Damals, in einem der angesehensten Lokale Münchens, dem Königshof, lag stets ein Hauch von teurem Eau de Toilette, weißen Spargeln und diskretem Einfluss in der Luft. Hier verkehrten Menschen, für die zerfetzte Kleidung ein Fremdwort war. Doch an jenem verregneten Abend saß am hintersten Tisch ein alter Mann in abgewetztem Jackett und mit geflickten Ellbogen, der gedankenverloren zum Fenster hinausblickte und nur ein leeres Wasserglas umklammerte.
Felix, ein junger Kellner mit einem warmen Herzen, trat vorsichtig an den Tisch und balancierte mit sicherer Hand ein delikates Gericht aus der Küche.
**Felix:** Bitte nehmen Sie das. Es ist ein Geschenk des Hauses zu Ihrem Ehrentag. Heute ist Ihr Abend, genießen Sie ihn.
Erst blickte der Alte verwundert und mit feuchten Augen auf, doch bevor er antworten konnte, rauschte Herr Schneider, der Geschäftsleiter, mit hochrotem Kopf heran. Ohne ein Wort zu verlieren, riss er dem Gast das Teller aus der Hand.
**Schneider:** Sag mal, was fällt dir eigentlich ein? Hältst du dich für Mutter Theresa? Das hier ist ein Restaurant, keine Suppenküche! Gutes Essen gibts nur für die, die mit Euro zahlen können!
Felix versuchte noch, den Vorfall zu erklären, doch Schneider schnitt ihm das Wort ab und zeigte bestimmt zur Tür.
**Schneider:** Du bist gefeuert! Verschwinde aus meinem Blickfeld! Und wage es nie mehr, auch nur einen Fuß hier in den Königshof zu setzen!
Felix ließ die Schultern hängen, seine Hände zitterten sicht- und spürbar. Während er sich umsah und langsam auf den Ausgang zuging, erhob sich am Nebentisch ein Mann in einem schlichten grauen Pullover. Er passte so gar nicht zu dem vornehmen Ambiente, und Schneider setzte gerade zu einer weiteren Schimpftirade an, als der Unbekannte mit ruhiger, fast kühler Stimme sprach.
**Unbekannter im Pullover:** In Wahrheit bleibt Felix, und Sie, Herr Schneider, verlassen jetzt mein Haus. Sofort.
Für einen Moment verstummte jeder. Schneider blieb der Mund offen stehen; er kannte die Stimme. Vor ihm stand Jörg von Stein, der geheimnisumwitterte Restaurantbesitzer, über dessen Existenzssinn bereits halbe München spekulierte. Es hieß, er prüfe seine Betriebe gern inkognito.
**Schneider (stotternd):** Herr von Stein? Ich… Ich wollte doch nur die Ordnung einhalten… Ich wusste nicht…
**Jörg:** Genau das ist das Problem. Für Sie zählen nur Zahlen, nicht Menschen. Mein Konzept beruht auf Gastfreundschaft, nicht auf Überheblichkeit. Felix hat mehr Anstand und Menschlichkeit gezeigt als Sie in all den Jahren.
Jörg wendete sich an den verblüfften Felix.
**Jörg:** Felix, ab morgen übernimmst du kommissarisch die Restaurantleitung. Behalte dir dieses Herz. Und jetzt bring unserem Gast bitte den Teller zurück. Öffne außerdem meine beste Flasche Riesling. Alles natürlich aufs Haus.
Schneider verließ, kalkweiß im Gesicht, den Saal unter den argwöhnischen Blicken der übrigen Gäste. Der alte Herr mit dem abgenutzten Jackett lächelte zum ersten Mal an diesem Abend. Damals, so wurde es einem klar, fand Güte doch ihren Weg zur Gerechtigkeit selbst im glanzvollsten Haus der Stadt.
** Die Moral der Geschichte:** Wie du mit denen umgehst, von denen du nichts erwarten kannst, zeigt deinen wahren Charakter. Bleib immer menschlich.



