Wohnung untervermietet
Sabine, mach bitte auf, wir stehen schon am Tor! Hörst du mich?
Sabine Ingeborg Krüger hielt das Handy ans Ohr und blickte in die Dunkelheit draußen. Halb zehn am Abend, draußen schwankten die Birken im Wind, und irgendwo stand hinter dem Holzzaun mit den neuen Brettern, die sie noch streichen wollte, eine Gruppe Menschen. Die Verwandten ihres Mannes. Nicht geladen, aber jetzt da.
Hannelore, was ist denn passiert? Ihr habt doch nicht Bescheid gesagt
Keine Zeit zum Anrufen! Uns hat es erwischt, Sabine. Oben drüber, Wasserrohrbruch, alles voll! Wir konnten kaum was retten kaum Kleidung, keine Papiere. Mach auf, es ist kalt!
Sabine legte ihr Handy auf das Fensterbrett und ging drei Schritte zur Haustür. Dann zurück. Dann wieder zur Tür. So ging es die letzten zwei Jahre: drei Schritte vor, drei zurück. Ablehnen konnte sie schlecht, schnell zustimmen auch nicht. Uwe, ihr Mann, meinte immer: das ist ihr größter Vor- und Nachteil zugleich.
Jetzt war Uwe in Hamburg. Seit drei Wochen auf einer großen Baustelle, meldete sich abends, versprach Ende des Monats zurück zu sein. Sabine war allein im Haus ihrem ersten, das sie zusammen gebaut hatten, wofür sie Jahre lang sparten. Erst im März waren sie endlich eingezogen. Das Haus lag im Ort Fichtenhain, vierzig Kilometer außerhalb, klein, gepflegt, mit Veranda und Vorgarten, in dem Sabine schon Phlox gepflanzt hatte.
Sie drückte auf den Toröffner.
Draußen warteten drei. Hannelore Schäfer, die Schwiegermutter eine große, resolute Frau, immer mit zusammengepressten Lippen. Ihr Ehemann Dieter, still und mit einem schelmischen Blick. Und deren Sohn Matthias, 47, geschieden, ohne festen Job, mit riesiger Sporttasche und der selbstverständlichen Miene eines Menschen, der gewohnt ist, dass andere sich kümmern. Matthias war Uwes jüngerer Bruder. Sabine kannte ihn seit sechzehn Jahren bezahlen sah sie ihn nie.
Gott sei Dank, Sabine, endlich! schnaufte Hannelore und trat schon ein, ehe Sabine was sagen konnte. Dieter nickte knapp. Matthias hinterher, musterte das Haus und pfiff leise.
Gar nicht schlecht geworden, hätte ich nicht erwartet.
Sabine ignorierte es.
Was ist denn passiert mit eurer Wohnung? Erzählt bitte.
Hannelore hing in der Diele schon ihren Mantel an Sabines Haken.
Oben im Haus, Sabine, neunter Stock, Sonntagmorgen: Rohr geplatzt. Wohnzimmerdecke eingebrochen, Schlafzimmer alles nass. Hausverwaltung meint: mindestens drei Wochen Renovierung, wahrscheinlich mehr. Und wir? Kein Dach überm Kopf, Hotel viel zu teuer Du verstehst doch.
Sabine nickte, ein mulmiges Gefühl machte sich in ihr breit drei Wochen, drei, nein, nicht ganz fremde, aber auch nicht nahe Menschen in ihrem Haus. Ihr erstes eigenes Haus, an das sie sich vorsichtig gewöhnt hatte, wie an ein viel zu großes Glück.
Nur ein, zwei Wochen, Sabine, nicht mehr! versicherte Dieter und zog sich in der Diele die Schuhe aus. Die ließ er mitten im Gang stehen.
Sabine stellte sie zur Seite. Schwieg.
Noch in der Nacht rief sie Uwe an. Fast Mitternacht war es schon. Müder Tonfall am anderen Ende.
Uwe, deine Eltern sind da. Und Matthias. Sagen, sie sind “abgesoffen”.
Pause.
Ernsthaft? Wann?
Angeblich letzten Sonntag. Fragen, ob sie zwei Wochen hier bleiben können, bis zum Ende der Sanierung.
Stille. Sie hörte ihn atmen.
Tja, Sabine, was willst du machen? Eltern halt, da kann man schlecht nein sagen.
Ich weiß. Ich wollte, dass du’s weißt.
Du schaffst das. Du kannst gut mit denen.
Sabine legte auf und starrte lange an die Decke. “Du kannst gut mit denen” das hieß: Du kannst schweigen, schlucken und so tun, als wär alles okay.
Die ersten zwei Tage gingen noch. Hannelore streifte durch Haus und Garten mit dem Blick einer, die gezwungen ist, fremde Räume zu akzeptieren Räume, die deutlich besser als ihre eigenen wirkten. Dieter schaute fern. Matthias schlief aus. Sabine machte Frühstück, räumte auf, tat so, als bemerke sie nicht, dass die Gäste gleich die beiden besten Zimmer belegt hatten. Hannelore und Dieter bezogen das Elternschlafzimmer mit großem Bett und eigenem Bad. Matthias den Raum, den Sabine mal als Arbeitszimmer geplant hatte. Sie zog ins kleine Eckzimmer, das eigentlich als Gästezimmer gedacht war.
Am dritten Tag wollte Hannelore spezielle Quarksorten:
Sabine, gibt es in dem Edeka, wo du immer bist, eigentlich den Quark von der Frischwiese? Nur den kann ich essen, weißt ja, wie mein Magen ist.
Ich schau mal nach.
Und bloß kein Magerquark, um Himmels willen. Fünf Prozent Fett mindestens.
Sabine fand den Quark und sagte nichts zum Preis, der sich gewaschen hatte.
Am vierten Tag aß Matthias den ganzen Käse, den Sabine extra für sich geholt hatte, und bat um Nachschub vorzugsweise milder. Sabine kaufte wieder, dann Butter, die schneller als gewöhnlich weg war, Kekse für den Tee, den Dieter so mochte, und Mineralwasser still und nur von einer bestimmten Marke.
Kein einziger bot Geld für den Einkauf an.
Sabine wartete. Nicht aus Geiz, sondern weil sie meinte, irgendwann dämmerte es ja jedem. Aber die Tage vergingen, der Kühlschrank leerte sich, die Geldbörse öffnete sich nur mit ihrer Hand.
Am Ende der Woche überschlug sie die Ausgaben und wurde schwindlig, weniger von den Zahlen als der Gewissheit: Die drei fragten nicht einmal, wie sie klar kam. Uwe überwies ihr monatlich einen festen Betrag für den Haushalt der war auf eine Person bemessen, nicht auf vier.
Hannelore hob Sabine eines Morgens an, während die Schwiegermutter genussvoll Kaffee schlürfte, vielleicht sollten wir bei den Einkäufen zusammenlegen? Wir essen ja alle…
Hannelore blickte sie über den Tassenrand an.
Sabine, uns gehts zurzeit echt schlecht. Die Baustelle, die ganzen Ausgaben Wir stehen doch grad erst wieder auf den Beinen. Sobald es besser läuft
Ja, ich versteh schon, sagte Sabine und verließ die Küche.
Aber was sie eigentlich verstand, war etwas anderes, das sie nicht benennen konnte.
Matthias hatte sich inzwischen richtig eingelebt. Benutzte Sabines Auto ohne zu fragen, nahm sich einfach den Schlüssel. Das erste Mal merkte sie es, als sie loswollte und das Auto fehlte. Matthias kam nach zwei Stunden zurück, warf den Schlüssel hin.
War nur eben was erledigen du hast bestimmt nichts dagegen, oder?
Sabine sah ihn an, aber er starrte schon auf sein Handy.
Sag doch zumindest Bescheid, meinte sie.
Schon gut, schon gut.
Von da an fragte er nicht mehr. Holte das Auto, wenn es ihm passte.
Sabine rief Uwe an.
Matthias nimmt einfach mein Auto.
Ach komm, Sabine! Was soll er denn machen, zu Fuß gehen? Er regelt schon irgendwas in der Stadt.
Was denn überhaupt?
Tja Irgendwelche Dinge halt. Red mal mit ihm.
Sabine versuchte es. Matthias blockte: Siehst doch, dass ich beschäftigt bin und verschwand auf die Veranda. Ende der Diskussion.
Nach zehn Tagen fiel Sabine auf, dass keiner mehr den Wasserschaden erwähnte. Kein Wort über die Wohnung, keine Updates von der Hausverwaltung, kein Lärm von Handwerken. An den ersten Tagen telefonierte Hannelore noch besorgt wegen den Arbeiten jetzt war alles ausgepackt, Kleidungsstücke in den Schränken, Dieters Pantoffeln im Schlafzimmer, Hannelores Creme auf dem Nachttisch. Matthias hatte im Arbeitszimmer einen Mehrfachstecker für seine Geräte installiert.
Sabine fragte offen:
Hannelore, was gibts Neues vom Handwerker? Wann könnt ihr zurück?
Hannelore starrte in den Vorgarten:
Weißt du, wie sowas ist, Sabine. Immer dauert es. Handwerker suchen, Material besorgen Das zieht sich.
Aber wann gehts los?
Ganz bald. Dieter telefoniert morgen mit der Hausverwaltung.
Dieter telefonierte mit niemandem. Am nächsten Tag saß er ab drei Uhr vor dem TV und sah Angelsendungen.
Sabine zählte die Tage. Zehn. Zwölf. Vierzehn.
In der vierzehnten Nacht konnte sie mal wieder nicht schlafen und ging in die Küche. Auf der Veranda hörte sie Stimmen. Die Tür stand angelehnt. Sie wollte nicht lauschen aber als ihr Name fiel, blieb sie stehen.
Sabine hat echt keine Ahnung grinste Matthias. Ganz wie Uwe sie beschrieben hat: Hilfsbereit bis zur Dummheit.
Lass das! murmelte Dieter, aber ohne Nachdruck.
Ach, die pennt längst. Matthias, sei wenigstens höflich! Hannelores Stimme war Zuhause-Stimme, nicht der besorgte Ton für Sabine. Aber ehrlich, schön haben wirs hier. Die Wohnung läuft zur Untermiete, bringt Geld und wir leben im gemachten Nest. Hab ich doch gesagt, es funktioniert.
Sabine erstarrte.
Und wenn Uwe früher zurückkommt? überlegte Matthias.
Kommt nicht. Er hat selbst gesagt, nicht vor Monatsende. Reicht, um hier noch auszuspannen. Frische Luft, gutes Essen, Wäsche umsonst. Wozu woanders hin?
Sabine hat letztens nach Geld für Lebensmittel gefragt lachte Matthias. Als ob wir was zahlen müssten.
Für jemanden, der sie so mag, wäre zahlen ja eine Beleidigung, spottete Hannelore. Sollen die anderen so was machen. Wir sind Gäste. Gäste zahlen nicht.
Sabine stellte das Glas auf den Tisch, kaltes Wasser an den Fingern. Aber was sie fühlte, war keine Kälte. Etwas Neues, Heißes stieg in ihr auf. Keine Kränkung. Kein Zorn. Eher Klarheit.
Es gab keinen Wasserschaden. Die Wohnung war an jemanden vermietet und sie waren absichtlich gekommen weil Uwe weg war und sie, Sabine, so berechenbar. Alles war einkalkuliert.
Sabine legte sich aufs Bett, konnte den ganzen Rest der Nacht nicht schlafen. Dann griff sie zum Handy.
Uwe nahm verschlafen ab.
Sabine? Was ist denn passiert?
Uwe, hör bitte zu und unterbrich mich nicht. Ich erzähl dir jetzt alles.
Wort für Wort berichtete sie. Von der Untermiete und den Gesprächen, den Worten “hilfsbereit bis zur Dummheit”, vom Schmarotzertum und den laufenden Einnahmen, während sie drei Leute aus eigenem Portemonnaie durchfütterte.
Uwe schwieg lange.
Hast du das wirklich so gehört?
Ganz genau so.
Stille. Dann:
So eine Bande mehr fiel ihm nicht ein, aber in seiner Stimme klang so viel aufrichtige Müdigkeit und Scham, dass Sabine beinahe weinte. Tut mir leid, Sabine. Wirklich, ich wusste es nicht.
Ich dachte es mir.
Was willst du tun?
Ich will sie raus haben. Morgen.
Richtig so. Mach das, ich stehe hinter dir. Willst du, dass ich anrufe?
Nein. Das mache ich selbst. Hauptsache, du bist auf meiner Seite.
Das bin ich. Immer.
Komischerweise schlief sie dann schnell und tief.
Am nächsten Morgen war sie als Erste wach. Kochte Kaffee nur für sich. Goss die Phloxstauden, stand auf der Veranda und hörte Vögel im Birkenbaum. Der Tag war kühl und hell, das Gras glitzerte vom Tau.
Halb neun kam Hannelore in die Küche, sichtbar hungrig.
Sabine, noch nichts vorbereitet? Ich dachte, du bist schon dran?
Setz dich, Hannelore. Ich möchte mit euch allen reden, bitte.
Sie verengte die Augen.
Jetzt früh am Morgen?
Ja. Bitte weck Dieter und Matthias.
Etwas an Sabines Ton funktionierte. Kein Schreien, keine Härte, bloß absolute Ruhe, die wohl durchdrang.
Zehn Minuten später saßen alle am Tisch Matthias zerzaust, Dieter im Unterhemd, Hannelore mit zusammengekniffenem Blick.
Sabine legte ihr Handy auf den Tisch, Bildschirm nach unten.
Ich möchte, dass ihr euren Kram in den nächsten sechzig Minuten packt und mein Haus verlasst.
Stille.
Sabine, was soll
Ich. Bin. Noch. Nicht. Fertig. Stimme ruhig Wer in einer Stunde noch hier ist, muss mit der Polizei rechnen. Das ist mein Eigentum, ich darf es fordern. Das ist keine Drohung. Sondern ein Plan.
Weißt du überhaupt, was du tust?! Hannelore empört. Wir sind Familie!
Ihr habt mir einen Wasserschaden vorgespielt, sagte Sabine ruhig. Währenddessen vermietet ihr eure Wohnung. Jeden Monat kommt das Geld pünktlich. Keine Sanierung, kein gar nichts. Ich habe euren gestrigen Gespräch genau gehört.
Matthias machte den Mund auf und wieder zu. Dieter sah zu seiner Frau. Hannelore starrte auf die Platte.
Wir haben gar nicht untervermietet, behauptete Matthias, aber unsicher.
Matthias, lass das, Sabine seufzte. Ich will keinen Streit. Ich will keine Dramen. Ich bitte euch, zu gehen. Eine Stunde muss reichen.
Weiß Uwe Bescheid? leise Hannelore.
Uwe weiß Bescheid. Ich habe es ihm heute Nacht erzählt. Er unterstützt mich.
Das saß. Sabine sah, wie bei allen dreien etwas umschlug. Matthias ließ sich zurückfallen, Dieter rieb sich die Hände.
So sieht also Familie aus, Hannelore erhob sich bitter. Leute rauswerfen.
Ich werfe niemanden raus, erwiderte Sabine. Ich schicke Betrüger heim.
Das wirst du bereuen.
Möglich. Sabine stand auf, ging ans Fenster. Ihr habt noch eine Stunde.
Sie ging in den Vorgarten und kümmerte sich um die Blumen. Die Hände zitterten ein bisschen, nicht vor Angst, sondern, weil sie zum ersten Mal so deutlich gesprochen hatte ohne Entschuldigung, ohne seid mir nicht böse, ohne abzumildern. Es war seltsam und berauschend als hätte sie den ersten Schritt von der Treppe gemacht und gemerkt, der Boden ist ja ganz nah.
Im Haus rumpelte es. Schränke klappten zu, Taschen wurden gepackt. Matthias trat hinaus und blickte zu ihr.
Sabine, du weißt schon, dass das jetzt zu viel ist, oder?
Matthias, fang an zu packen. Ihr habt nicht mehr viel Zeit.
Kurze Pause.
Wir sind doch Familie.
In einer Familie betrügt man nicht.
Er drehte sich um und verschwand.
Rund vierzig Minuten später standen sie alle am Tor. Matthias mit der größten Tasche, Dieter mit Koffer, Hannelore aufrecht und wortlos.
Am Tor blieb sie stehen.
Sag Uwe, das vergessen wir nicht so schnell.
Sabine schwieg, sah sie nur an.
Und vergiss nie: Familie ist nicht die, die rausschmeißt, sondern die, die aufnimmt.
Hannelore Sabine leise aufgenommen wurdet ihr. Vor zwei Wochen. Was ihr draus gemacht habt, lag nicht an mir.
Die Schwiegermutter schweigte, ging hinaus. Dieter hinterher, Matthias auch der so tat, als sei alles ein Missverständnis.
Sabine schloss das Tor hinter ihnen.
Im Haus blieb sie erst mal in der Diele stehen: Fremder Geruch fremde Creme, fremdes Leben. In der Küche drei benutzte Tassen. Im Bad lag noch eine Bürste. Im großen Schlafzimmer lagen Dieters Pantoffeln und das Bett war zerwühlt.
Sie öffnete die Fenster, stellte die Waschmaschine an, wechselte die Bettwäsche aus und warf die Bürste weg. Arbeitete ruhig, langsam, fast reinigend.
Mittags war das Haus wieder ihres.
Sie rief Uwe an.
Weg sind sie, meldete sie.
Gott sei Dank. Und du?
Bin erschöpft, aber es geht.
Wirklich toll, Sabine. Ich hätte das wohl nicht geschafft.
Doch, bestimmt. Du musstest nur nie.
Eine Pause.
Uwe, wusstest du, dass sie untervermietet haben?
Nein, wirklich nicht. Ich dachte, die kriegen das alles alleine hin.
Schon gut. Ich glaube dir.
Ich rede mit meiner Mutter. Ernsthaft.
Mach das. Aber nicht jetzt. Lass erstmal Gras drüber wachsen.
Danach kochte sie sich ein ganz schlichtes Mittagessen: Kartoffeln, eigene Gurken, eine Scheibe Brot. Sie aß in der stillen Küche eine stille, die jetzt anders war als in den Tagen zuvor. Nicht leer, nicht beunruhigend. Ihre eigene.
Abends hockte sie lange auf der Veranda, schaute, wie es langsam über den Birken dämmerte. Sie erinnerte sich, wie sie mit Uwe das Grundstück ausgesucht hatte, wie er meinte: “Schau mal, Sabine, hier machen wir die Veranda und hier sitzen wir dann abends zusammen.” Dazu war es nie gekommen irgendwas war immer, dann Uwes Dienstreise. Nun saß sie da, das Haus, der Himmel, die Birken. Niemand störte.
Sabine wusste, die Geschichte war nicht vorbei. Hannelore würde das nicht vergessen. Matthias schmollte vermutlich. Dieter nahm nichts übel, aber lebte mit den anderen, die alles übel nehmen. Mit Uwe würde es Diskussionen geben, vielleicht auch später Missmut, wenn die Familie Druck macht.
Aber jetzt saß sie auf ihrer Veranda und das war mehr als genug.
Wenige Tage später rief ihre Freundin Monika Bachmann an, die sie noch aus der Buchhandlung kannte und die vor Sabine immer über alles Bescheid wusste.
Sabine, hast du gehört, was die Schwiegerleute machen?
Was denn?
Also diese Sache mit eurem Sommerhaus. Sie wollten sich ja eine neue Unterkunft suchen, nachdem du sie rausgeschmissen hattest. Hatten aber das Geld aus der Untermiete noch nicht, neue Miete war fällig. Hotel zu teuer. Also haben sie ne alte Hütte in Waldbrunn gemietet. Weißt du, wo das ist?
Ja, nur vom Hören.
Ziemlich heruntergekommen. Kein warmes Wasser, Toilette draußen, Ofenheizung. Matthias war angeblich außer sich, aber Hannelore konnte nicht anders. Mein Nachbar kennt die Vermieter, Hannelore hat schon über den Rauch im Ofen gemeckert.
Sabine schwieg.
Na ja, sagte sie dann.
Schadenfroh bist du nicht?
Nein. Mir ist es einfach egal.
Kurzes Schweigen.
Bravo, Sabine. Dass du die rausgebeten hast, verdient Respekt. Ich hätte es nie hinbekommen.
Ich auch nicht. Früher.
Und es stimmte. Früher hätte sie Baldrian getrunken und abgewartet, bis sich alles von selbst erledigte. Sie nannte das Rücksicht oder Takt. Aber es war schlicht Angst vor Ablehnung, davor, als unhöflich zu gelten, davor, das heikle Band Familie anzugreifen, dass oft nur auf Opfern der Nachgiebigen gründet.
Uwe kam tatsächlich zum Monatsende zurück. Sabine erwartete ihn an der Tür, er umarmte sie lange, so dass die Anspannung wegging, die sich angesammelt hatte.
Alles gut? fragte er und sah sie an.
Ja, jetzt schon.
Er sah sich im Haus um sauber, ordentlich, ruhig. In der Küche roch es nach Suppe. Auf der Veranda zwei Stühle.
Ich habe mit Mutter gesprochen, setzte er sich. Sie war beleidigt, hat dann aber abgekühlt. Meinte, du warst schroff.
Wahrscheinlich stimmt das.
Ich habe ihr gesagt, dass sie unehrlich war. Hat sie abgestritten. Aber geschwiegen. Für sie immerhin etwas.
Uwe, ich will nicht für immer im Streit mit deiner Familie leben.
Ich auch nicht. Aber ich will, dass dich niemand benutzt. Das weiß ich sicher.
Sabine nickte.
Sie aßen gemeinsam zu Abend, draußen auf der Veranda, wie er es ihr einmal versprochen hatte. Ein milder Abend, kein Wind, in der Ferne rief ein Kuckuck. Sabine hörte hin und dachte: diesmal werde ich nicht zählen, wie oft nicht aus Angst vor der Antwort, sondern weil der Moment ausreicht. Kein fremder Mensch im Haus, keine Verpflichtungen, sich über Gebühr zu verbiegen und ihr Hilfsbereitsein war nicht mehr einfach verfügbar.
Im Vorgarten blühten die Phloxe auf Sabine hatte nicht einmal gemerkt, wann. Jetzt standen sie einfach da: rosa, weiß, zerzaust, und doch so lebendig.
Drei Wochen später rief Matthias an. Sabine starrte auf das Handy, dann nahm sie ab.
Sabine. Du, ich ich wollte mal sagen
Pause.
Matthias, was ist?
Wir habens vielleicht übertrieben. Mit der ganzen Sache.
Möglich.
Mutter sie meint es ja nicht böse. Es ist halt dumm gelaufen, das weißt du doch.
Sabine drehte eine kleine Runde im Wohnzimmer, blieb am Fenster stehen.
Matthias, ich bin nicht nachtragend. Aber ihr müsst verstehen: Das war nicht “dumm gelaufen”. Das war euer bewusster Plan.
Stille.
Vielleicht. Ja. Ich versteh das.
Gut. Wenn du das wirklich verstehst.
Wir denken, zu Weihnachten sollten wir Frieden machen.
Sabine überlegte einen Moment. Ließ sich Zeit.
Matthias, bis Weihnachten ist noch lang. Schauen wir einfach mal.
Alles klar. Danke, Sabine.
Tschüß, Matthias.
Sie legte das Handy beiseite und trat auf die Veranda. Uwe saß dort mit Zeitung, schaute sie fragend an.
Matthias hat angerufen, sagte Sabine.
Und?
Sie dachte noch einen Moment nach. Sie betrachtete ihre Phloxe im blühenden Vorgarten, die Birken, das große, wolkenlose Himmelsblau über ihrem Haus und sagte ruhig:
Er meint, wir hätten vielleicht überreagiert. Möchte zu Weihnachten wieder Frieden.
Und du?
Ich habe gesagt: Wir werden sehen.




