Der fremde Enkel.

Fremder Enkel.

Damals, als die Türen des Busses aufgingen, stürmte die Menge hinein. Die mit den stärkeren Ellenbogen kamen zuerst durch. Von hinten wurde gedrängt.

Ich bin mit dem Kind! Mit dem Kind! Lassen Sie mich doch durch! Eine stämmige Frau drängte Oma Anni beiseite.

Anni wich erst zurück, hielt die Tasche etwas fester und stürzte sich erneut in das Getümmel. Sie tat das mit solchem Ernst, vorgebeugt, als müsste sie gegen Wind ankämpfen. Die Leute um sie herum riefen:

Die Alte ist wohl verrückt geworden!

Doch sie ließen sie passieren. Der Bus fuhr an, bis zum Bersten gefüllt wie ein Fass Sauerkraut.

Was schleppst du dich mit deiner Riesentasche ab, Oma? Warum ruhst du nicht auf der Ofenbank aus?

Sie stieß fast gegen einen kleinen rothaarigen Mann. Ihre Tasche störte, er stellte seine langen Beine breit.

Wir müssen wenigstens zur Arbeit, aber wo fahrt ihr Alten hin?

Ins Heim zu meinem Enkel, murmelte die alte Frau.

Er pfiff durch die Zähne.

Ach so… jetzt verstehe ich. Aber wo sind denn seine Eltern?

Sind gestorben.

Oh je, von deinem Sohn oder deiner Tochter?

Die alte Frau blickte ihn an. Hatte sie ihn nicht verstanden?

Ich frage, ist der Enkel vom Sohn oder von der Tochter?

Er ist von der Freundin. Gerade erst haben sie ihn weggeholt, seufzte sie schwer, und da erkannte der Mann, wie alt sie wirklich war ihr ganzes Gesicht eingefurcht wie altes Leinen…

He, Junge! Steh für die Oma auf! Weg da…

Die alte Frau setzte sich, blickte dankbar zum Mann. Sie zog ihr Tuch hervor, wischte sich die Tränen weg. So viele Sorgen kamen auf einmal, aber wenigstens heute hatte sie einen guten Menschen getroffen.

Wie sie ihren Sohn gebeten hatte, einen Wagen zu organisieren, um sie zu Paul zu bringen. Aber er hatte sie nur beschwichtigt: “Bleib zu Hause, Mutter! Du bist zu alt für die Fahrerei!” Und jetzt, umgeben von der Menschenmenge, spürte sie: Ja, sie war alt. Aber den Jungen würde sie nicht allein lassen. Sie fand dort schon eine Bleibe sie brauchte ja nur ein Eckchen. Hauptsache, sie war bei ihm.

Oma, du fährst doch wohl ins Kinderheim von Pappenheim? fragte derselbe Mann später am Busbahnhof.

Ja, dahin…

Na komm, fahren wir zusammen, er hob ihre Tasche auf, Mein Freund trifft mich dort, wir fahren eh in die Richtung. Keine Sorge, wir lassen dich sicher nicht auf der Straße stehen. Aber eins: Du musst uns auf dem Weg erzählen, wie das mit dem Enkel deiner Freundin war. Das möchte ich wissen.

Warum nicht erzählen? Man schämt sich, Verwandte zu kritisieren, doch diese Leute waren Fremde wie man zusammengekommen war, so ging man wieder auseinander.

Und so begann Oma Anni zu erzählen. Kurz, wie es Alter mit sich bringt, wurde nicht mehr jedes Detail ausgegraben. Vielleicht konnte man es so sogar besser verstehen.

***

Alles hatte so begonnen:

Oma Anni zog über den Winter aus dem kleinen Dorf Oberstedt nach Hohenhain zu Gerta, ihrer Jugendfreundin. Immer nannte sie es “zu Besuch gehen”, doch wirklich bringen ließ sie sich von Nachbar Schorsch mit seinem alten Traktor. Sie selbst war alt, ging schon leicht gekrümmt, als würde sie immer auf die Erde blicken. Und das tat sie wohl auch Erde, die ihr Leben ernährte. Ihr ganzes Leben hatte sie gearbeitet, im Kollektiv, zu Hause.

Ich geh zu Gerta. Ihr schafft das hier schon allein.

Ihr Enkel Martin und dessen Frau Claudia redeten der Form halber auf sie ein, zu bleiben. Doch sie meinte den Druck, sie doch gehen zu lassen, sehr wohl.

Seit drei Jahren war es nun schon so: Sie zogen ein, verwalteten alles, zogen die kleine Tochter Vera groß, Anni aber ging jeden Winter zu Gerta, um den Jungen Freiraum zu lassen.

Anfangs hatte sie geglaubt, im Haushalt helfen zu können und auch noch nützlich zu sein. Das wollte sie immer hilfreich sein, solange es ging. Wenn sie einmal nicht mehr konnte, sollten die Jungen auf sie achten. Das Haus sollten sie dann bekommen, natürlich. Schließlich war ja schon die kleine Vera da.

So kam es aber, dass die Alten mehr taten als die Jungen. Anni war geschäftig, geschickt, tatkräftig (vor allem am Morgen), konnte nicht stillsitzen. Sie kümmerte sich ums Haus, versorgte die Tiere, bewirtschaftete den Garten selbst Heu für die Ziegen mähte und schleppte sie noch, obwohl sie längst über achtzig war.

Dieses Haus lag ihr am Herzen. Ihr ganzes Leben. Den Klang von Kinderstimmen hatte sie gehört, die Eltern auf deren letztem Weg begleitet, das Dach selbst umgedeckt, um das Haus zukunftsfest zu machen. Sie klagte nie das hätte nicht zu ihr gepasst.

So hatte sie sich das jedes Jahr im Winter bei Gerta eingerichtet, um der jungen Familie mehr Freiraum zu geben. Und Gerta in Hohenhain freute sich jedes Mal, wenn Anni kam. In zwei war der Winter wärmer.

Gerta selbst hatte es nicht leicht keine eigenen Kinder, die Männer starben früh, und erst mit über vierzig bekam sie überraschend eine Tochter, die schon bald auf Abwegen war. So hatte Gerta deren Sohn Paul vom alten Werner übernommen, den auch sie kaum kannte. Die Tochter starb, der Enkel blieb. Paul war ein schmächtiger, hellblonder, kurz geschorener Junge und der ganze Trost der alten Frau.

Ins Kinderheim, aber bitte erst später seufzte Gerta.

Man sagt, Gott gibt nur so viel, wie man tragen kann. Aber es stimmt nicht immer.

In einer Winternacht pochte es heftig an der Tür. Das Nachbarhaus stand in Flammen. Sie konnten sich anziehen, das Nötigste schnappen, die Tiere retten. Fast alles wurde hinausgetragen. Ihre Häuser, aber auch Gertas Haus, verbrannten fast vollständig.

Die Nachbarn nahmen Paul sofort auf. Gerta aber wurde es schlecht der RTW holte sie, sie schaffte es nicht mehr. Herzversagen.

Was wird denn jetzt mit dem Jungen? rief Frau Kirchner, die Nachbarin.

Wir beerdigen Gerta, dann sehen wir weiter, sagte Anni.

Die kleinen Ersparnisse reichten. Gerta wurde würdevoll bestattet.

Anni kehrte nicht allein nach Hause zurück Paul, sechs Jahre alt, der einzige Enkel der verstorbenen Freundin, brachte sie mit.

Er trug einen guten alten Wollmantel, Mütze und dicke Filzschuhe, das Gepäck war spärlich.

Guten Tag! Das ist Paul. Er wird erst mal bei uns wohnen, sagte sie zu Claudia.

Claudia, gerade mit Vera auf dem Arm, blieb wie versteinert stehen. Im Blick: Wie, hier wohnen? Der Platz reichte doch kaum.

Annis kleine Kammer hatte gerade mal ein Bett und eine Kommode. Das Schlaf- und Kinderzimmer von Claudia und Martin mit dem Kinderbett war eng. Und das gute Wohnzimmer? Da hatte man es sich gerade schön gemacht: neuer Schrank, Couch, Teppich, die goldenen Gardinenleisten. Da war der Fernseher, dort spielte Vera. Wohin also mit Paul?

Vom Brand und Gertas Tod hatte Claudia schon gehört, aber dass Anni deren Enkel mitbringen würde, hatte sie nicht erwartet.

Erst mal wohnen? Wie lange denn?

Lange, sagte Anni, erschöpft, setzte sich auf den Hocker. Paul, zieh dich aus.

Er zog langsam Mantel und Filzschuhe aus.

Das Haus ist völlig abgebrannt. Die restlichen Sachen liegen noch bei Familie Kirchner. Wir müssen es herbringen.

Hierher? Claudia konnte es nicht fassen.

Ja, hierher. Das sind jetzt Pauls Sachen.

Claudia warf dem kleinen Jungen einen Blick zu, hob die Brauen.

Ich versteh gar nichts mehr. Er bleibt also hier?

Ist doch logisch! Gerta hatte außer mir niemanden. Wir waren wie Schwestern.

Claudia schwieg und presste die Lippen zusammen. Dem Mann, Martin und allen anderen musste man wohl erklären: Die Oma war verrückt geworden, schleppte einen fremden Jungen an, obwohl sie schon mit einem Bein im Grab stand.

Ehrlich gesagt, Claudia sah sich längst als rechtmäßige Herrin des Hauses. Deswegen hatte sie überhaupt den Umzug akzeptiert. Die alte Frau sollte still sein, ihr Leben war vorbei. Brachte zwar Vera zur Kita, half im Haus aber am liebsten hätte Claudia alles modern eingerichtet. Die alte Oma mit Kittel, Eimer und Kochgeschirr passte dabei so gar nicht ins Bild.

Man musste sie ertragen aber einen fremden Jungen auch noch? Das ging zu weit.

Abends war die Familie dann komplett.

Und warum hat Paul keinen Vater? fragte Annis Sohn Karl, der Vater von Martin.

Keinen. Im Ausweis nur ein Strich, sagte Anni und saß ungewöhnlich still, Glaubt ihr, ich hätte ihn nicht abgegeben, wäre er irgendwo willkommen? Aber niemand wollte ihn.

Man schickte die Kinder Paul, Vera und Schwiegertochter Marie raus in den Hof.

Wir haben doch nichts mit ihm zu tun, Martin zuckte mit den Schultern.

Ihr nicht. Aber ich schon. Es ist der Enkel meiner Freundin. Ins Heim gebe ich ihn nicht, solange ich noch Kraft habe. Gerta hatte Angst davor. Wie könnte ich das tun?

Aber das Recht hast du nicht, warf Claudia ein.

Wer will es mir verbieten?

Die Ämter.

Den Winter überstehen wir, bis Sommer regeln wir das mit den Papieren.

Die sind doch vom Feuer betroffen, steht denen nicht Entschädigung zu?

Möglich, muss man im Rathhaus klären.

Die nehmen ihn dir eh weg, wegen deines Alters.

Und Gerta war älter, ihr erlaubte man es. Wir werden sehen. Jetzt reichts mit dem Gerede! Anni klopfte sich auf die Knie und stand auf. Fall abgeschlossen.

Paul teilte sich das Bett mit Oma Anni. Nach und nach wurde er zutraulicher, was Claudia eher störte. Martin arbeitete viel, kam nur abends heim, und Claudia war tagsüber allein zu Hause, zwischen Oma und Paul.

Wer hat dir erlaubt, die Lebkuchen zu nehmen? Du musst fragen!

Und wer hat dir erlaubt, den Fernseher einzuschalten? Mach ihn aus, du machst ihn noch kaputt, dann kaufst du einen neuen?

Claudia passte auf jeden Schritt des Jungen auf, und er spürte es. Er mied sie, war meist mit Anni. Gegessen wurde getrennt. In einem Bauernhaus kann man Vorräte nicht wirklich teilen, aber einen Esser mehr zu haben, störte Claudia gewaltig.

So auch heute, als Paul die restliche Milch trank, die für Veras Grießbrei gedacht war. Claudia schimpfte bei Martin:

Sag ihr doch mal was!

Sag es selbst…

Unstimmigkeiten wurden nicht ausdiskutiert. Martin mied beide, war gereizt, haute draußen im Hof das Holz noch kräftiger.

Er wusste, seine Frau übertrieb oft in Kleinigkeiten, aber für den Hausfrieden war das wichtig.

Oma, Paul hat die Milch getrunken, Vera hat jetzt keine.

Dann hätte sie eben welche holen sollen.

Keine Ahnung, sie dachte wohl, es wär noch da.

Ich hab gestern erst Milch von Frau Drescher gebracht. Dachte, heute holt Claudia.

Martin winkte ab: Sollte das mal jemand anders regeln.

Niemand fragte nach dem Jungen. Zwei Wochen vergingen, ein Monat, dann ein zweiter. Claudia wartete darauf, dass ihn jemand abholen würde so musste es doch sein.

Doch die Zeit verging, und er gewöhnte sich ein, spielte nun eifrig mit Vera. Sie war gern bei ihm, er war freundlich zu ihr, vielleicht auch, weil er selbst alleine war.

Schau nur, wie schön er mit Vera spielt, freute sich Anni.

Claudia blieb gleichgültig. Natürlich war es bequemer, wenn Vera nicht immer um ihre Beine schwirrte, aber ausgerechnet ein fremdes Kind im Haus?

Paul bewegte sich still war Claudia in der Küche, kam er nicht hinein, blieb lieber bei Oma.

Eines Tages stand Martin auf der Hintertreppe, rauchte eine und wollte dann ins Gebüsch pinkeln der Weg zur Toilette war weit. Da hörte er Bewegungen unter dem Treppenpodest. Da hockte Paul mit dem Hofkater.

Na Paul, was machst du da? Komm raus, du frierst ja!

Paul bewegte sich kaum.

Komm, du wirst draußen bloß krank! Warum gehst du nicht rein?

Ich warte auf Oma-Anni, so nannte er sie.

Die kommt spät, die ist bei Opa Karl, sortiert Kartoffeln. Komm rein.

Paul schüttelte den Kopf, wollte nicht, also führte Martin ihn hinein.

Was fällt dem ein, die Vera zu wecken! Gerade hatte ich sie zum Schlafen gebracht!

Paul hatte einen Löffel fallen lassen, der klirrte, Vera wachte auf.

Hättest du ihm eben Suppe geben können! Martin hob die Stimme.

Muss ich ja nicht! Ich hab selbst ein Kind, bin den ganzen Tag am Rotieren. Er ist immer im Weg!

Aber immerhin könnte man das Kind doch füttern!

Sie schrien sich an. Paul saß bei Anni, den Kopf eingezogen. Lieber wäre er draußen geblieben, dann hätte er niemanden gestört.

Ich pack das nicht mehr, ich fahr zu meiner Mutter! schluchzte Claudia. Ich dachte, das würde unser Haus, unser eigenes! Und wenn sie morgen noch den Opa anschleppt?

Das darf sie ruhig! Aber Paul, der Junge, den geb ich nicht her! Er ist klein, hast du keinen Funken Mitleid?

Paul schlich in die Küche.

Paul, möchtest du was essen? Martin griff nach dem Kochtopf.

Nein, Paul schüttelte den Kopf, Herr Martin, könnten Sie mich bitte ins Heim bringen? Ich packe auch schnell meine Sachen.

Martin sah zu Claudia. Sie ließ den Kopf hängen, stellte dann doch Suppe auf den Tisch.

Paulchen, sagte sie, schniefte, Komm her. Wir haben uns eben gestritten, gleich ist alles wieder gut. Heim brauchst du nicht, keine Rede davon! Du bleibst bei uns, aber leise sein, wenn Vera schläft!

Paul trat zögernd näher, blickte misstrauisch und nahm dann doch den Löffel.

Ich esse nur wenig, werde schnell satt. Ich helfe auch!

Claudia wischte sich die Nase.

Iss! Mein Helfer!

Danach wurde vieles besser. Nach und nach gewöhnten sie sich daran, dass Paul jetzt zu ihnen gehörte.

Doch zwei Wochen später hielt ein Wagen vorm Haus. Ein Polizist, eine resolute Frau vom Jugendamt und ein fremder Herr stiegen aus. Sie erklärten, sie seien die Jugendhilfe-Kommission.

Wem gehört das Haus? Wer ist hier gemeldet?

Sie sprachen mit Anni, Claudia und Paul.

Es kam eine Meldung, dass hier ein Kind unrechtmäßig wohnt.

Eine Meldung? Wer denn? rief Anni.

Die Frau sah Claudia an, sagte aber nichts weiter dazu.

Ihr müsst euch hier ummelden, sonst ist das nicht legal, sagte sie scharf zu Claudia.

Sie kündigten an, Paul ins Heim zu holen, um über seine Zukunft zu entscheiden. Sie holten ihn wenige Tage später ab. Das Heim lag nicht weit entfernt, drei Haltestellen von Oberstedt, und Anni fuhr jeden Tag hin, betete darum, das Kind behalten zu dürfen.

Doch dann wurde Paul in ein entferntes Kinderheim nach Pappenheim gebracht. So saß Anni nun im Bus sie wollte dorthin, suchte eine Unterkunft, wollte einfach bei Paul bleiben.

***

Ohne Einzelheiten hatte Anni den Männern im Bus von ihrem Schicksal berichtet. Sie schwiegen betroffen.

Tja, das Leben! murmelte der Rotschopf, Aber was willst du da ausrichten, dort in der Nähe?

Ich weiß es nicht. Aber ich habe verstanden, ich brauche ihn ebenso wie er mich. Der Junge hat niemanden, dann bin ich zumindest da, wenn es schwer wird. Ein so sanftes, zartes Kind, im Heim hat er es schwer. Darum fahre ich.

Als sie Anni zum Heim gebracht hatten, fuhren die Männer nicht fort, ehe sie sicher waren, dass sie gut aufgenommen wurde.

***

Daheim waren alle aufgeschreckt. Hatten nicht erwartet, dass Anni dem Jungen wirklich nachgehen würde. Doch sie ging. Kam nicht nach ein paar Tagen zurück, nicht nach einer Woche, auch nach zwei nicht.

Martin sprach nicht mehr mit Claudia, später stritten sie offen.

Niemand hat sie gezwungen. Wir sind nicht schuld, dass der Junge ins Heim kam. Hätte sie ihn nicht geholt, wäre das alles nicht passiert. Dafür gibt es doch Behörden, rechtfertigte Claudia sich.

Martin jedoch konnte nicht loslassen. Die Oma hatte ihn schließlich großgezogen, im Sommer war er stets bei ihr im Dorf gewesen. Jetzt fühlte er sich, als hätte er die eigene Großmutter aus dem Haus gedrängt.

Ich kann so nicht weitermachen, Vater. Ich muss sie finden. Morgen fahr ich ins Heim, hol mir die Adresse, klagte er Karl.

So tat er es, und traf dort genau die Frau vom Jugendamt wieder, die Paul einst abgeholt hatte.

Tja, erst schickt ihre Frau eine Meldung ans Amt und will das Kind loswerden, dann suchen Sie es wieder?

Eine Meldung? Von Claudia?

Ja, auf ihre Meldung hin kamen wir doch damals.

Claudia hatte mitleidig die Seufzer der Nachbarn hingenommen, als Paul zu ihnen kam. Schon nach kurzer Zeit folgte dem Rat einer Freundin: Sie fuhr selbst zum Jugendamt, trug ihre Bedenken vor, schrieb eine offizielle Meldung. Niemandem sagte sie etwas davon vernünftig war es doch.

Doch kaum hatte sie sich an Paul gewöhnt, die Konflikte ausgeweint, sich arrangiert, kam das Jugendamt. Als Anni schließlich täglich, später gar nicht mehr nach Hause kam, bereute Claudia alles zutiefst.

Beruhigte sich bald: Vielleicht wäre es auch so passiert, das Kind war ja sowieso nicht amtlich gemeldet.

Doch Martin kehrte zornig aus dem Heim zurück. Sie redeten die ganze Nacht. Erklärungen, Tränen, Unverständnis, Versöhnung.

Martin schlief, aber Claudia stand noch lange auf der Schwelle, dachte an Anni. Sie war keine alte Frau, nein. Eigentlich war sie selbst die Greisin, so alt vor Gram. Anni lebte für die Zukunft voller Kraft.

***

Anni fand eine kleine Wohnung nahe dem Kinderheim. Ging von Anfang an jeden Tag zu Paul. Bald wurde sie allen bekannt, durfte den Erziehern bei der Arbeit helfen, erhielt eine kleine Bezahlung. Nachtschichten übernahm sie, war oft bei Paul.

Keine Sorge, Gerta, sprach sie in Gedanken zur Freundin, Paul ist wohlversorgt, sie fahren morgen sogar in den Zirkus. Und du hattest Angst vorm Heim! Aber ja, fast alle Kinder träumen von einem Zuhause, von Mama…

Nach der Nachtschicht lag sie noch daheim im Bett, als ein Mädchen vom Heim anklopfte.

Frau Anna! Frau Anna! Sie wollen Paul adoptieren!

Anni eilte atemlos zum Heim. Wie, sofort adoptieren niemand war doch gekommen, um Paul kennenzulernen! Was, wenn das keine guten Leute waren? Angst schnürte ihren Hals.

Im Flur war alles in Bewegung. Es duftete nach Milchreis, doch niemand wollte in den Speiseraum. Die Kinder drängten vor der Tür mit dem Schild “Direktion”. Auch die Dienstfrauen waren aufgeregt so große Kinder wurden selten adoptiert.

Anni schob sich durch die Kinderschar, riss die Tür auf: Eine Frau, ein Mann saßen dort, sie noch in Mänteln, ohne Kopfbedeckung. Doch Anni sah nur Paul der grinste am Schreibtisch der Direktorin.

“Freut sich sogar!”, schoss ihr durch den Kopf.

Da drehte sich der Mann plötzlich um.

Martin… der Enkel…

“Was macht der hier?”, dachte sie. Claudia stand daneben, die Hände gefaltet wie zum Gebet.

Ihre Knie zitterten, Anni musste sich festhalten, Martin fing sie auf, setzte sie auf den Stuhl.

Oma! Oma, komm zu dir! Wir wollen Paul zu uns holen und hoffen, dass du bei uns wohnst, er hockte lachend vor ihr.

Claudia stand daneben, bat wortlos aber Anni brauchte keine Bitte…

Größeres Glück gab es für sie nie.

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Homy
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