in dieser Nacht, in diesem Sessel, in der Stille begleitet nur vom Atem einer sterbenden Frau, die ich immer noch liebe. Trotz allem.
Ein.
Aus.
Ein.





