**Tagebucheintrag: Verräter**
Ich hab deinem kleinen Paul das Kartenspielen beigebracht!, verkündete Oma Gertrud stolz.
Wozu denn?, wunderte sich die erschöpfte Karin, die gerade von der Arbeit kam. Paul war erst sechs.
Na, stell dir vor, er besucht jemanden, und alle spielen Karten!, erklärte die Oma. Dann kann er mithalten! Gesellschaftsfähig muss man sein!
Man konnte es verstehen sie war im tiefsten Sozialismus groß geworden, wo Skat und Rommé zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen zählten. Und die Geschichte spielte nicht heute, sondern in den 70ern, in einer Zeit der Stagnation. Also: Mische, deal, und los gings!
Oma Gertrud kam regelmäßig, um auf den einjährigen Timmi aufzupassen. Daneben trieb sich Paul herum, der den Kindergarten hasste. Der Junge war selbstständig Schlüssel um den Hals, Essen in der Thermoskanne. Damals normal. Heute bekommt man die Kinder kaum mit dreißig vom Busen der Mutter weg.
Der Hof war überschaubar, aber gemütlich, umgeben von vier Wohnblöcken. Es gab sogar einen Tischtennisplatz und einen Spielplatz mit Sandkasten und Schaukeln. In einem der Blöcke lag das Möbelgeschäft Licht. Warum man dort neben Lampen auch Sofas verkaufte, blieb ein Rätsel.
Möbel sind schwer. Die Lieferungen brachten regelmäßig genervte Flüche hervor. So brachten die Kinder oft neue Wörter mit nach Hause von A bis Z. Mama, was bedeutet eigentlich ? Diese Worte nannte man lichtreflektierende Vokabeln. Doch das waren nur kleine Nachteile im Vergleich zum großen Plus: Man musste sich keine Sorgen machen, wenn die Kinder draußen spielten selbst die Möbelpacker passten auf sie auf!
Karin heiratete als Erste sie verliebte sich in einen Kommilitonen und wurde schwanger. Später nahm die Schwiegermutter, die in der Kita arbeitete, den Jungen unter der Woche zu sich. So schaffte Karin ihr Medizinstudium. Danach arbeiteten beide als Hausärzte damals gab es noch die Pflichtverteilung.
Die hübsche Lotte heiratete erst mit fünfundzwanzig für die damalige Zeit spät. Die Schwestern konnten unterschiedlicher nicht sein: die schlanke, dunkelhaarige, quirlige Karin und die blonde, rundliche, gemütliche Lotte. Doch beide waren attraktiv Schwarz und Weiß, nicht nur Kontrast, sondern zwei Hälften eines Ganzen.
Habt ihr wirklich denselben Vater?, wurde oft gefragt.
Ganz sicher nicht!, antworteten sie lachend, obwohl sie sich bestens verstanden.
Der Vater war längst tot, die Mutter hatte eine neue Familie. Sie wohnte woanders und ließ die Töchter in der alten Wohnung. Auf Fragen antwortete sie ausweichend: Wozu das? Natürlich habt ihr denselben Vater! Ganz sicher!
Bis vierundzwanzig ließ Lotte die Männer um sich kreisen. Ihr Herz schlief noch, obwohl sie sich natürlich verliebte das blieb nicht aus. Ihren zukünftigen Mann traf sie auf einer Party bei einem Schulfreund er war Nachbar und Kumpel von Alex.
Lotte willigte sogar in ein Treffen ein. Doch sie kam enttäuscht zurück.
Weißt du, wie spießig der ist?, empörte sie sich. Du glaubst nicht, was er gefragt hat!
Was denn?, fragte Karin gespannt.
Ob ich eine warme Unterhose anhabe! Pfui Teufel!, verzog Lotte ihr Gesicht. So prosaisch!
Der Verehrer, drei Jahre älter, hatte nur besorgt nachgefragt schließlich trug damals jeder gefütterte Unterhosen, und draußen war es frostig. Nichts Verwerfliches. Doch in ihrer Sturheit wies Lotte ihn ab samt der Unterwäsche.
Erst nach sieben Jahren tauchte er wieder auf. Inzwischen hatte Lotte genug von ihren Verehrern, blieb aber allein sie wohnte weiter mit Karins Familie in der Dreizimmerwohnung.
Plötzlich waren die Freier wie vom Erdboden verschluckt. An Silvester saß sie unerwartet zu Hause niemand hatte sie eingeladen. Dann fand Karin eine Nadel in ihrem Bett. Jemand hatte ihr einen Liebeszauber oder Ähnliches angehängt!
Lotte hatte viele Freundinnen, die oft übernachteten. Die Wohnung lag nah an der U-Bahn praktisch für Arbeit und Uni.
Die Nadel wurde entfernt, und prompt traf Lotte zufällig ihren alten Verehrer wieder ein Zeichen! Diesmal fand sie seine Frage nach der Unterhose niedlich: So fürsorglich!. Sie heirateten.
Peter, inzwischen Mathematiker, zog sofort ein. Sein erstes Projekt: ein neuer emaillierter Teekessel und ein Sofa.
Wir haben doch schon einen!, wunderte sich Karin.
Der ist euer!, erklärte er. Das hier gehört uns!
Zum ersten Mal gab es Missstimmung Peters Teekessel war teurer und besser. Auch seine Eltern waren wohlhabend, im Gegensatz zu Karins Schwiegervater, den ihre Mutter hinter vorgehaltener Hand Penner nannte.
Geplant war, die Dreizimmerwohnung gegen zwei kleinere mit Aufpreis zu tauschen. Peters Eltern wollten helfen.
Mit der Zeit kam Timmi zur Welt. Lotte ging wieder arbeiten, und Peter organisierte Oma Gertrud als Babysitter.
Eines Tages kam Karin früher nach Hause Fieber, vielleicht von den Patienten. Ihre Vertretung übernahm die Sprechstunde.
Die Wohnung war dunkel alle schliefen wohl. Doch drinnen lag auch die Familie flach: Lotte mit Timmi, der leichtes Fieber hatte, und Karins Mann Thomas, der sich erkältet hatte. Paul war wie immer daheim.
Leise schloss Karin die Tür doch dann hörte sie seltsame Geräusche. Sie ging unruhig ins Zimmer: Da saßen Paul und Timmi auf dem Teppich und spielten Karten. Paul lehrte seinen Bruder Skat für die Gesellschaft.
Wo ist Papa?, fragte Karin.
Der wäscht mit Tante Lotte Wäsche im Bad!, antwortete Paul und wandte sich an Timmi: Ich lege aus stich!
Die Saat von Oma Gertrud ging auf.
Wie lange waschen die schon?, fragte Karin mit stockendem Atem.
Der große Zeiger war auf der Sechs, jetzt ist er auf der Neun!, sagte Paul.
Fünfzehn Minuten. Mit mir wäscht er nie so lange.
Ihr wurde übel. Deshalb wollte Lotte nicht ausziehen! Immer neue Ausreden: Die Tür gefiel ihr nicht, die U-Bahn zu weit. Dabei war die Wahrheit so klar!
Wusste Peter davon? Bestimmt nicht! Sonst hätten seine Eltern Lotte längst in die Pfanne gehauen.
Karin blieb im Mantel vor dem Badezimmer stehen. Bald kamen Lotte und Thomas heraus rot im Gesicht, völlig verdattert.
Du hast doch Sprechstunde! Wie kommst du hierher?
Ich dachte, ich helfe euch beim Waschen falls ihr nicht fertig werdet!, sagte Karin kalt. Na, habt ihr gut ausgewrungen, bei dem Tempo?
Das ist nicht, was du denkst!, stammelte Thomas.
Gut!, sagte Karin. Zeig mir die Wäsche vielleicht findet ihr noch eine Ausrede!
Los, denk dir was aus! Dass du Fieber hast und wirr redest! Dass Lotte dich mit kalten Umschlägen pflegt! Kein Notfallplan, ihr Genies?
Die beiden schwiezen dumm. Bisher war alles so gut gelaufen
Verschwindet!, befahl Karin. Lotte schnappte sich Timmi und floh. Thomas schickte Paul raus es war noch hell und versuchte, Karin zu besänftigen: Es war der Teufel, Schatz! Ich liebe nur dich! Sie hat mich verführt!
Doch Karin blieb eisig. Ihr Mann hatte sie betrogen wahrscheinlich nicht zum ersten Mal.
Später stellte sich heraus: Wäsche waschen war ein regelmäßiges Event. Wie ordentlich
Der schwerkranke Thomas (37,1° Fieber) flog raus. Der Kontakt zu Lotte wurde auf ein Minimum reduziert.
Peter erzählte Karin nichts. Wenn sie ihm von der Affäre berichtete, würde er sich scheiden lassen. Dann säßen sie und ihre verhasste Schwester wieder in der alten Wohnung fest.
Stattdessen nahm Lotte das erste Angebot an zwei kleine Wohnungen mit Aufpreis.
Am Ende landete Karin in einer winzigen Plattenbauwohnung mit Vier-Quadratmeter-Küche und Frankfurter Bad (Dusche über dem Klo). Doch es war ihr Eigenheim schlecht, aber ihr eigen.
Thomas musste zu seinen Eltern zurück. Er kämpfte wie ein Löwe, aber die Scheidung kam.
Eines Tages kam Karin von der Arbeit nach Hause. Paul spielte allein er war ein selbstständiges Kind.
Er saß auf dem Teppich, vor ihm ein großer Plüschbär. Davor lagen Karten: Paul brachte seinem Teddy das Skatspielen bei für die Gesellschaft.
Dann hörte Karin, wie ihr Sohn sanft sagte: Mein Bärchen, verdammt, warum stichst du nicht mit der Trumpfkarte?
Grüße an Oma Gertrud! Und an die lichtreflektierenden Möbelpacker! Hatschi! Wir vermissen euch
**Lebenslektion:** Manche Erbschaften will man nicht antreten besonders nicht die der eigenen Familie.





