Der Fluch der Einsamkeit: Wenn das Glück der Liebe ausbleibt

Der ewige Single-Fluch

Und diesen Vertrag musst du heute noch verschicken. Anja, hörst du mir überhaupt zu? In welchen Wolken hängst du schon wieder? Hannelore schob sanft die Schulter ihrer Buchhalterin und liebsten Freundin an. Ist etwas passiert?

Ach, Hanne! Ich kriege Svenja einfach nicht aus dem Kopf! Stell dir vor, sie kam gestern zwei Stunden später nach Hause. Ich hab sie gefragt, wo sie war, aber sie hat nur geschwiegen! Was geht bloß in dem Kind vor?!

Anja, jetzt mal ehrlich deine Svenja ist 26. Kein Kind mehr. Und bei dir ist sie immer noch die kleine Mausi. Wirds nicht Zeit, sie langsam erwachsen werden zu lassen?

Für eine Mutter bleibt das Kind immer das Baby! Oder weißt du das etwa nicht? Wie erwachsen werden, Hanne?! Hast du sie gesehen? Ein echtes Pusteblümchen! Einmal pusten und sie fliegt davon! Und wohin? Wozu? Ich hab solche Angst um sie, du verstehst das nicht! Du hasts leicht, deine Jungs sind ja Musterbeispiele an Selbstständigkeit.

Naja, die Selbstständigkeit haben sie ja nicht gepachtet. War halt viel Erziehung dabei.

Du hast wenigstens einen Mann! Der hat die Jungs erzogen, alles richtig gemacht. Er war eben Vater. Ich hab Svenja allein großgezogen, das weißt du doch! Ihr Vater Gott bewahre, dass ich an den denke hat sich nie für sie interessiert. Aber jetzt taucht er plötzlich auf. Na hallo, hat man ihn vermisst?! Weißt du, was der will? Kontakt! Ausgerechnet! Was soll Svenja mit diesem Schmarotzer? Sie hat schon genug eigene Baustellen!

Naja, den Kontakt zur Tochter hast du ihm ja immer verwehrt. Sorry, Anja, aber so wars! Erinnerst du dich gar nicht mehr, wie du früher immer hysterisch wurdest, als ihr noch zusammen wart? Und ich weiß noch, wie du nachts mit dem Baby zu mir geflüchtet bist. Später hast du Svenja ständig eingetrichtert, dass ihr Vater ein mieser Kerl ist. Super pädagogisch, wirklich! Und warum das Ganze?

Ich hab ihn nun mal nicht geliebt! Hanne, du kennst die ganze Geschichte! Warum jetzt drauf herumreiten?

Schon klar Aber hast du Svenja mal gefragt, ob sie überhaupt Kontakt will?

Was soll sie schon sagen? Sie heult dann und tut mir leid! Anja knallte das Dienstsiegel auf den Tisch. Erledigt! Unterschreib! Ehrlich, Hanne, mit dir zu quatschen kann einem den ganzen Tag vermiesen! Bist du jetzt Freundin oder Chefanklägerin? Warum kritisierst du mich immer, statt mich mal zu unterstützen?

Wer soll dir sonst ehrlich ins Gesicht sagen, was los ist? Wir kennen uns schon fast fünfzig Jahre. Soll ich dir jetzt nur noch Honig ums Maul schmieren und mit dir gleich losheulen? Mir tut Svenja genau so leid wie meine eigenen Jungs. Die ist bei mir groß geworden! Es tut weh zu sehen, wie du sie schon längst zur alten Jungfer ernannt hast. Eine kluge, hübsche Frau, aber total eingeschüchtert.

Was?! Jetzt reichts, Hanne!

Ich sag nur, wies ist! Die Frau könnte längst eigene Kinder haben, aber sie hüpft noch immer als dein Häschen um dich herum. Mamilein hier, Mamilein da Das ist doch nicht normal! Anja, hast du eigentlich kein schlechtes Gewissen? Kaum kommt sie mal später nach Hause, gibts gleich einen Eklat! Dann redest du tagelang nicht mit ihr und glaubst kein Wort, egal ob sie sagt, dass Stau war oder das Auto nicht ansprang. Wie soll sie denn ihr eigenes Leben auf die Beine stellen, wenn du ständig mit Stoppuhr daneben stehst?

Du hast ja keine Ahnung! Hab ich nicht alles für sie gemacht? Gute Ausbildung! Ihr ein Auto gekauft! Ich zieh sie an wie eine Schaufensterpuppe! Jedes Jahr fahren wir in den Urlaub!

Jaaa und im Urlaub führst du sie wie ein Blindenhund an der Leine. Schritt nach rechts, Schritt nach links Ausbruch! Stillstehen ist bei dir sowieso verboten und wenn man mal nachfragt, warum du so viel kontrollierst, ist wieder alles verkehrt. Sie weiß schon gar nicht mehr, wie sie sich dir nähern kann. Selbst das Auto darf sie nicht wechseln täglich neue Regeln! Hier nicht hin, dort nicht hin, bitte in der Luft schweben und um Himmels Willen nicht atmen! Anja, mit dir ist es echt schwierig! Und jetzt hab ich wieder Blutdruck Hannelore ließ sich schwer in ihren Bürostuhl plumpsen und lockerte ihre Bluse am Hals. Lass das Kind doch endlich leben! Du hast ihr höchstpersönlich den Edelstein-Singlefluch aufgesetzt Nur weil du unglücklich warst, muss sie es auch bleiben? Ehrlich jetzt?

Hanne Was ist nur los mit dir? So kenn ich dich gar nicht! Stress zu Hause? Haben die Jungs was angestellt? Warum bist du heute wie ausgewechselt? Der einzige Satz, der von dir einen Funken Sinn ergibt, ist, dass vielleicht wirklich ein Fluch auf Svenja liegt Wieso ist mir das nie eingefallen?! Hanne! Ich brauch eine gute alte Wahrsagerin!

Anja, du hast echt zu viel Tatort geguckt! Ehrlich jetzt? Hannelore stöhnte, während sie auf das Foto ihrer Jungs auf ihrem Schreibtisch starrte.

Ihre Söhne damals vielleicht sechs Jahre alt hockten auf einem uralten Apfelbaum im Opas Garten, darunter stand ein kleines Mädchen mit wilder Mähne. Sie wusste noch, wie Anja damals gemeckert hatte, als die Zöpfe wieder mal in alle Richtungen zeigten. Kleine Svenja stand da wie ein Soldat und wagte kaum, die Mutter auch nur kurz anzusehen. Anja hatte nie gebrüllt, aber dieser monotone Vorwurf, der mitten ins Herz traf in die Mutterliebe der war furchtbar. Hannelore erinnerte sich bis heute an die Gänsehaut, als Anja eiskalt sagte: Wer sich so gehen lässt, liebt seine Mutter nicht! Ein Mädchen darf einfach nicht so zottelig rumlaufen!

Hannelore musste schmunzeln, weil sie selbst nach solchen Sprüchen immer an ihren eigenen Haaren herumzupfte. Was sollte da wohl ein kleines Mädchen machen?
Und es hatte sich nichts geändert Für Anja blieb Svenja das kleine Mädchen, egal wie alt sie wurde. Tausendmal hatte Hannelore versucht, sie wachzurütteln vergeblich! Anja blockte alles ab.

Die Söhne von Hannelore hatten längst ihr eigenes Leben gebaut und sorgten inzwischen für Enkel, während Svenja immer noch wie auf rohen Eiern um ihre Mutter schlich, bloß um ja keinen Widerspruch zu riskieren.

Und jetzt wollte Anja zur Wahrsagerin? Ernsthaft? Manchmal ist eine andere Seele wirklich so dunkel wie der Thüringer Wald kein Sonnenstrahl kommt da durch und im Nebel heulen die hungrigen Wölfe, die sich an anderer Leute Glück sattfressen wollen…

Plötzlich machte es Klick bei Hannelore. Sie richtete sich auf und piekste mit dem Finger auf ihre Freundin: Habs! Ich kenn so eine Frau! Warum ist mir das nicht gleich eingefallen?! Anja, willst du das wirklich ernsthaft?

Warum fragst du überhaupt? Klar will ich das! Svenja ist mein einziges Kind! Was sollte ich mir denn sonst wünschen, als ihr Glück?

Hannelore versteckte ein kleines Lächeln und suchte im Kalender. Schick schon mal den Vertrag ab. Ich regle das andere. Wenns klappt, fahren wir am Wochenende hin.

Wohin?

In ein Dorf! Wo sonst?! Glaubst du etwa, Wahrsagerinnen sitzen im schicken Büro am Alexanderplatz? Also! Keine Sorge, ich mach das! Los, ab mit dir!

Kaum war Anja raus, wählte Hannelore eine Nummer und grinste. Dagmar, guten Tag! Ja, ich bins! Ich brauch dringend deine Hilfe für eine Freundin, nicht für mich. Treffen wir uns? Es ist wirklich wichtig und ziemlich dringend!

Drei Tage später holperte Hannelores Volvo über eine Landstraße vor den Toren Marburgs.

Wie weit ist das noch, Hanne? Anja war giftig und starrte verstohlen zu ihrer Tochter.

Gestern war Svenja wieder zu spät gekommen und statt wie früher eine Entschuldigung abzuliefern, hatte sie einfach die Tür hinter ihrer Mutter zugeknallt. Das hatte sie noch nie getan. Anja versuchte jetzt krampfhaft, ihrer Tochter aus dem Weg zu gehen, sah sie aber immer wieder verstohlen an. Was war nur los mit dem Kind, dass sie sich plötzlich so veränderte? Sogar jetzt saß Svenja in Jeans und dem frechen T-Shirt neben ihr, obwohl sie gebeten war, sich ordentlich anzuziehen.

Zieh einen langen Rock an und eine schlichte Bluse. Wir fahren schließlich nicht zur Love Parade!

Mensch Mama, als ob ich jemals auf der Love Parade war! Glaub nicht, dass ich da weiß, was man anzieht. Mir reichen die Zecken auf dem Dorfacker also bleib ich lieber bei Jeans.

Das ist doch nicht angemessen!

Warum nicht? Wir fahren ja auch nicht in die Kirche.

Nein! Aber trotzdem, ich würde bevorzugen…

Mama, du kannst natürlich immer wünschen. Aber ich bin alt genug, meine Klamotten selbst auszusuchen, okay? Danke! Svenja beendete das Thema resolut wie ein Unternehmensberater. Anja konnte nur übelnehmen und schwieg beleidigt, während sie sich in Hannelores Auto schmiegte den Rücken demonstrativ zur Tochter.

Und, wieder Trouble? Hannelore setzte ein Grinsen auf, während sie losfuhr. Svenja, hast du deine Mutter schon wieder um den Verstand gebracht? Dachte, sie hätte inzwischen den Verstand einmal komplett gedreht. Vielleicht rostet der ja langsam ein!

Svenja lachte auf und verstummte gleich wieder, als sie ihre Mutter besorgt ansah.

Warum hat sie es so schwer?

Alles hatte sie ihrer Tochter auf dem Silbertablett serviert mit drei goldenen Rändern! Und auch Hannelore bekam immer das Beste: Anja leitete seit Jahren ihre Firma perfekt, ohne einen einzigen Skandal oder Strafbescheid als wäre es die eigene. Auch wenn sie längst Mitinhaberin war, gehörte der Löwenanteil doch noch Hannelore und deren Söhnen. Aber welche Rolle spielte das? Wer bedankt sich heute noch für irgendetwas?

Gerade als Anja sich in Selbstmitleid wälzte, trat Hannelore auf die Bremse.

Wasn jetzt?

Guck mal!

Mitten auf der schmalen Landstraße stand eine Ziege! Weiß wie Schnee, mit Hörnern und einem ziemlich beleidigten Gesichtsausdruck. Sie meckerte, drehte sich um, schmiss schnell ein paar Ziegenböhnchen auf die Straße und stolzierte davon. Würdevoll.

Angekommen Anja verzog das Gesicht.

Tja, schon mal so einen Empfang gehabt? Hannelore zwinkerte Svenja zu und drehte den Schlüssel um.

Ab jetzt nur noch zu Fuß, meine Damen. Oma Dörte hält nix von Technik meint, das stinkt und verschreckt die Tiere. Und bevor sie uns verflucht, sollten wir lieber brav sein!

Svenja stieg aus und holte tief Luft. Der Morgen roch nach frischem Brot, Rauch und Kamille.

Sie konnte sich kaum daran erinnern, wann sie zuletzt so etwas wie einen Ausflug gemacht hatte, es sei denn, es ging mit Hannelores Familie zum Grillen auf die Datsche. Mit Hannelores Söhnen war sie immer noch befreundet und verstand sich auch bestens mit deren Frauen. Als Patentante kümmerte sie sich rührend um die kleine Rasselbande und deren Mütter versuchten verzweifelt, mit allen Tricks Svenjas Liebesleben anzukurbeln. Bislang leider erfolglos.

Mama, ist das nicht schön hier? Svenja vergaß kurz das schlechte Wetter zu Hause.

Ihre Mutter ließ sich aber davon nicht anstecken und stapfte ohne ein Wort zur Gartenpforte.

Anja, lass doch die Svenja erst durch, sie braucht doch die Hilfe!

Hannelore lachte, doch Anja ignorierte sie. Sie betrachtete das morsche Hüttchen, aus dem Brotdampf strömte und bekam es plötzlich mit der Angst.

Stehst du noch draußen? Los, rein, wenn du schon mal da bist!

Die Stimme der alten Dame, spröde und krächzend, ließ Anja schaudern. Wie eine Eule schob sich Oma Dörte, krumm wie eine Bockwurst, über den Hof und verschwand im Haus, bevor Anja überhaupt reagieren konnte.

Die war aber schnell Anja suchte nervös nach Halt bei ihrer Tochter, die nur neugierig zurückblickte. Was glotzt du so, Svenja? Das machen wir nur für dich. Bind dir die Haare zurück und komm! Besser, es schnell hinter sich zu bringen.

Im Haus war es dunkel. Die Fenster zugehängt, die Luft schwer. Am Tisch saß die Chefin des Hauses.

Beeilt euch! Hab noch anderes zu tun. Was wollt ihr? Noch ehe Anja antworten konnte, schnitt Oma Dörte ihr das Wort ab. Ach, ich seh’s schon! Fluch abnehmen. Na dann komm.

Was denn geben?

Was du da hast! Ring, Tuch, vielleicht ne Kerze, aber bitte keinen Mohnkuchen das dauert zu lange. Wir kriegen das schon hin!

Danach begann ein so schräges Ritual, dass Anja sprachlos wurde. Sie tropfte Wachs, murmelte Geisterformeln nach, machte alles brav mit, bis sie plötzlich zusammenzuckte.

Warte mal! Das ist doch gar nicht für mich!

Ach, und für wen dann? Hier stimmt bei allen anderen alles. Denkst du, ich hab keine Ahnung? Glaubst du etwa, ich hab keine Erfahrung?

So ernst und unbestechlich klang die Alte, dass Anja den Mund hielt.

Fertig, Mädchen! Ab nach Hause und: Bleib so, wie du bist! Du sollst dich nicht verbiegen. Der Richtige wird kommen, keine Sorge. Warts ab! Was schielst du mich jetzt so an? Ich hab gesagt, was gesagt werden musste. Tschüss!

Svenja und Hannelore stürzten raus, während Anja perplex stehenblieb.

Und was ist mit meiner Tochter?

Was soll sein? Ein tolles Mädel! Sorg schon mal für Babystrampler, Oma!

Anja japste.

Was für ein Baby denn?!

Kernig und gesund oder ein Enkelkind. Mal sehen. Was bist du so schreckhaft? Freust dich nicht? Du hast deiner Tochter einen so dicken Schatten aufgeladen, dass es schon bedenklich war. Jetzt ist nur noch ein Hauch da das verschwindet in ein, zwei Tagen. Hab den Fluch von ihr genommen.

Fluch? Jetzt erzählen Sie keinen Quatsch!

Nix Quatsch! Kein Mensch kann sein Kind so verfluchen wie die eigene Mutter. Und du warst ganz vorn dabei! Alles, was sie getan hat, war falsch für dich: falsche Freunde, falscher Zeitpunkt heimzukommen, falsche Klamotten. Den Vater hast du ihr auch ausgeredet! Aber der ist und bleibt halt ihr Papa. Was maßt du dir eigentlich an?!

Anja hörte wie betäubt zu. War sie wirklich so schlimm? Hatte sie Svenja so sehr verloren?

Nein! schrie sie fast und stürzte raus, ohne zu merken, wie Oma Dörte ihr verschmitzt hinterhergrinste. Sie versteckte die langen Nägel sofort wieder unter ihrem Kittel, da sie sonst immer wie eine Hexe auftrat aber Anja hatte keine Ahnung.

Das Sonnenlicht blendete Anja, sie blinzelte und sah Svenja und Hannelore im Hof stehen. Die beiden lachten und taten sofort so, als wäre nichts gewesen.

Mama, alles okay?

Nichts ist okay! Hanne, lass uns abhauen! Mir platzt der Schädel!

Auf der Rückfahrt schwieg Anja. Svenja sah sie ab und zu besorgt an, traute sich aber nicht zu fragen. Hannelore grinste durch den Rückspiegel und flüsterte Svenja zu: Na, bist du zufrieden? Alles so wie du wolltest?

Wie soll ich das wissen, Hanne?! Die war so komisch! Alles so streng und böse… warum?

Dachtest du, sie tanzt gleich den Boogie für euch? Weißt du, wie ihre Warteliste aussieht?! Ich hab sie nur mit Müh und Not dazu gebracht, euch vorzuziehen!

Jaja, danke Anja klang abwesend. Hannelore bremste sogar leicht ab.

Was ist los, Freundin?

Weiß nicht. Ich fühl mich irgendwie… anders.

Das ist gut! Dann wirkts!

Svenja, lass uns den Bummel heute sein lassen. Die Sandalen kauf ich später. Jetzt nach Hause, ja?

Vor lauter Überraschung nickte Svenja nur. Seit Jahren bestand ihre Mutter darauf, sie Mäuschen zu nennen was sie immer in den Wahnsinn trieb.

Du bist mein Mäuschen! Mein Mädchen! Mein Sonnenschein!

Mama, darf ich vielleicht doch einfach Svenja sein?

Nein. Das klingt so kalt… Du willst mich doch nicht traurig machen?

Dass ihre Mutter sie jetzt beim Namen nannte, bedeutete für Svenja die Welt.

Na klar, Mama. Wenn du meinst Ich treff mich dann nachher mit den Mädels, ist das okay?

Geh ruhig! Viel Spaß!

Anja schaute gedankenverloren aus dem Fenster auf die Hochhäuser, während Hannelore raunte: Wahnsinn, das wirkt ja wirklich!

Am Abend lachten Svenja und ihre Freundinnen herzlichst im Café Central, bis ihnen die Bäuche wehtaten.

Und dann, stellt euch vor, hats plötzlich gejuckt, ich hab mich gekratzt und fast wär der falsche Fingernagel von meinem Hexenkostüm abgefallen! Wenn Anjas Mutter das gesehen hätte, wär die Show vorbei gewesen! Mein Nagelstudio hatte zu, weil mein Friseur krank war und ich bin stattdessen mit meiner Oma losgezogen, der Rest war Improvisation! Und dann die Maskerade, das Gemurmel… Keine Ahnung, wo ich den ganzen Quatsch herhatte! Wahrscheinlich stammt doch alles von meiner Roma-Urgroßtante!

Dagmar, eine quirlige, braun gelockte Frau, lachte aus vollem Halse und der ganze Tisch stimmte ein.

Tante Hanne, woher kanntest du überhaupt Dagmar?

Ach, das war bei Felix Geburtstag. Ich hab fast gebetet, dass deine Mutter sie nicht erkennt da war sie ja noch die brave Nachhilfelehrerin

Vergleich mal: da Mensch, hier Baba Yaga! Ein bisschen Schauspielerei steckt halt doch in mir. Das war alles Impro!

Wir habens gefeiert, Dagmar! War Weltklasse! Anja hat alles geglaubt!

Mehr als das! Hannelore wischte sich Lachtränen aus den Augen. Wozu tut man nicht alles, um der liebsten Freundin endlich die Tomaten von den Augen zu nehmen? Svenja, jetzt kannst du deinen Dennis ruhig vorstellen. Ich glaube, sogar ihren Vater wirst du zur Hochzeit einladen dürfen. Nach Daggis Standpauke wird sich Anja noch lange erholen. Sie hat mir heut schon fünfmal angerufen, voller Reue. Sie weiß gar nicht, wie sie an dich rankommt!

Schon gut Svenja schmiegte sich an die Schulter ihres Zukünftigen. Papa, meinst du, wir können ihr endlich sagen, dass du uns die Wohnung gekauft hast?

Wartet lieber noch bis zur Hochzeit. Dann schenke ich euch die Schlüssel. Bald ist gar nicht mehr viel zu tun Morgen zeig ich dem Fliesenleger alles. Tochter?

Hm?

Hat Mama wirklich nichts geahnt?

Null.

Schon schade für sie. Dass du über ein Jahr mit Dennis zusammen bist, weiß sie null. Na ja

Svenja wurde ernst und seufzte. Was machen? Wo kein echtes Vertrauen ist, gibts immer zu viele Geheimnisse. Ich wollte ihr gar nichts verheimlichen, aber alles riskieren konnte ich mit Dennis auch nicht. Hanne sei Dank sie hat alles in die Wege geleitet.

Ach komm! Schon lange keine so gute Komödie mehr gesehen! Dagmar, du bist ein Genie!

Noch nicht. Ich übe noch. Aber vielleicht sollte ich jetzt echt im Vollzeitgewerbe Flüche lösen?! Hat doch ganz gut funktioniert, finde ich!

Wie gut das wirklich funktionierte, erfährt Dagmar zwei Jahre später, als Hannelore sie anruft: Erinnerst du dich an Anja? Du hast bei ihr echt den Fluch aufgehoben! Die ist inzwischen Oma Svenja hat ihr ein bezauberndes Enkelkind geschenkt und jetzt heiratet sie sogar noch selbst! Überleg dir das mal, Daggi: Was für Talente du da verschwendest! Du könntest für Hochzeiten buchen! Unglaublich, was alles geht in DeutschlandDagmar lachte, die Hörerhand zitterte ein bisschen. Ach, Hanne Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet ich mal für Happy Ends zuständig sein würde! Aber weißt du was? Vielleicht war ja der einzige echte Zauber, dass mal jemand laut gesagt hat, was keiner sonst aussprechen wollte.

Hannelore kicherte. Und siehst du, wies läuft? Manchmal reicht so ein Anstoß, und alte Schatten verfliegen zusammen mit dem Ziegengeruch auf dem Land.

Und? Was machen die beiden Anja und ihr Bräutigam?

Packen Umzugskisten! Die ziehen jetzt zu Svenja, Dennis und dem kleinen Fratz. Drei Generationen, ein Haus, viele offene Türen. Aber weißt du, wer am lautesten lacht?

Dagmar schmunzelte, riet aber: Svenja?

Der kleine Emil! Dem ist alles egal, Hauptsache, er darf morgens an Omas Zöpfen ziehen. Und Anja? Die lässt das jetzt zu. Ohne eine einzige Mahnung!

Ein stilles, warmes Lächeln legte sich auf Dagmars Gesicht. Vielleicht hatte ja wirklich nur einer einen Fluch ausgesprochen aber nun war eindeutig genug gelacht und gelebt worden, dass jeder Schatten ganz langsam verblasste. Von draußen rief gerade jemand: Daggi! Kommt ihr? Die Grillwürstchen sind fertig!

Ich muss Schluss machen, Hanne. Aber weißt du was? Falls wieder irgendwo ein Fluch gesichtet wird ruf an. Ich bring dann Ziegenböhnchen mit.

Hannelores Lachen hallte durch den Hörer. Mach das, meine Liebe! Wir zwei wir können zaubern. Nur nicht immer, was erwartet wird. Aber was gebraucht wird, das schaffen wir schon!

Und draußen im Garten, als die Sonne unterging, lag über drei Generationen und ihrer wunderlichen, widerspenstigen Liebe dieselbe Leichtigkeit wie damals, als das Pusteblümchen Svenja zum ersten Mal wirklich atmete und der Fluch ob nun echt oder nur erfunden einfach fortgeweht wurde.

Denn manchmal beginnt das Glück erst, wenn endlich jemand sagt: Lass es los, lass sie leben. Und plötzlich, ganz ohne Zauberformeln, geschieht das Beste von allein.

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Homy
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Der Fluch der Einsamkeit: Wenn das Glück der Liebe ausbleibt
Heimkehr von der Geburtstagsfeier: Erinnerungen an einen unvergesslichen Abend Andrea kam mit ihrem Mann Stefan aus dem Restaurant zurück, wo sie seinen Geburtstag gefeiert hatten. Es war ein wunderschöner Abend gewesen. Viele Menschen waren da – Verwandte, Kollegen aus dem Büro. Die meisten hatte Andrea zum ersten Mal gesehen, aber wenn Stefan sie eingeladen hatte, dann musste es wohl so sein. Andrea war nicht der Typ, der mit ihrem Mann über seine Entscheidungen streitet; sie mochte keine Auseinandersetzungen, keine Dramen. Es war leichter, Stefans Entscheidungen zu akzeptieren, als auf dem eigenen Standpunkt zu beharren. „Andrea, hast du deinen Wohnungsschlüssel griffbereit? Findest du ihn?“ Andrea öffnete ihre Handtasche, suchte nach dem Schlüssel. Plötzlich – ein stechender Schmerz, sie zuckte so heftig zusammen, dass die Tasche aus der Hand fiel. „Was schreist du denn da so?“ „Ich habe mich an etwas gestochen!“ „Bei deinem Taschen-Chaos kein Wunder…“ Andrea widersprach ihrem Mann nicht, hob ihre Tasche auf und zog vorsichtig den Schlüssel heraus. Sie betraten die Wohnung, und schon hatte sie den kleinen Stich vergessen. Ihre Füße schmerzten vor Müdigkeit, sie sehnte sich nach einer Dusche und wollte einfach nur noch ins Bett fallen. Am nächsten Morgen aber spürte sie einen stechenden Schmerz in der Hand – ein Finger war gerötet und geschwollen. Da erinnerte sie sich an das Ereignis vom Vorabend, holte ihre Tasche und schaute nach, was es gewesen sein könnte. Vorsichtig nahm sie die Sachen heraus – am Boden der Tasche lag eine große, verrostete Nadel. „Wie kommt die denn da rein?“ Andrea wusste nicht, wie sie dorthin gelangt sein konnte. Sie nahm den seltsamen Fund und warf ihn weg. Anschließend desinfizierte sie die Wunde mit dem Erste-Hilfe-Set. Nachdem der Finger versorgt war, ging sie zur Arbeit. Schon mittags spürte sie, dass sie Fieber bekam. Sie rief ihren Mann an: „Stefan, ich fühle mich hundeelend. Vermutlich habe ich mir gestern irgendwas eingefangen. Ich habe Fieber, Kopfschmerzen, Gliederschmerzen. Weißt du, ich hab in meiner Tasche eine verrostete Nadel gefunden – an die habe ich mich gestochen.“ „Vielleicht solltest du zum Arzt gehen, nicht, dass du dir eine Blutvergiftung einfängst.“ „Mach dir keine Sorgen, ich habe die Wunde desinfiziert, das wird schon…“ Doch fast stündlich wurde Andrea schlechter. Sie quälte sich durch den Tag, bestellte sich schließlich ein Taxi nach Hause – mit den öffentlichen Verkehrsmitteln hätte sie den Heimweg nicht geschafft. Zuhause sank sie auf das Sofa und schlief sofort ein. Im Traum erschien ihr ihre Oma Anna, die gestorben war, als Andrea noch ein kleines Mädchen war. Woher sie wusste, dass es die Oma war, wusste Andrea nicht – aber sie wusste es eben. Die Oma, alt und gebeugt, hätte anderen Angst gemacht, doch Andrea spürte, dass sie ihr helfen wollte. Die Oma führte Andrea über eine Wiese, zeigte ihr, welche Pflanzen sie sammeln sollte, erklärte, dass sie daraus einen Sud kochen und trinken müsse, um den „Schwarz“, der sie von innen zerfraß, zu vertreiben. Es gebe jemanden, der ihr übel wolle. Doch um das zu bekämpfen, müsse Andrea am Leben bleiben. Die Zeit sei knapp. Andrea erwachte im kalten Schweiß. Sie dachte, sie hätte lange geschlafen, doch der Blick auf die Uhr verriet ihr: Es waren nur wenige Minuten vorbei. In diesem Moment knallte die Wohnungstür, Stefan war zurück. Andrea schleppte sich in den Flur. Erschrocken sah Stefan sie an: „Was ist denn mit dir passiert? Sieh dich mal im Spiegel an!“ Andrea trat vor den Spiegel. Gestern Abend hatte sie noch eine strahlende, lachende junge Frau gesehen. Doch nun erkannte sie sich kaum wieder: Das Haar strähnig, dunkle Schatten um die Augen, das Gesicht fahl, der Blick leer. „Was ist das nur?“ Andrea erinnerte sich an ihren Traum und erzählte ihrem Mann davon: „Ich habe von Oma Anna geträumt. Sie hat mir gesagt, was ich tun muss…“ „Andrea, zieh dich an, wir fahren ins Krankenhaus!“ „Ich gehe nicht ins Krankenhaus. Oma hat gesagt, da kann mir keiner helfen…“ Ein heftiger Streit entbrannte. Stefan erklärte Andrea für verrückt, weil sie sich von visionären Omas in Träumen leiten lassen wollte. Zum ersten Mal stritten die beiden heftig. Stefan versuchte, sie mit Gewalt ins Auto und zum Arzt zu bringen. „Wenn du nicht freiwillig gehst, schleppe ich dich hin!“ Doch Andrea riss sich los, brach zusammen und stieß sich am Türrahmen. Wütend packte Stefan ihre Tasche, warf die Tür ins Schloss und ging. Alles, was Andrea noch tun konnte, war, ihrem Chef zu schreiben, sie hätte einen Virus erwischt und müsse ein paar Tage zu Hause bleiben. Stefan kam erst kurz vor Mitternacht zurück und entschuldigte sich. Alles, was Andrea sagte: „Bring mich morgen früh in das Dorf, in dem Oma Anna gelebt hat.“ Am nächsten Morgen sah Andrea aus wie ein Schatten ihrer selbst. Stefan flehte sie an: „Andrea, bitte, wir müssen ins Krankenhaus! Ich will dich nicht verlieren.“ Aber sie fuhren ins Dorf. Das einzige, woran Andrea sich erinnerte, war der Name des Dorfes. Dort war sie seit Omas Tod nicht mehr gewesen. Die ganze Fahrt schlief sie. Erst als sie dort ankamen, sagte sie ihrem Mann: „Dort lang.“ Kaum aus dem Auto, sackte sie in der Wiese zusammen, aber irgendwie wusste sie, dass sie am richtigen Ort war. Sie sammelte die Pflanzen, die Oma ihr im Traum gezeigt hatte, und sie fuhren wieder nach Hause. Stefan kochte nach Andreas Anweisung den Sud, und sie begann, ihn in kleinen Schlucken zu trinken – und fühlte, wie es ihr langsam besser ging. Kaum im Bad, stellte Andrea fest, dass ihr Urin pechschwarz gefärbt war. Doch statt Angst zu haben, wiederholte sie die Worte der Oma: „Das Schwarze muss raus…“ In der nächsten Nacht erschien die Oma wieder. – Dir wurde durch eine verrostete Nadel ein Fluch angehängt. Mein Sud gibt dir deine Kraft zurück, aber nicht für lange. Du musst herausfinden, wer das war, und ihm das Böse zurückgeben. Durch die Nadel, die du weggeworfen hast, hätte ich mehr sagen können. Aber… So sollst du es machen: Kauf dir ein Set Nähnadeln, nimm die größte, sprich diesen Spruch über ihr: „Geister der Nacht, späht herbei! Offenbart mir meinen Feind, zeigt mir den Weg…“, und stecke die Nadel in die Tasche deines Mannes. Wer dir den Fluch gebracht hat, wird sich daran stechen. Dann wirst du seinen Namen erfahren und kannst ihm das Böse zurückgeben. Mit diesen Worten verschwand Oma Anna im Nebel. Andrea erwachte. Sie fühlte sich noch schwach, aber sicher, dass sie gesund werden würde – mit Omas Hilfe. Stefan blieb an diesem Tag zu Hause, um sich um sie zu kümmern, war aber verwundert, als Andrea plötzlich sagte, sie müsse alleine zum Einkaufen. „Andrea, das ist doch Unsinn – du kannst kaum auf den Beinen stehen! Lass mich mitkommen.“ „Mach mir bitte eine Suppe. Seit ich diesen Virus habe, habe ich einen Bärenhunger.“ Andrea tat alles wie im Traum, und schon am Abend lag die verzauberte Nadel in Stefans Taschen. Am Abend fragte Stefan: „Schaffst du das wirklich allein? Soll ich noch bleiben?“ „Ich schaffe das.“ Andrea fühlte sich immer besser, aber sie wusste, das Böse war noch nicht ganz aus ihr verschwunden. Doch mit jedem Schluck des Suds wurde es schwächer. Sie wartete auf Stefans Rückkehr nach der Arbeit. An der Tür fragte sie: „Wie war dein Tag?“ „Alles gut – warum fragst du?“ Andrea befürchtete schon, der Täter zeigte sich noch nicht, da erzählte Stefan: „Stell dir vor, heute wollte mir Eva aus dem Nachbarbüro helfen und hat in meine Tasche gegriffen, um meinen Schlüssel zu holen. Sie hat in eine Nadel gegriffen – woher habe ich Nadeln in meiner Tasche? Sie hat mich wütend angesehen…“ „Was ist mit dieser Eva?“ „Andrea, bitte, ich liebe nur dich. Eva, Michaela, völlig uninteressant.“ „War sie auf deiner Geburtstagsfeier? Im Restaurant?“ „Ja, sie ist eine gute Kollegin, nicht mehr.“ Mit diesen Worten erkannte Andrea, wie die alte, rostige Nadel in ihre Tasche gelangt war. Stefan ging in die Küche zum Abendessen. Kaum war Andrea eingeschlafen, erschien ihr wieder die Oma und erklärte ihr, wie sie Eva das Böse zurückgeben konnte. Plötzlich war alles klar: Eva hatte versucht, mit Magie ihre Konkurrentin auszuschalten und Stefans Platz an Andreas Seite zu besetzen – wenn es mit einem Fluch nicht klappen sollte, wäre es wieder Magie. Diese Frau würde nicht locker lassen. Andrea tat, wie ihr geheißen. Schon wenig später berichtete Stefan, dass Eva ins Krankenhaus gekommen war. Ihr ginge es sehr schlecht – die Ärzte waren ratlos. Andrea bat ihren Mann, sie am Wochenende ins Dorf zu fahren, wo Oma Anna gelebt hatte, zum Friedhof. Sie hatte den Ort seit der Beerdigung nicht mehr besucht. Sie kaufte einen großen Blumenstrauß, nahm Gartenhandschuhe mit, um das Grab zu pflegen. Sie fand das Grab der Oma nur mit Mühe. Als sie davorstand, entdeckte sie das Foto auf dem Grabstein – genau das Gesicht, das ihr im Traum erschienen war, genau die Frau, die sie gerettet hatte. Andrea machte das Grab sauber, stellte die Blumen hin, setzte sich auf die Bank und sagte: „Oma, verzeih, dass ich so lange nicht hier war. Ich dachte, wenn die Eltern dich jedes Jahr auf dem Friedhof besuchen, reicht das. Ich lag falsch. Jetzt komme ich auch. Ohne dich wäre ich vielleicht gar nicht mehr da.“ Plötzlich hatte Andrea das Gefühl, dass zwei Hände sanft auf ihren Schultern lagen. Als sie sich umdrehte, war da niemand – nur ein leiser Windhauch…