Ein Moment der Schwäche

Ein flüchtiger Moment der Schwäche

Es war einmal, vor vielen Jahren, als Gerlinde an einem lauen Herbstnachmittag eilig die steile Treppe des alten Bahnhofs von Bad Reichenhall hinunterlief. Sie passierte die eiserne Umzäunung der kleinen Anlage, ließ die stille, von Ahornblättern bedeckte Bahnsteigkante und den wartenden, längst außer Betrieb gesetzten Triebwagen hinter sich. Zwei Marktstände zogen die Aufmerksamkeit auf sich. Dort verkaufte ein freundlicher, bärtiger Mann aus Bayern glänzende, am Stängel welk gewordene Gurken, große, tropfenähnliche rote Tomaten, Paprika mit grünen Streifen, Walnüsse und duftende Kräuter, liebevoll in Papiertüten verpackt.

Gerlinde! Grüß Gott und beste Gesundheit! Kaufen Sie doch etwas fürs Mittagessen, ich bitte Sie sehr!, rief der Händler, den sie als Anderl kannte, und hob freundlich einen Bund Dill in die Höhe.

Gerlinde war Lehrerin von Beruf und lebte seit Langem in Bad Reichenhall; in ihrem kleinen, verwitterten Holzhäuschen verbrachte sie die Sommer, pflegte Dahlien, Margeriten, Pfingstrosen und Lilien. Ach, was Gerlinde für Lilien hatte! Und erst die Apfelbäume! Diese hatte schon ihr Urgroßvater gepflanzt, und noch heute stand Jahr für Jahr eine reiche Ernte an.

Ihr Mann, Heinz, und ihr Sohn Martin kamen nur an den Wochenenden zu ihr. Heinz arbeitete in München, der erwachsene Martin aber langweilte sich meist in Bad Reichenhall, besuchte seine Mutter nur sporadisch, hinterließ ein wenig Unruhe und verschwand wieder aber gut war er, half immer, wenn sie etwas brauchte.

Für gewöhnlich kam Gerlinde mit Heinz zum Markt, während sie mit Anderl plauderte, lachte Heinz im Hintergrund, rauchte dabei seelenruhig. Ihr Lachen war leicht und echt; man würde glauben, sie sei rundum glücklich.

Schließlich trat Heinz heran, presste die Lippen zusammen und begutachtete skeptisch das Angebot.

Was kostet das?, fragte er schroff, schob dabei die Anderl hingehaltene Zitrone beiseite. Anderl präsentierte den Stammkunden immer irgendwas Besonderes, doch Heinz schlug das Essen stets aus, als würde man ihn noch zum Bezahlen zwingen wollen.

Was willst du für all das?, wiederholte der Mann.

Gerlinde fühlte sich dabei immer schrecklich unwohl, errötete und wandte sich ab, peinlich berührt über Heinz Ton gegenüber diesem gutmütigen Mann.

Heinz, lass mich das zahlen. Trag du die Tüte, ja? Sie holte ihr Portemonnaie heraus, zählte die Euro ab

Anderl sah ihnen nach, schüttelte den Kopf. So eine schöne Frau, und ihr Mann hat keinen Respekt! Wie kann das nur sein?!

Mit Gurken und Kartoffeln in der Einkaufstasche ging Gerlinde heimwärts. Heinz hatte Erdbeeren und Tomaten im Netz, das gegen seinen Rücken schlug.

Gleich alle Beeren zermatscht!, murmelte Anderl empört. So was!

Gerlinde und Heinz waren schon lange verheiratet. Ihr Sohn, inzwischen einundzwanzig, zeigte längst eigene Interessen, lebte aber noch immer bei den Eltern.

Es war ein ruhiges, routiniertes, vorhersehbares Leben miteinander. Gerlinde kam zeitig nach Hause, wirbelte in der Küche, bereitete das Abendessen für ihre Männer. Die aßen meist schweigend, ein knappes Nicken galt als Lob. Geling das Essen nicht, seufzte Martin leise, während Heinz wortlos den Teller beiseiteschob.

So was ess ich nicht, Gerlinde. Weg damit! Dann, wenn er bemerkte, wie verletzt seine Frau war, wurde er milder: Ach, jedem passiert das mal, Gerlindchen. Sicher war das Fleisch schlecht, die Händler am Markt sind alle Betrüger. Wirfs weg, reg dich nicht auf.

Manchmal tätschelte Heinz ihr unbeholfen den Rücken zum Trost. Gerlinde seufzte und lächelte dann halb traurig, halb liebevoll zurück.

Schon gut, Heinz. Soll ich dir ein Spiegelei machen?

Heinz nickte, bat, es ihm doch auf dem Sofa zu servieren.

Ich seh noch etwas fern. Ich bin fertig für heute, der Rücken macht schlapp.

Gerlinde richtete ihm alles, war es doch keine Mühe für sie; sie liebte ihren Heinz noch, nur anders, sanfter als früher, und konnte sich kein anderes Leben mehr vorstellen. Der Sohn sollte bald seinen Weg gehen. Ihr gemeinsames Leben war schließlich gelebt oder fast

An jenem Tag aber, hatte sich Gerlinde kurzfristig von der Arbeit befreien lassen, eine Vertretung für ihre Klasse organisiert und war eilig nach Bad Reichenhall gefahren, denn ihre Nachbarin, Frau Antonie, hatte angerufen: Es laufe Wasser auf dem Grundstück, niemand könne das abstellen.

Wie geht das?, flüsterte Gerlinde ins Telefon und bemühte sich leise zu sprechen Kollegen saßen im Lehrerzimmer. Da ist doch ein Ventil mit rotem Griff am Tor! Können Sie bitte nachsehen? Ich kann wirklich nicht kommen, ich habe Unterricht

Nein, Gerlinde, ich hab zu tun! Kommen Sie und machen Sie das selbst. Ach, und das Fenster steht offen. Vielleicht ist jemand eingebrochen. Und damit hatte die Nachbarin aufgelegt.

Gerlinde versuchte, Heinz zu erreichen, kam nicht durch, hielt noch zwei Stunden Unterricht, überredete ihre Freundin zur Vertretung und eilte zum Bahnhof.

Ach, wie still Bad Reichenhall im Oktober war! Die Sommergäste fort, kein Radio plärrte, keine Rasenmäher ratterten, nirgendwo Lachen und Stimmen aus den Gartenlauben. Nur irgendwo klopften Handwerker, eilig, um das Dach noch vor dem Frost zu richten; und manchmal stieg der beissende, aber angenehme Geruch von verbrennenden Blättern in die kühle Luft.

Kurz blieb Gerlinde stehen, bewunderte die leuchtenden Beeren am Vogelbeerbaum und die runzeligen, granatapfelähnlichen Hagebutten, ehe sie weiter eilte. Schon sah sie zwischen Weißdornsträuchern das blaue Häuschen mit weißen Giebelverzierungen, das schiefe kleine Treppchen, die Wasserfässer. Das Fenster der Küche war tatsächlich offen, der blaue Vorhang schwang fröhlich im Wind.

Hab ich wohl vergessen, alles ging so hastig heute früh , dachte Gerlinde und überlegte, wo der Werkzeugsatz liegen könnte. Wenn der Hahn kaputt war, musste sie schnell arbeiten. Oder eben das Wasser ganz abdrehen aber was wurde dann aus dem Gewächshaus? Heinz hatte eine automatische Bewässerung installiert, aber die brauchte Wasser

Mit diesen Gedanken trat sie näher, sah im offenen Garagentor Heinz Auto stehen, und wollte ihn gerade rufen, blieb dann aber auf halbem Weg stehen. Sie reckte sich, spähte unters Dach, wurde plötzlich bleich, als hätte sie ein Schlag getroffen, schluckte, verzog das Gesicht, biss sich auf die Unterlippe. Ohne sich umzusehen, eilte sie fort, hörte nicht, wie jemand ihren Namen rief, erinnerte sich nicht, wie sie zurück zum Bahnhof kam, ein Ticket löste und mit dem Regionalzug über Rosenheim nach München fuhr. Sie nahm nichts wahr. Ihr war alles egal.

Mama! Mama, ich bin zuhause, rief Martin wenige Stunden später und warf seine Schlüssel achtlos in die Schale. Ich hab alles eingekauft! Soll ichs in den Kühlschrank räumen?

Gerlinde befand sich im Bad, das Rauschen der Waschmaschine klang durch die Tür.

Sie hatte es gerade noch zurückgeschafft, ins Bad geflüchtet, kaum dass sie hörte, wie Martin heimkam. Er sollte sie nicht so sehen.

Sie blieb einen Moment vor dem Spiegel stehen, ließ kaltes, nach Chlor duftendes Wasser über ihr Gesicht laufen, nahm das Handtuch vom Haken.

Martin, Liebling, ich war noch beim Friseur, dann bin ich nach Hause Hast du Hunger? Soll ich aufwärmen? Und Brot hast du gekauft?

Sie sprach schnell, zuckte gelegentlich mit einem Lachen, wandte sich ab. Martin musterte sie forschend er spürte immer, wie es ihr wirklich ging, egal wie sehr sie sich verstellte. Und er merkte, wie tief ihre Traurigkeit war kam zu ihr, schloss sie fest in die Arme.

Hoffentlich merkt er jetzt nichts! Wie sollte sie es ihm erklären? Nein Sie würde es nicht sagen. Und Schluss.

Das Brot liegt da. Mama, was ist denn los? Da war wieder dieser Blick ihres Sohnes.

Nichts, ich bin nur etwas früh zu Hause, hab eben gewaschen. Warte kurz, ich mach dir gleich was zum Essen!, sagte Gerlinde, streichelte Martin durch die Haare und küsste ihn auf die Wange. Martin beugte sich etwas herunter.

Gerlinde duftete nach Parfüm und Seife, doch ihre Augen waren sehr traurig.

Sieh mal, was für ein schöner Dill! Den hat Anderl dabei!, meinte Martin, kaute vergnügt daran, während Gerlinde mit geübter Bewegung die Schürze abband, sie ablegte, ihre Frisur richtete und sich zu ihm an den Tisch setzte.

Ach was, auf dem Markt ist doch alles gleich. Iss ruhig, bevor die Frikadellen kalt werden. Iss!, schob sie ihm den Teller hin und begann mitzuessen.

Wann kommt Papa? Ich muss mit ihm wegen dem Moped reden. Unser Nachbar, Herr Nikolaus, würde mir seins schenken. Würd mit Papa drüber sprechen.

Papa? Ich weiß es nicht. Er hat viel Arbeit , entgegnete Gerlinde zerstreut, sprang auf, wollte den Wasserkocher anstellen, fühlte dann, wie ihr schwindelte. Das kam in letzter Zeit oft, wohl vom Blutdruck.

Mama, was hast du? Du fällst gleich um!, stützte sie Martin rasch, setzte sie wieder an den Tisch. Lass dich doch nicht von diesem Kram zermürben! Diese Arbeit, sie macht dich noch krank! Weißt du eigentlich, dass du gestern erst nach drei schlafen gegangen bist? Immer diese Korrekturen, Noten, alles wie verrückt! Mama, das geht so nicht.

Martin schalt sie wie einst Oma Paula, als die noch zu Besuch kam und die überarbeitete Tochter, die damals im Gymnasium in zwei Schichten arbeitete, immer zur Schnecke machte. Die alte Paula war längst tot, doch ihr mahnender Ton hallte immer noch in Martins Erinnerung nach

Ich schweige doch gar nicht. Ich esse ja, sagte Gerlinde scheinbar fröhlich. Danke für den Tee. Und vielleicht machen wir Silvester mal woanders?

Martin erstarrte, hob seine Teetasse an den Mund, ließ sie halb stehen.

Wie meinst du das? Wir sind doch immer auf dem Landhaus, zu Hause, unter uns Er klang fast beleidigt, versuchte sich mit einem Bonbon zu trösten, war ein richtiger Süßschnabel.

Oma Paula hatte ihn dafür gescholten, Oma Doris aber, Heinz Mutter, stopfte stets den Beutel voll Süßigkeiten für ihren Enkel. Die Omas zankten sich, redeten mitunter monatelang nicht miteinander. Opa seufzte nur. Und Martin, als einziger Enkel, war das Streitthema.

Ich hab einfach genug vom Landhaus. Immer dasselbe. Lass uns ein Hotel suchen und buchen, etwas gemütliches, warmes …, sagte Gerlinde, nahm einen weiteren Schluck Tee.

Martin mochte es, seiner Mutter beim Teetrinken zuzuschauen. Ihre feinen Finger, gepflegt, die Kobalttasse mit Goldrand das vermittelte Geborgenheit und Frieden. Das war sein Zuhause.

Heute aber war es anders.

Räum du dich aus, ich mach den Abwasch, sagte Gerlinde hastig, scheuchte den Sohn ins Zimmer.

Er bekam nicht mit, wie kurz darauf jemand an der Tür klingelte, wie die Mutter mit jemandem stritt. Martin war schon eingeschlafen, als alles passierte

Erst nach neun kam Heinz zurück, schlug energisch die Tür zu, schlüpfte aus den Schuhen, streckte sich und gähnte ins Flurspiegelbild.

Gerlinde! Martin! Ist jemand daheim? Ich bin zu Hause! Warum wird man hier nicht empfangen? rief er, polterte weiter in die Küche, wo das Licht noch brannte. Gerlinde stand am Herd, kochte scheinbar Grießbrei.

Servus, Susi. (So nannte er sie manchmal.) Warum so spät? Ich hab dich zigmal angerufen …

Arbeit. Sitzung beim Chef, ewig lang gewartet, weil der die neuen Pläne nicht unterschreiben konnte. Wie können so Kopflos Chef spielen!, schimpfte Heinz und zog sich den Teller heran.

Und wer sollte das deiner Meinung nach sonst machen?, entgegnete Gerlinde leise.

Er verschluckte sich fast. Die Antwort war ihm klar, dachte er.

Gerlinde, was hast du plötzlich?, fragte er.

Nichts. Ich war heute im Landhaus, Heinz.

Im Landhaus? Wir waren doch erst am Sonntag dort. Warum noch mal? Ich fahr jedenfalls nicht hin! Hab genug zu tun.

Nicht am Sonntag heute. Ich hab dich gesehen. Mit einer anderen Frau, Heinz. Das ist gemein, verstehst du?, sagte sie, blickte ihn müde und fest an. Das ist das Haus meiner Eltern. Du wie konntest du nur, ausgerechnet dort?

Sie griff zum Lappen, als wollte sie ihm ins Gesicht schlagen. Heinz zuckte zurück, doch sie wischte bloß den Tisch. Du gehst von jetzt an, packst deine Sachen, verabschiedest dich von Martin. Und du erklärst ihm, warum! Verstanden?

Fassungslos starrte Heinz seine Frau an. Wie hatte sie das bemerkt? Alles so sorgfältig geplant, den Schlüssel heimlich genommen, Nadine angerufen Nadine wusste nicht mal, wo das Landhaus überhaupt stand. Aber wie kam Gerlinde zu der Zeit dort vorbei? Sie sollte doch in der Schule sein!

Was redest du denn! Wozu soll ich weggehen? Was hast du überhaupt gesehen?, schlug Heinz empört auf den Tisch.

Alles hab ich gesehen. Das Gartentor steht direkt vorm Haus. Sammel jetzt deine Sachen und klärs mit Martin. Und dann geh.

Was ist denn schon dabei?!, raunzte Heinz nach einer Weile missmutig. Ja, ich war mit einer Frau auf dem Landhaus, aber das war doch nichts! Ich hab ihr nur Blumenzwiebeln gebracht, Nadine eben.

Ich hab gesehen, wie du ihr Gerlinde lachte bitter. Was ist an ihr anders als an mir? Fehlt dir hier etwas?, fuhr sie hoch, warf wütend einen Teller auf den Boden. Heinz zuckte zusammen.

Alles für dich, alles, wie dus willst! Selbst die Anmeldung hier, damit du dich nicht als Fremder fühlst. Abends schleichen Martin und ich nur herum, damit du ruhen kannst, nach deiner ganzen Arbeit. Am Wochenende kommt deine Mutter an, kritisiert mich Soll ich ihr erzählen, wie du so blass geworden bist? Soll ich sie anrufen und bitten, sie möge sich schon mal auf eine neue Schwiegertochter vorbereiten? Deine Nadine wird sicher nicht kommen, wenn du krank wirst. Wie konntest du nur, in unser Haus, wo Martin aufwuchs Ich hasse dich! Wirklich!

Ihr gefiel fast, wie Heinz bei jedem zerbrechenden Teller zusammenzuckte, sein Gesicht voller Angst.

Gerlinde, mein Schatz, was ist nur mit dir?!, trat er langsam auf sie zu, wollte sie umarmen. Sie riss sich los.

Manchmal kann ein Mann einfach Versteh doch, ich arbeite mich kaputt. Da will man manchmal Leidenschaft, weißt du? Aber ich liebe nur dich. Nadine ist nur keine Ahnung leicht zu haben, das wars schon! Sie kann nicht mal kochen, ich hatte Sodbrennen von ihren Pfannkuchen bis zum Umfallen. Ich werde sie auch feuern also mein Chef, nicht ich, ich rede so lange auf ihn ein, bis er sie rausschmeißt. Beruhig dich endlich wieder, ja? Ich liebe dich, mehr als je zuvor. Genug davon, schenk mir lieber Tee nach.

Er nahm Gerlindes Kobalt-Tasse, reichte sie ihr in dem Moment kam von hinten jemand auf ihn zu, schlug ihm auf den Rücken und schrie. Die Tasse fiel zu Boden.

Da stand Nadine, verheult, schmollend, das Make-Up streifte über ihre Wangen sie war wie eine zornige Hexe.

Was machst du hier?, stammelte Heinz, wich zurück.

Tja, Heinz, erwiderte Gerlinde, sie ist gekommen, um dich abzuholen. Sie sagte, sie wolle dich für sich haben. Ich wäre eine Last. Sie will ihr Glück, nicht Jahre mit mir und meinen Krankheitssorgen verbringen. Hier, ich überlasse ihn dir. Geht.

Nadine schimpfte, zerrte Heinz an der Jacke, er stolperte zurück, dabei fielen die Stühle um. Dann kam Martin mit dem Nachbarn, Herr Alexander, sie warfen Nadine und Heinz hinaus.

Draußen wartete Heinz und verlangte: Gib mir den Autoschlüssel!

Du kannst laufen!, fauchte Martin und schlug die Tür zu.

Er hockte sich an Gerlindes Seite. Sie saß krumm, wie eine erschöpfte Marionette am Boden, weinte lautlos.

Mama! Du bist die Beste. Ich liebe dich und bleib bei dir ich schwör’s! Sag doch was. Und wer war diese Frau überhaupt? Ich hab alles verschlafen …

Nadine war aus dem Landhaus schon früher abgehauen. Sie sah Gerlinde am Zaun stehen, ihr Gesicht alt und erschöpft. Den Mann klau ich ihr im Handumdrehen , dachte sie. Heinz würde bald Chef werden, dann heiraten sie alles gut. Sie hatte Gerlindes Adresse herausgefunden, fuhr direkt zu ihr, noch mit vom Kuss geröteten Wangen. Sie hatte einen Kuchen gekauft, wartete am Eingang, schlich mit einem alten Herrn ins Haus, klingelte, stellte sich vor.

Gerlinde ließ sie herein. Ihre Küche: warm, sauber, freundlich. Nadine hingegen hauste bei einer alten Frau, viel zu teuer für das kleine Zimmer.

Sie geben ihn mir wirklich?, fragte Nadine schüchtern nach langem Gerede.

Gerlinde drückte den Vorhang fest, biss sich auf die Lippe; es schmeckte nach Eisen.

Ja, nehmen Sie ihn. Ist ja kein Ziegenbock am Strick! Nur eins noch , aber weiter kam sie nicht Heinz kam heim, sie bat Nadine zu warten … dann gab ein Wort das andere.

Mama, warum weinst du?, Martin drückte sich an sie. Mama, weißt du, ich wir bekommen ein Baby. Ich habs grad erst erfahren. Der Vater hat uns verraten, aber ich will das Kind trotzdem. Lieb es jetzt schon. Nur lass mich nicht allein, bis es geboren ist Ich weiß nicht weiter. Aber ich schaffe das. Ich muss mich nur zusammenreißen. Martin , flüsterte sie. Sie wusste, das war nicht richtig, alles auf Martin abzuwälzen er war doch auch noch ein Junge. Es gab aber sonst niemanden.

Martin blinzelte fassungslos, kratzte sich am Kopf und begann bald zu grinsen.

Ich bekomme einen Bruder?, fragte er.

Vielleicht auch eine Schwester. Ich hatte mir immer ein Mädchen gewünscht. Wärst du traurig, wenn es ein Mädchen ist?

Nein, das wäre er nicht. Im Gegenteil alle seine Freunde hatten Geschwister, das war doch toll!

Im letzten Maisommer wurde Gerlinde aus dem Klinikum Berchtesgaden entlassen. Martin, in seinem Anzug, frisch frisiert für diesen Anlass, stand ungeduldig mit Blumen da und nahm seine Mutter und das Baby in Empfang.

Kaum war Gerlinde aus dem Gebäude getreten, übergab Martin die Blumen einer zufälligen Schwester und trat an seine Mutter. Er sah das wütende kleine Bündel in ihren Armen und sagte: Mama, ich hab dich lieb!

Das kleine Mädchen blinzelte, blickte auf Martin, und eine neue Liebe begann so stürmisch, laut, voller kleiner Zankereien, aber unendlich stark: die Liebe zwischen Martin und seiner kleinen Schwester Valerie. Wenn eine Liebe stirbt, muss eine andere geboren werden!

Ich dich auch, mein Sohn. Nimm mal die kleine Valerie, bat Gerlinde.

Martin weigerte sich erst, hatte Angst dann griff er sich ein Herz, hob sie hoch und zwinkerte ihr zu. Valerie wandte sich ab.

Sie mag mich nicht, meinte er traurig.

Doch, sie ist nur schüchtern, lächelte Gerlinde. Komm, gehen wir heim, ja?

Daheim wartete Doris, die Schwiegermutter. Sie hatte das Haus geputzt, dem Martin geholfen mit allem, den großen Kühlschrank gefüllt und wartete jetzt nur, ob Gerlinde sie wohl rauswerfen würde.

Aber das tat Gerlinde nicht. Valerie war Enkelin, Enkelkinder brauchen eine Oma. Alles andere würde die Zeit zeigen.

Heinz schaute nach der Scheidung manchmal vorbei, bat um Verzeihung, zog dann in eine andere Stadt, schickte Unterhalt für Valerie. Martin ließ ihn jedoch nie zur Kleinen verteidigte sie mit aller Kraft. Heinz ließ es auf sich beruhen, wollte davon eh nichts wissen, schob die Sache weg. Mitten in seiner Seite bohrte es manchmal vielleicht die Leber? Wenn er mal krank werden würde, dachte er, würde Gerlinde ihn pflegen kommen, ihn, ihren Apollo! Sobald Valerie groß ist, holen sie ihn zurück. Ein Mann gehört doch immer zur Familie!

Sie holen mich! Ganz bestimmt!, verspricht sich Heinz jedes Silvester wieder. Bisher ist es aus geblieben Doch die Jahre vergingen, und Heinz blieb allein mit seinen Erinnerungen und all den verpassten Möglichkeiten. Silvester kam und ging, ohne dass jemand nach ihm fragte. Gerlinde aber, im alten Haus voller Dahlien und frischgepflanzter Lilien, schob den Kinderwagen über den Markt, hielt Valeries Händchen, während Martin lachend daneben herging, manchmal schüchtern, manchmal plötzlich der große Bruder, der das Mädchen tapfer vor allen Wespen beschützte. Doris saß am Gartentisch, stickte mit runzligen Fingern winzige Namen in weiche Handtücher und nörgelte nur noch ganz, ganz selten.

Wenn abends die Lampen leuchteten, saßen sie zusammen am Küchentisch und lachten über Valeries Gespräch, über ihre ersten Worte, das schelmische Grinsen unter weizenblondem Haar. So oft Gerlinde auch müde war sie merkte, wie sie von Tag zu Tag ein wenig aufrechter ging. Manchmal, in den Minuten vor Sonnenuntergang, wenn draußen das Licht golden wurde und die Vögel noch einmal sangen, schloss Gerlinde die Augen, atmete den Duft des Sommers und dachte: So viel Neues kommt noch. So ein Leben kann immer wieder blühen sogar, wenn etwas ganz anderes daraus wächst als erträumt. Sie streichelte Valeries Haar, schaute Martin an und wusste, dass sie endlich angekommen war.

Und draußen vor dem Fenster, im kühlen frühen Abend, klimperte der Wind sanft mit den Gläsern des alten Bahnhofs. Neues Glück stand bereit, nahm langsam seinen Anfang wie ein flüchtiger Moment, der nie mehr vergeht.

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Homy
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