Ein merkwürdiger Frühlingstag
Mädels, aufwachen! Es gibt Spritzen! ratterte der Wagen der Schwester, das metallische Klappern von Tabletts im Schlepp, durch das stickige, leise Zimmer. Die Neonlampen blinzelten in das Halbdunkel, und draußen zuckte ein schrilles, gelbes Licht auf wie ein Blitz: Der Sonnenaufgang warf grelle Flammen über die Plattenbauten, verwickelte sich in graue Abgasschwaden, zerriss die Wolken. Noch ein Tag, einer von unzähligen. Wie viele vorher schon waren und noch sein werden, lässt sich nicht schätzen. Und wie viele Lebensläufe sich dabei weben, kann niemand ahnen. Einfach nur ein Tag
Die Patientinnen rührten sich drunter ihren weißen Decken, hoben die Köpfe, rieben blinzelnd die Augen, als der Tag mit aller Kraft durch die Fenster quoll.
Schulze! rief die Schwester.
Hier! Bin da, wirklich! Gabi, kann ich heut mal aussetzen? kam die Antwort vom ersten Bett.
Ach was, los jetzt, meine Hübsche, das bisschen Spritze Natürlich tuts weh. Tut immer weh. Aber meinst du, kranksein sei angenehm? Du bist doch erst seit drei Tagen raus aus der Intensiv? Na siehst du! Da drinnen ist schon alles voll, kein Platz mehr für Theater. Brav, los! Mit schwungvoller Routine setzte die Schwester der ausgemergelten, blassen Frau die Injektion, deckte sie fürsorglich zu. Ach, Schulze! Barbara! Warum heulst du wieder?
Ich will heim wimmerte Barbara, das Gesicht verzogen, und schniefte. Mir reichts. Ich wohn hier schon ewig. Ich kann nicht mehr!
Es dauert nicht mehr lange. Bald gehst du auf eigenen Beinen hier raus, hörst du?! Nicht weinen. Jeder Tag ist ein Schritt, Barbara, in die Zukunft! Hier, eine Schokolade für dich, ein Bär im Wald, Gabi zog aus ihrer Kitteltasche eine in hellblaues Papier gewickelte Praline mit kleinen Bären darauf. Gestern hatte ihr der Oberarzt ein paar geschenkt, “Geburtstag der Gabi”, meinte er, und wie alle wissen, macht er Gabi den Hof. Gabi ist das peinlich, so offen, das geht doch bei der Arbeit nicht. Aber dem Herrn Doktor ist das egal. Ich bin ein Mann, ich darf mein Herz verschenken, wem ich will, sagt er. Gabi lächelte bei dem Gedanken an das “wem ich will”. Magst du Bären, Barbara? Dann nimm schon! Bald werdet ihr hier raus spazieren, euch Kleider nähen, es ist Frühling draußen, dass es einem die Zähne zusammenzieht! Heute hab ich am Weg Schneeglöckchen gesehen! Mitten in Berlin! Stell dir vor. Sie drehte sich um. Krause! Nadja! Ach, da bist du ja, meine Gute! Verstecken hilft nicht, ich finde dich sowieso. Also, auf die Plätze zur nächsten Spritze, bereitete Gabi die Injektion der nächsten Patientin vor.
Deine Hände sind wie Federn, Gabilein! lachte Nadja und rollte sich auf die Seite. Da könnten sich die Mücken ‘ne Scheibe abschneiden.
Na, also was für ein Vergleich, gnädige Frau! Die Mundschutz versteckte zwar Gabis Lächeln, aber die dunklen, warmen Augen lachten. Gabilein hatte einen ganz besonderen Blick: trifft einen mitten ins Herz. Sie hatte eine freundliche, tiefe Seele, auch wenn sie voller Narben war. Gabi hütete sie, hielt das Dunkle fern, das Schöne wuchs sie wie Blumen. Sonst hätte sie es nicht ausgehalten Bravo, Nadja Maria! Mal sehen die Schwester las im aufgeschlagenen Patientenbuch weiter. Beckmann. Beckmann, Olga Ist das nicht die Frau von dem Hans Beckmann? Die neue?
Eine zierliche Frau am Fenster grinste.
Neu, das ja. Aber mein Beckmann fährt S-Bahn, von Singen hält er nichts. Gabi, darf ich bitte ein Glas Wasser? Ich schaffe es nicht zum Teewagen
Gleich kommen die jungen Schwestern, bringen dir was. Ich darf mir die Hände nicht schmutzig machen, aber ich sag Bescheid. Und bis dahin zack, noch eine Spritze! schob Gabi das nächste Medikament rein. Olga verzog das Gesicht, der Schmerz zog von der Hüfte bis in den Fuß sie hätte ja schreien können, aber nein. Weil wieso auch! Allen geht es schlecht, da muss man sein Elend nicht ausbreiten. Nur so hatte es Mutter Beckmann immer gehandhabt, selbst als sie nachts den Blinddarmdurchbruch hatte, weckte sie den Mann nicht, der kam doch gerade von der Schicht. Und bei der Beerdigung der Oma war sie ebenfalls stumm, keine Träne. Warum weinst du nicht? Tut dir Oma nicht leid?, fragte einst die kleine Olli. Die Mutter blickte streng, schüttelte den Kopf: So was trägt man nicht nach außen! Allen tuts weh! Halt dich zurück, Olli! Du musst stark sein!
Und Olli versuchte, das nachzumachen. Nicht jammern, egal ob die Spritzen brennen, ob sie mit dem Mann lebt wie im Nebenzimmer, ob diese ganze elende Existenz zum K ist nein, dafür jammert man nicht. Es gibt Schlimmeres.
Mädels! Tom! Ist da jemand auf Station? Bringt mal bitte Wasser! Olli, hast du Temperatur? Meß mal, ja? rief Gabi in den Flur, dann wandte sie sich wieder Beckmann zu. Du glühst, spür ich.
Sie hat die ganze Nacht gestöhnt, mischte sich Nadja ein. Ich meinte noch, sie solle Hilfe holen, aber sie schüttelte nur den Kopf “Schmerz muss man aushalten”.
Wie kann man nur! Schmerzen darf man nicht runterschlucken, die machen das Herz kaputt! Mädels Gabi schüttelte den Kopf. Wer hat euch so was bloß eingebläut?! Tut dir was weh dann meld dich! Trommle, rufe, schrei! Menschen sind da, die helfen! Und wenns schlimmer wird? Was dann? Gabi blickte streng. Hast du Kinder? Willst du, dass sie Waisen werden?
Ich hab einen Sohn. Selbständig. Der würde schon ohne mich klarkommen, antwortete Olga leise und drehte sich zum Fenster.
Kein Kind kommt ohne Mutter zurecht! Ohne Mama wohnt ein Loch in der Welt, da fällt alles rein und der Schmerz kommt von innen zurück. Klar, irgendwann wächst neue Haut drüber, aber darunter loderts weiter. Denk an deinen Sohn, nicht so einen Unsinn reden!
Da trat die nächste Schwester herein, Tamara. Schlank und flink wie auf Zehenspitzen, jede Bewegung war leise und gleichzeitig so sicher wie bei keiner anderen im Haus. Beim Bettwäschewechsel oder wenn ein Patient etwas brauchte Tamara machte alles und das sehr aufmerksam.
Die Patientinnen fürchteten Tom ein bisschen, sie schaute so streng, und ein Witz verirrte sich nie in ihr Gesicht Dabei war sie nicht herzlos, bloß musste sie streng sein, das schützte sie selbst. Dann blieb ihr abends Kraft, heimlich zu flirten, ihren Freund zu küssen, sich nicht leer zu fühlen, aber immerhin. Tamara grüßte höflich alle beim Namen, nickte stumm, wenn jemand glücklich heim durfte, und drehte sich schnell weg, wenn einer für immer fort war. Nirgendwo hin, nur vielleicht nach oben. Geschimpft hätte Tamara am liebsten, aber wen?
Tommi, die Beckmann fiebert und braucht was zu trinken. Ich geh jetzt weiter, zur Maria. Denisenko! Was guckst du mich so an, als wär ich der Sensenmann? Ich bin ganz schnell, versprochen!
Tante Gabi! wimmerte Maria, noch richtig jung. Lass mich gehen, bitte Ich bin wieder gesund, ehrlich! Keine Temperatur. Ich huste nicht, der Rücken tut nicht mehr weh. Und ich muss trotzdem heim!
Maria setzte sich und hielt verzweifelt ein Säckchen mit Sachen fest.
Ich will auch raus. Gesund werden und dann heim, meinte Nadja trocken und stopfte die Decke um die Hüften. Draußen verwischte Regen das Fenster, der graue Himmel hatte den Frühling verschluckt.
Ihr versteht nicht. Auf mich wartet man ganz dringend! Ich habe schon alles gepackt! Maria ließ nicht locker.
Bleib liegen. Darüber entscheidet der Arzt, nicht wir, Tamara, wieder ganz förmlich, und außerdem, wenn dir hinterher was passiert, sitzt unser Kollege in der Tinte. Gib Ruhe und lass dich von Gabi pieksen!
Maria biss trotzig die Lippen zusammen, rollte sich zur Spritze um.
Zufrieden? Jetzt geh ich! Maria zog eine große Sporttasche hervor, ließ den Reißverschluss schnappen, kramte sich die Jogginghose und Pulli raus, zog sich energisch an.
Halt mal die Füße still, Hibbelinche! Dr. Jäger kommt gleich und entlässt dich. Aber erst noch eine Unterschrift, dass du eigenverantwortlich gehst. Zwei Stündchen wirst du noch warten können? Gabi dirigierte sie. Lass noch schnell ein Röntgenbild machen.
Na gut. Zwei Stunden. Aber dann Maria plumpste zurück ins Bett, die Decke überm Kopf.
Sie musste sich beeilen. Unbedingt. Liegen war ja schön, aber jetzt war Maria dran mit Laufen, und zwar durch den Flur der Zeit.
Dr. Jäger, ein schmaler Herr mit Brille und schütterem Haar, trat herein, räusperte sich wie es sich gehört. Fünfzig war er schon, aber bei den Frauen wurde er immer noch verlegen. Und gleich wird er wieder mit dem Stethoskop an Brust anlegen, alles abhorchen, aber das ist erst gleich. Jetzt stört er ihren kleinen Mikrokosmos, mischt sich ein bei Männern ist das anders. Männer lästern, schimpfen, grüßen den Arzt, nicken ihm, sind unter sich. Aber Frauen Die sind angeschlagen, empfindlich und doch im Kern unglaublich verletzlich. Sie machen es sich überall heimisch ein bisschen Deko, ein bisschen Zuhause, das geht. Aber innen sorgt sich Herz um Haus, Kinder, Ehemann, Enkel, den Kaktus am Fenster und die Katze, die bestimmt hungrig ist, und wehe, man verpasst die Hausaufgaben! Da zerrt das Herz heim, während der Körper nach Pause verlangt. Wie mit sich selbst zurechtkommen?
Guten Morgen! rief der Arzt munter, blickte die Liegenden durch, sah gleich, wer blass, wer rosig ist, wie seine Oma, die auch Arzt war, immer sagte. Er sah, bei wem frische Orangen am Bett lagen Besuch also , bei wem das Wasser leer ist, und wusste, was das alles bedeuten könnte. Frauenaugen verraten vieles. Seine Oma hatte angeblich sogar Schwangerschaften aus dem Blick gelesen alles Beobachtung. Zwar ist Jäger kein Gynäkologe geworden, nicht mutig genug vielleicht, aber die Schule hatte gewirkt. Schulze so ein Blick in die Akten, Temperatur gemessen, Stethoskop ins Ohr, abgehört: Die Atmung fiel schwer. Der Arzt notierte, drückte die Lippen zusammen. Barbara! Wie geht’s Ihnen überhaupt? Ich sehe, Sie haben Romane geschenkt bekommen? Lesen, schön und gut, aber bitte nicht zu viel, schonen Sie die Augen! Machen Sie sich keine Sorgen, alles läuft.
Barbara lächelte schüchtern. Männerblick ließ sie stets erröten, wie lange ihr Mann um einen ersten Kuss kämpfen musste, lässt sich nicht beschreiben! Wo kommen diese schüchternen Frauen nur her?
Nadja Maria, und Sie? Sie sind tapfer!
Nadja grinste von Ohr zu Ohr, zwinkerte ihm zu.
Und gestern? Wer hat beim Abendessen so randaliert? Dr. Jäger ließ abrupt das Stethoskop baumeln. Warum haben Sie die Küchenfrauen angeschrien? Die können doch nichts dafür, wenn Sie kein Wirsing mögen! Die kochen nach Anweisung es geht nicht anders!
Nadja hatte im Beruf eine Führungsposition, wusste, wie man Personal effektiv in den Senkel stellt. Immer war sie scharf, direkt, oft gefürchtet.
Zuerst, frisch eingeliefert, war Frau Krause zurückhaltend, doch das Sprechen übte sie schnell wieder, brauchte nur ein paar Tage, dann zeigte sie Charakter.
Das ist nicht unsere Schuld, wenden Sie sich ans Haus, so der Arzt. Schimpfen auf das Personal geht gar nicht. Erinnern Sie sich, als Sie die Augen kaum aufbekamen, und trotzdem gab’s Extras: Grießbrei, Mus das kam alles aus der eigenen Küche, von den Schwestern ganz persönlich. Haben Sie das etwa schon vergessen?
Nadja schwieg, zupfte verlegen am Bettbezug. Daheim hatte der Stiefvater verlangt, am Abend die Dinge aufzuzählen, für die sie heute danken wollte. Jeden Tag. Die Mutter nickte, er hörte genau hin, ob sie was vergessen hatte.
Danke fürs Essen murmelte die junge Nadja, faltete den Bezug zu einer Zieharmonika. Danke für den Tee
Schau mich an! Und die Mutter! befahl der Stiefvater. Und weiter!
Für das zu Schule bringen, für die Hausaufgaben Für die Schultasche
Und was noch?! Er wartete auf das Wichtigste.
Danke, dass ihr mich aus dem Heim geholt und mir eine Familie geschenkt habt, schloss Nadja fast flüsternd ihre Gebetsliste ab. Es hatte Jahre gedauert, das richtige Danken zu lernen; aus Dankbarkeit nie aufzumucken und so verließ sie nach dem Abitur das Haus, rief nie an, schrieb keine Briefe mehr. Das Danken hatte sie satt.
Tut mir Leid, warf Nadja jetzt hin, ist mir rausgerutscht.
In der Kantine entschuldigst du dich dann, sagte der Arzt, wollte mehr sagen, doch da stand Maria schon am Fußende.
Lassen Sie mich gehen, bitte! platzte sie heraus. Ich muss einfach heim, Sie lassen mich nicht!
Wer lässt Sie nicht?
Sie.
Warum? Der Arzt spielte das Spiel mit.
Weil ich noch krank bin, murmelte Maria, rot vor Verwirrung.
Na also Maria, halte durch. Besser jetzt auskurieren, als später Komplikationen, Dr. Jäger nickte freundlich, ich hör Sie nochmal ab.
Bitte nicht! Ich unterschreib’ alles, wollte ich nur sagen! antwortete Maria plötzlich erwachsen.
Dr. Jäger runzelte die Stirn.
Ich mach noch ein Röntgenbild. Wir sprechen danach. Und ging, in Gedanken versunken.
Das Frühstück war fade: Milchreis, ein Stück Brot, mancher mit Butter. Nadja verzog den Mund, Olga kaute gleichgültig, Barbara las versunken weiter, Maria betrachtete ihre Stirnlinie.
Mariechen, iss was! Das gibt Kraft! rief Barbara. Sonst bekäme ich Angst bei dem Blick.
Ich nein, alles gut stotterte Maria, spürte nur Sehnsucht nach Hause, wollte Jacke greifen, Schuhe binden, wegrennen. Wohin? Nach Hause. Nur nach Hause.
Du siehst verwirrt aus, und traurig. Ich mache dir ein Brot, Kleines, Barbara stand langsam auf, schmierte Butter auf eine dicke Scheibe. Im Krankenhaus bekommt man immer Butter und Brot und was macht man dann? Kein Mensch weiß es
Ein Restaurant ist das hier nicht, und mit dem Wirsing von gestern hatte Nadja recht, aber wir sitzen alle im selben Boot, sollten froh sein, hier zu sein. Iss, Maria! Du brauchst Kraft.
Danke! Maria blickte Barbara erschrocken an, die zwinkerte, las weiter.
Das Geschirr war abgeräumt, Nadja entschuldigte sich mit schwerem Herzen in der Kantine. Die Küchenfrauen verzogen die Lippen, sagten aber nichts.
Gegen elf rief jemand Olga an. Sie wandte sich ans Fenster, hielt die Hand vor den Mund. Nadja sah, wie Olgas Rücken sich anspannte, das Sitzen fiel ihr sichtlich schwer, trotzdem richtete sie sich. Man darf sein Leid nicht zeigen. Vor niemandem.
Ja, alles gut. Ja, Behandlung läuft. Nein, brauche nichts, nickte Olli stoisch. Tut mir leid Wer hätte erwartet, dass ich ins Krankenhaus muss?.. Ich vergesse den Geburtstag deiner Mutter nicht! Jens! Was soll ich tun? Geht ins Gasthaus, denkt euch was aus Olgas Rücken sackte zusammen, als hätte man ihr einen Mehlsack aufgeladen und das stimmte, nur war es nicht Mehl, sondern all der Kummer. Also dann
Alles in Ordnung? fragte Nadja, ihre eigenen Füße anstarrend.
Meinen Sie mich? Olga drehte sich leicht.
Ja, Sie. Wollen Sie Lebkuchen? Hab noch ne ganze Packung hier, vom Notfalldienst direkt mitgenommen Wollen Sie?
Nein. Danke.
Dann erzählen Sie eben.
Was denn?
Was passiert ist.
Nadja Maria konnte so reden, dass man ihr gehorchte. Gene vielleicht? Wer ihre Eltern waren, fand nie jemand raus.
Ich habe meinen Mann hängen lassen. Seine Mutter, Frau Erna, hat heute Geburtstag, sogar einen runden. Ich wollte alles organisieren, und jetzt bin ich krank. Ganz schlimm. Ich wollte nicht ins Krankenhaus, schlimm auch für die Familie und
Nadja unterbrach:
Es ist immer ein schlechter Moment. Bei uns am Betrieb war mal eine Frau, die sollte Chefin werden, hatte schon Pelzmantel und ein neues Auto auf dem Zettel wenn sie Chefin ist, versteht sich.
Und? Barbara setzte die Brille ab, wollte die Geschichte hören.
Und? Sie ist gestorben. Plötzlicher Herzinfarkt, aus und vorbei. So läuft das Leben: Die Katastrophen kommen nie passend, und das macht uns wütend. Über schöne Überraschungen Lottogewinn, Erbschaft, gute Werte vom Arzt beschwert sich ja auch keiner. Zeit für eine Pediküre, schloss Nadja abrupt.
Wie klug, flüsterte Olga.
Die Pediküre, pfff! Schämte mich immer wegen meiner krummen Füße, war nie im Salon. Aber man lebt nur einmal jetzt gehe ich hin. Mir eine Kutsche! Nadja schwang ihr Händchen.
Und der Mann? Kann der kein Fest organisieren? Heute ist doch alles möglich fragte Barbara und blinzelte müde.
Weiß ich nicht. Ich hab immer alles übernommen. Er arbeitet viel. Der Sohn auch. Haushalt machen sie eh nicht, murmelte Olga.
Tja. Darauf hast du sie trainiert. Wissen die eigentlich, wie es dir gerade geht? Temperatur? Zustand? Barbara schnaufte. Red mal mit ihnen, was sollen sie ohne dich machen.
Ohne dich, ohne dich wird alles sinnlos sang Nadja plötzlich.
Als sie vierzehn war, lag ihr Stiefvater oft wochenlang in Kliniken. Und… eigentlich war es dann zu Hause ganz friedlich. Eigentlich sollte man das nicht denken, es war falsch, aber trotzdem: Es war angenehm ohne ihn. Und irgendwann hörte sie ihre Stiefmutter am Telefon sagen: Er ist weg, zum Glück, ganze zwei Wochen. Vielleicht listete die Stiefmutter abends auch, wofür man dem Mann dankbar musste? Wer weiß.
Und die Schwiegermutter? Wird die nun sauer sein? Barbara griff zur Creme.
Erna Hab sie noch nicht angerufen. Wohl schon, ja.
Olga seufzte. Falscher Zeitpunkt für Krankheit, wirklich.
Ruf sie lieber an! Die Creme glänzte auf Barbaras Wangen, sie mochte das nie, aber so ist das halt
Olga zuckte die Schultern, griff zum Handy.
Erna? Ja, ich bin’s, Olga. Wie geht’s dir? begann sie, aber mit jeder Sekunde fiel eine neue Müdigkeit auf sie, sie musste sich hinlegen.
Der Schwiegermutter Stimme war laut und kräftig, die ganze Station hörte sie.
Ich? Na ja Erkältet was die Ärzte sagen: Lungenentzündung.
Stille. Dann brüllte Erna:
Wie bitte? Jens hat von Halsweh gesprochen, Ärzte seien bloß vorsichtig Olga! Wieso denn Lunge!
Jetzt fängt sie an. Wer legt ihrem Jens die Socken aufs Hockerchen? grinste Nadja leise. Barbara fauchte sie an, sie solle zuhören.
Bin bald zurück. Ist ja dein Geburtstag, keine Angst, ich vergesse nichts. Ich erledige alles, nur Olga nestelte am Spitzenbesatz ihres Nachthemds, wurde rot.
Ach, was für ein Geburtstag! Schluss jetzt. Ich will gar nichts feiern, hab das Jens schon gesagt! Nur Theater macht ihr! Sag, was brauchst du, Olga? Ich weiß ohnehin, niemand besucht dich, Jens hats mir gesagt. In welches Krankenhaus haben sie dich überhaupt gesteckt? Sag schon, was soll ich bringen?
Olga starrte, verwirrt.
Du willst mich besuchen? Brauchst du nicht, das ist zuviel!
Ist mir egal! Und tu nicht so tapfer. Das ist mir zu dumm. Wie oft hab ich dir gesagt, wach auf! Du hast sie alle verwöhnt, jetzt hast du den Salat! Behandel dich besser! Nenn die Klinik und Besuchszeiten. Sofort!
Olga öffnete den Mund, brachte keinen Ton raus.
Ach, du liebe Güte! Nadja sprang auf, riss ihr das Handy ab. Fünfundfünfzigste Station. Keine Besuche. Übergeben Sie einfach was für Olga, am besten Quark und Äpfel.
Erna bedankte sich und legte auf.
Na, du bist lustig, Olga. Guter Mensch, deine Erna, aber Mann und Sohn stehen dir auf dem Nacken. Da gönnt einem keiner seine Ruhe! Nadja warf Olgas Handy zurück. Alle hier haben ein Helfersyndrom, kaum ist man krank, braucht jeder was! Holt Dr. Jäger! Mir ist schlecht! Ich kann nicht mehr! Nadja warf sich schelmisch aufs Bett.
Barbara schmunzelte. Unfassbar, dass sie bis heute immer nette Leute trifft. Richtiger Glückspilz im Krankenhaus.
Endlich kehrte Ruhe ein, das selige Vormittagsdösen begann.
Plötzlich klopfte es. Die Frauen zuckten unter den Decken.
Ist das Gabi? gähnte Barbara, ließ einen Arm raushängen, zuckte dann heftig und zog ihn schnell zurück.
Vor der Tür stand ein Mann im blauen Kittel, groß, breit wie ein Schrank, schwarze Locken lugten unter der Haube vor, Augen honigbraun, mit rötlichen Rändern.
Grüß Gott, brummte er dumpf. Wollte ins Zimmer, da stoppt ihn Tom, packt ihn an den Armen.
Sie dürfen hier nicht rein! Infektionsstation! Sofort raus! Ich rufe die Security! fauchte sie.
Mach mal halb lang, Kleine! Ich darf! Ich hab Erlaubnis! Hier, meine Genehmigung! Er wedelte mit einem Schein und stapfte an ihr vorbei.
Tom schnaubte und verschwand. Die Patientinnen starrten auf den Mann im Bettenflur, mit einer Tasche voller Obst “Vitamine direkt aus Stuttgart”, fünf Brezeln “Tante Susanne hat sie vor Sorge durchgenudelt, dann gebacken für ihre Nadja”, einem Behälter Leberkäse “frisch, noch heiß!”, einem Glas Schwarzwaldhonig vom Markt und einer Traurigkeit, als sei Nadja todkrank.
Wieso bist du hergekommen? zischte Nadja unter der Decke.
Wollt dich sehen, mein Herz, meine Sonne, Mondenschein! sagte er. Wie gehts dir? Nadja, ich war am Ende, hab alles getan, um zu dir zu kommen
Er kniete nieder, suchte ihre Hand, küsste sie.
Sie ließen mich nicht, aber ich habs geschafft. Ich würde alles tun! Nadja
Der Mann seufzte schwer. Stolze Nadja zeigte sich nicht, liebt ihn nicht, gar nicht Er musste gehen.
Da ist Essen für dich. Iss, werde gesund. Traube für dich, du mein Funke Aufrecht verneigte er sich vor den Frauen. Entschuldigung, Mädels. Ich geh jetzt.
Er hatte schon die Tür erreicht, als Nadja doch das Gesicht halb aus der Decke reckte.
Mehmet danke blickte sie ganz kindlich verliebt. Mehmet plusterte die Brust, öffnete die Arme, doch Nadja bedeutete, er solle gehen.
Auf Wiedersehen, Nadja! Meine Liebe! raunte er noch. Nadja verstand
Dann kam Dr. Jäger angesprintet, schimpfte über Disziplin, Quarantäne, dass so ganze Städte untergehen.
Niemand geht hier unter, winkte Barbara ab. Hier finden sich Menschen. Ist doch schön!
Der Arzt schüttelte missmutig den Kopf. Gut, dass er kein Gynäkologe geworden war, in einer Entbindungsstation wär noch mehr Unordnung, lauter Lebensfreude!
Lass mich heim! schoss Maria ans Fenster, als sie ihn sah. Sie haben’s versprochen!
Was ist denn los hier, Denisenko? Warum drehen heute alle am Rad? Was ist los? Der Arzt wurde richtig brummig.
Mein Bruder kommt auf Besuch, nur ganz kurz, mein Sergej hauchte Maria.
Trotzdem, du bleibst! Willst du etwa sterben? Pneumonie ist kein Spaß. Der Bruder wartet halt, du gehst wenn du gesund bist.
Ich kann auf eigene Verantwortung gehen! presste Maria durch die Zähne.
Wärst längst fort, wenns unbedingt sein müsste. Aber mit Verstand bleibt man. Wohin rennt ihr alle, Frauen, hä?! Was drängelt euch ins Alltagsgetriebe, Brüder, Schwiegermütter, Dort wartende Verlobte, Mingles, Nadja Maria? Deine Schwiegermutter ruft übrigens schon den ganzen Tag an, will nur das Beste für euch. Soll ich alle entlassen, bevor ich noch an einem Infarkt sterbe? donnerte er gegen Nadjas Nachttisch. Die Leberkäse-Dose sprang, ein Apfel kullerte unters Bett.
Der Arzt errötete, kramte das Obst hervor.
Nadja schaute runter, lächelte, als er hoch kam, und fragte:
Dr. Jäger, Brezel gefällig? Fünf schaffen wir nicht, und Tante Susanne kanns, wirklich! Hunger?
Brauch keine Brezel! Ich kündige, züchte Sauerkraut wie Diokletian! Ihr raubt mir den letzten Nerv! Maria! Denisenko! Wo willst du hin?
Maria stand am Fenster und rang mit dem Griff.
Da ist Sergej! Da draußen! Ich will ihm winken, aber er sieht mich nicht! Sie pochte aufs Fenster.
Dr. Jäger blinzelte, glitt zur Scheibe: Ein junger Mann in Uniform steht da, mit Blumen, Plüschbär.
Ich glaubs nicht hier gehts ja zu wie im Kreißsaal! Überall Liebhaber. Na gut Ich red mal mit ihm! Denisenko, stehen bleiben!
Doch Maria rannte schon durch den Gang, er hinterher. Die zufriedene Gabi, die soeben einen Strauß Astern bekam, sah gelassen zu das war nicht ihr Problem.
Am Fahrstuhl bog Tamara ab, schloss Maria in die Arme.
Sei nicht verrückt, Maria. Ruf ihn doch an. Was für ein Tag heute wieder! raunte sie. Maria schluchzte, seufzte.
Dr. Jäger eilte derweil auf Socken in den Schnee zu Sergej, rief ihm etwas zu. Sergej hielt inne, blickte empor, winkte Maria.
Der Arzt winkte ab, zündete sich eine Zigarette an, schloss kurz die Augen, dehnte den Nacken
Nachmittags kehrte Frieden ein, alle schliefen, auf Station war es still. Nur Barbara flüsterte mit ihrem Mann ins Telefon. Ganz, ganz leise nur für sie.
Abends dann kam ein Paket von Erna, alles frisch und lecker, von Gabi hereingetragen, ein geheimes Zwinkern Richtung Olga inklusive als wüsste sie alles.
Im Paket ein kleiner Zettel:
Wirst du erst gesund, feiern wir dein neues Leben, meine Kleine! Hab dich lieb. Deine Schwiegermutter Erna.
Olga las und begann zu weinen. Das erste Mal seit Jahren.
Dr. Jäger, der vor Feierabend hereinspähte, verdrehte die Augen. Wieder Tränen, Barbara liest, Nadja schaut ihre Füße an, Maria tippt ins Handy, und überall riecht es nach Brezel. Es ist nicht leicht mit diesen Frauen! Immer Probleme, immer Herzschmerz! Aber ganz ohne gehts eben nicht ohne Frühling lässt sich nicht leben
Der Arzt schloss leise die Tür, wählte die Nummer seiner Frau.
Susi, ich fahr jetzt los. Was? Du weinst? Du auch? Was ist passiert? Melodramen wieder? Na warte, dann schauen wir das gemeinsam!
Und er fuhr heim. Noch ein Tag seiner Millionen. Und nein, er war nicht zornig, nur müde, immer für alle zu fühlen. Aber nicht fühlen das ging auch nicht. Man ist doch MenschEin letzter goldener Streifen Frühling stahl sich durch die staubige Fensterscheibe und fiel auf die Schlafenden. Olga, halb erwacht, tastete nach dem Zettel, faltete ihn und ließ ihn langsam in die Schublade gleiten ein Schatz zum Aufbewahren in harten Nächten.
Nadja schob eine Brezel unter Barbaras Kopfkissen und kicherte leise, während Maria das Handy sinken ließ und einfach nur lauschte auf Sergejs Stimme draußen vom Parkplatz, halblaut durch den Lautsprecher, auf das gleichmäßige Atmen um sie herum, auf das unaufhaltsame Leben, das durch Gänge und Herzen kriecht.
Irgendwann kam Tamara wieder. Sie stellte zwischen die Betten eine kleine Vase mit Schneeglöckchen. Keiner hatte sie draußen gepflückt, sie stammten wirklich aus Berlin, vom Klinikgarten, wo sie immer zuerst blühten. Eine winzige Geste und doch der erste Beweis, dass es weitergeht.
Die Uhr tickte, der Flur summte, draußen tanzte Regen gegen den letzten Lichtschein. Und drinnen, inmitten steriler Bettlaken und Medikamentenduft, legte sich ein zartes, federleichtes Lächeln auf die Gesichter: Jeder wusste plötzlich es würde Frühling. Nicht draußen. Hier.
Mitten in all dem Kummer, zwischen Spritzen und Brot, neuen Tränen und alten Liedern, schloss jemand das Fenster einen Spalt. Warme Luft wehte herein, ein Hauch von frischem Gras, von Hoffnung, von neuem Mut.
Die Nacht würde darüber fallen, still und leise, und in den Träumen der Frauen würden alle zu Hause ankommen so, wie sie wirklich sind, und so, wie sie gebraucht werden. Morgen ist ein neuer Tag, dachte jeder für sich und schlief ein, als sei nichts auf der Welt je verloren gegangen.



