Ihr Künstler

Ihr Maler

So, jetzt sind wir da, sagte Heike und öffnete ihre olivgrüne Jacke. Die Sonne brannte schon wie im Hochsommer, der leichte Wind roch nach feuchter Erde, nach klebrigen jungen Ahornblättern, die sich gerade noch aus ihren knallgrünen Knospen schälten, nach Rauch und nach heißem Metall. Das war wohl das Blechdach der Garage, das sich in der Hitze zu einem grüngrauen Drachen wölbte, der über den Zaun hinausragte. Die Garagentüren waren mit einem alten Vorhängeschloss verriegelt und über und über von kniehohen Junisträuchern eingewachsen, sodass man gar nicht nah herankam. Aber Jule, Heikes Tochter, entdeckte durch das trockene Gestrüpp, dass die Türen mit Margeriten und Rosen bemalt waren, rundherum Ranken und Weinlaub. Daran hingen schwere, tiefviolette Weintrauben, gemalt so leuchtend und detailreich, dass sie in der Sonne fast glasig wirkten, als wären sie aus Licht und doch lebendig. Jule kroch zwischen dornigem Weißdorn und Stachelbeeren hindurch, blieb mit der Jacke am grünen Gartentor hängen und jammerte:

Mama! Hilfe, ich klemme fest!

Jule! Warum bist du da durchgekrochen? Jetzt hast du dir einen Riss in die Jacke gemacht! Was für ein Unglück! Warte, beweg dich nicht! Heike zwängte sich durch das Gebüsch, befreite Jule behutsam, drückte sie fest an sich und blieb dann ebenso gebannt stehen, um gemeinsam in die zerkratzten, in Ölfarben strahlenden Türen zu starren.

Schön, oder, Mama? Jule legte den Kopf zur Seite und schaute neugierig von unten nach oben zu ihrer Mutter.

Wunderschön, meine Kleine

Mama, ist das da Opa Renés Haus? deutete Jule auf ein hellblau gestrichenes Holzhaus, mit weißen, kunstvoll geschnitzten Fensterrahmen.

Ja. Genau das ist es. Jetzt der Schlüssel Wo hab ich den Schlüssel? Heike begann in ihrer großen Tasche zu wühlen, fand schließlich das Schlüsselbund und marschierte hinüber zum Tor.

Das rostige Vorhängeschloss weigerte sich. Der Schlüssel steckte fest, drehte sich nicht, Heikes Hände waren bald voller Rost und schwarzem Staub, der sich in all den Jahren in jedem Ritz gesammelt hatte.

Jetzt mach schon Na, komm schon murmelte sie und man sah, dass sie plötzlich nervös wurde. Über ihre Wangen zogen sich rote Flecken, sie atmete hastig.

Mama, sollen wir nicht jemanden fragen, ob er uns hilft? meinte Jule. Da in dem gelben Haus gegenüber schaut so ein Mann zu uns rüber.

Heike drehte sich um, schaut zu dem Fenster, auf das Jule zeigte. Hinter der Gardine verschwand der Blick eines älteren Herrn mit kariertem Hemd und Weste. Und kaum, dass er bemerkte, dass man ihn gesehen hatte, setzte er sich eine Schiebermütze auf, schob den Gürtel zurecht und stapfte in schweren Stiefeln die Verandatreppe hinunter.

Mama, jetzt kommt er. Frag ihn doch! Der hat bestimmt einen Hammer und kann das Schloss aufschlagen erklärte Jule, während Heike unsicher blickte.

Der Nachbar überquerte langsam den feuchten Weg, stellte sich an sein Zauntor, krallte die Finger in die spitzen Latten und blinzelte Heike an.

Was wollt ihr hier und warum wollt ihr beim Maler einbrechen? fragte er schließlich und schob drohend das Kinn vor. Ich ruf jetzt die Polizei, wenn ihr nicht sofort verschwindet! Ihr habt kein Recht, aufs Grundstück zu gehen! Das Haus und alles, was darin ist, gehört der Tochter vom Maler. Und der Meister René Der Mann stockte plötzlich, denn er sah, wie die Frau am Zaun fast schwarz wurde vor Traurigkeit, ihre Augen schwer wurden, voller Tränen, die nicht mehr fern waren.

Herr Benning… Sie erkennen mich nicht? Ich bin Heike. Ich bin gekommen… Ich…

Heike war noch nie gut darin, stark zu sein. Nie, unter keinen Umständen, konnte sie ihre Gefühle bezwingen. Sie weinte leicht, ohne zu zögern, ebenso leicht lachte sie, nicht aus Dummheit, sondern aus einer fast kindlichen Naivität, einer gewissen Reinheit. Das hatte sie von ihrem Vater geerbt. René, ein Mensch mit feinen Antennen, fühlte alles immer zu schnell, manchmal noch bevor er wusste, was geschah, ob da nun eine Katastrophe oder Glück in der Luft hing. Und er weinte selbst damals, schämte sich zwar dafür, doch ganz unterdrücken konnte er es nie. Diese empfindsame Unruhe machte seine Frau, Heikes Mutter Gisela, rasend.

Du bist so eine sentimentale Heulsuse, Heike! Jetzt hör endlich auf zu flennen, es ist doch nur ein herumstreunender, verlauster Hund! fuhr Gisela sie an, wenn Heike beim Anblick eines schwarzen Hundebabys auf der Straße schluchzte, oder wenn sie den traurigen Hirschvater aus dem Bilderbuch beweinte, oder, ach… Lass das, sonst nehme ich dir die Lieblingspuppe weg! Die mit den blauen Haaren! Gisela wurde erst recht wild, wenn ihre Tochter wirklich losweinte.

Lass sie doch, beschwichtigte René dann. Das bedeutet nur, dass sie eine lebendige, aufrichtige Seele hat! Sie hat einen Engel in sich, Gisela! Dann verstummte er meist unter dem strengen, eisigen Blick seiner Frau.

Ach ja? Ich versteh das einfach nicht. Ich bin die Hartherzige, die Gefühlskalte, die Berechnende, hm? Und wie soll man sonst überleben, René? Man kann eben nicht immer weich sein, sonst trampeln sie auf dir herum und du wirst nie ernstgenommen! Wann hast du eigentlich das letzte Mal ein Bild verkauft, René? fragte Gisela und ihr Mann sank förmlich zusammen unter ihrem donnernden Blick. Ich frage, wann hast du das letzte Mal Geld ins Haus gebracht? Du bist immer der Wohltäter, verschenkst alles an gute Leute, aber dass wir auch mal etwas haben müssen, das vergisst du immer…

Und so schwang in Giselas Stimme Zorn und Enttäuschung und die Angst, die sie nie zugeben wollte.

Heike erinnerte sich daran… an den schrillen, fast klirrenden Ton von Mutterstimme, als sie sich mit René stritt.

Aber was für Dreck, mein Kind? Ich will doch nur nicht, dass du ihr die Sanftmut nimmst! Lass ihr die Seele, lass sie zart sein, zwing sie nicht, hart zu werden… sagte dann René, tappte von der Veranda und wischte Heike vorsichtig die Tränen ab. Seine Hände rochen immer nach Leinöl und Farbe. Die Hemden und Hosen waren stets mit Farbflecken übersät. Gisela hatte längst aufgegeben, ihm ordentliche Kleidung zu geben. Nur zu Vernissagen oder in die Stadt zu Auktionen bekam er noch die Hemden, die sie extra in die Schränke eingeschlossen hatte. Dann lief Gisela neben ihrem Mann stolz einher, bildschön, während René geschniegelt, frisiert und in fast makellosen Schuhen neben ihr schritt. Nur unter seinen Nägeln waren manchmal noch Reste von Ölfarbe. Das war fast ein gutes Zeichen! Sehen Sie! Eben erst hat der Meister sein Werk beendet… jetzt kommt er zu Ihnen! Schätzen Sie seine Zeit, bitte! René hat Inspiration!

Heike schalt sich innerlich wegen ihrer Schwäche, während Jule ihre Hand ganz fest drückte.

Heike? Du? rief Herr Benning auf einmal, entriegelte eilig das Tor. Es quietschte und schlug gegen den Zaun, stöhnte wie eine müde Kuh und hing schief in den Angeln. Verzeih, ich hab dich nicht erkannt! Du siehst aus wie dein Vater! Gisela hat immer versucht, ihn aus dir rauszukriegen, hats aber nicht geschafft! Der Mann knetete nervös seine Mütze, sah dann zu Jule. Und die junge Dame ist?

Das ist Jule, meine Tochter. Herr Benning, könnten Sie uns mit dem Schloss helfen? Heike deutete auf das wackelige Vorhängeschloss.

Ach, natürlich! Einen Moment…! Jule… Schöne Tochter, hat ein bisschen was von der Gisela, aber netter… Benning murmelte, eilte zu seinem Schuppen, kam mit Werkzeug zurück und machte sich am Schloss zu schaffen.

Heike trat mit Jule zur Seite, schaute zu.

Warum bist du eigentlich nie gekommen, als Vater noch lebte? fragte Benning beim Aushebeln des rostigen Schlosses. René hat immer auf dich gewartet, weißt du… Heike kannte ihn aus Kindertagen. Damals, in einem anderen Leben, brachte Benning oft frischen Räucherfisch für ihren Vater vorbei. So, für unseren Maler. Er mag doch Fisch so gern…

Er mochte gebratenen Zander; der Mutter grauste es davor, aber sie gab sich Mühe. René stieg nicht immer zur Mittagszeit von seinem Atelier runter. Sie deckte den Tisch, rief, aber er kam einfach nicht. Der Teller mit Fisch wurde kalt und Gisela roch noch Stunden danach nach gebratenem Fett, während ihr Mann draußen stand und arbeitete

Ich hatte meine Gründe, Herr Benning. Lass uns nicht darüber sprechen, entgegnete Heike kühl.

Ja, ja, schon gut Gründe Gisela hat dich sicher eingenordet. Tja, jetzt ist alles offen, geht ruhig rein, wenn euer Gewissen das erlaubt… murmelte Herr Benning, hob sein Werkzeug auf und schlich in seinen Schuppen. Heike presste die Lippen zusammen, ging zum blauen Haus. Es war ihr! Es war so festgelegt: Das Haus und seine Einrichtung, beweglich und unbeweglich… Mit Verkauf- und Schenkungsrecht Der Vater hatte das recht förmlich geschrieben, aber es war eindeutig! Sie konnte dieses Haus Stein für Stein, Gabel für Gabel verkaufen, ja sogar die Küche, in der die Mutter den verhassten Fisch briet und René nie probierte.

Jule sprang inzwischen die breite Verandatreppe hoch, die ins helle Vorzimmer führte. Heike erinnerte sich, wie ihr Vater hier gern saß. Die Staffelei stand mitten im Raum, dazu ein kleiner Tisch mit Farbtuben, eine Palette voller Farben, Fetzen von Leinöl-Lappen, Skizzenbüchern. Er arbeitete immer versunken, als vergesse er die Welt. Wenn Heike zu ihm lief, betrachtete er sie erst lange, als müsse er überlegen, wer dieses neugierige Mädchen mit dem blonden Zopf war, dann durchsuchte er den Garten nach Gisela.

Was ist, Heike? Ich arbeite jetzt. Später, ja? und drehte sich weg.

Heikes Erinnerung war sein Rücken. Der schmale, krumme, mit den heraustretenden Schulterblättern wie gestutzte Flügel, die im Takt seiner Bewegungen zitterten. Nach ein paar Skizzen hielt er inne, betrachtete nachdenklich das Werk. Und Heike turnte derweil mit Nachbarskindern im Garten herum ihr Leben lief immer neben dem seines Vaters, weder ganz fern noch ganz nah.

Mama mach endlich auf! rief Jule, tanzte vor der doppelten Haustür.

Moment, ich weiß nicht, welcher Schlüssel… Ah, wohl der hier.

Das Schloss ließ sich erstaunlich leicht drehen fast als hätte jemand alles am Vortag geölt. Vielleicht hatte Benning sich darum gekümmert… Sogar der Boden war gefegt, kein Staubnetz in den Ecken. Das Tor benutzte nur er nicht, er ging immer übern Zaun…

Die Haustür knarrte und öffnete sich in den dunklen, muffigen Flur.

Jule rannte durch, stieß ein zurückgelassenes Zinkeimerchen um.

Uuups! Mama… Jule sprang erschrocken zurück und griff nach Heikes Hand.

Sei nicht so stürmisch! tadelte sie sanft. Wer weiß, vielleicht sind die Dielen morsch!

Quatsch! Die Böden sind gut, die Belüftung ist durchdacht, du Unke, Heike! rief da schon Benning, der hinter ihnen stand. Ihr wisst doch gar nicht mehr, wo der Sicherungskasten ist! Lass mich mal machen

Heike trat zur Seite, bat Herrn Benning hinein. Damals, als sie Kind war, saß sie manchmal bei Benning auf dem Hof, trank noch warme Milch, die seine Frau frisch vom Bauernhof brachte. Sie hatten keine eigenen Kinder, also passten sie auf Heike auf. Benning ließ mit ihr Drachen steigen, im Herbst gingen sie zu den Hirschen in den nahen Wildpark. Sie drückte seine Hand und Mamas fest und war erstaunt, wie nah die Tiere an den Zaun kamen.

Im Alltag half Benning der Familie viel. Reparieren, Technik darin war René hilflos

Es werde Licht! zwinkerte Benning Jule zu, warf die Sicherung um. Über dem Tisch flackerte eine Lampe mit rotem Samtschirm auf. Heikes Mutter fand sie immer ordinär, René aber liebte, wie das rote Licht alles um sich mit Magie füllte: Zauberhaft! Muss ich malen!

Drinnen war ordentlich, nur dicke Staubschichten. Auf dem Tisch lag keine Decke, der Couch war mit einer Decke verhüllt, am Fenster vertrocknete Geranie, unter dem Holzstuhl die abgelatschten Filzpantoffeln. Jule schwirrte schon durch das Haus, stieg die bequeme, von Benning gebaute Holztreppe hinauf.

Mama! Oben hängt ein Bild von Oma! Komm schnell! rief Jule, zog Heike mit sich.

Die Türen im Obergeschoss standen offen, die Sonne malte gelbe Rechtecke auf die Dielen, durch die Teilung im Fenster lagen die Muster wie schiefe Tasten eines alten Klaviers.

Schau, Mama, wie Klaviertasten! Jule sprang lachend von Sonnenfleck zu Sonnenfleck. Benning blieb unten stehen, lauschte.

Sie rannten in das kleine Zimmer, mit dem schrägen Dach. Es war das Arbeitszimmer des Vaters, das erinnerte Heike sofort. Das rostige Bett, der Nachttisch, der schmale Tisch am Fenster. Im Glas einer Konservendose türmten sich alte Spinnweben. Daneben Stapel von Skizzen, kleine Blätter, mit Bleistift und Farbstift.

Und an der Wand: Sie, Heikes Mutter, Gisela. Ein großes Porträt, Gisela in ganzer Größe am Jasminstrauch, leicht abgewandt, sodass der Blick auf ihren schlanken Rücken, den weißen Hals, die hauchdünnen Hände fällt zart die Blüten berührend.

Heike seufzte so schön war ihre Mutter auf diesem Bild. Es hing so, dass am Morgen das Licht auf das sanfte Gesicht fiel.

Früher hatte René nie seine Frau gemalt. Nie! Heike erinnerte sich, wie Gisela ihm das immer vorwarf:

Du malst jede Milchbäuerin, jeden Förster, Alte am Bahnhof, nur mich nie! Für ein Bild von mir würdest du viel mehr Geld bekommen!

Ich will dich nicht verkaufen, deshalb. Wozu dich auf Leinwand bannen bist du doch lebendig! Und er zog Gisela sanft an sich, küsste sie. Sie widerstand erst, ließ sich dann halten. Nie umgekehrt.

Heike beobachtete das gerne heimlich. Es war selten… und dann etwas ganz Besonderes.

Ja, sehr schön, befand Heike nachdenklich. Jule, lass uns frühstücken, ich hab Hunger. In die Küche!

Sie gingen wieder hinunter. Benning war schon dabei, den Ofen zu heizen und auf Rauch zu achten, denn es war immer noch kalt und klamm nach dem langen Winter.

Sorry, meinte es nur gut. In der Küche ist alles sauber, René hat meine Frau Rita gebeten, mal… kurz bevor… na ja… erklärte Benning. Heike nickte, ging hinein. Jule schleppte die mitgebrachten Brötchen.

Ich mach Wasser! rief Benning, rannte raus. Irgendwie war es ihm wichtig, dass es Heike gefiel und sie den Platz verstand…

Kurz plätscherte es, dann kam kaltes, klares Leitungswasser. Heike füllte den Kessel, stellte ihn auf, packte die Schnittchen aus.

Kommt doch zu uns! schlug Benning vor. Rita bringt frische Milch! Erinnerst du dich, wie du warme Milch geliebt hast, Heike?

Heike nickte stumm. Alles war noch da. Wie sie dem Vater beim Malen zusah, wie er Farbtupfer setze und unter seiner Hand entstanden aus wildem Farbrausch Blumen und Sommer. Wie abends Motten ans Licht schwirrten, wie das Gesicht der Mutter im Lampenschein zur Landschaft wurde. Gisela arbeitete als Übersetzerin, nahm Texte nach Hause, blieb ewig wach, fuhr früh zur S-Bahn. Heike frühstückte immer mit ihr, brachte sie zum Tor, wartete dann auf René. Sobald es im Atelier raschelte, wärmte sie Tee, brutzelte Spiegelei, legte Krakauer Wurst als Margeritenranke im Teller aus. Dann schlurfte René ins Bad, blieb lange auf der Veranda, bewunderte den Tau auf dem Rasen, ließ den Blick über die Herde Kühe schweifen, die langsam an der Hecke vorbeimarschierte. Heike stellte sich immer daneben, um nichts zu verpassen.

Dann, mit sieben, nahm Gisela sie mit nach Stuttgart zu ihrer Mutter.

Lass die Kleine doch hier! Es gibt doch Schulen! hatte René zuerst noch geunkt. Aber als Gisela klar sagte, dass sie mit Heike nie wieder zurückkämen, und gleich die Scheidung einreichte, war René plötzlich kreidebleich, sah wie ein verlorenes Kalb aus.

Heike hatte alles beobachtet. Sie erinnerte sich an die Angst in den Augen ihres Vaters.

Warum, Gisela? Warum?

Mir reichts, René. Ich bin es satt, alles zu tragen, dich zu verstehen, zu akzeptieren, dass du die Künstlerseele bist. Wir brauchen auch Geld! Und ich schufte. Ich seh nix mehr, hocke nächtelang an Übersetzungen, kippe im Zug fast um, mein Magen dreht hohl vom ganzen Stress und bei dir gibts Kafka mit Kaffee und Schokolade, weil du dann besser malst! Heike dient dir und ich bin der Trottel…

Was erzählst du da, Gisela? Ich liebe dich doch! …Du tust so, als wäre ich ein Taugenichts, dabei für euch würde ich alles tun! René schüttelte entsetzt den Kopf.

Genau! Aber warum hast du dann nach der Hochzeit alles schleifen lassen? Früher warst du gefragt, deine Bilder nicht zu billig aber dann hast du alles nur noch für dich gemacht. Familie? Ach was! Und jetzt… Jetzt bist du kein Genie, nur noch ein gewöhnlicher, hässlicher Mann. Der mir das Leben ruiniert, mich in dieses Kaff gezerrt, mit hohlen Versprechen… Weißt du, wie oft ich deine Bilder am liebsten verbrannt hätte? Damit du endlich aufwachst!

Gisela… flüsterte René, presste die Stirn in die Handflächen. Heike schlich davon, am Tag drauf zogen sie weg…

Jule hatte inzwischen gegessen und wollte im Garten spielen. Heike räumte ab, seufzte und fragte sich, wie einsam Gisela sich hier mit ihr damals wohl fühlte.

Darf ich? Benning kam wieder, brachte eine Kanne Milch.

Wollt ihr alles verkaufen? Und kommt Gisela nicht? fragte er. Heike war genervt: Er war wie ein Schatten aus der alten Welt, aber abschütteln konnte sie ihn nicht

Mama ist krank. Nach der OP. Papas Tod hat ihr zugesetzt, sagte sie.

Sie hat ihn geliebt, Heike. René dachte immer, alles sei gut, das Leben so hell wie sein Gemüt… Und Gisela schwieg, trug alles…

Bitte sprechen Sie nicht über meine Mutter. Ich brauche jetzt Ruhe.

Heike stand auf, ließ Benning stehen.

Sie erinnerte sich an den Tag, als ihre Mutter sie mitnahm der Garten roch nach Apfelbaum, sengende Hitze und verdorrte Wiese, überzogen von dunkelrot-gelben Äpfeln.

Gisela hatte Koffer gepackt, draußen wartete ein Auto. Heike saß hinten, Gisela vorne, redete aufgesetzt fröhlich mit dem Fahrer, den sie Hans, Hansi nannte, während René verloren am Gartentor stand. Heike freute sich seltsam, ging ja zur Schule in die Stadt, mit neuer Schultasche, Schuhen, Ballett und Klavier das hatte Mama versprochen.

Kommt Papa auch? fragte sie am Vortag.

Nein, Gisela zuckte die Schultern, nahm ein paar Bilder ab.

Aber er kann uns doch besuchen?

Vielleicht. Pack jetzt die Bilder nehme ich…

Die Bilder hatte René für Heike gemalt: ein Märchenhaus mit Tisch und Hase mit Zylinder; eine Winterhütte (da wohnt das Christkind, meinte Heike); das Lieblingsbild war ein Strauß Wildblumen aus der Wiese vor dem Haus, den sie jeden Sommer pflückten. Die Sträuße waren immer schnell welk, aber Papa ging dann frische holen, kannte alle Pflanzennamen, erzählte ununterbrochen. Meistens hörte Heike gar nicht genau zu, verwechselte alles und er lachte: Hauptsache, sie findet die Schönheit um sich.

Jetzt nahm Gisela auch dieses Bild mit.

René winkte nicht mal, als sie fuhren, er stand nur da am Tor, stumm, hilflos.

Was für ein Waschlappen! flüsterte Gisela, lachte, während Hans ihr sanft die Hand aufs Knie legte.

Heike sah es, verstand es nicht gleich, aber dann… Hans würde jetzt bei ihnen wohnen, und sie sollte Papa sagen.

Werde ich nicht. Ich habe schon einen Papa, sagte Heike trotzig, Gisela verzog das Gesicht.

Die Scheidung war schnell durch. René kam nicht mal zum Gericht, hörte man, er habe angefangen zu trinken. Aber Benning besuchte Gisela, versuchte, sie umzustimmen. Sie schüttelte den Kopf: Nein! Jetzt lebe ich, weil ichs kapiert habe!

Gisela verkaufte Renés Bilder, auch die für Heike. Sie verkaufte sie gut in Fachkreisen war René geachtet.

René bezahlte Alimente, besuchte Heike ein paar Mal, aber nie zum richtigen Zeitpunkt Schule, Tanz, Oma… Sie sahen sich selten.

Sonst hörte Heike meist die Wahrheit über Vater, ob von Hans oder Gisela: Er sei Trinker, habe sie (Heike) vergessen, schicke nie Geld, halte Gisela klein. Er wolle Heike ausbezahlt haben, drohe mit Klage…

Erst wurde Heike wütend, dann schloss sie sich der Mutter an. Es war bequemer so.

Mit fünfzehn fuhr Heike heimlich allein aufs Land, kaufte ein Bahnticket, fuhr im November draußen lag Schnee. Sie stellte sich vor, wie René sie erwartete, mit Wiesenblumen in der Hand… Auf dem Herd Brötchen, die sie in der Stadt gekauft hatte für ihren Vater und sie…

Aber da hörte sie schon das helle Lachen einer jungen Frau aus der leicht offenstehenden Küchentür. Eine junge Frau stand am Herd, buk Pfannkuchen, lachte, verbrannte sich, hielt sich das Ohrläppchen, René stand daneben und reichte Honig. Heike sah, wie er sie küsste, sie fütterte…

Da glaubte sie der Mutter und Hans. Er hatte sie betrogen, so fühlte es sich an, und die Mutter sowieso. Es war egal, dass Gisela längst mit Hans zusammen war! Der Vater hatte nur Gisela lieben sollen…

Heike warf die Brötchen in den Schnee, fuhr zurück. Von da an sagte sie Hans Papa. Es war ihr selbst peinlich, aber sie rächte sich damit.

Heike ist längst erwachsen, verheiratet, hat Jule. Gisela wurde alt, Hans zog aus, oder sie warf ihn raus. Als sie vom Tod des Malers hörten, brach Gisela fast zusammen.

Stell dir vor, er hat dir alles vererbt, Heike! sagte Gisela vorwurfsvoll. Als hätte er mich ausradiert

Dass René einige Hunderttausend Euro angesammelt hatte Gisela dachte immer, sie hätte ihn mittellos gelassen, dabei hatte er verkauft, gespart, alles Heike vermacht. Heike! Nicht ihr, Gisela, die ihn gewaschen, durchgefüttert hatte. Gisela hielt seitdem Abstand, bat Heike, sie im Krankenhaus nicht mehr zu besuchen. Heike wusste nicht mehr, was sie tun sollte sie kam wie ferngesteuert nach Hause, als müsste sie den Vater um Rat fragen.

Heike sah Jule, die im Sand am Zaun spielte, und ging zurück ins väterliche Zimmer.

Gisela hatte um alte Fotos gebeten. In einem Umschlag, irgendwo im Haus. Doch keine Alben im Büroschrank, nur Pappkartons voller Farbtuben, Pinsel, Unordnung, wie immer bei René.

Er war abends eingeschlafen, hatte zum Schluss immer auf das Porträt seiner Frau, seiner Muse gesehen. Nicht einmal fremden Frauen falls sie da waren zeigte er es. Sie schliefen unten, er ging nach oben. Klar war er Gisela nicht immer treu, trank, aber schließlich rettete er, was er konnte für Heike.

Im alleruntersten Schubfach fand sie ein altes Buch mit rotem Samt und goldener Prägung. Es war ihr Herbarium, das sie gemeinsam geführt hatten mit getrocknetem Kleeblatt, Glockenblume, Lärchenzweig, Weizenähre und überall stand das Fundjahr und kleine Skizzen von Vater und Tochter.

Und dann blieben die Jahre, in denen Heike und Gisela weg waren. Doch auf jeder Seite stand am Rand: Heike zeigen, wenn sie wiederkommt!

Dieses Buch hatte René nie hergegeben. Für ihn waren diese Blätter wie Gemälde, Erinnerungen an Heike, die, im Sommer fast unsichtbar, zwischen den hohen Wiesen verschwand

Er hätte kommen können, mit der Faust auf den Tisch, Gisela zurückholen Warum tat er es nicht?

Heike setzte sich aufs Bett, schloss die Augen.

Er konnte es nicht, dachte sie, weil er nie lügen konnte. Er wusste: Ich kann Gisela kein anderes Leben versprechen als das, was sie nicht mehr wollte… Aber ich habe dich geliebt, Papa… Alles ist so dumm: die Brötchen, die ich damals wegwarf, du mit dem Honigtopf, die langen Jahre Schweigen. Und dass du nie erfahren hast, was für ein tolles Enkelkind Jule ist

Aber er wusste es. Einmal, in der Stadt, als er Heike mit Jule draußen sah, hatte er sich versteckt: Ich will ihr das Glück nicht nehmen, klagte er danach Benning gegenüber in dessen Küche. Sie sah so glücklich aus. Ich wäre fehl am Platz gewesen… Benning reichte ihm heißen Tee, René fror immer, war krank. Aber ich habe meine Enkelin gesehen. So ein lebensfrohes Kind! Heike als Kind habe ich verpasst. Ich war zu viel unterwegs, zu viel Kunst, zu wenig Leben

Gisela wollte es so, sagte Benning. Ja… Und so ist uns die Zukunft entglitten. Auch die Vergangenheit…

Später lag René oft wach, versuchte Jule zu malen vergeblich. Die Hände wollten nicht mehr.

Heike begriff gar nicht, wie sie auf Bennis Veranda gelandet war.

Heike! Herein! rief Rita, Bennings Frau, und umarmte sie herzlich. Komm, setz dich, wir trinken Tee wie früher, mit meinen Streuselkuchen. Und deine Tochter darf auch eine Tasse haben. Guck, das ist Rénes Lieblingstasse!

Jule bestaunte die Tasse mit den Pfingstrosen, Heike wärmte die Hände in Taschen.

Tante Rita, wie war er, mein Vater? Ich will es wissen

Rita erzählte ungeniert, ohne zu beschönigen. René war nie ein Scheusal, hatte Frauen, aber nie so geliebt wie Gisela.

Gegen Ende, als die Spritzen nicht mehr halfen, wollte er den Hof in Ordnung bringen, damit du, Heike, dich nicht schämst, wenn du kommst. Er hat dich immer erwartet. Und eines Nachts schiens ihm besser zu gehen. Er brachte ein Bild vorbei, bat mich, es dir zu geben

Rita holte das Bild zurück. Es zeigte Heike, wie sie an einem hellen Frühlingstag durchs Viertel lief Sonne tanzte in Pfützen, spiegelte sich in Straßenbahnglas, zersplitterte in Stromdrähten. Sie trug einen sandfarbenen Mantel, rote Handschuhe, führte Jule an der Hand in grünen Gummistiefeln.

Heike und Jule schauten das Bild lange an. Dann lächelte Heike.

Ich hab ihn damals gesehen, habs kaum glauben wollen. Ich hätte ihn rufen können, aber ich traute mich nicht. Tante Rita, ich hab ihn lieb gehabt

Am Tisch wurde es leise. Jule schwieg, Rita seufzte. Sie bedauerte die verpasste Zeit, all das Unerreichte und konnte nicht sagen, wer schuld war, ob es Schuld gab

Heike und Jule blieben noch eine Nacht im Haus. In der Nacht prasselte Regen, Graupelkörner hüpften an den Scheiben. Sie schliefen Arm in Arm im großen Bett der Mutter, und der Maler wachte als unsichtbarer Schatten über ihren Schlaf. Nun gut, er hatte manches verpasst, gezögert, seine feine Seele geschützt. Er lebte, wie er konnte bis zum Schluss.

Aber Heike lebt. Jule ist da. Vielleicht haben sie Glück. Amen.

Und die Tochter liebt ihn dennoch. Lieben! Das ist tröstlich.

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Homy
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