Lena bringt ihren Verlobten mit aufs Dorf, doch er stellt ihr eine unerwartete Bedingung…

Brigitta brachte ihren Bräutigam ins Dorf, aber er stellte gleich eine Bedingung

Benni erspähte von weitem den Regionalbus, der klappernd die holprige Landstraße entlangrollte, und ließ sofort seinen Ball liegen. Im Sprint jagte er zur Haltestelle, wobei seine kariertes Hemd im Wind flatterte und die blonden Haare wild umherwirbelten.
Mama, Mama kommt! mehr konnte Benni auf dem Weg gar nicht denken. Doch Brigitta stieg nicht alleine aus dem Bus: Neben ihr watschelte ein rundlicher Mann im hellgrauen Anzug, der so tat, als wäre er mindestens der Vorstandsvorsitzende von VW. Mit wichtiger Miene schwenkte er sein Aktentasche und marschierte neben Bennis Mutter her. Benni rannte zu Brigitta, packte sie am Arm und sah glücklich zu ihr auf.

Na, mein Sohn! Brigitta beugte sich hinab und drückte Benni einen Kuss auf den kurzen Blondschopf.
Grüß dich, kleiner Mann! grollte der Herr, schob dann seine Pranke durch Bennis Haare so heftig, dass Benni fast ins Straucheln geriet. Ein lautes Willkommen, das lange nachhallte.

Kommt doch rein, das Essen steht bereit! lud Martha, die Mutter von Brigitta, alle freundlich ein.
Na, besten Dank, Frau Mama, donnerte Herr Hermann Wagner, der dabei gar nicht aufhören konnte, das prall gedeckte Tischchen zu mustern.
Ja, das ist halt Landleben! rief er und wedelte über den Tisch. In der Stadt gibts immer nur Klopapier auf Zuteilung Krise und so aber hier wird noch von Hand gekocht und geschlachtet.
Milch und Sahne sind auch von uns, sang Martha stolz, und alles ausm eigenen Garten.
Solange wir noch können, mischte sich Opa Gustav ein, Bennis Großvater, Spargelernte-Meister und wortkarger Mähdrescherpilot. Bislang halten wir unser Gemüse und die Kühe selber in Schach.
Ach, wir Städter sind ja auch nicht auf der Nudelsuppe dahergeschwommen. Coupons hin oder her, ich krieg immer was Feines von meiner Schwester vom Großmarkt, mischte sich Herr Wagner ein und fuhr sich über den kahlen Schädel. Ich versorg Brigitta also bestens.

Benni beobachtete den fremden Onkel und suchte eine Gelegenheit, sich ihm zu nähern. In der Stadt, wo er mit seiner Mutter wohnte, fragte er sich oft, wie sein Vater wohl wäre manchmal stellte er sich vor, mit ihm ins Schwimmbad zu gehen oder im Park zu kicken. Vielleicht wäre er wie der Papa von Mats oder Lukas, oder vielleicht auch ganz anders. Jetzt, da dieser kräftige Mann mit seiner Mutter am Tisch saß, dachte Benni instinktiv: Der bleibt bestimmt. Dann ist das mein neuer Papa.

Er griff sich das Holzflugzeug, das Opa Gustav mit viel Liebe gebastelt hatte die Flügel akkurat gefeilt, der Propeller drehbar und stapfte nervös zu Herrn Wagner. Schauen Sie mal, mein Flieger!, stotterte er und hielt die kleine Maschine hin.
Aha! rief Wagner, schnappte sich das Ding und donnerte mit seinen Wurstfingern voll gegen den Propeller. Der rotierte nicht, sondern flog einfach ab. Na, stabil ist was anderes, Junge! knurrte er und drückte Benni das Flugzeug zurück.
Benni hob den Propeller auf und blickte verstohlen zu Opa Gustav.
Wird repariert, brummte der Opa.

Unser Hermann ist Abteilungsleiter übrigens, streute Brigitta rasch ein. Werkstattchef bei uns im Betrieb.
Hermann blähte die Wangen, schielte gönnerhaft zu Brigitta und sagte: Muss ja einer machen, nicht?

Brigitta, 30 Jahre alt und Näherin in der Kleiderfabrik, war zum ersten Mal im Begriff, zu heiraten. Sie freute sich mächtig über ihren soliden, älteren Bräutigam mit gutem Posten. Sie schob ihm noch ein paar Pfannkuchen und ein Stückchen gebratene Forelle herüber.

Draußen ging Hermann kurz aufs Holzpodest und rief theatralisch: So eine Pracht! Und erst die frische Luft! Hirschhausen kann einpacken!
Hermann, gefällts dir?
Und wie, Brigitta!
Dann bleiben wir bis morgen, ruhen uns aus, und nehmen Benni mit zurück in die Stadt der braucht ja noch Schuluniform.
Hör mal, warum willst du den Kleinen eigentlich mitnehmen? Gibts hier keine Schule?
Tja, Grundschule ist schon, aber
Na siehste! Ein Jahr kann er doch ruhig hier bleiben. Wir richten in der Zeit unsere Wohnung her. Neue Schränke müssen rein, bei dir steht ja nur lauter Trödel.
Martha blickte erschrocken zu Gustav. Der spielte mit seinem legendären Schnurrbart und sah gar nicht angetan aus.
Hermann, das ist nicht so einfach, stotterte Martha. Da muss ja alles umgemeldet werden…
Ach was, seine paar Sachen sind im Nu gepackt! Gibt nix Besseres für den Lütten frische Landmilch, Obst, Gemüse… Der wächst hier wie Sauerkraut im April. Eure beiden passen auf ihn auf, und wir können erst mal bei uns alles regeln. Was meinst du, Brigitta? Gutes Angebot, oder?
Das ist doch kein Angebot, sondern eine Bedingung, knurrte Gustav und zupfte am Bart.

Am nächsten Tag redete Brigitta Benni gut zu, warum sie ihn diesmal hierließ. Benni nickte artig aber mit keinem Ton sagte er, was ihn beschäftigte. Sobald Hermann und Brigitta zum Bus gingen, war Benni verschwunden. Martha suchte ihn überall auf dem Dachboden, in Opas Werkstatt nirgends war er zu finden.
Wo steckt er nur? Vorhin war er noch da. Auch sein Fahrrad steht noch!
Der taucht schon wieder auf ist bestimmt mit den Jungs unterwegs, winkte Hermann ab.

Brigitta warf noch einmal einen enttäuschten Blick in den Hof und verschwand. Benni aber drückte sich, mit Propellerflugzeug in der Hand, in der Holzhütte am Rand des Hofs. Er hätte am liebsten aufspringen, seine Mutter am Arm packen und nach Hause zerren wollen. Doch er blieb wie versteinert; irgendwie spürte er, dass er nun überzählig war, seit dieser kahle Onkel da war.

Die Tränen liefen lautlos seine Wangen hinunter. Normalerweise war Benni kein Heulsuse, er jammerte nie nicht mal, als Opa ihn einmal übers Knie gelegt hatte, weil er das Boot losgebunden und selbst ins Wasser gerudert war. Er wusste: Opa ist nie zu streng. Aber jetzt, ohne dass ihn jemand geschimpft hatte, kullerten die Tränen, und er wischte sie verlegen fort.

Da ist er ja endlich! rief Martha, als Brigitta und Hermann längst weg waren. Nu mach mal nicht so ein Gesicht, mein Junge. Deine Mama kommt in vier Wochen wieder, wie versprochen bis dahin kaufen wir dir eine Schultasche. Du magst es doch bei uns, oder?

Benni ließ den Kopf hängen, die hellen Haare fielen ihm ins Gesicht. Er dachte an seine Freunde in der Stadt. Natürlich gefiel es ihm hier mit Oma und Opa, aber eigentlich wars doch nur für den Sommer. Zum Herbst gings immer zurück, und das mochte er doch auch.

Die Woche plätscherte dahin. Mit seinen Kumpels rannte Benni durchs Dorf, und der Kummer verflog Stück für Stück.

Eines Tages, als Martha fast der Putzeimer aus der Hand fiel, stand Brigitta plötzlich am Tor.
Tochter, wir hatten dich frühestens in zwei Wochen erwartet!
Wollte vier Wochen warten, aber jetzt bin ich eben schon da. Ich hol Benni ab.
Wie doch? Ich dachte, ihr hättet das mit Hermann besprochen?
Hermann, Mama, ist so ein richtiger Charmeur! Jetzt ist der dauernd bei der Buchhalterin Sibylle, schleppt ihr lauter Spezialitäten vom Großmarkt an sie hat keine Kinder. Aber ich hab mit Benni angeblich ein Paket, wie er sagt: Bedingung war, ihn hierzulassen. Aber mir reichts. Ich schmeiß meinen Sohn doch nicht weg wegen ein bisschen Wurst aus Hermanns Korb.
Martha sah ihre Tochter an, traurig und ein bisschen erleichtert. Vielleicht war das sogar besser so…

Na dann ist es eben so, Tochter. Vielleicht passt das alles wirklich besser
Wird auch. Ich brauch keinen mit seinen Großmarkt-Gaben! Ich wollte einfach Familie, einen Papa für Benni und einen Mann für mich. Wird schon, Mama!

Da tauchte Benni auf. Als er seine Mutter sah, stürzte er ohne zu überlegen los: Maaamaaa!
Mein Junge! Wie sehr ich dich vermisst habe! Brigitta schloss ihn fest in die Arme und musterte sein braun gebranntes Gesicht. Ich hol dich jetzt ab bald geht die Schule wieder los.

Benni betrachtete seine Mutter völlig verdattert.
Wir leben wieder wie früher du lernst, ich helfe dir bei den Hausaufgaben, und dann kannst du ins Fußballtraining, wie du immer wolltest!

Benni versuchte, möglichst viel in seinen Rucksack zu stopfen, damit die Tasche für Mama nicht zu schwer wurde.

Benni, lass das, das schleppst du doch niemals!
Quatsch, ich schaff das, ich bin doch stark!

Oma und Opa gingen mit bis zur Bushaltestelle. Der Bus brummte an, einmal kurz aufheulend vom Bordstein. Benni sicherte sich den Platz am Fenster und winkte, bis Opa und Oma hinter der Kurve verschwanden.

Er hielt das Flugzeug in der Hand, den Propeller hatte Opa liebevoll wieder befestigt, und blickte zu Mama. Benni fuhr jetzt heim das fühlte sich so klar und richtig an, dass er vor Freude fast platzen wollte. Und neben ihm, da war seine Mama, sein allerwichtigster MenschWährend die Felder draußen vorbeizogen, legte Brigitta leise ihre Hand auf Bennis. Schau, Benni manchmal braucht es ein bisschen Mut, um herauszufinden, was wirklich wichtig ist. Benni zog sein Flugzeug näher an sich. Der Propeller sirrte leise zwischen seinen Fingern; es fühlte sich an wie ein kleines Versprechen.

Kurz bevor sie in die Stadt einfuhren, beugte Brigitta sich zu ihm, streifte ihm die Wirbel aus der Stirn und flüsterte: Wir zwei das reicht. Benni grinste. Zum ersten Mal seit langem war da kein Platz mehr für Unsicherheit oder Sehnsucht. Auf dem Heimweg, so fest wie die Schraube am Holzflieger, spürte er, dass er angekommen war.

Als sie ausstiegen, traf gerade die untergehende Sonne auf die Dächer. Benni rief: Komm, Mama, wir rennen! Gemeinsam lachten sie, rannten die Straße entlang leichter, freier, und kein bisschen mehr überzählig. Hinter ihnen drehte der Bus ab und verschwand, aber in ihren Herzen blieb nur eins zurück: Das echte Zuhause und alles, was sie wirklich brauchten, war schon da.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Lena bringt ihren Verlobten mit aufs Dorf, doch er stellt ihr eine unerwartete Bedingung…
„Hallo… Vasili?“ – „Hier ist nicht Vasili. Hier ist Elena.“ – „Elena? Wer sind Sie?“ – „Wer sind Sie denn? Ich bin Vasili‘s Freundin. Was wollten Sie?“ – „Mein Mann ist nicht da, er hat heute länger Arbeit…“ Mir wurde ganz schwindelig, ich bemerkte rote Tropfen auf dem Boden und hatte starke Schmerzen im Bauch – ich wusste, das Baby kommt gleich. Mein Mann Vasili fährt seit fünf Jahren immer wieder als Arbeiter ins Ausland. Mal war er Lkw-Fahrer in Deutschland, mal hat er in Polen renoviert. Er ging weg des Geldes wegen – wir haben zwei Söhne und wollten das Beste für sie. Uns war klar, in der Ukraine würden wir es nicht schaffen. Wissen Sie, dort drüben hatte Vasili Glück. Einmal im Monat schickte er uns Pakete mit Lebensmitteln. Konserven, Grieß, Öl, Süßigkeiten. Und er überwies mir Geld auf mein Konto, damit ich es bei der Bank anlegte. So sparten wir genug, um für den älteren Sohn eine Wohnung zu kaufen. Eigentlich schien alles gut zu laufen. Doch vor einigen Monaten merkte ich, dass mit meinem Körper etwas nicht stimmte. Zunächst dachte ich an die Wechseljahre, aber das war es nicht. Ich nahm stark zu, war dauermüde, aß viel, mein Gemüt schwankte. Laut Internet war ich schwanger. Wie sollte ich mit 45 schwanger sein? Ich glaubte es nicht, machte aber einen Test. Zwei rote Linien. Deutlich. Meinen Söhnen und Schwiegertöchtern sagte ich nichts von der Schwangerschaft. Wozu? Damit mich die eigenen Kinder auslachen und sagen, ihre Mutter habe im Alter den Verstand verloren? Ich beschloss, sie zu verbergen. Es wurde Winter, ich trug nur noch dicke, große Sachen. Niemand sah den Bauch unter dem Parka. Aber ich wollte dieses Kind gar nicht bekommen. Manche sagen, ich hätte Gott nicht im Herzen. Aber ich bin 45, längst keine junge Frau. Ich habe Söhne und Enkel, denen ich Zeit widmen will, nicht Windeln wechseln. Und für ein drittes Kind fehlt uns das Geld. Vasili müsste wieder zurück ins Ausland und ich kann ohne ihn nicht. Es war sowieso schon spät für eine Abtreibung, zu riskant, sagten die Ärzte – es könnte mir schaden. Also redete ich mir ein, alles würde gut werden. Vielleicht freut sich Vasili sogar, noch ein Kind zu bekommen? Ich beschloss, ihn per Skype anzurufen und die Neuigkeit mitzuteilen, aber nur mit Mikrofon, nicht mit Kamera. „Hallo, Vasili…“ „Hier ist nicht Vasili. Hier ist Elena.“ „Elena? Wer sind Sie?“ „Wer sind Sie denn? Ich bin die Freundin von Vasili. Was wollen Sie? Mein Mann ist nicht da, er arbeitet heute länger.“ Ich legte sofort auf und fing bitterlich an zu weinen. So ist das Leben – der Mann kann überall und mit jeder fremdgehen. Ich wollte direkt die Scheidung beantragen, Vasili’s Sachen rauswerfen, ihn nie wieder sehen oder hören. Aber ich hatte noch Hoffnung, dass mein Mann zurück zur Familie kommt, wenn er vom Baby erfährt. Ich wusste, im Februar kommt er heim, denn unsere Söhne haben Geburtstag und er hat Urlaub bekommen. Ich träumte sogar davon, dass wir zu dritt im Park spazieren gehen: Vasili hält unsere Tochter an einer Hand, ich an der anderen. Am 14. Februar, zum Valentinstag, kam er wieder. Ich bereitete ein romantisches Abendessen, stellte Kerzen auf, spielte Musik, wollte eine friedliche Stimmung schaffen. „Vasili, ich habe eine Überraschung für dich. Ich bin schwanger. Es soll ein Mädchen werden.“ „Du Miststück!“, schrie mein Mann. Er wurde puterrot vor Wut, warf die Teller zu Boden, schlug mit der Faust auf den Tisch: „Während ich da draußen wie ein Ochse arbeite, springst du mit anderen Männern ins Bett? Und jetzt willst du mir dieses Balg anhängen?“ „Vasili, ich kann alles erklären…“ „Verschwinde! Ich will dich nicht sehen!“ – Er stieß mich so, dass mein Bauch gegen die scharfe Tischkante prallte und ich fiel. Vasili ging, packte seinen Koffer und knallte die Tür. Mir war schwindelig, ich sah rote Tropfen auf dem Boden, die Schmerzen im Bauch waren unerträglich. Mit letzter Kraft rief ich den Notarzt. Ich spürte, das Baby kommt gleich. Als die Ärzte kamen, hielt ich schon unser Mädchen in den Armen. Sie lag ganz ruhig, schrie nicht, schlief fest. „Na, kommen Sie mit ins Krankenhaus, Mama?“ „Nein. Nehmen Sie das Kind mit, ich will es nicht.“ „Wie bitte?“ „So ist es. Nehmen Sie es einfach, sage ich! Dieses Kind hat meine Familie zerstört. Vielleicht liebt sie jemand anders, aber nicht ich. Nehmen Sie sie, ich will sie nie wieder sehen.“ Ohne jedes schlechte Gewissen gab ich das Kind den Ärzten. Sie untersuchten mich – keine Verletzungen, die Geburt verlief ruhig. Als der Notdienst weg war, räumte ich auf, ging duschen und schlafen. Keiner meiner Kinder weiß, dass ich das Mädchen weggegeben habe. Jeden Tag gehe ich in die Kirche und bete, dass meine Tochter gesund aufwächst und ihre Familie findet. Ich weiß, dass ich es nicht schaffe – ich will nicht nochmal all die Lasten der Mutterrolle erleben. Ich will nur, dass Vasili zurückkommt. Aber er ist wieder fort, arbeitet in Deutschland und spricht nur mit den Söhnen. Man kann sagen, ich sei verrückt. Aber ich wähle meinen Mann – nicht das Kind. Gott ist mein Richter.