Zwei Millionen für das Kind meines Mannes: Wie Stepan unsere Familienersparnisse an seine Ex-Frau überwies – und warum ich danach endgültig ging

Fünfzigtausend Euro, Stefan. Fünfzig. Einmalig, zusätzlich zu den dreißig jeden Monat fürs Kind.

Waltraud schleudert ihr Handy so heftig auf den Küchentisch, dass es über die Platte rutscht und fast vom Rand fällt. Stefan greift gerade noch im richtigen Moment zu und rettet es. Das macht sie nur noch wütender.

Frieder braucht neue Turnschuhe und die Sportklamotten für seinen Verein, sagt Stefan, legt sein Handy mit dem Bildschirm nach unten, als wolle er ein Beweisstück verschwinden lassen. Er wächst, Waltraud. Kinder wachsen nun mal.
Turnschuhe für fünfzig Euro? Ist er jetzt im Nationalkader oder was?
Da war auch noch ein Rucksack dabei. Und eine Jacke. Der Herbst kommt in großen Schritten.

Waltraud dreht sich weg, sie will ihren Mann gerade nicht ansehen. Sie kennt diese Überweisungen. Jeden Monat. Immer gleiche Erklärung: Kind, Verantwortung, Pflichten. Große Worte. Dahinter jedoch konkrete Zahlen, die aus dem gemeinsamen Budget in fremde Taschen fließen.

Ich liebe ihn eben, Stefan kommt näher, bleibt einen Schritt hinter ihrem Rücken stehen. Es ist mein Sohn. Ich kann doch nicht einfach…
Sag ich, dass du das Kind vergessen sollst? Aber warum zusätzlich zu den Unterhaltszahlungen immer noch so viel? Dreißigtausend Euro im Monat ist doch schon ordentlich. Arbeitet Nina etwa nicht?
Doch, sie arbeitet.
Wo liegt dann das Problem?

Stefan schweigt. Waltraud kennt dieses Schweigen genau es heißt, er hat keine echte Antwort. Er ist es gewohnt, zuzustimmen, zu helfen, nicht zu diskutieren. Immer der Gute sein Exmann, Vater, Mensch. Auf ihre Kosten.

Sie dreht sich um und lehnt sich gegen den Beckenrand.

Ich rechne mit, weißt du? Im Kopf. Wie viel jeden Monat rüber geht. Willst du die Jahressumme wissen?
Nein, danke.
Fast sechshunderttausend. Ohne die heutigen fünfzigtausend.

Stefan fährt sich über die Stirn ein weiteres Zeichen dafür, dass er keine Diskussion will. Aber Waltraud kann nicht länger schweigen. Zu lange hat sie Verständnis gespielt.

Wir wollten doch in den Urlaub fahren. Erinnerst du dich? Du hast versprochen: Im November, ans Meer, zwei Wochen. Wo sind die Ersparnisse jetzt?
Waltraud, ich verstehe das doch. Aber Nina hat angerufen, das war etwas sehr Dringendes
Nina. Immer Nina. Sie hat immer irgendwas Dringendes.

Stefan setzt sich auf den Küchenhocker, legt die Ellenbogen auf die Knie. Waltraud erkennt, wie erschöpft er wirklich wirkt. Nicht arbeitsmüde, sondern ausgelaugt von dem ewigen Tauziehen zwischen zwei Frauen. Das Mitgefühl regt sich in ihr, aber sie unterdrückt es sofort.

Sie will eine größere Wohnung kaufen, sagt Stefan leise. Damit Frieder ein eigenes Zimmer hat.
Moment. Was für eine Wohnung?
Größer eben. Momentan wohnen sie zu zweit auf sechzig Quadratmetern. Es ist eng.
Eng für sie. Aber wer bezahlt das?

Stefan sieht ihr in die Augen, und etwas Schuldbewusstes blitzt darin auf. Waltraud wird eiskalt.

Sag nicht, dass…
Sie hat mich gebeten, ihr mit der Anzahlung zu helfen. Ich denke nur darüber nach, okay?
Du denkst nach? Stefan, das sind das sind Riesensummen! Wo willst du das hernehmen?
Wir haben doch gespart. Für ein neues Auto.
Gespart! Für unser Auto! Für unsere Familie!

Plötzlich schreit Waltraud, hält sich reflexartig die Hand vor den Mund, als könnte sie die Worte zurückdrücken. Zu spät sie liegen schon zwischen ihnen.

Stefan steht auf, geht zum Fenster, steckt die Hände in die Taschen.

Frieder ist auch meine Familie. Ich will ihn nicht ignorieren.
Niemand verlangt das! Aber Unterhalt ist gesetzlich geregelt. Alles darüber hinaus ist freiwillig auch von mir übrigens. Das sind unsere Gemeinsamen.
Ich weiß.
Und trotzdem hält dich das nicht zurück.

Stille. Aus der Nachbarwohnung dringen gedämpfte Stimmen und das Lachen aus irgendeiner Comedyshow. Ein seltsamer Hintergrund für diesen Streit.
Waltraud setzt sich an ihren Stammplatz am Tisch, streicht mechanisch die Tischdecke glatt. Alles in ihr kocht Wut, Verletzung, Unsicherheit aber die Stimme bleibt ruhig.

Wie viel will sie denn?
Zwei Millionen Euro Anzahlung.

Die Zahl steht im Raum und Waltraud lacht hart auf, ganz ohne jede Freude.

Zwei Millionen. Das ist alles, was wir haben.
Ich weiß.
Und du willst ihr wirklich unser Geld geben?
Es ist für meinen Sohn.
Ich bin dagegen. Du hast uns beide nicht gefragt.

Er schweigt. Das Gespräch ist beendet.

Eine Woche später öffnet Waltraud die Banking-App, um zu schauen, ob das Gehalt eingegangen ist. Sie scrollt mechanisch zum Sparkonto das, auf das sie drei Jahre eingezahlt haben.

Kontostand: Siebenundvierzigtausendfünfhundertzwei Euro

Sie blinzelt. Aktualisiert die App. Schaut erneut hin.

Siebenundvierzigtausend statt zwei Millionen

Das Handy fällt ihr aus der Hand und landet auf dem Teppich.

Waltraud steht einfach da. Zwei Millionen. Drei Jahre gespart, jeden Urlaub verschoben, jeden größeren Kauf überlegt. Nun sind da noch siebentausend. Der Rest futsch. Ihr gemeinsames Morgen ist fort.
Sie hebt das Handy wieder auf und öffnet die Überweisungshistorie. Der Transfer auf den Namen Nina Schreiber.

Nicht einmal ein Versuch, es zu verbergen.

Stefan sitzt am Sofa mit dem Laptop, als sie ins Zimmer stürmt. Er will gerade lächeln, aber das bleibt ihm im Gesicht stecken, als er ihre Miene sieht.

Du hast unser ganzes Erspartes für deine Ex verschleudert?!

Waltrauds Stimme überschlägt sich, und ihr ist es egal. Sollen die Nachbarn hören, das halbe Haus von ihr wissen.

Waltraud, bitte, lass mich das erklären…
Erklären?! Zwei Millionen, Stefan! Zwei! Das war unser Geld!

Er legt den Laptop weg, steht auf. In seinem Blick keine Reue, sondern nur beharrliche Sturheit.

Es ist für Frieder. Er braucht ein Zimmer, gute Bedingungen. Ich bin sein Vater, ich muss…
Du musst für deine Familie sorgen! Für mich! Nicht für die Frau, die du vor vier Jahren verlassen hast!
Sie ist Mutter meines Sohnes.
Und ich?!
Du bist meine Frau. Ich liebe dich. Aber Frieder
Hör auf, dich hinter Frieder zu verstecken! Waltraud tritt einen Schritt näher, Stefan weicht zurück. Du kaufst Nina die Wohnung, nicht dem Kind. Sie bekommt die Schlüssel, lebt dort, verkauft das Ding, wenn sie will. Und was hat Frieder davon?

Stefan öffnet den Mund, schließt ihn wieder. Keine Antwort. Natürlich nicht sie hat Recht und das weiß er.

Du liebst sie immer noch, Waltraud sagt es heiser, fast flüsternd. Darum geht es. Nicht um Frieder. Du konntest ihr nie etwas abschlagen.
Das stimmt nicht.
Wieso hast du mich nicht gefragt? Wieso entscheidest du für uns beide?

Stefan kommt näher, streckt die Hände nach ihr aus:

Waltraud, bitte. Lass uns ruhig sprechen. Ich weiß, du bist wütend aber es ist doch für meinen Sohn…

Waltraud geht einen Schritt zurück.

Fass mich nicht an.

Drei Worte. Sie bauen eine Wand zwischen ihnen auf. Stefan steht da, die Hände hilflos vorgestreckt, und etwas wie Einsicht erscheint auf seinem Gesicht. Zu spät.

Ich kann nicht mehr, sagt Waltraud leise, geht ins Schlafzimmer, holt ihre Tasche. Ich kann nicht mit jemandem leben, der Entscheidungen allein trifft. Der lügt. Der
Ich habe nicht gelogen!
Du hast nichts gesagt. Das ist dasselbe.

Sie packt das Nötigste ein Unterwäsche, Papiere, Handy-Ladekabel. Stefan bleibt in der Tür stehen und sieht zu, wie sein Leben auseinanderbricht.

Wo gehst du hin?
Zu meiner Mutter.
Und wie lange?

Waltraud schließt die Tasche, wirft sie sich über die Schulter. Sie schaut ihn an diesen erwachsenen Mann mit dem verzweifelten Blick, der bis jetzt nicht verstanden hat, was er angestellt hat.

Ich weiß es nicht, Stefan. Wirklich.

Drei Tage bei der Mutter sind seltsam. Den ersten Tag liegt Waltraud einfach auf dem Sofa und starrt in die Decke. Ihre Mutter bringt Tee, stellt keine Fragen, streicht ihr liebevoll durchs Haar wie früher. Am zweiten Tag kommt die Wut befreiend und klar. Am dritten: Entschlossenheit.
Sie ruft einen befreundeten Anwalt an.

Ich will die Scheidung. Ja, ich bin sicher. Nein, Versöhnung kommt nicht infrage.

Stefan ruft jeden Tag an. Schickt Nachrichten, wild und lang, voller Entschuldigungen und Erklärungen. Waltraud liest sie, antwortet aber nie. Was soll sie ihm noch sagen? Er hat sich entschieden. Nun entscheidet sie selbst.

Einen Monat später zieht Waltraud in eine Einzimmerwohnung am anderen Ende von München. Klein, mit Blick auf die Gewerbeansiedlung aber ihr eigenes Reich. Sie sucht die Gardinen aus, stellt das Sofa wohin sie will, entscheidet allein über ihr Geld.

Die Scheidung geht schnell Stefan macht keine Schwierigkeiten, unterschreibt alles ohne Diskussion. Vielleicht hofft er, dass sie zurückkommt. Doch das wird nicht passieren.

Manchmal, abends, sitzt Waltraud am Fenster und denkt darüber nach, wie merkwürdig das Leben sich entwickelt. Vor drei Jahren dachte sie, sie hätte ihre große Liebe gefunden. Heute ist sie allein in einer leeren Wohnung. Und sie spürt keine Angst.

Waltraud nimmt ihren Kalender, schreibt dort: Null. Ein neuer Anfang. Daneben: der Plan für einen Monat, ein halbes Jahr, für zwölf Monate. Wie viel sie sparen will, wohin sie investieren kann, welche Fortbildung als nächstes kommt.

Erstmals seit langem liegt die Zukunft wieder ganz in ihrer eigenen Hand.

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Homy
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