EIN ERSTAUNLICHES LEBEN
Auf der Hochzeit meiner Freundin Johanna feierten wir zwei Tage lang, tranken, aßen uns satt und lachten herzlich. Der Bräutigam, Valentin, war wirklich ein Prachtkerl fast wie ein junger Alain Delon, bloß viel bescheidener, als es bei dieser außergewöhnlichen Schönheit zu vermuten wäre. Wir Gäste begutachteten Valentin heimlich und amüsiert: strahlend blaue Kornblumenaugen, für einen Mann fast unverschämt lange, schwarze Wimpern (ernsthaft, warum schenkt die Natur so etwas Männern?!), ein markantes Kinn, eine edle Nase und makellos samtige Haut mit ein bisschen mediterraner Tönung. Die Krönung: knapp zwei Meter groß, die Schultern breit wie eine Schrankwand. Hätten wir Johanna nicht so gern gehabt wir hätten uns glatt um diesen besonderen Mann beim Hochzeitsessen gezankt.
Valentin war ohne Zweifel eine Wucht.
Na, da hast du dir aber einen feschen Burschen geangelt!, stichelten wir und versuchten, die bemitleidenswerteste Miene aufzulegen, falls Valentin noch ähnlich attraktive, unverheiratete Verwande hätte.
Ach Mädchen, was soll das! Ich habe Valentin wegen seiner Bodenständigkeit gewählt. Valentin kommt vom Land, ist bei seiner Oma aufgewachsen, betreibt Landwirtschaft, und kann mit den Händen arbeiten. Wir haben uns kennengelernt, als meine Eltern ihr Gartenhaus im Nachbardorf gekauft haben. Er ist so einfühlsam, hilfsbereit und zuverlässig. Die Tiere, die er gepflegt hat! Ein wahrer Mann, glaubt mir! Ich musste lange überreden, ihn in die Stadt zu holen da gingen bestimmt zehn durchdiskutierte Nächte drauf, lachte Johanna.
Valentin schlug sich nicht nur im Alltag und beim Umgang mit den neuen Schwiegereltern tapfer, sondern auch in der Stadt: In zwei Jahren brachte er sich allerlei bei er lernte, guten Wein zu schätzen, Parfums zu erkennen, sprach über Politik, Kunst, Reisen, den DAX, Fußball, schüttelte den letzten Hauch Bauernmundart ab, und fuhr mit dem gepflegten Familienwagen, den der Schwiegervater dem jungen Paar großzügig überließ. Sowohl Arbeit als auch Wohnung fanden sich letztere, gut, ich verrate nicht, wer sie schenkte, ihr könnt es euch denken.
Im zweiten Ehejahr offenbarte Valentin eine Vorliebe für weiße Socken. Nur tadellos strahlend weiße Socken zog er an, zu Hause, bei Besuchen, sogar in Gummistiefeln, und stolzierte sockenfüßig über schmutzige Flure, wenn es sein musste.
Johanna liebte diesen weißen Teil der Garderobe nicht unbedingt, wusch aber brav zweimal am Tag den Boden und stapelte die Bleichmittel. Bald nannte die Familie Valentin nur noch Socke.
Dass Valentin eine Geliebte hatte, erfuhr Johanna im achten Monat ihrer Schwangerschaft. Die Geliebte war, wie sich schnell herausstellte, ebenfalls hochschwanger.
Socke wurde innerhalb eines Tages aus der Wohnung geworfen, gefeuert, verflucht und beweint. Und dann begann der zähe, feuchte, herbstliche Alltag. Johanna lag fortan wie Lenin auf ihrem riesig wirkenden, dummen Bett und starrte mit trockenen Augen die Decke an.
Ich weine später. Jetzt tuts dem Kleinen nicht gut, murmelte sie.
Wie eine Wachsfigur lag Johanna da, und wir Freundinnen wechselten im Stillen Wachdienste am Bett, um mit unserer Anwesenheit zu trösten.
Wir hätten heulen mögen, die Seiten des Lebensbuches zerreißen, die falschen Kapitel herausreißen. Aber wir mussten einfach still sein und abwarten.
Bei der Entlassung aus der Klinik veranstalteten wir ein fröhliches Spektakel, schwenkten bunte Luftballons, bettelten das Personal um ein Gläschen Tee und spaßten von Bären und Zigeunern. Vor allem der frischgebackene Opa war außer Rand und Band am Abend zuvor malte er mit Kreide eine riesige, schiefe Botschaft unter das Fenster von Johannas Zimmer: Danke für den Enkel!. Singen wollte er auch, wurde aber freundlich von der Security in ihr Büro zu einem kleinen Cognac eingeladen, damit niemand gestört wird.
An dem großen Tag war Opa strahlend, frisch und das bilde ich mir zumindest ein funkelte geradezu. Er weinte vor Glück und Stolz. Wir weinten alle ein wenig mit, lachten, küssten Johanna, warfen verstohlene Blicke in das blaue Wickeltuch und schwiegen über papas griechische Nase beim kleinen Ludwig. Nur Johanna weinte nicht, auch jetzt nicht.
Später. Sonst schlägt es sich vielleicht auf die Milch nieder.
Sie schwieg zwei weitere Monate und dann ging sie plötzlich los, um Valentin zu besuchen. Ohne Streichhölzer und Säure, aber mit einem starken Bedürfnis, zu zerstören und zu brüllen. Vorwürfe herauszuschreien, an die Wände zu schlagen, zu beschämen, zu jammern und endlich die aufgestaute Wut loszuwerden, die sie ans Bett fesselte. Den Kerl sollte es treffen, der ihre Hoffnungen und ihren kleinen Kosmos mit ihrem Sohn zerstört hatte, in dem sie Johanna sich eigentlich glücklich sah an langen Abenden, Socken strickend für die Männer ihrer kleinen Familie, mit einem lachenden Ludwig, der mit Valentin Hand in Hand spazierte.
Und vor allem wollte Johanna in die Augen dieses schamlosen Weibes sehen, das mit fremden Ehemännern schlief. Die Augen würden sicher dreist und wahrscheinlich sehr schön sein. In diese Augen wollte Johanna spucken. Fest entschlossen sollte es nötig sein, würde sie sogar die Augen auskratzen.
Wie und wo Valentin wohnte, erfuhr Johanna von den neugierigen, aber hilfsbereiten älteren Damen aus dem Nachbarhaus, als sie mit dem Kleinen spazieren ging. Die Damen stoppten sie, erinnerten sie daran, dass Valentin wirklich ein Mistkerl sei, malten den Weg zu seiner neuen Wohnung aus und lieferten gleich ein paar kreative Ratschläge für Vergeltung. Johanna war wie geplättet, hätte am liebsten kehrtgemacht, vergaß beinahe die Adresse, aber ging dann doch weiter.
Dort, vor dem alten Mietshaus in einem Vorort von München, brauchte sie nur in den fünften Stock raufgehen. Und dann? Spucken, schreien mal sehen.
Im Erdgeschoss dachte Johanna noch, dass bei ihrem Glück garantiert keiner daheim war und sie umsonst gekommen sei. Im zweiten Stock glaubte sie, dass es sogar besser so wäre. Im dritten hörte sie plötzlich das verzweifelte Schreien eines Babys aus dem fünften Stock.
Sie öffnete eine schmächtige, verheulte junge Frau, deren Gestalt vom Bild der Verführerin, die Johanna im Kopf hatte, meilenweit entfernt war.
Während Johanna irritiert die schniefende, unterernährte Rivalin musterte, schrie im Hintergrund weiter das Baby.
Hallo Johanna. Valentin ist nicht da, er hat uns vor zwei Wochen verlassen. Ich weiß nicht, wo er ist, wisperte die Frau, sank auf den Boden und weinte.
Johanna hatte keine Lust mehr auf Drama. Sie wollte lieber dem Baby helfen als der unfähigen Mutter, wollte einen bösen Spruch am Ende loslassen so ungefähr: Wer Spaß beim Fahren will, muss auch schieben können, du Ziege!. Ja, das mit der Ziege sollte sie auf jeden Fall sagen, und dabei möglichst verächtlich gucken. Als Betrogene hatte sie dieses Recht, fand Johanna.
Das Baby war trocken, aber kaputtgeschrien, mit dicken Lidern und roter Stirn. Ganz klar: Es hatte Hunger. Der kleine Junge schrie sich die Seele aus dem Leib, die Mutter lag hilflos im Flur und weinte.
Wie sie leere Küchenschränke durchsuchte, den kahlen Kühlschrank öffnete, erinnerte sich Johanna später nur bruchstückhaft. Auch wie sie einen angefangenen Zettel auf dem Tisch fand, auf dem stand Bitte in mei, mit einer grausigen abgebrochenen Bitte.
Die junge Frau auf dem Boden weinte sich aus, erzählte Johanna alles wie einer alten Freundin: Bald muss sie raus aus dieser kleinen Wohnung, die Milch ist versiegt, Valentin verschwunden, Geld war eh keines da. Es tue ihr schrecklich leid. Wirklich leid und auch peinlich. Sie habe es nicht gewusst, bitte um Verzeihung und sie darf Johanna ruhig ohrfeigen, ja, es wäre verdient. Ach ja, ihr Sohn heiße Paul, und Johanna solle sich das merken, nur für den Fall. Paul war neun Tage älter als Ludwig.
Johanna musste nun schnell nach Hause, in zwanzig Minuten verlangte Ludwig nach der Brust. Einfach war der Rückweg nicht: zwei schwere Taschen von Alexandra baumelten an ihren Armen, Alexandra selbst rannte mit, hielt den satt gegessenen Paul. Johanna hetzte durch die Straßen und überlegte, wohin sie zwei weitere Betten stellen sollte.
Drei Jahre später feierten wir Alexandras Hochzeit, ein Jahr darauf die von Johanna. Johannas Mann kann weiße Socken nicht ausstehen, meint, das Leben sei zu kurz für langweilige Details, und vergöttert seine Frau, den Sohn und die zwei Töchter. Alexandra ist stolze Mutter von vier Jungen und ihr Mann gibt die Hoffnung nicht auf, vielleicht irgendwann doch noch eine Tochter zu haben.
Am Ende habe ich gelernt, dass man im Leben immer wieder aufstehen muss und dass Hilfe manchmal von dort kommt, wo man sie am wenigsten erwartet.





