Geh mutig weiter!
Du verstehst mich doch! schreit Viktor plötzlich. Heute hat er Vera zu sich gebeten. Nicht eingeladen, nicht darum gebeten, hereinzukommen, obwohl sie sich schon lange kennen und beinahe Partner sind er hat sie gerufen, geradezu einbestellt. Du weißt genau, wie es ist! Wenn ich das nicht mache, frisst sie mich auf, wie eine schwarze Witwe! Sogar von meinen Händen bleibt nichts! Er streckt seine gepflegten Hände von sich, schüttelt sie. Die schlaffen Muskeln unter dem Hemd zittern, Vera wird es unangenehm und sie wendet sich ab. Mit diesen Händen baue ich eine Familie, Vera! Wenn Marianne das will, dann will sie das eben!
Was hat Viktor denn je groß selbst erledigt? Wenn überhaupt, hat er Geld gezählt. Alles andere sollen andere machen. Er hat nicht mal auf seinem Grundstück im Spreewald selbst Holz gehackt, das war ihm zu wenig standesgemäß! Pünktlich kam ein Laster, zwei kräftige Männer luden sorgfältig das Kaminholz ab, stapelten es, Viktor befeuchtete den Finger und händigte ihnen das Geld aus.
Den Kamin mit diesen Scheiten anzuzünden, schaffte er auch nicht das erledigte seine Mutter, Eduardine, eine sehr häusliche, gemütliche Frau, die Vera immer mochte. Bei Eduardine ist es stets sauber und hübsch, wie für einen erwarteten Gast für Vera, auf einen schnellen Kaffee.
Kaffee trinkt Eduardine eigentlich nicht, liebt aber dessen Duft. Er erinnert sie an eine alte Romanze damals, mit einem Franzosen, oder einem Engländer. Kaffee kochen konnte der nicht ständig brannte etwas an, aber das war unwichtig!
Der Hauptsache ist der Duft. Er holt sie dorthin zurück, wo das Leben leicht war.
Eduardine kocht eine winzige Kanne Kaffee, schenkt Gästen auf Wunsch ein, genießt aber selbst einfach das Aroma, das durch die große Küche zieht. Sind keine Gäste da, stellt sie eine kleine, schwarze Tasse auf, trinkt Tee dazu und knabbert Stückchen vom selbst gebackenen Kuchen.
Eduardine… Wie es ihr wohl geht? Vera hat sie ewig nicht angerufen, vergessen, wie so vieles.
Versuch, dich in meine Lage zu versetzen, Vera! Was zuckst du so mit den Schultern? schimpft Viktor derweil. Er redet immer laut, aufgesetzt leidenschaftlich, sobald er selbst spürt, dass seine Worte Unsinn sind.
Deine Lage? Welche Lage denn, Viktor? Die x-te Dame, die dich zum Standesamt getrieben hat? Wo war denn gleich eure Trauung? Vera grinst.
Eine Freiluft-Trauung, so wollte es Marianne, das weißt du doch! Warum diese kindischen Fragen? verliert Viktor völlig die Fassung. Also: Morgen kommt Marianne zu dir, empfange sie und weihe sie ein. In ein, zwei Wochen, sobald sie alle Unterlagen versteht, übergib ihr dein Amt. Ich verspreche dir eine gute Abfindung. Das wars. Alles. Geh jetzt.
Er spricht abschätzig, wie ein Hausherr, dem Widerspruch zuwider ist. Was solls, sie leitet halt das Haus der Kreativität! Was machts, dass sie aus einer Nullnummer einen echten, anerkannten Bildungsträger mit starken Lehrern geschaffen hat? Es gehört ihr ja nicht, sie ist nur die Marionette.
Unsere Anforderungen an Qualifikation sind hoch, deine Marianne bringt da nicht viel mit, runzelt Vera die Stirn, befiehlt sich dann aber, die Stirnfalten auszubügeln. Falten kann sie nun wirklich nicht gebrauchen.
Weiß ich alles. Und du brauchst nicht so von oben herab. Wir haben schließlich nie Brüderschaft getrunken. Du wolltest ja nicht… Tja, dann gäbs dieses Gespräch nicht. Meine Frau hat sich einen Abschluss gekauft, irgendeinen Fernkurs beendet. Passt also. Sie will wie sagt ihr das? Ach ja! Sich selbst verwirklichen. Unsere Tochter ist groß, da muss niemand mehr hinterher. Deswegen will Marianne einen schönen, würdigen Job.
Natürlich! Vera lächelt scheinbar amüsiert, zuckt verspielt die Schultern, dabei rollt in der Tasche ihr Daumen über einen kleinen Stein je schlimmer sie sich fühlt, desto schneller fährt sie über die Kanten, wie ein Mönch seine Gebetskette. Viktor, warum will Marianne sich eigentlich ausgerechnet bei uns selbst verwirklichen? Ist unsere kleine Bildungsstätte nicht zu popelig dafür? Ruf doch in der Musikakademie an, in der Universität der Künste, bei den großen Namen! Vera überlegt kurz, dann schlägt sie sich begeistert an die Stirn. Weißt du was, vielleicht nimmt sie gleich die Berliner Philharmoniker unter die Fittiche! Da reichen allerdings Kurse nicht aus…
Genug. Vera Antonovna, Sie sind hiermit entlassen. Morgen um elf ist Marianne Konstanze hier. Bereiten Sie alle Unterlagen vor, Übergabepläne, was eben für die Amtsübergabe nötig ist.
Er wendet sich schnell zum Fenster, starrt auf die zugezogenen Gardinen, macht sie dann ruckartig auf. Draußen nur Schwärze und das leuchtende Mosaik der Stadt. Hoch oben zieht ein Flugzeug mit blinkendem Licht, dann verschwindet es in einer Wolke. Viktor wartet, ob es wieder auftaucht vergeblich.
Im Fenster spiegelt sich, wie Vera sich schweigend zur Tür dreht. Fein, so ists brav. Sie hätte auch schreien können. Alle Frauen schreien hysterisch, manche heulen dazu. Damit kann Viktor gar nicht. Bei stillem, wimmerndem Kummer bekommt er Gänsehaut, eine widerliche Schweißperle am Rücken. Viktor fürchtet Frauentränen.
Nicht so Vera. Sie kanns nicht mehr. Schon lange keine Tränen mehr, vermutlich seit sie mit siebzehn Mutter und dann Vater beerdigt hat, als sie nach ihrem ersten Gehalt und im Traum von neuen Winterschuhen plötzlich niedergeschlagen wurde. Sie wurde ausgeraubt, die Täter flüchteten, Vera blieb am eiskalten Boden im ersten Schnee liegen. Es tat weh, sie wollte den verrutschten Rock richten, konnte aber nicht aufstehen, kroch mühsam zur Bank.
Vorbei gingen Leute, zuckten mit den Schultern, klagten über das herumlungernde Pack.
Schlimm, wie viele Alkoholikerinnen es gibt, schimpfte jemand. Schäm dich, geh endlich heim!
Vera weinte nicht, starrte in den Boden und umklammerte mit der gesunden Hand ihren Stein. Der Schmerz fuhr ins Innere dieses Steins. Noch etwas ausruhen, dann geht sie. Gleich…
Nach Hause schaffte sie damals die Mitbewohnerin Gaby. Sie erkannte Veras Mantel, hatte Angst.
Vera, was ist los? Komm, steh auf! Steh bitte auf!
Sie schleppen sich heim. Die Hand war zum Glück heil…
Die Winterschuhe kaufte sich Vera erst später, als sie als Sekretärin im Kulturhaus angestellt war. Gaby hatte geholfen, eine Freundin empfohlen, diese wurde genommen.
Können Sie mit der Schreibmaschine umgehen? fragte, die Zigarette aus dem Mund nehmend, Direktorin Ottilie Romanow, eine imposante Frau mit Ringen an allen Fingern, einer Perlenkette, die immer zu eng saß. Sie wollte eine neue kaufen, kam aber nicht mehr dazu. Fünf Tage vorm siebzigsten Geburtstag starb sie. Vera hatte ihr gerade eine schöne Kette besorgt Verstehen Sie sich mit Dokumenten aus?
Vera nickt.
Das Kulturhaus-Gebäude ist zweistöckig, mit engen Treppen, schmalen Gängen, Zimmerchen mit verblichenen Tapeten, Porträts, zusammengepferchte Schreibtische alles wie für Zwerge gebaut, kleiner als jeder, der hier arbeitet.
Selbst für die älteren Kinder ist alles zu niedrig, zu eng. Aber immer spannend.
Zwei Jahre nach Veras Anstellung wächst das Kursangebot explosionsartig Dank ihrer Kontakte und ihrem pädagogischen Geschick. Sie bringt Freundinnen mit: Malen, Häkeln, Spitze klöppeln. Es gibt sogar eine Pianistin und zwei Herren am Akkordeon das hat Ottilie selbst eingefädelt.
Das Klavier wird mühsam ins Nachbarzimmer gezwängt. Bald schon schleichen kleine Schülerinnen mit Schleifen und Schürzen, Mütter, Omas, manchmal Opas zum Unterricht. Klappern, trällern, singen, woraufhin Ottilie genervt stöhnt.
Aber wenigstens sind die Kinder beschäftigt. Jetzt, wo sie sonst auf der Straße herumlungern würden… sagt Vera.
Ottilie nickt.
Viel Zeit ist vergangen. Ottilie wurde längst beerdigt, mit der Kette. Ihr Porträt hängt im Flur. Vera bringt wöchentlich frische Blumen.
Neben dem winzigen alten Kulturhäuschen steht jetzt ein moderner, verglaster Bau mit Panoramafenstern und Wandgemälden, in den Viktor Seemann, ein selbsternannter Mäzen aus der Provinz großspurig investiert hat: große Räume, zwei Ballsäle, Computerräume, mathematische Kurse und noch viel mehr.
Vera und Viktor kennen sich von einer Sitzung, bei der mal wieder der Etat neu verteilt wird.
Wohin so eilig? fragt Viktor gelangweilt und schaut ihr demonstrativ auf die Beine, die Figur, bewundernd. Die Hüften! Mein Gott!
Gerade so kann er den Blick abwenden.
Ist es dir egal, wie viel Geld deine Institution bekommt? fragt Vera. Mir nicht, denn…
Viktor nennt das Kulturhaus immer abfällig Armenhaus, lacht über die Chancenlosigkeit der Kinder, behauptet, das bringe eh nichts. Und trotzdem das Geld gibt er ausgerechnet Vera.
Warum? fragt Vera später, als sie zu ihm aufs Land fährt, in Brandenburg, mitten im Winter. Sie fühlt sich fehl am Platz, will eigentlich nicht hin. Aber er besteht darauf: Dort ließe sich besser arbeiten.
Warum was? Viktor tut, als verstünde er nicht, hantiert am Gartentor.
Warum fördern Sie uns, wenn Sie so schlecht über das Haus denken? fragt Vera ernsthaft.
Du denkst wohl langsam, was? Viktor verdreht die Augen. Dumme Frauen nerven ihn.
Ich verstehe es nicht.
Wegen dir, du Gans! brüllt er und schlägt das Tor auf. Stell dich nicht in den Weg!
Und schon fährt er auf das Grundstück, wo Eduardine ihn erwartet, in Gehröckchen, gestepptem Rock und Wollsocken.
Endlich, Viktor! Warum dauert das immer so lange? Hättest wenigstens anrufen können! ruft die Mutter. Mach keine Umstände, der Gast muss begrüßt werden. Vera Riemenschneider, Direktorin des Kulturhauses, in das ich Millionen gesteckt habe.
Vera nickt unsicher.
Viktor, was steckst du in Millionen? In diese sympathische Dame? Vera, kommen Sie rein! Mein Sohn ist unausstehlich. Ich hab zu viel gearbeitet, um ihm alles zu bieten, und jetzt ist er ein Grobian. Fehlt eben eine männliche Hand… Eduardine nimmt Vera liebevoll mit hinein. Kommen Sie, bei uns ists warm. Ich heize seit morgens. Wenn Sie baden gehen wollen, soll Viktor das selbst machen, ich kann das nicht.
Schuldbewusst zuckt sie die Achseln, blickt Vera in die Augen. Versteht alles. Keine Liebhaberin, keine Nächste. Wer dann?
Nein, keine Sauna! Vera schreckt beinahe. Ich bin nur für Unterlagen hier. Viktor meinte, es sei hier praktischer…
Die Frau nickt. Praktischer. Die Jugend heute…
Sie betreten das Haus: außen wie ein Bauernhof, mit geschnitzten Geländerstäben, doch innen modern. Keine knarrende Schränke, keine bunte Flickenteppiche alles modern.
Ihr bleibt hier allein, ich habe Arbeit! brummt Viktor und verschwindet nach oben.
Eduardine runzelt die Stirn. Noch nie war Viktor so grob zu einer Frau. Offenbar verliebt…
Möchten Sie einen Kaffee? Ich trinke eigentlich keinen, aber für Sie mache ich welchen. Setzen Sie sich, ruhen Sie aus, ich hänge noch Wäsche auf. Viktor liebt den Geruch… Sie zaubert eine kleine Kanne Kaffee hervor.
Kein Kaffee, lieber die Wäsche. Meine Mutter hat auch immer draußen aufgehängt sagt Vera, plötzlich still, tastet in die Hosentasche nach dem kleinen, von der Mutter früher lackierten Stein. Ein gewöhnlicher Granit, am Havelstrand mit dem Vater gefunden. Das ist ein Kraftstein, sagte er, drück ihn ganz fest, wenns schwer wird, und es wird leichter. Es war nur Spaß, aber Vera bewahrt den Stein bis heute auf.
Als Vera an die Mutter denkt, an die eisigen Leinen im Hof, wie sie rannte, weil die Mutter ausblieb und dann, unter dem weißen, vom Frost steifen Laken lag sie: die Mutter. Vera umklammert den Stein.
Ihnen ist ganz blass! Alles in Ordnung? Ist Ihnen schlecht? fragt Eduardine besorgt, reicht Kaffee. Viktor fährt schrecklich Auto! Immer abrupt, ausgeschlagen. Vielleicht legen Sie sich hin? Sie fragt sich, ob Vera schwanger ist. Wenn Viktor der Vater ist, warum behandelt er sie so?
Nein, nein, alles gut. Ich bin nur müde. Trinken wir Tee. Vera bemüht sich um Heiterkeit.
Das ist Viktors Tasse. Meine ist die mit den Gänseblümchen, korrigiert Eduardine schüchtern.
Nicht schwanger. Nur sympathisch…, denkt Eduardine. Vielleicht besser so. Viktor ist kompliziert.
Sie trinken endlos Tee, Kaffee, später Tee mit Gebäck.
Meine Oma sagte immer, Tee muss mit etwas getrunken werden. Einfach Wasser schlürfen bringts nicht. Hier, Kipferl mit Mohn mögen Sie das? die Gastgeberin schämt sich fast für das einfache Essen.
Vera nickt.
Wissen Sie, Vera, ich hab bis zum zehnten bei meiner Oma gelebt. Meine Eltern wollten, dass ich kräftiger werde. Hier stand ihr Haus, jetzt ist alles umgebaut Ich war oft krank Abends setzte sich Oma auf die Bank, wir Kinder durften auf dem Ofen liegen, und sie erzählte Märchen Viktor hat sie nicht mehr kennengelernt
Vera sieht Eduardine an eine Frau, bei der Hausgemachtes, Kräuter und Eingemachtes zum Alltag gehören, wo alles geborgen wirkt…
Doch einmal erlebt Vera Eduardine beim Empfang in der Stadt von Viktor mitgeschleppt, sich gegenseitig vorgestellt da war aus der Bäuerin eine elegante Dame geworden, im schicken Kleid, Absatzschuhen und mit einer herrlichen Frisur…
…Es dämmerte, Vera fand einen Hausmantel, zog ihn an viel zu groß. Mit der Schüssel und Eduardine geht sie Wäsche aufhängen. Die Frau bittet, doch Vera will sich nicht drängen lassen. Sie versteht ohnehin nicht, warum Viktor sie hergebracht hat angeblich um Etatpläne durchzugehen, dabei verschwand er gleich.
Auch zum Abendessen taucht er nicht auf. Die Mutter ruft, klopft nichts.
Beschäftigt! Esst ohne mich! Hab einen wichtigen Anruf! ruft er und läuft auf den Balkon hinaus.
So bleibt Vera über Nacht. Draußen schneit es, Viktor weigert sich, sie zurück nach Berlin zu bringen, das Taxi fährt nicht durch. Eduardine bettet Vera im Obergeschoss, mit Blick aufs verschneite Feld.
Es ist warm, falls Sie frieren, noch eine Decke im Koffer gute Nacht! Die Hausherrin verlässt sie.
Kaum schläft Vera, steht Viktor an der Tür, schleicht herein
Plötzlich küsst er Vera, drängt. Ihre Faust trifft ihn irgendwo, Viktor jault auf, rutscht auf den Boden.
Was soll das? Spinnst du?! fragt er mit kindlich zittriger Stimme.
Und du? Raus mit dir! Vera wickelt sich ins Bettzeug und beobachtet ihn schadenfroh beim Rückzug.
Sie denkt, nun könnte sich Viktor rächen, das Kulturhaus finanziell austrocknen, ist bestürzt, blickt hinaus auf das mondbeschienene Feld schläft irgendwann ein.
Am nächsten Morgen knallt Viktor unterschriebene Abfindungspapiere auf den Tisch: Mir doch egal, ich zahle alles, schreib einfach unter.
Wie kannst du so grob sein, Viktor?! wundert sich Eduardine.
Er erklärt nichts, rennt hinaus.
So hat Viktor Vera gekauft. Das ganze Haus, ihr Lebenswerk, ist ab jetzt seins, nicht mehr Sponsor, sondern Eigentümer. Vera ist bloß Vera, die nicht sein Eigentum wurde.
Vera glaubte, sie sei die Leiterin: Er erinnerte sich nur daran, dass sie ihn zurückgewiesen hat. Selbst als Marianne kam seine neue Frau, mit auffälligen Lippen, nur dank ihrer Figur bei ihm gelandet. Eduardine war schockiert, als Viktor Marianne vorstellte; die neue trinkt Kaffee mit Rum, egal ob Vormittag oder Abend, kocht nie, will schon alles im Haus umkrempeln.
Viktor, wach auf! Sie ist kein Herz, sie ist ein Hai! warnt die Mutter vor der Hochzeit.
Lass gut sein, Mama. Fahr schon vor. Ich komme.
Viktor knallt die Tür zu, ruft Vera an.
Jetzt nicht! Mein Mann und ich sind am Flughafen. Ich muss ihn verabschieden! schreit Vera ins Telefon.
Viktor legt auf. Ihr Mann, denkt er. Am Flughafen! Verdammt!
… Marianne siedelt sich in Viktors Stadtdomizil an, bringt schnell eine Tochter zur Welt, führt sie überall herum Massage, Gymnastik, Kurse.
Vera bekommt auch ein Kind einen Sohn.
Manchmal stellt Viktor sich ausmalend vor, Vera sei die Ehefrau, Marianne die Frau eines Freundes. Auch dann wäre alles gut. Er hofft, Vera kommt einmal zu ihm nachdem sie ihren Mann am Flughafen verabschiedet hat Aber sie kommt nie. Sie umklammert ihr Kulturhaus, erzählt von ihrem Sohn, von Erfolgen, von Alexander, dem Mann, und interessiert sich nicht, wie es Viktor geht.
Manchmal besucht Vera Eduardine, plaudert, lacht. Danach bleibt die Mutter nachdenklich zurück und wünscht sich, Vera wäre ihre Schwiegertochter…
… Pünktlich um elf, wie angekündigt, kommt Marianne Konstanze im Pelzmantel, erwartet, dass man sie einlässt niemand kommt, sie öffnet selbst.
Im Büro blickt sie auf die gestapelten Unterlagen.
Grüß dich! nickt sie Vera zu, freut sich, dass deren Gesicht geschwollen wirkt offensichtlich hat sie geweint.
Guten Tag, Marianne Konstanze. Alles vorbereitet, sagt Vera, glättet ihre Bluse.
Ach komm, als ob ich das lesen würde! Sag lieber gleich, wie viele zahlende Schüler und wie viele glauben, mein Mann macht Wohltätigkeit, kommandiert Marianne und nimmt sich Mineralwasser.
Tut er das denn nicht? fragt Vera.
Nicht so, wie du denkst! lacht Marianne. Du hast ja einen Sohn da ist alles klar: Bundeswehr, dann Lehrgang und ab in die Industrie. Aber wir haben eine Tochter. Viktor wollte sie! Ich hab sie ihm geschenkt! betont Marianne stolz. Natascha ist groß, die braucht eine Top-Ausbildung. Und ich will auch fürs Alter was beiseitelegen.
Trotzdem ist es so, dass wir Verträge mit den Schülern haben. Sie können nicht einfach alles auf kostenpflichtig umstellen!
Ich kann alles. Hör auf zu jammern, Vera! Nur weil mein Mann dich gekündigt hat? Dann geh halt! Dein Alex kann dir schon etwas organisieren. Und das Studio im dritten Stock machen wir zum Fitnessraum! Abos, Programme! Super!
Sie nimmt einen Schluck, verzieht das Gesicht, lässt sich in den Sessel fallen, dreht sich.
Weißt du, vielleicht hätte ich dich behalten, aber Viktor erwähnt dich zu oft im Schlaf. Das nervt. Mach’s gut, Vera! ruft sie Vera noch nach. Die Kündigung unterschreibt Viktor schon!
Vera beißt sich auf die Lippe, läuft durch den Glasgang zum Altbau, zu Ottilie Romanows Porträt, wo es noch nach ihren Zigaretten duftet.
Sie muss Blumen kaufen. Zum letzten Mal vielleicht Und wie ist das mit dem Konzert am Freitag? Ohne Vera?
Nein, Vera weint nicht. Sie trägt immer den Stein ihres Vaters. Holt ihn jetzt hervor, hält ihn fest.
Verlieren ist immer schwer. Besonders das, was man mit eigenen Händen geschaffen hat, was einem ans Herz gewachsen ist, zu verlieren wegen fremder Ambitionen ist schlicht ungerecht.
Vera bleibt am Bild von Ottilie stehen. Erst wirkt der Blick abwesend, dann wärmer, oder bildet sie sich das ein?
“Nichts, Vera. Nach jedem Ende kommt ein neuer Anfang. Nur wer nicht mehr lebt, kann nichts mehr beginnen. Also, Kopf hoch! Weißt du, dein Collier gefällt hier allen wirklich sehr! Wirklich!” Ottilie lächelt für einen Moment, dann wird ihr Gesicht wieder ernst…
Vera merkt plötzlich, dass sie im Auto ihres Mannes sitzt, ihm erzählt, wie ungerecht alles ist, und Alex ihr Tränen abwischt. Tränen! Das ist schön, wenn jemand sie dir wegwischt.
Ach was. Soll doch sein! zischt Vera. Ich fang ganz von vorne an, oder Alex? Man hat mich überall gefragt!
Stimmt.
Und ich zeige es dieser Marianne noch, was ich kann, ja?
Ja.
Und wir werden glücklich!
Ja!
Und du liebst mich gar nicht
Klar doch. Quatsch, Vera. Lass uns heim. Oder lieber ins Restaurant! sagt Alexander vergnügt.
Jetzt?
Dein Sohn, der Faulpelz, hat seine Prüfungen bestanden. Schau, hat mir geschrieben. Alexander hält ihr sein riesiges Handy vors Gesicht.
Er mag alles groß das Auto, das Bett, in dem Vera kaum Platz hat, und sein Herz ist so groß, dass es die ganze Liebe der Welt fassen könnte.
Sie fahren schweigend ins Restaurant, treffen Kirill. Er, in riesigen Hosen, Sneakers und roter Jacke, nimmt Glückwünsche entgegen. Geschafft! Beim ersten Anlauf!
Gut gemacht! Vera küsst ihren Sohn auf die Wange. Sie ist stolz auf ihn Student! Ein Schatz!
Mama, ist was passiert? fragt Kirill. Sie schüttelt den Kopf, drückt ihn an sich, den fast so großen wie Alexander.
Wenn alles einbricht, wenn jemand deine Welt zerstört, bleibt nur, zu warten, bis wieder Sonne durchbricht…
Los, auf gehts! Alexander ist irgendwie aufgeregt.
Wohin? Vera wirft die Decke ab, seufzt. Ich bleibe da. Handy aus. Mir reicht’s! Was soll ich machen? Ich bin keine Chefin mehr!
Los, komm. Man wartet auf dich!
Vera erschrickt, setzt sich auf.
Ist was mit Kirill?
Nein. Jemand wartet. Es ist wichtig.
Er bringt sie zu einem großen, rosafarbenen Bau früher war das eine Schule. Vor den Türen: Säulen mit Büsten von bedeutenden Dichtern, neue Fenster, gepflegte Beete mit Veilchen Veras Lieblingsblumen.
Vor der Tür steht Eduardine.
Was ist das, Eduardine?
Ein Geschenk. Bald ist dein Geburtstag, hier kannst du dich einrichten. Das Team steht. Ein alter Freund sponsert. Trau dich, Vera. Trau dich!
Es gibt keine feierliche Eröffnung und kein Band. Vera geht einfach hinein, umringt von vertrauten Menschen. Niemand hat sie verraten…
Wir sind auch hierher gewechselt, Vera, wie Adelige in einem Spiel, weißt du noch? Die Schüler auch. Schön, oder? flüstert die Klavierlehrerin, Nadja. Marianne hat fast alle verjagt, das Erdgeschoss an Friseursalons vermietet. Neue Besen…
Vera sieht ihren Mann an.
Wusstest du das? fragt sie mit den Lippen.
Er tut, als verstünde er nichts. Quatsch natürlich! Alexander kann nicht lügen, dieser große, warme Alexander…
Mit Viktor trifft sie zufällig in der Bezirksverwaltung zwei Jahre später, bei der Übergabe einer Ehrenurkunde.
Viktor ist wegen anderer Dinge da. Er steht im Korridor, hantiert fluchend am klemmenden Reißverschluss seiner Aktentasche.
Vera? Du? nickt er. Na, heißt es wieder, du bist obenauf? Hättest bequem weitermachen können, wenn du nicht so eigen gewesen wärst. Was hat dir gefehlt?! Mach Platz, du störst. Was? Marianne, lass mich! Was für Gewichte? Mach das allein, klar? Nerv nicht! ruft Viktor ins Handy.
Er motzt noch weiter, aber Vera hört nicht zu. Ihr Pferd galoppiert, kein Grund anzuhalten. Ihren Stein trägt sie noch, aber braucht ihn inzwischen kaum noch. Sie ist nicht allein. Um sie herum sind liebe Menschen. Das ist unbezahlbar. Man meint fast, Ottilie ist auch mit umgezogen…





