Alle lade ich zu mir ein

Alle bei mir versammeln

Annemarie Frühlings nahm ihr Tablet beiseite und griff zum Telefon: Oma, wie geht es dir? Fühlst du dich besser? Und Opa, wie ist es mit ihm? Aha, wenn er Bratkartoffeln macht, dann ist alles in Ordnung. Ich bin mit meiner Arbeit für heute durch, hole Daniel vom Fußball ab, dann fahren wir noch zum Supermarkt und sind bald zu Hause.
Dann tippte Annemarie die nächste Nummer ein:
Hallo, Jörg, ich mache Feierabend und fahre heim. Kommst du mit Irmela bald? Seid ihr schon unterwegs? Super, Opa bereitet Bratkartoffeln zu, wir essen dann gemeinsam.
Annemarie stand auf und packte ihre Sachen in die Handtasche. Sie rief ihren Kolleginnen beim Hinausgehen zu: Bis morgen, machts gut!
Tschüss, Annemarie, schönen Abend noch!
Unter dem Schreibtisch schlüpfte sie in ihre Turnschuhe, warf sich ihren Trenchcoat über und blickte einen Moment auf das langsam dunkler werdende Fenster hinaus. Es war ein milder Herbstabend. Die Lichter in den Fenstern leuchteten freundlich auf, Menschen eilten nach Hause. Annemarie erblickte ihr Spiegelbild im Glas und lächelte. Wer hätte je gedacht, dass sie einmal so ein normales, alltägliches Leben führen würde? Dass sie eine Familie haben würde, etwas, wobei sie immer dachte, das sei ihr nicht vergönnt. Und dass sie, genau wie alle anderen, am Abend ungeduldig heimkehren würde, dahin, wo schon jemand auf sie wartet.
Vor nicht langer Zeit war sie sicher: Nie würde sie dazugehören.
Ja, ihre Familie ist ungewöhnlich, doch niemand ist glücklicher und liebevoller.

Annemarie wurde von ihrer Mutter direkt nach der Geburt im Krankenhaus zurückgelassen. In ihrem Heim-Aufenthaltsnachweis stand: Mutter unbekannt, keine Dokumente, Vater existiert nicht. Beliebige Menschen gaben ihr den Namen Frühlings sie wurde ja im Frühling geboren. Und warum Annemarie? Auch das wusste niemand. Sie freundete sich immer am liebsten mit Jungen an. Ihr bester Freund, Jakob, war ein Jahr älter und bekam ebenfalls den Nachnamen Frühlings, aus demselben Grund.
Annemarie war fleißig in der Schule, immer höflich, hilfsbereit und strebsam innerlich hatte sie die Hoffnung, irgendwann adoptiert zu werden. Wie Kinder in einer Familie leben, kannte Annemarie nur aus Filmen. Aber offenbar war sie zu unbeholfen oder einfach nur unglücklich. Als Jakob adoptiert wurde, weinte sie die ganze Nacht. Nicht aus Neid sondern weil ihr einziger Freund weg war. Er sah sie durch seine Brille ängstlich an: Annemarie, willst du, dass ich ablehne?
Bist du verrückt, Jakob? Wenn man so eine Chance bekommt geh ruhig, jeder hat seinen eigenen Weg.
Ich finde dich, versprochen!, schwor Jakob. Aber Annemarie lachte nur traurig: Ach was, ist nicht so schlimm!

Sie machte das Abitur und ging auf die Fachhochschule für Bauwesen, lebte im Studentenwohnheim. Nach dem Abschluss bekam sie als Vollwaise eine kleine Wohnung am Stadtrand aber das reichte ihr völlig! Sie begann im Ingenieurbüro zu arbeiten. Endlich: das eigene Leben. Sie hatte Freundinnen im Büro, doch für eine Familie sei es so fand sie noch zu früh. Ein Traum jedoch blieb: ein großes Haus, ein geliebter, liebevoller Ehemann und Kinder. Zwei, vielleicht sogar drei. Die rennen, spielen, lachen und rufen immer: Mama, Papa! Annemarie wünschte sich so sehr, dass diese Worte für sie irgendwann selbstverständlich klangen.
Du öffnest die Tür, und die Kinder rufen: Mama, Papa kommt! Wie in einem zauberhaften Märchen.

Eines Tages, sie betrat gerade das Haus, da flog die Tür plötzlich auf. Ein junger Mann rannte heraus, hätte Annemarie beinahe umgestoßen, in der Hand eine Tasche. Annemarie betrat das Treppenhaus da lag eine alte Dame auf den Stufen:
Meine Rente … Tasche … hat mich gestoßen. Meine Brille, wo ist meine Brille? Ich seh nichts!
Annemarie lief dem Dieb nach aber vergeblich, er war schon verschwunden. Sie half der alten Frau auf; zum Glück war nichts Ernstes passiert.
Wie kann man nur so etwas tun …?, schluchzte Oma Johanna.
Annemarie begleitete sie nach oben ihr Mann, Opa Karl, war bettlägerig. Von da an besuchte Annemarie sie häufiger, brachte Lebensmittel mit denn die Rente war gestohlen. Anzeige war erstattet worden, doch gefasst wurde niemand, obwohl Annemarie sich an den Täter erinnerte. Wenigstens fand man später die Tasche samt Papieren im Hausflur wieder.
Immer öfter wurde Annemarie bei Oma Johanna vorbeigebeten. Opa Karl wurde vom Arzt behandelt und erholte sich langsam. Die alten Leute blühten richtig auf mit Annemarie an ihrer Seite sie nannten sie Enkelin und wünschten sich, dass sie zu ihnen gehört.
Eines Tages im Bus stellte sich Annemarie einem jungen Mann vor, weil er sie immer wieder ansah und freundlich lächelte:
Entschuldigung, ihr Gesicht kommt mir bekannt vor. Haben wir uns schon mal gesehen?
Annemarie lachte: Ich glaube nicht.
Der junge Mann, er hieß Gernot, erzählte ihr bis zur Haltestelle alles über sich: dass er mit seiner Mutter lebt, arbeitet und sich nach Familie sehnt. Es fühlte sich schnell wie eine alte Bekanntschaft an sie hatte das Gefühl, ihn schon lange zu kennen.
Gernot holte Annemarie von der Arbeit ab, brachte sie nach Hause. Eines Tages bat sie ihn herein, bot ihm Tee und Butterbrot an. Plötzlich öffnete sie sich und erzählte ihm von ihrer Zeit im Heim. Gernot sah Annemarie an, als wolle er etwas sagen, zögerte aber. Vielleicht empfand er Mitleid. Annemarie mochte ihn sehr, aber etwas ließ sie vorsichtig bleiben.
Und dann, das Unverhoffte: Gernot kam zu Besuch, Annemarie wollte gerade Tee aufsetzen, da trat er zu ihr, schlang die Arme um sie.
Sie: Gernot, wollen wir es langsam angehen?
Aber er packte sie nur fester und dann …
Annemarie schrie, doch Gernot schnaubte: Du hast mich verraten, ich habe dich wiedererkannt, du Heimkind! Wegen dir wollten sie mich schnappen, das wussten sie durchs Phantombild! Jetzt hältst du lieber den Mund, verstanden? Sonst, glaub mir, wird das dein Schaden sein. Wer glaubt dir schon? Keiner braucht dich.
Annemarie traute sich nicht, Anzeige zu erstatten zu groß war ihre Angst vor Gerede und Scham.
Ein Monat später brach Annemarie auf der Arbeit zusammen. Not-OP, Eileiterschwangerschaft, innere Blutungen Auskunft: Kinder wird sie wohl keine mehr bekommen.

Oma Johanna pflegte sie gesund, sprach ihr tröstend zu, kochte heiße Brühe, gab ihr Heiltees. Annemarie kam aus dem Krankenhaus verloren. Was nun? Wozu?
Sie wurde still, mied ihre Umfeld. Eines Tages trugen sie ihre Schritte einfach zum Kloster Sankt Benedikt im Umland. Der Herbst war spät, der Himmel tief, hoch und dunkelblau. Goldene Kuppeln funkelten, während der Klang der Glocken in die Höhe stieg. Im Klostergarten liefen Männer mit Harken, räumten verblühte Blumen es war Herbst …
Frühlings, Annemarie?, hörte sie plötzlich jemand rufen. Sie drehte sich um, einer der Gärtner kam auf sie zu, ein breites Lächeln im Gesicht:
Annemarie, ich habe dich überall gesucht!
Jakob, bist du das?, sie erkannte ihn.
Sie umarmte ihn, konnte die Tränen nicht zurückhalten. Jakob wischte ihr die Wangen ab: Komm, Annemarie, in die Klosterküche. Es gibt heute Grießbrei, Kuchen und Tee. Danach reden wir in Ruhe.

Wie sie Jakob ihre ganze Geschichte erzählte, weiß Annemarie später nicht mehr so genau. Und er berichtete von sich: Wie er adoptiert wurde, wie der Stiefvater ihn für jeden kleinen Fehler schlug. Wie er floh, sich verletzte, herumstreunte und schließlich im Kloster als Gehilfe ein neues Zuhause fand.
Nach dem Gespräch kam Annemarie zum ersten Mal seit Langem zu sich. Sie blieb für einige Tage im Kloster. Alles wurde mit Jakob dort entschieden: Oma Johanna hatte Annemarie schon lange angeboten, ihr die Wohnung zu überschreiben. Doch Annemarie und Jakob hatten einen besseren Plan.
Oma Johanna und Opa Karl waren gerührt, ja geradezu euphorisch: Zusammenziehen, eine richtige Familie werden damit hatten sie nicht mehr gerechnet.

Nun sind Annemarie und Jakob Frühlings seit fünf Jahren verheiratet. Sie wohnen zusammen im Vorort von München. In ihrer großen Wohnung ist Platz für alle. Oma Johanna und Opa Karl fühlen sich zuhause und sind nun die Ältesten endlich nicht mehr allein. Eine richtige Familie.
Und vor zwei Jahren ging Annemaries größter Wunsch in Erfüllung: Sie haben zwei Kinder adoptiert, Daniel und Irmela, aus demselben Heim, in dem sie selbst groß wurden.

Jakob, weißt du noch, wie wir beide darauf gehofft haben, dass vielleicht eines Tages jemand kommt und uns ein Zuhause schenkt? Schau in ihre Augen und schwöre mit mir: Wir werden die Eltern sein, von denen wir immer geträumt haben.
Jetzt
Mama, wo ist Papa? Oma, komm, schau, was wir mit Opa gebaut haben!
Annemarie will an Schlechtes nicht mehr denken. Irgendwann flüsterte ihr Oma Johanna, dass man ihren Peiniger gefasst hat mal wieder auf kriminelle Art erwischt und diesmal für lange Zeit ins Gefängnis gesteckt.

Möge jedem das Seine widerfahren. Sowohl hier im Leben als auch in der Ewigkeit.

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Homy
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