Sohn, ich möchte nicht, dass du dich meinetwegen scheiden lässt! Bring mich ins Seniorenheim!

Mein Sohn, ich will nicht, dass du dich meinetwegen scheiden lässt! Bring mich ins Seniorenheim!

Vor etwa einem halben Jahr habe ich meine Mutter zu mir geholt. Sie ist inzwischen wirklich alt, schon 83 Jahre. Seit Papa gestorben ist, fällt es ihr schwer, alleine auf dem Dorf zu wohnen. Unsere Kinder sind auch erwachsen und leben längst woanders. Meine Frau und ich waren also alleine in unserer Zweizimmerwohnung in Hamburg zurückgeblieben. Ich dachte, es wäre kein Problem.

Zuerst sagte meine Frau, Helene, gar nichts. Doch schon nach einer Woche begann sie sich von meiner Mutter, Waltraud, gestört zu fühlen. Sie wollte, dass Waltraud nach uns aß:

Hör mal, sie soll bitte erst nach uns essen gehen.

Warum das?

Es ist einfach angenehmer so. Mir vergeht der Appetit, wenn ich zusehe, wie sie ohne Zähne ihr Brot kaut. Das ist widerlich.

Ach bitte, wir werden doch alle mal alt.

Das ist etwas anderes.

Helene störte sich auch daran, dass Mutter Verdauungsprobleme hatte und nachts laut schnarchte. Sie verbot ihr, in die Küche zu kommen und irgendwann durfte sie nicht mal mehr aus dem Zimmer. Dann sagte sie auf einmal zu mir:

Ich hätte nie gedacht, dass sie hier so lange wohnt. Ich kann nicht mehr.

Was schlägst du vor?

Bring sie zurück aufs Dorf.

Aber sie schafft das doch nicht mehr alleine!

Jeder lebt so. Die Kinder tragen keine Verantwortung mehr! Warum muss ich mich in meiner Wohnung wie ein Gast fühlen und dieses Geschmatze und den Geruch ertragen?

Ich wusste nicht mehr weiter. Vor Kurzem kam ich nach Hause und sah Mutter im Flur sitzen, angezogen, mit gepacktem Koffer, die Jacke viel zu groß, ein Gartenhandschuh in der Manteltasche. Alles wirkte ein bisschen seltsam, als würde die Zeit rückwärts laufen und draußen wären November und Mai gleichzeitig.

Mama, was machst du denn da?

Mein Sohn, bring mich bitte ins Seniorenheim!

Aber warum? Das kommt gar nicht in Frage!

Ich will nicht, dass ihr euch meinetwegen trennt.

Waltraud fleht mich weiter an, während sie mit ihren alten Gummistiefeln auf den Fliesen wippt, als würde sie irgendwohin in einen Traum wandern wollen. Ich schlafe seitdem schlecht Bilder von Fischbrötchen, die an Regalen schweben, und Zimmerpflanzen, die Wörter flüstern, verfolgen mich. Wie soll ich nur entscheiden? Wie kann ich ruhig leben, wenn Mutter in einem Heim in Pinneberg vor sich hinträumt? Vielleicht sollte ich einfach alles stehen und liegen lassen und zusammen mit ihr ins Dorf ziehen, irgendwo zwischen Rapsfeldern und Windrädern, wo die Welt ein bisschen schräg und surreal bleibt. Was soll ich nur tun?

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Homy
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