Also, soll das bis zum Abend einfach weg sein? Hast du das wirklich so gesagt? hakte Liselotte bei ihrem Mann nach.
Max nickte und nahm einen Schluck aus seiner Tasse. Der Tee war heiß, und er verzog das Gesicht.
Ja genau. Meine Schwester Heike hat gefordert, dass meine Mutter die Wohnung an sie überschreibt und auszieht. Weil ihr Freund Felix ihr einen Antrag gemacht hat. Und das junge Ehepaar braucht endlich ein Zuhause, verstehst du? sagte Max mit einer hochnäsigen Stimme, die deutlich nach Heikes Ton klang.
Liselotte starrte ihn an, unfähig zu begreifen. Wer verlangt von seinen Eltern die Wohnung? Ohne irgendeinen Grund?
Und was hat die Mutter gesagt? fragte Liselotte vorsichtig.
Max schüttelte den Kopf.
Keine klare Antwort. Aber ich kenne meine Mutter und ich weiß, wie sehr sie mich liebt. Also ist alles möglich.
Wirklich? Sollte eine eigene Tochter ihre Mutter aus der Wohnung werfen? Liselotte hätte sich nie vorstellen können, so etwas zu verlangen. Sie hatte selbst das gesamte Geld für die Anzahlung gespart, die Wohnung gekauft und den Kredit noch vor der Hochzeit abbezahlt. Das war ihr Eigenheim, ihr ganzer Stolz.
Weißt du, fuhr Max weiter, während er gedankenverloren in die Ferne blickte, vor ein paar Jahren hat meine Mutter das SchrebergartenHaus verkauft, um Heike das Studium zu finanzieren. Und was ist dann passiert? Heike hat nach dem zweiten Semester abgebrochen. Stell dir vor, das Studium ist doch etwas, das man beenden muss!
Liselotte zuckte die Schultern.
Ja, deine Schwester war nie gerade die Fleißigste.
Max schwieg. Liselotte bemerkte, wie angespannt seine Schultern waren und wie fest er die Tasse umklammerte. Was sollte sie sagen? Was raten? Familie ist immer kompliziert.
Die Tage und Wochen vergingen. Max rief mehrmals bei seiner Mutter an, aber die Gespräche waren kurz und spannungsgeladen. Liselotte hielt sich raus, weil sie wusste, dass das seine Sache war.
Eines Wochenendes beschlossen sie, die Schwiegermutter zu besuchen.
Max öffnete die Tür mit seinem Schlüssel, und Liselotte blieb am Eingang stehen. Die Wohnung war ein einziges Chaos aus Kartons, Koffern und zusammengefalteten Decken. Überall stapelten sich Kisten, auf dem Sofa, auf dem Tisch ein wahres Umzugsinferno.
Mama? rief Max, als er eintrat.
Karla trat aus einem Zimmer. Ihr Gesicht war hager, die Augen von Müdigkeit umrandet. Liselotte hatte Karla noch nie so erschöpft gesehen.
Max, Liselotte, kommt rein, sagte Karla leise.
Max musterte die Wohnung und fragte direkt:
Überschreibst du die Wohnung an Heike?
Karla seufzte, setzte sich auf den Rand der Couch und räumte eine Schüssel mit Geschirr beiseite.
So ist es besser, mein Sohn. Das junge Paar braucht ein eigenes Heim. Felix ist ein guter Kerl, er arbeitet. Ich komme schon zurecht.
Liselotte stand abseits und lauschte. Wie kann man seine einzige Wohnung einfach weitergeben? Wo soll Karla jetzt wohnen?
Wo willst du dann wohnen? fragte Max hohl.
Ich nehme ein Zimmer in einer Mietwohnung. Die Rente ist klein, aber reicht. Macht euch keine Sorgen um mich.
Liselotte sah, wie Max blass wurde, seine Hände zitterten. Sie schwieg das war nicht ihr Kampf.
Zwei Monate später wohnte Karla in einer kleinen Mietwohnung in einem anderen Stadtteil. Max fuhr oft zu ihr, brachte Lebensmittel, Medikamente und half im Haushalt. Liselotte hatte nichts dagegen, weil sie verstand, dass ihr Mann darunter litt.
Eines Abends kam Max nach Hause, den Kopf gesenkt und still wie ein Grab. Er setzte sich an den Küchentisch und starrte ins Leere.
Was ist los? fragte Liselotte, setzte sich ihr gegenüber.
Max hob langsam die Augen.
Mama kommt nicht mehr zurecht. Die Rente reicht nicht für Miete und Leben. Sie schleppt geradezu mit den Zehen über die Runden.
Liselotte runzelte die Stirn.
Dann hol sie doch zurück in die Wohnung.
Die Wohnung ist schon auf Heike überschrieben. Und Heike will meine Mutter nicht mehr reinlassen. Sie sagt, sie planen Renovierungsarbeiten und meine Mutter würde da nur im Weg stehen.
Liselotte spürte, worauf das Gespräch zusteuern würde. Und tatsächlich sagte Max:
Wir könnten meine Mutter bei uns aufnehmen. Wir haben ja sowieso die Zweizimmerwohnung. Da reicht Platz.
Uns gehört die Zweizimmerwohnung. Das ist meine Wohnung, hallten Max Worte in Liselottes Kopf. Doch sie schwieg, ließ Max weiter reden, obwohl ihr Inneres dagegen schrie. Was sollte sie sagen? Dass sie nicht möchte, dass die Mutter, die von ihrer eigenen Tochter vertrieben wurde, bei ihr einzieht? Das wäre grausam.
Vier Tage später zog Karla bei ihnen ein. Am ersten Tag war sie wie ein friedlicher Gänseblümchen freundlich, leise, dankbar. Sie entschuldigte sich ständig, versprach, nicht zu stören und keine Probleme zu machen.
Liselotte redete sich ein, dass alles gut werden würde. Sie hatten noch nie Streit mit der Schwiegermutter gehabt. Wie könnte das anfangen?
Doch nach einer Woche änderte sich etwas.
Zuerst verschwand Liselottes Lieblingsbecher.
Karla, hast du meinen blauen Becher mit den Blumen gesehen? fragte sie.
Karla zuckte die Schultern.
Ach, Liselotte, tut mir leid. Ich hab ihn aus Versehen fallen lassen, beim Spülen. Ich kaufe dir einen neuen, versprochen.
Liselotte nickte. Kein Drama.
Am nächsten Tag war die teure Gesichtscreme, die Liselotte aus einem Fachgeschäft gekauft hatte, verschwunden. Fast die ganze Tube war weg.
Karla, hast du meine Creme gesehen?
Oh, die? die war gerade leer, weil ich sie mir an die Füße gerieben habe. Die Luft ist ja ziemlich trocken hier. Karla zeigte die leere Tube.
Liselotte biss die Zähne zusammen. Sie kaufte einfach Nachschub.
Der letzte Tropfen war das Fleisch. Liselotte hatte ein teures Rinderfilet gekauft, um zum Abendessen Steaks zu braten. Als sie von der Arbeit kam, fand sie in der Pfanne Hackfleischklopse, die mehr Brot als Fleisch enthielten.
Karla, das ist teures Fleisch, nicht für Klopse, sagte Liselotte ruhig.
Karla drehte sich vom Herd um.
Ich mache das immer so. Die Klopse sind super, probier mal. Was ist denn schlimm?
Max, der im Wohnzimmer saß, tat so, als höre er nichts.
In den nächsten Wochen richtete Karla ihre eigenen Regeln ein. Frühstück bestand nur aus Haferflocken und hartgekochten Eiern. Einmal pro Woche kam sie zur großen Aufräumaktion am Samstag, pünktlich um acht. Nach neun Uhr durfte niemand mehr schlafen, selbst am Wochenende.
Liselotte lief durch die Wohnung und hielt ihre Wut kaum zurück. Max versuchte sie zu beruhigen, bat um Geduld und versprach, mit seiner Mutter zu reden. Nichts änderte sich.
Beim Abendessen schmierte Liselotte Frischkäse auf ein Brot, legte eine Tomatenscheibe darauf. Sie war müde von der Arbeit und wollte nicht kochen. Karla verzog das Gesicht.
Du hast überhaupt keinen Geschmack, Liselotte. So etwas isst du?
Liselotte hob langsam den Kopf.
Mir reicht das.
Du verdirbst meinem Sohn mit deinem Verhalten, sagte Karla scharf.
Liselotte blieb mit dem Sandwich in der Hand stehen.
Ja, das tust du, fuhr Karla fort. Max sieht dich und denkt, zu Hause darf man faulenzen, das Geschirr nicht sofort spülen, die Kleidung nicht bügeln. Ich habe ihn nicht so erzogen. Ich habe ihm Ordnung und Sauberkeit beigebracht. Und du löschst meine Bemühungen aus.
Liselottes Geduld platzte.
Ich habe genug Geduld gehabt, sagte sie kühl. Ich habe versucht, Respekt gegenüber deinem Alter zu zeigen, habe geschwiegen, wenn du meine Sachen kaputt gemacht hast, meine Kosmetik benutzt und meine Lebensmittel verdorben hast. Aber jetzt reicht es. Wenn es so schlimm ist, zieht eure Mutter zurück in die Wohnung, die ihr ihr weggeschenkt habt, und lebt nicht mehr in meinem Haus, das ich mit meinem eigenen Geld gekauft habe.
Liselotte! rief Max auf. Was sagst du da?
Genau das, was ich denke!, drehte sie sich zu ihm. Ich habe auch meine Regeln. Und Regel Nummer eins: Deine Mutter darf nicht in meinem Haus wohnen!
Karla wurde bleich.
Max! Hörst du, was deine Frau sagt? Halt sie!
Mama, Liselotte, bitte beruhigt euch, versuchte Max zu vermitteln.
Nein!, sagte Liselotte zur Schwiegermutter. Sie packt ihre Sachen und geht. Mir egal, wohin.
Wir können meine Mutter nicht rauswerfen!, brüllte Max. Weißt du, was du da sagst?
Liselotte lachte hüstend, ihr Lachen war bitter und schmerzhaft.
Das kannst du nicht. Aber ich kann. Sie fuhr fort. Bis zum Abend soll sie nicht mehr hier sein.
Max richtete sich auf, sein Gesicht erstarrte zu Stein.
Wenn sie geht, dann gehe ich auch.
Liselotte sah Max lange an.
Ach du meine Güte, jetzt wird es zu Ultimaten? Du hast doch versprochen, deine Mutter zu beruhigen. Jetzt stellst du mir Bedingungen? Na dann, guter Mann, machs dir gemütlich. sie schnitt ihm die Worte mit einem spöttischen Lächeln zu.
Karla schniefte und rannte den Flur hinunter. Max stand mitten in der Küche, fassungslos.
Dann begannen sie, ihre Sachen zu packen, langsam, schweigend. Liselotte half nicht, saß nur in der Küche und starrte aus dem Fenster. Es war eine leere, kalte, aber irgendwie beruhigende Stille.
Eine Stunde später standen Max und Karla im Flur, Koffer, Taschen, Tüten. Max ließ Karla zuerst hinaus, dann drehte er sich zu Liselotte.
Liselotte, lass uns
Liselotte ließ ihn nicht ausreden.
Wenn du immer noch nicht verstanden hast, dass meine Mutter nur die Tochter liebt und dich benutzt, dann ist es besser, wir trennen uns jetzt, bevor sie uns endgültig unter die Haut kriecht. Sie schob die Tür zu, direkt vor Max.
Das Einziehen der Schwiegermutter war ein Fehler gewesen. Jetzt sah Liselotte, dass Max nicht gegen seine Mutter ankämpfen konnte und damit keine Zukunft für ihre Ehe bestand.
Die Scheidung verlief leise. Keine Kinder, kein gemeinsames Vermögen. Max sah sie mit traurigen Augen an, flehte um Verzeihung, versprach, seine Mutter nie wieder in ihre Ehe zu ziehen. Liselotte jedoch war nicht mehr bereit, jemandem eine zweite Chance zu geben.





