Wenn sie sahen, wie Sören in sein Schulheft wieder einmal lieber Spider-Man malte, anstatt die Matheaufgabe zu lösen, wurde seinen Eltern klar, dass in ihrer Familie nur die Katze einer sorgenfreien und gut genährten Zukunft entgegensehen würde.

Als sie sahen, wie Moritz wieder einmal einen Spiderman in sein Heft kritzelte, statt die Matheaufgaben zu lösen, dämmerte seinen Eltern, dass wohl nur ihr Kater in dieser Familie auf eine sorgenfreie und gesicherte Zukunft hoffen konnte. Dutzende Nachhilfelehrerinnen und -lehrer waren daran gescheitert, Moritz für Mathe oder Physik zu begeistern. Im Gegenteil, mit jedem Nachhilfeversuch entfernte er sich mehr von den naturwissenschaftlichen Fächern und tauchte immer tiefer in philosophische Überlegungen ab. Die Welt ist ein einziges Gewusel aus Kleinigkeiten, dachte der Junge. Wahres Glück finde ich bei Faulenzen, Schokoladen-Eclairs und Serien auf dem Handy.

Als bei den Eltern schon fast alle Hoffnung schwand, stieß Moritz Vater im Internet auf eine seltsam anmutende Anzeige: Verkaufe Hantelstange und bringe deinen Kindern, Geschwistern, Freunden oder Nachbarn mit meiner eigenen Methode schulische und sportliche Disziplin bei. Spezialgebiete: Mathematik, Geschichte, Deutsch, Englisch, Bizeps, Trizeps, Beine, Schultern, Literatur, Brust. Michael. Die elterliche Vorsicht wich der Verzweiflung. Der Vater griff zum Telefonhörer, und nach ein paar Freizeichen ertönte eine keuchende, tiefe Stimme.

Ja, bitte? Über das Telefon waren außerdem rhythmische Metallklänge zu hören.

Guten Tag, ich rufe wegen Ihrer Anzeige an.

Hantelstange ist schon weg, sagte Michael kurz und wollte auflegen.

Nein, nein, mein Sohn braucht Nachhilfe in Mathe, Deutsch, Literatur.

Alter, Gewicht, Können des Schülers?

Michaels knappe Fragen fanden Vater gleichermaßen inspirierend wie beängstigend. Die Geräusche wechselten zu einem springenden Seil. Irgendwie glaubte Vater, sogar Schweißgeruch aus dem Hörer zu vernehmen.

Neun Jahre, fünfundzwanzig Kilo, kann schon fast schriftlich addieren und

Wie viele Liegestütze schafft er?

Was bitte?, stutzte der Vater und fuhr sich mit dem kleinen Finger ans Ohr.

Liegestütze und Klimmzüge wie viele?

Ich weiß nicht, vielleicht fünfmal?

Weiß er den Unterschied zwischen Präfix und Suffix?

Äh, da müsste ich meine Frau fragen.

Welche Trainingsgeräte haben Sie zuhause?

Trainingsgeräte?

Zirkel, Winkelmesser, Expander, Kettlebell?

Nur ein Holzlineal.

Verstanden. Schicken Sie mir die Adresse, ich bin in einer Stunde da, sagte Michael, rief dann ins Zimmer: Beine weiter auseinander, Rücken gerade! Dann fügte er erklärend hinzu: Nicht Sie, ich habe gerade Geschichtsunterricht. Und legte auf.

Noch eine Zeitlang stand der Vater mit gespreizten Beinen und kerzengeradem Rücken im Flur, dann ging er zu Moritz. Als er seinem Sohn von dem neuen Nachhilfelehrer erzählte, drehte Moritz nur den Fernseher lauter und bat um Tee mit Brot. Wissenschaftliche Erziehung ließ ihn völlig kalt.

Da klingelte es an der Haustür. Moritz Mutter schaute durch den Türspion und sah eine Brust, dass sie als Frau nicht um einen Hauch von Neid herumkam.

Guten Tag, begrüßte sie eine Muskelgestalt im engen T-Shirt, die nach Kokosshampoo duftete und sich als Michael vorstellte. Wo ist mein zukünftiger Olympionike?

V-v-vito, stammelte die Frau. Da ist dieser Typ mit dem Opel, dem du mal einen Zettel mit Sehtestempfehlung geschrieben hattest.

Entschuldigung, das war ein Missverständnis, ich bin… Augenarzt, aber das war früher, klang es aus dem Hintergrund.

Jetzt bin ich Michael Weber, Nachhilfelehrer im Hier und Jetzt.

Ach, Sie sind das! Entschuldigung, wir haben Sie nicht erkannt. Darf ich Ihre Tasche nehmen? fragte Vito, der Vater, und griff nach der großen Hockeytasche. Kaum hatte Michael den Griff losgelassen, zog es Vito schwer zu Boden. Der Kater schoss panisch durch zwei Zimmer und eine geschlossene Tür auf der Flucht vor dem vermeintlichen Monster.

Was ist da so schwer drin?, keuchte der Vater und schleppte die Tasche ins Kinderzimmer.

Lehrmaterial. Grundschule plus praktische Fächer.

Moritz, tief in das Sofa versunken und ins Handy vertieft, wurde von der sich öffnenden Zimmertür aufgeschreckt.

Auf Spannung!, brüllte sein Vater. Zu spät: Michael betrat das Zimmer, begutachtete wortlos die Wände.

Habt ihr einen Bohrhammer?

Wozu?, fragte der Vater irritiert.

Deutsch üben, sagte Michael und zog eine Klimmzugstange, einen Boxsack und ein Seil aus der Tasche.

Ich frag mal den Nachbarn… Lernt euch solange kennen. Das ist Moritz. Er hob den schmächtigen Jungen vom Sofa und stellte ihn neben Michael.

Warum haben Sie so viele Muskeln?, fragte Moritz, statt Guten Tag.

Hab sie zusammengerechnet, antwortete Michael trocken, stapelte nebenbei Hantelscheiben aufeinander.

Na dann, viel Erfolg!, rief der Vater noch und verschwand.

Sind Sie stärker als Spiderman?

Drückt Spiderman 200 Kilo von der Brust?, fragte Michael zurück.

Moritz verstand die Frage nicht, spürte aber, dass die Antwort nein war.

Ich mag keinen Unterricht, verkündete der Junge gleich offen.

Unterricht ist was für Verlierer. Wir machen jetzt Bauchtraining.

Michael begann mit Sit-ups. Moritz stand an der Wand und wartete, dass der merkwürdige Nachhilfelehrer schwächelte. Doch der wechselte nur das Tempo und die Übungen Hanteln, Expander, Liegestütze…

Alles gemerkt? Willst du stark werden? Oder lieber wie dein Spinner inmitten von Spinnweben rumsitzen?

Moritz schüttelte den Kopf.

Gut! Jetzt alles drei Runden mal 45 minus 39 Wiederholungen, fang mit Sit-ups an.

Wie viel ist das denn?

Das darfst du mir berechnen.

Der Vater platzte mit einer Bohrmaschine ins Zimmer, bemerkte seinen trainierenden Sohn und zog sich leise zurück.

***

Am nächsten Morgen um halb sechs klingelte das Telefon. Noch völlig verschlafen ging der Vater zur Tür und rechnete schon mit einer ordentlichen Standpauke. Doch als er Michaels breiten, kahlrasierten Kopf im Türrahmen sah, verschlug es ihm den Atem. Sah aus, als sei der Trainer über Nacht noch gewaltiger geworden.

Heute: Geschichte und Geographie. Sportkleidung: Turnschuhe, T-Shirt, Shorts. Es gibt einen Stadtlauf mit Landschaftskunde und historischen Aufgaben.

Aber er ist erst in der dritten Klasse!

Kommt alles noch dran. Und ein Gedicht steht heute auch auf dem Plan. Wollen Sie mit?

Nein danke, ich habe in der Schule gut aufgepasst.

Wann zog die Hanse aus unserer Region ab?

Der Vater wich schlaftrunken ins Kinderzimmer aus.

Er wacht nicht auf.

Zieht ihn an, unterwegs wacht er schon auf.

***

Dreimal pro Woche erschien Michael pünktlich zu den Trainingseinheiten: Montag Brust-Trizeps-Schultern-Mathematik-Deutsch; Mittwoch Rücken-Bizeps-Literatur-Englisch; Freitag Beine-Geographie-Geschichte. Nach drei Wochen kam Moritz oben ohne in die Küche, und der Vater versteckte sein Bierbäuchlein verlegen hinter der Teekanne. Moritz war stärker geworden, hatte eine aufrechte Haltung und wies seine Eltern ermahnend wegen ihres Couchpotato-Lebensstils zurecht.

Vito, mir gefällt das alles nicht, sagte Moritz Mutter eines Abends beim Essen. Weißt du, was Moritz sich zum Geburtstag wünscht?

Xbox, hat er mir schon erzählt.

Nein, eine Sprossenwand und einen Mixer für Smoothies! Ich glaube, dieser Michael ist kein Nachhilfelehrer, sondern so ein durchgeknallter Sporttrainer und ruiniert unserem Kind die Gesundheit!

Aber sie machen doch auch Mathe!

Hast du je einen Schulbuch bei ihm gesehen?

Er hatte mal eine Kalorientabelle dabei.

Siehst du! Die ganzen Muskelpakete sind doch meistens … na du weißt schon.

Was dumm?, hakte Vito nach.

Ja, und unser Sohn wird dann auch so.

Na vielleicht ist das besser, als ein schmächtiger Streber zu sein?

Ich will ein normales Kind! Diese Nachhilfe soll aufhören.

Das Telefon klingelte.

Das ist seine Lehrerin, sagte die Mutter und nahm ab. Hallo? Was ist vorgefallen? Ja, ich komme gleich.

Was ist los?

Moritz hat eine Prügelei angezettelt. Siehst du, ich habs geahnt! Das ist nichts Gutes!

Ich komme mit.

***

Mit dem Taxi fuhren die Eltern zur Schule und wurden direkt zum Rektor gebeten.

Tolle Nachhilfe, kaum in der dritten Klasse, schon muss er zum Rektor.

Im Büro herrschte ein Chaos aus Eltern, Kindern, Schulpsychologin und Klassenlehrerin. Der Tumult ließ im Nachbarraum die Musik verstummen.

Das hier ist kein Sportverein, sondern eine Schule!, fauchte eine Mutter.

Was ist denn passiert? Erklären Sie das mal!

Die Klassenlehrerin ergriff das Wort.

Moritz zwang seine Mitschüler während der Pause in der Sprossenwand-Staffel anzutreten und den Score mittels Divisionsrechnung zu bestimmen.

Was genau?

Abwechselnd Klimmzüge, und die Wiederholungen rechnerisch staffeln, erklärte Moritz sachlich.

Pst! Die anderen wollten das doch gar nicht, er hat sie mit Drohungen gezwungen.

Aber die haben angefangen, sie wollten mich hauen, weil ich sie beim Meckern korrigiert habe.

Wie hast du die korrigiert?

Ich habe ihnen erklärt, wie man Streithahn und Angeber richtig dekliniert. Da sind sie auf mich los, und ich musste mich wehren. Wie Michael Weber sagt: Wer viel Energie hat, kann viele Klimmzüge machen. Und: Lieber mit Brüchen rechnen als mit Raufbolden raufen, murmelte Moritz verlegen.

Er drohte, beim nächsten Mal Wurzeln ziehen zu lassen!, jammerte einer der Jungen.

Dieser Neandertaler hat hier nix zu suchen!, kreischte eine Mutter.

Moment mal, meldete sich endlich Moritz Vater. Es gab also gar keine Schlägerei?

Die betroffenen Eltern schüttelten die Köpfe.

Heißt das, mein Sohn hat auf die Aggression der anderen mit Mathe und Kraftsport reagiert?

Und sie mussten Stadionsprints machen und Tucholsky auswendig lernen!

Na schau mal, du sagst, er wird ein dummer Muskelprotz, sagte Vito zu seiner Frau, die einsichtig nickte.

Plötzlich meldete sich die Rektorin.

Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen.

Er soll sich entschuldigen!, rief ein Vater und deutete auf Moritz.

Nicht bei Ihnen, sondern bei den Eltern dieses Jungen. Ihr Sohn ist großartig! Aber nachdem, was ich gehört habe, müssen wir ihn versetzen.

Jetzt sehen Sie, was Sie davon haben! Ihrem Muskelprotz geschiehts recht!, höhnten einige Eltern.

Ich versetze ihn in die vierte Klasse. Er ist der Stärkste in der Jahrgangsstufe auch im Lehrplan!

Schweigen. Man hörte förmlich, wie Neid und Missgunst durch die Reihen der Elternschaft krochen. Einer nach dem anderen schlich hinaus, ohne jemanden anzusehen.

Hallo, Michael? Die Sache ist so: Moritz kommt jetzt in die vierte Klasse, das Fächerangebot wächst, telefonierte der Vater nach dem Gespräch.

***

Eine Woche später war Moritz offiziell Viertklässler. Zwei weitere Wochen später nahm er am Crossfit-Wettbewerb teil und bereitete sich auf seine erste Literatur-Olympiade vor. Einen Monat danach rief ein Vater eines ehemaligen Mitschülers an und bat um Michaels Nummer.

Bald entstand eine kleine Gruppe für kombinierte Förderung. Wer schlechte Noten hatte, musste die Gruppe verlassen nicht etwa wegen zu geringer sportlicher Leistungen.

Und so lernte der kleine Moritz, dass Disziplin, Wissen und Stärke ein Team bilden können, das selbst die größten Hürden im Leben überwindet und dass Glück oft dort zu finden ist, wo man am wenigsten damit rechnet.

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Homy
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Wenn sie sahen, wie Sören in sein Schulheft wieder einmal lieber Spider-Man malte, anstatt die Matheaufgabe zu lösen, wurde seinen Eltern klar, dass in ihrer Familie nur die Katze einer sorgenfreien und gut genährten Zukunft entgegensehen würde.
Glück für alle – Ein perfekter Moment der Freude