Wir kommen aus dem Wald
Marlene erwachte in aller Herrgottsfrühe. Behutsam blickte sie zu den Nachbarbetten. Die Mutter schlief fest, während die Oma seltsam leise dalag, weder schnarchend noch wie üblich an ihrer Ferse kratzend. Es war, als sei sie schon wach, obwohl es stockdunkel und viel zu früh war.
Vorsichtig atmete Marlene aus und schlich sich auf Zehenspitzen näher, um ihr Gesicht erkennen zu können.
Augenblicklich bemerkte die Großmutter die Bewegung der Enkelin, unterbrach ihr Kratzen und wandte sich brummend zur Wand.
Marlene lächelte gut, sie schläft. Rasch lief sie weiter und zog sich im Gehen ihre weite Leinenbluse über, als sie in die Küche tappte.
Dort griff sie sich eine Flasche Milch aus dem Kühlschrank, trank einen großen Schluck, stöberte dann in der Brotdose und schnappte sich eine Scheibe Bauernbrot sowie ein Stück Speck. Das war ihr Mittagessen.
Leise huschte sie, barfuß auf dem Dielenboden, zur Haustür, die sie lautlos öffnete, um auf die Veranda zu schlüpfen.
Ein Anblick von überwältigender Schönheit offenbarte sich ihr: sattes Grün, Wipfel getränkter Bäume, rauschende Grashalme. Das Licht der aufgehenden Sonne strahlte auf all das die Welt schien wie verzaubert.
Marlene dehnte ihren Körper, zog gierig frische Luft ein.
Die Konturen ihrer Gestalt zeichneten sich unter dem schlichten, abgetragenen Gewand ab, das sie übergezogen hatte.
Eine graue Flanellbluse mit langen Ärmeln, darüber ein abgetragener Wollmantel, dessen Kanten einst mit Hermelin besetzt waren.
Dazu grobe Wollhosen schrecklich unbequem, aber immerhin schützen sie vor Insektenstichen.
All dies stammte von ihrer Großmutter Mathilde Löwenstein, die sie als junge Frau getragen hatte.
Marlene grüßte ihren Hund Nebel, der vor dem Gartentor bellte, nahm das Essenspaket, die Wasserflasche, Streichhölzer und zwei Zink-Eimer und bewegte sich auf den Wald zu.
Der Wald war ihr vertraut wie ihre Westentasche.
Sie hätte sich mit geschlossenen Augen orientieren können, kannte jeden Pfad und fürchtete weder Mücken noch Wölfe oder anderes Getier.
Hier war sie aufgewachsen, kannte das Revier.
Gemeinsam mit Mutter und Oma hausten sie fern jeder Zivilisation, eigentlich mitten im Forst.
***
Damals hatte Opa Max, inzwischen verstorben, das Haus etwas abseits vom Dorf gebaut. Der Opa war einst ein passionierter Jäger gewesen und träumte davon, direkt am Wald zu leben. Man sagt, er habe sich zunächst eine Hütte in den Hang gegraben und sie wohnlich gemacht. Kam es zum Streit mit Mathilde, verschwand er Tage lang in seinem Unterschlupf und sann darüber nach, ob er bleiben oder um der Tochter Willen noch ausharren sollte.
Oma Mathilde Löwenstein eine schwierige Person, mit der kaum jemand auskam.
Nur die Hütte im Wald hielt Opa Max davon ab, alles hinzuwerfen.
Aber Mathilde Löwenstein konnte es allein doch nie lange aushalten, kam stets in seine Hütte, holte ihn flehend zurück. Max war oft hart, doch Mathilde war zäh und legte sich einfach auf seinen Strohsack im Bau eine kämpferische Geste.
Dann stellte sie sich ganz demütig, seufzte, ging auf alles ein, erinnerte ihn an ihre gemeinsame Tochter Maria. Das traf ihn immer ins Herz.
Oma war eine Meisterin der Manipulation, Opa gab schließlich nach und kehrte zurück.
Doch kaum war er wieder zu Hause, flogen erneut die Fetzen wegen Nichtigkeiten. Nur im Bau herrschte Frieden.
Eines Tages hatte Max genug. Nach einem besonders heftigen Streit nahm er sein Hab und Gut, zog tiefer in den Wald und begann, mit bloßen Händen ein Haus zu zimmern.
Mehr und mehr ignorierte er Mathildes Geschrei. So baute er wacker über die Jahre hinweg, bis er, bereits gealtert, das prächtige Haus endlich fertigstellte.
Das Mobiliar fertigte er ebenfalls selber aus Holz, das hier im Überfluss wuchs. Zunächst wollte er Mathilde nicht hineinlassen, doch die Oma war findig, bespitzelte ihn, und eines Tages, als er gerade am Schuppen arbeitete, war sie mit Sack und Pack schon eingezogen. Inklusive aller Töpfe, des Matratzenlagers alles stand schon im neuen Haus.
Als Max zurückkam, saß sie grinsend auf ihrem Matratzenlager.
Was willst du hier, hab ich dich gerufen? Du warst es doch, die mich rausgeworfen hat?, ärgerte sich Max.
Mathilde aber zuckte mit den Achseln: Wohin denn? Maria, unsere Tochter, ist längst erwachsen, verheiratet du hast die Hochzeit verpasst. Sie wohnen jetzt im alten Haus. Und ich? Ich will die Frischvermählten nicht stören. Ich bin deine Frau du wirfst mich doch nicht raus, oder?
Max war perplex.
Während er gebaut hatte, war die Zeit vergangen, Tochter Maria war groß geworden, er hatte kaum bemerkt, dass seine Jugend verstrichen war.
Als er in den kleinen Spiegel sah, den Mathilde mitgebracht hatte, stellte er schockiert fest: Ein alter Mann starrte zurück.
Sein Antlitz war silbrig und voller Falten.
Nun war er alt, Mathilde geworden zu einer alten Frau, von ihrem früheren Charme kaum noch etwas übrig. Wie wenig hatte man das Leben genossen! Die Jugend war vorbeigehuscht.
So lebte er noch zwei Jahre, dann welkten Gesundheit und Lebensmut. Eines Morgens starb er, endgültig.
Mathilde aber trauerte nicht lang.
Es blieb keine Zeit. Das neue Heim forderte Arbeit, Hühner und Ziegen mussten versorgt werden, das Leben zog sie mit.
Einige Jahre später kamen Tochter und Enkelin dazu.
Marias Ehe war zerbrochen; so kehrte sie mit Tochter Marlene ins Haus der Mutter zurück.
***
Aus Marlene wurde ein kräftiges, gesundes Mädchen.
Mutter und Oma verboten ihr fast alles.
Sie durfte nicht in das nahe Dorf gehen, kaum eine halbe Stunde entfernt, keine Freundschaften mit Dorfkindern schließen.
Erst viel später, mit fast dreißig, verstand Marlene den Grund: Die Frauen waren wild geworden im Wald und betrachteten das Mädchen eifersüchtig als ihr Eigentum.
In der Familie war Marlene die Versorgerin. Sie fischte im Waldsee, schleppte auch im Winter Wasser, schlug Löcher ins Eis, fällte Bäume, sammelte tagelang Holz.
Sie hatte auch das Jagen auf kleine Tiere und Vögel gelernt Hund Nebel half ihr dabei.
Im Sommer bestellte sie den Gemüsegarten, den die Frauen anlegten.
Ein anderer Lebensweg war ihr unbekannt. Sie wußte nicht, dass man in einer Wohnung leben, einkaufen oder in einer Fabrik arbeiten konnte.
Marlene war eine außergewöhnliche Frau.
Noch nie hatte sie einen Mann gesehen.
Umso überraschter war sie, als eines Tages ein Fremder ihre Welt störte.
***
Auf einer kleinen Lichtung saß sie inmitten von Moosteppichen, zwischen Beerensträuchern und Nadelduft.
Der Tag war sonnig, aber die Kronen der alten Eichen warfen ausreichend Schatten.
Im Wald war es ungewöhnlich still. Nur das Summen der Insekten und das entfernte Klackern von Vogelschwingen waren zu hören.
Das Moos unter ihrem Sitz schien weicher als jedes Kissen; Marlene hatte die Beine ausgestreckt und sammelte Blaubeeren in eines der Eimer.
Hier erholte sie sich von Mutter und Oma, sammelte Kraft.
Sie ahnte nicht, dass ihr Refugium gleich gestürmt würde.
Ein Mann mit strahlend blauen Augen und gebräuntem Gesicht kam atemlos durch das Dickicht, in einem dunklen Hemd, als würde er verfolgt. Er erwischte sich am nächstbesten Baum, rang nach Luft.
Haben Sie Wasser?, flehte er.
Marlene kauerte wie eine Katze, war misstrauisch.
Der Blick des Fremden fiel auf ihre Tasche, die am Ast hing. Offenbar siegte der Durst; er schnappte die Tasche, entdeckte die Wasserflasche, das Brot mit Speck, hockte sich ins Moos und trank gierig, nahm auch das Essen.
Danke Ihnen, Fräulein. Können Sie mir zeigen, wie ich zum nächsten Ort komme?
Weiß ich nicht, erwiderte Marlene verbissen.
Sie brauchen keine Angst haben, bat der Mann. Ich will niemandem etwas tun, ich will einfach nur nach Hause. Ich war auf einer Hochzeit, dann geschah das Unglaubliche… Ach, lassen wir das. Helfen Sie mir bitte.
Plötzlich zuckte er zusammen, verbarg das Gesicht hinter einem Baum er weinte.
Das rührte Marlene zutiefst. Sie stand auf, dehnte backsinnig die Beine, betrachtete den weinenden Mann.
Ich habe kein Geld, keine Papiere, kein Handy, gar nichts! War zwei Nächte verloren, wissen Sie, wie das ist? Von Mücken zerstochen, geängstigt, durchgefroren Helfen Sie mir bitte! Ich knie vor Ihnen…!
Ich helfe Ihnen später. Ich muss erst die Beeren fertig sammeln, stammelte sie.
Er hörte auf zu schluchzen, lugte vorsichtig hervor:
Beeren?! Wirklich? Ich irre hier seit zwei Tagen herum und kann nicht mehr, und Sie sammeln Beeren?
Marlene bückte sich wieder, pflückte hastig die Früchte. Grimmig sagte sie:
Wenn ich ohne volle Eimer heimkomme, gibt es Ärger. Du wartest ein paar Stunden, dann helfe ich dir.
Der Mann sackte wehrlos ins Moos und blickte resigniert auf die halb gefüllten Eimer. So merkwürdig, diese Frau! Eher wie ein Mann.
Kurzentschlossen nahm er ihr einen Eimer ab:
Ich helfe, damit es schneller geht.
Sie sammelten gemeinsam, doch Marlenes flinke Finger übertrafen seine Geschicklichkeit um Längen.
Wie heißen Sie?
Sie zuckte zusammen.
Marlene.
Ein ungewöhnlicher Name. Ich heiße Benedikt. Verkaufen Sie die ganzen Heidelbeeren?
Marlene sträubte sich unter den Fragen, doch wider Erwarten antwortete sie bereitwillig und spürte plötzlich ein merkwürdiges Interesse.
Sie verließen den Wald, unterhielten sich über Gott und die Welt. Benedikt war höflich, stellte behutsame Fragen und erfuhr so: Die junge Frau lebt mit Mutter und Großmutter in einem Haus im Wald. Männer gibt es dort keine, was ihn erleichterte.
Das Dorf ist nicht weit. Doch er müsste sich heimlich halten es wäre klug, im Wald zu bleiben, zumindest fürs Erste.
***
Großmutter Mathilde Löwenstein saß auf der Veranda, wärmte ihre müden Glieder in der Sonne.
Als sie sah, dass die Enkelin einen Mann mitbrachte, verschlug es ihr die Sprache.
Maria!, rief sie panisch. Maria kam aus dem Hühnerstall gerannt und blieb wie angewurzelt stehen.
Maria, hilf mir auf! Meine Beine versagen!, stöhnte Mathilde.
Maria eilte zu ihr.
Maria, wer ist das?, flüsterte die Großmutter, an ihre Tochter gelehnt. Hat deine Tochter einen Sträfling mitgebracht? Einen Ausbrecher? Mein Gott…!
Beide Frauen warfen dem Fremden misstrauische Blicke zu.
Marlene trat aus dem Flur, abgestellt Eimer in der Hand: Ich ziehe mich nur kurz um, bin gleich zurück. Das ist Benedikt. Er hat sich im Wald verirrt, braucht etwas zu essen und muss ins Dorf.
Die Frauen wechselten Blicke.
Einleuchtende Erklärung! Bestimmt haben sie bei der Erziehung versagt, dass dieses Mädchen so arglos einen Unbekannten ins Haus bringt.
Doch niemand wagte es, sich zu beschweren, als Benedikt das Haus betrat.
Nur Maria bat angespannt:
Sie sollten sich erstmal waschen und umziehen wer weiß, was Sie von draußen alles mitbringen!
Benedikt stockte, lächelte entschuldigend:
Sie haben recht. Doch ich habe nichts anderes dabei. Wenn es Ihnen nichts ausmacht irgendein altes Kleidungsstück würde mir schon helfen.
Wir haben nichts!, schnarrte Mathilde.
Marlene, die das mitgehört hatte, runzelte die Stirn: Wie, nichts? Auf dem Dachboden sind noch Sachen vom Opa, ich suche etwas heraus. Badehaus ist hinten.
Benedikt zwang sich zu einem Lächeln. Alles, was er jetzt wollte, war etwas zu essen und ein Bett, egal wie bescheiden…
Schwerfällig schleppte er sich zur Gartensauna, wusch sich, verbrannte die alten Kleider im Ofen, fand Streichhölzer und doch beschloss er, nicht zu bleiben; er würde essen, wieder fit werden, und dann sofort ins Dorf bevor die Frauen noch merken Flucht war die beste Option.
Während er mit warmem Wasser aus dem Zuber wusch, bemerkte er gar nicht, wie Marlene verstohlen an der angelehnten Tür stand und errötend zusah.
***
Marlene fuhr erschrocken zusammen.
Was tat sie? Wie konnte sie sich so vergessen, er hat sie gewiss bemerkt! Sie stellte die Opasachen auf die Bank und flüchtete wie vom Wind gejagt zurück ins Haus.
Das Herz pochte wild, sie trat ein.
Marlene!, fuhr die Großmutter sie an. Bist du verrückt geworden, wen bringst du uns ins Haus?
Wen denn?, Marlene blinzelte was hatte sie sich nur zu Schulden kommen lassen?
Ihr wurde eine Gardinenpredigt gehalten, bei der ihr vor Schreck Augen und Mund immer weiter aufklappten.
Als sie schließlich Benedikt am Tisch sah, trat Furcht in ihre Augen. Er aß ungerührt und sagte nachher:
Danke. Jetzt zeigt mir bitte den Weg ins Dorf.
Die Frauen erklärten den besten Pfad, doch er verstand nichts und bat nur:
Gehen Sie mit mir ich verirre mich sonst.
Maria trat entschlossen nach vorn: Ich begleite Sie.
Bist du verrückt, Kind!, zischte Mathilde, dann leise: Was, wenn er dich… na ja… dann lieber die, die ihn geholt hat, die bringt ihn auch fort!
***
Marlene führte Benedikt zum Waldrand.
Seltsam sie unterhielten sich angeregt und waren in Windeseile da.
Benedikt drehte sich um, betrachtete sie inmitten der Bäume. Ihr Gesicht, von Sommer und Wind gebräunt, war von Blättern umrahmt und plötzlich leuchteten grüne Funken in ihren Augen. Sie war nicht schön im klassischen Sinn, aber jetzt hier einfach anziehend.
Benedikt dachte: Wenn man sie einkleidest, Haare offen, wäre sie … hübsch.
Sie rührte ihn, ihre Naivität, so ganz anders als die anderen Dorfmädchen, die er jemals getroffen hatte.
Danke, liebes Fräulein, Sie haben mir das Leben gerettet! Ich hätte noch ewig hier herumgestolpert in dieser stinkenden Robe.
Marlene sah ihn schweigend an und runzelte die Stirn:
Sie hatten eine Robe an. Sind Sie ein Sträfling?
Nein, natürlich nicht!, war er fast beleidigt. Aber ich kann Sie verstehen. Ich war auf der Hochzeit eines Freundes, fühlte mich danach nicht gut. Ich stellte mein Auto ab, schlief im Wäldchen. Dann, plötzlich, griff mich ein Mann an und raubte mich aus. Als ich wieder zu mir kam, lag ich im Wald, ohne alles, nur seine Robe blieb mir und ich zog sie notgedrungen an. Wahrscheinlich ist er jetzt in meinem Auto unterwegs, während ich mich durch die Wälder schlage…
Marlene blickte mitleidig:
Sie haben eine Beule am Kopf. Tut es weh?
Er lachte:
Bis zur nächsten Hochzeit ist alles verheilt. Ich muss nur zur nächsten Polizeistation und Anzeige erstatten.
Passen Sie auf sich auf, lächelte Marlene.
***
Marlene kehrte zurück, Mutter und Großmutter erwarteten sie. Mathilde fiel gleich ein:
Willst du uns alle ins Unglück stürzen? Einen Kriminellen hast du angeschleppt!
Nein, Oma, er war einfach in Not, kein Sträfling. Ich verstehe dich nicht.
Glaub ihm nur! Er erzählt dir alles, und du glaubst jedem Wort! Wie kann man nur so naiv sein? Ich möchte noch ein bisschen leben! Der Mann ist gefährlich, und du bist dumm und vertrauensselig!
Diese Tirade bohrte und nörgelte derart an ihr, dass Marlene letztlich aus dem Haus in den Wald flüchtete.
Die Dämmerung setzte bereits ein.
Sie setzte sich an den See und blickte ins Wasser ein außergewöhnlicher Tag voller Entdeckungen.
Von Benedikt hatte sie erfahren, wie der Rest der Welt lebte:
Im Wald zu leben war out. Fast alle wohnten in modernen Wohnungen oder Häusern mit Strom, Zentralheizung, und fließendem Wasser, schauten Fernsehen oder lasen E-Books.
Sie ahnte das schon immer: Als sie bei Oma stöberte, fand sie ein altes Fotoalbum Bilder aus einer anderen Welt, bunt, hell, friedlich.
Mutter und Großmutter hatten sie wohl absichtlich isoliert, damit sie das nie sah.
Versunken starrte sie ins Wasser, bis plötzlich ein Schatten am Ufer auftauchte. Jemand schöpfte mit dem Eimer Wasser und verschwand wieder im Dickicht. An seiner schleppenden Bewegung sah Marlene, dass er alt war. Neugierig folgte sie ihm.
Sie konnte sich nahezu lautlos im Wald bewegen.
Nach einer kurzen Strecke öffnete der Alte eine getarnte Tür im Hügel, schlüpfte hinein, verschloss sie. Marlene blinzelte: Diese Tür war ihr nie aufgefallen so überwachsen mit Moos, dass sie unsichtbar war.
Komisch gleich hinter dem Haus versteckt sich also jemand im Erdloch.
***
Am nächsten Tag suchte Marlene den Hügel auf, setzte sich auf die nahe Beerenlichtung, um zu beobachten.
Am späten Nachmittag kam der Alte heraus: ein magerer, zitternder Greis, mit Buckel und winzigem Blecheimer. Vermutlich wollte er Wasser holen.
Marlene schlich näher.
Sie sehnte sich tatsächlich nach einem Gespräch.
Die beiden alten Frauen daheim schnitten sie ohnehin nur, hackten auf ihr herum, hatten nichts für sie übrig außer Arbeit.
Guten Tag, sagte sie. Der Alte fuhr zusammen, ließ fast den Eimer fallen. Dann, beruhigt von ihrem Anblick, nahm er das Wasser ab:
Ich helfe Ihnen. Wohnen Sie hier? Wir sind gleich nebenan, warum kennen wir uns nicht? Leben Sie in einer… Erdhütte?
Der Alte runzelte die Stirn und nahm ihr schweigend den Eimer wieder ab.
Am Abend, beim Abendbrot, erzählte Marlene von dem sonderbaren Alten im Bau.
Mutter reagierte gleichgültig, doch Oma…
Was für ein Greis? Wie sah er aus?, fragte sie nervös. Ach dieser Schuft…
Marlene und Maria blickten sie an:
Du kennst ihn?
Das ist dein Opa! Er versteckt sich vor mir. So viel zu tot. Er hat den Tod nur gespielt, ist abgehauen wie ein angeschossener Dachs! Mich hat er reingelegt!
Marlene war fassungslos.
Das also ist Opa Max, der unser Haus gebaut hat? Warum hast du nie sein Grab gezeigt? Das ist ja furchtbar…
Tränen kullerten über Marlenes Wangen.
***
Weinend lief sie zurück zum Hügel.
Sie fand die Tür, riss so fest daran, dass sie nachgab.
Der alte Mann lag auf einer Pritsche, gekrümmt, ausgemergelt wie ein alter Hund.
Marlene betrachtete die armselige Hütte.
Ein provisorischer, aus alten Dosen gezimmerter Tisch, leere Büchsen als Geschirr…
Was willst du?, knurrte der Alte.
Opa Max, warum hast du nicht gesagt, dass du mein Opa bist?
Der Alte setzte sich auf, die Augen funkelten wütend:
Lasst mich in Ruhe! Sag dieser Hexe, ich schulde ihr nichts. Das neue Haus hab ich ihr hinterlassen!
Er schob Marlene hinaus, knallte die Tür zu.
Marlene riss heftig daran, das Scharnier brach.
Der Opa tobte, brüllte:
Was machst du, dummes Mädchen?! Was willst du?
Du bist mein Opa! Ich will einfach bei dir sein!
Blödsinn ich bin nicht dein Opa. Überleg mal! Maria hat dich nie geboren. Sie war unfruchtbar. Du bist das Kind ihres ersten Mannes, eines Witwers. Sie hat dich nach der Scheidung mitgenommen. Mich wundert nichts mehr. Und jetzt schließ die Tür!
Sein Blick war voller Hass.
***
Wie sie zurück durch den Wald raste, davon hatte sie keine Erinnerung mehr. Sie irrte weinend und kraftlos herum, stolperte, fiel und blieb zuletzt schluchzend liegen.
***
Sagt sie, sie lebte im Wald! Das ist doch der reinste Wahnsinn!, rief Tamara Dietrich, eine große Frau im Business-Kostüm, aufgeregt im Büro herumfuchtelnd.
Das Mädel ist dreißig, hat keine Papiere, war nie in der Schule! Ein weiblicher Mowgli! Was machen wir mit so jemandem? Sie sitzt draußen und weint!
Der Bürgermeister blinzelte:
Nie zur Schule? Das gibts ja nicht! Dann gibt es jetzt Theater. Ich bin erst seit zwei Jahren hier woher soll ich wissen, wer diese drei Frauen im Wald sind? Und ich muss mich verantworten…
Na klar, wir stecken mitten drin! Ich weiß auch nicht mehr weiter!
Er seufzte:
Ruf sie herein. Ich spreche mit ihr. Was will sie, woher kommt sie, was braucht sie…
Verschwollen trat Marlene ins Zimmer, setzte sich.
Ich wurde belogen, von Muttern und Oma. Bin ihnen nicht mal verwandt! Aber ich lebte mit ihnen im Wald, arbeitete für sie… Ich weiß nicht, wohin jetzt. Aber zurück gehe ich nicht ich hasse sie. Und mir tut der Großvater leid
Der Bürgermeister warf einen Blick auf Tamara.
Bitte bringen Sie Tee. Und eine Schokolade. Und Sie, Marlene, erzählen Sie alles.
***
Anfangs fiel Marlene die Eingewöhnung schwer. Oft war sie versucht, wieder in den geliebten Wald zu entfliehen Beeren pflücken, Holz hacken, leben wie gehabt.
Doch das Leben in Gesellschaft war leichter.
Sie wunderte sich über die einfache Arbeit: In einem kleinen Markt wischte sie Böden, füllte Wasser aus dem Hahn keine Eimer schleppen, kein Eis hacken, Mitleid für ihr früheres Leben.
Jetzt verdiente sie Euro, konnte Essen und Kleider kaufen, ohne im Wald jagen zu müssen.
Ihre Mutter und Oma hatten sie um all das betrogen. Sie hatten sie ausgenutzt.
Als Marlene um Gerechtigkeit bat, kehrten die beiden ihr einfach den Rücken:
Wir sind nicht deine Familie. Geh, wohin du willst. Papiere? Haben wir nicht verschwinde.
So viel war ihren Worten wert.
***
Marlene! Bist du das…?, hörte sie einen vertrauten Ruf, als sie gerade den Müll rausbrachte.
Marlene fuhr herum, das Herz stieg ihr in die Kehle.
Benedikt.
Er stand da, im Mantel mit Aktentasche, fassbar und greifbar.
Meine Retterin!, sagte er mit warmem Lächeln.
Verlegen stotterte sie:
Sind Sie denn nicht… festgenommen worden?
Festgenommen? Warum?
Sie erinnerte sich an Omas Worte, dass er ein Flüchtling sei und verwarf sie mit einem inneren Lachen.
Marlene glaubte Mathilde nicht mehr lieber diesem Fremden.
Verwirrt, aber froh, lächelte sie:
Ach, lassen wir das. Was für ein Zufall!
Benedikt lächelte herzlich.
Ja, ich war im Wald und habe nach Ihnen gesucht, die Oma meinte, Sie seien verschwunden. Ich war schon ganz verzweifelt. Aber hier sind Sie ich freue mich sehr.
Marlene lachte, laut und befreit.
Benedikt stimmte ein, dann bot er an:
Ich muss gleich noch etwas erledigen. Aber ich komme wieder. Wann kann ich Sie treffen?
Ich arbeite hier im Markt, putze Böden, gestand sie offen.
Ich bin in einer Stunde zurück, wann haben Sie Feierabend?
Dann bin ich fertig.
Bleiben Sie, ich hole Sie ab.
*
Nachdenklich kehrte Marlene zurück in den Laden.
Zina, die Verkäuferin, schlich ans Fenster, beäugte die Szene und spähte zu ihr:
Mit Benedikt? Ihr seid bekannt? Marlene…? Du überraschst mich!
Ich sage nichts, lächelte Marlene zurück.
Lass mich nur arbeiten, winkte sie ab.
Ihr Herz war leicht wie nie. Benedikt war kein Ausbrecher, sondern ein ganz normaler Mann und ihre Hilfe konnte sie gebrauchen.
Sie würde ihn bitten, den alten Opa aus dem Wald zu holen: Nun hatte sie ein Zimmer im Wohnheim, festen Wohnsitz in der Kreisstadt, wo ihr geholfen wurde, Papiere zu besorgen und Arbeit zu finden.
Jetzt könnte sie dem alten Mann helfen, ihm eine Schüssel Suppe und einen sicheren Platz geben.
Und Benedikt fuhr glücklich mit dem Wagen davon.
Er hatte das Waldmädchen gefunden. Sein Herz schlug Purzelbäume sie war ihm wichtig.
Er hatte viele Frauen getroffen, doch nur Marlene ließ ihn nicht mehr los.
Eine Begegnung war zu wenig.
Sein einziger Wunsch: Sie nicht wieder zu verlieren.
Doch daran musste er nicht zweifeln, sie arbeitete ja jetzt in diesem Markt! Warum hatte er sie nie zuvor gesehen? Ach, stimmt: Er hatte Zina gebeten, eine Reinigungskraft einzustellen
*
Verkäuferin Zina war niedergeschlagen.
Der Chef hatte sie gebeten, den Laden jetzt selbst zu putzen. Er selbst brachte die Reinigungskraft Marlene zum Auto und fuhr mit ihr davon, umgab sie mit Zuvorkommenheit.
Seufzend fragte sich Zina, warum das Schicksal so ungerecht ist.
Seit drei Jahren machte sie Benedikt schöne Augen doch jetzt brannte er für die kleine Marlene.
Verliebt wie ein Schuljunge, murmelte sie.
Wie konnte das sein? Und Marlene tat so unschuldig vielleicht ist sie bald verlobt! So wie Benedikt auf sie blickte. Einfach ärgerlich!




