Anja
Sie war Katharina vom Marktplatz aus gefolgt. Immer mit Abstand, traute sich nicht, näher heran.
Wie auch? Wer war sie schon zottelig, ungepflegt, hinkend, mit verfilztem Fell am Bauch gegen diese gepflegte, ordentliche Frau, jung noch, sportlich, mit adretter Frisur und einem selbstbewussten Gang
Von Katharinas Gesicht sah Anja wenig, doch sie spürte, dass es freundlich war, herzlich, mit gepflegten Brauen und dezent geschminkten Lippen. Und die Augen, bestimmt strahlend Aber daran, an die andere, wollte Anja nicht denken das schmerzte zu sehr.
Von Katharina ging ein feiner Duft nach Kaffee, süßlichem Parfüm und Leder aus. Kein Wunder, es war Herbst und alle trugen Lederjacken. Die gab es im Modegeschäft an der Ecke Friedrichstraße/Schillerallee im Angebot überall hingen Plakate an den Schaufenstern.
Lesen konnte Anja nicht, aber die andere ihre frühere Besitzerin war immer ganz aufgeregt, wenn sie solche Läden sah, zog Anja mit hinein, lachte die Verkäuferinnen an, plauderte und probierte sich durch alle Jacken. Anja lag dann geduldig auf dem Boden, das Schnäuzchen auf die Pfoten gelegt.
Ach, was für ein süßer Hund, ganz so, als hätte sie Söckchen an, schwärmten die Verkäuferinnen.
Was? Ach ja, das Ja, ja, winkte die Besitzerin ab und verschwand in der Umkleide.
Sie konnten stundenlang durch Läden streifen vorausgesetzt, Hunde waren erlaubt. Ansonsten wurde Anja einfach draußen angebunden, wartete brav am Geländer, einem Baum, einer Stange.
Doch Anja wäre sowieso nie weggelaufen. Wohin auch, wenn ihr Herz an der Besitzerin hing.
Warum? Sie hatte sich einfach nur gewöhnt das ganze Leben bei ihr
Und dann
musste Anja niesen, quiekte erschrocken über ein vorbeifahrendes Auto und erstarrte, als Katharina sich ruckartig umdrehte, die große Tasche schwungvoll über die Schulter.
Anja zitterte. Taschen konnten schmerzen, nicht wie Regenschirme oder Schuhe, aber dennoch Und wenn da noch Schnallen dran waren…
Katharina warf der schmuddeligen Hündin einen strengen Blick zu. Anja tat so, als inspiziere sie den Inhalt des Müllbehälters, aus Verlegenheit.
Katharina lief weiter Anja hinterher.
Als Katharina das Tempo anzog, hektelte Anja tapfer mit, bellte vor lauter Erschöpfung einmal und erschrak über ihre eigene Stimme.
Noch einmal drehte sich Katharina um, schaute die Hündin direkt an, runzelte die Stirn.
Was ist los? Hunger? Ich hab nichts, ehrlich! entgegnete sie. Riecht es? Ich hatte heute Morgen ein Käsebrot eingepackt, das ist längst aufgegessen! Geh weiter, hier hast du nichts verloren. Los jetzt!
Sie wedelte leicht in Richtung Königstraße, aber Anja stellte sich dumm, setzte sich auf den kalten Asphalt. Die Hinterläufe zitterten unangenehm, das war ihr peinlich.
Na, wie du willst Ich geh nach Hause, zuckte Katharina mit den Schultern.
Sie marschierte davon, Anja ließ ihr einen Moment Vorsprung und humpelte dann wieder hinterher.
Kathi! Katharina! rief plötzlich eine Frauenstimme von oben. Warum läuft die dir hinterher? Soll ich zu Dieter rufen, der kommt mitm Stock runter! Streuner brauchen wir hier nicht, klar?
Katharina und Anja blickten nach oben. Wirkliche Kinnlinie hatte Anja nicht, nur eine feuchte Schnauze, aber man versteht es
Auf dem Balkon im fünften Stock stand eine Frau im karierten Frottee-Morgenmantel, rundlich, mit Lockenwicklern im Haar. In einer Hand dampfte die Kaffeetasse, in der anderen qualmte eine Zigarette.
Guten Abend, Frau Zimmermann!, rief Katharina freundlich hinauf. Ja, sie läuft mir einfach hinterher, sieht hungrig aus Aber sie ist brav, tut nichts.
Katharina zeigte auf die Hündin, die kurz mit den Ohren zuckte und verlegen den Augenbrauenansatz bewegte.
Mischling? Oder eine Rasse? Frau Zimmermann beugte sich interessiert über die Brüstung, verschüttete dabei Tee auf den Gehweg und fluchte. Ach, wartet, ich komm runter, seh ja nix von hier!
Schon war sie im Zimmer verschwunden.
Das ist unsere Hausverwalterin, erklärte Katharina, warum auch immer, der Streunerin. Sie ist streng, aber du brauchst keine Angst zu haben. Wer bist du? Ein Mädchen? Sieht so aus. Ich bin übrigens auch eins
Katharina seufzte, und Anja tat sie plötzlich endlos leid. Warum, wusste sie selbst nicht, aber sie wollte Katharinas Hände lecken, sich auf ihren Schoß kuscheln und Bauch an Bauch gemeinsam aufwärmen.
So hatte sie es viele Jahre gemacht, bis sie zu alt war. Und man sie wegfuhr. Einfach so. Das Halsband abgenommen und sie irgendwo an einem abgeernteten, braun-strohigen Feld mit den ersten Flocken Oktober-Schnees ausgesetzt.
Ja, in diesem Jahr schneite es früh, fast als wollte der Winter den trostlosen Rest des Sommers rasch zudecken.
Los jetzt! Geh!, hatte die Frau geschrien und der Mann Der schoss plötzlich und Anja lief so schnell wie noch nie in ihrem Leben
Bei der Erinnerung winselte Anja.
Was ist mit dir? Angst? Ach was! schüttelte Katharina den Kopf. Frau Zimmermann ist nur so einschüchternd wegen ihrer Statur. Als Kind hatte ich Schiss vor ihr, und jetzt
Katharina ging in die Hocke, streckte die Hand nach Anja aus da stürmte Frau Zimmermann aus dem Treppenhaus:
Bist du verrückt geworden?! Weg da! Sofort, Katharina! Wer weiß, vielleicht beißt sie! Oder ist tollwütig! Mich hat mal ein Eichhörnchen gebissen, da musste ich Spritzen kriegen, in den Bauch! Wir holen gleich den Tierschutz
Die Frau angelte sich einen Stock vom Rasen, prüfte dessen Gewicht, schüttelte dann aber den Kopf.
Nein, gleich hau ich sie tot. Kathi, geh mal zur Seite Los! Ab nach Hause! Geh! Platz!, herrschte sie Anja an.
Platz Aber wo war nun ihr Platz?
Ihr Kissen und Näpfchen waren längst weggeworfen; das Zuhause gab es für sie nicht mehr
Moment, Frau Zimmermann! Ich geb ihr kurz was zu essen, dann bring ich sie ins Tierheim. Sie ist bloß traurig, schauen Sie sie an…, verteidigte Katharina die Hündin und streichelte sie vorsichtig.
Anja blieb regungslos, ja, sie schloss fast genüsslich die Augen, bis sie erschrocken aufquiekte. Was, wenn das alles nur wieder ein Vertrauensbetrug war? Die erste, die frühere Frau, hatte auch immer viel versprochen, sie geküsst und dann weggeworfen
Anja fletschte erstmals leicht die Zähne.
Sehen Sie, ich hab kein Händchen für Hunde. Und Sie?, blickte Katharina auf zu Frau Zimmermann.
Diese zerrte frustriert die Lockenwickler herunter.
Warum sagst du nicht, dass ich aussehe wie ein Gespenst?!, fauchte sie. Mit Hunden? Als wir aufm Land bei Schwiegermutter wohnten, da gabs genug davon. Ach, die tut dir nix, schaut dich die ganze Zeit an, wollen wir wetten, die hat sich dich ausgesucht? Nimm sie ruhig mit. Aber keinen Hundegeruch im Treppenhaus! Ich besorge Futter. Herrgott noch mal, holt mir denn niemand die Dinger vom Kopf?!
Katharina half ihr mit den Wicklern.
Frau Zimmermann hatte kräftiges, schweres Haar, Locken wollten einfach nicht halten, trotzdem mühte sie sich täglich ab und besprühte alles kräftig.
Über ihre Frisur kursierten im Haus Legenden manche behaupteten, sie sei eine Perücke, aber Frau Zimmermann war das alles egal; sie wollte einfach anständig aussehen.
So, jetzt gehts. Ach herrje, im Bademantel steh ich hier rum… Mit dir wird man noch verrückt, Kathi! Wenn du diesen Streuner wirklich aufnehmen willst von mir aus. Aber alles sauber, klar?, mahnte sie, ging sich umziehen, ernsthaft entschlossen, Futter zu besorgen.
Fast jedes Kind wünscht sich einen Hund, schreibt ihn auf den Wunschzettel, bettelt bei Eltern, ist neidisch auf Freunde mit Hund, träumt, wie es eines Tages einen Schäferhund bekommt.
So war es auch bei Katharina. Die Eltern erlaubten es nicht, dann hatte sie Schule, Arbeit, keiner hätte den Hund ausführen können, später wurde die Mutter krank, dann starb der Vater, dann fiel auch die Oma aus.
Katharina lernte Spritzen zu geben, Medikamente dosieren, hätte wohl mit links die Prüfungen zur Krankenpflegerin bestanden…
Aber mit Hunden hatte sie keine Erfahrung.
Kommst du mit?, lud sie Anja ein. Die drehte sich desinteressiert weg. Los, nach Hause, du brauchst Ruhe!
Anja zuckte zusammen. Nach Hause Was für ein Hohn. Doch als sie sah, wie Katharina im Dunkel des Hausflurs verschwand, gab sie sich einen Ruck. Sie humpelte hinterher, bis sie über die Schwelle vom Haus Zimmermann trat und die Tür hineinfiel.
Mit dem Aufzug fuhren sie in den zehnten Stock, betrachteten sich schweigend. Anja schnupperte, Katharina zog nervös die Nase kraus das tat sie immer, wenn sie nicht wusste, wies weitergeht.
So, da wären wir. Komm raus, aber nicht auf den Flurteppich, da schimpft Jan…, begann Katharina, erinnerte sich aber, dass Jan nicht mehr hier wohnte und wohl auch nicht zurückkäme. Endlich konnte sie selbst bestimmen, ob sie auf den Teppich trat.
Er war hellbeige mit der zweifelhaften Aufschrift Willkommen ein Geschenk für den Einzug bei Katharina, etwas abseits platziert, damit kein Schmutz draufkam.
Jetzt machte das ohnehin alles nichts mehr; Jan war weg.
Na los, keine Angst. Es passiert nichts, murmelte Katharina mehr zu sich selbst, trat auf den Teppich, wischte die Schuhe ab.
Anja setzte sich seitlich, beschnupperte alles. Die Wohnung roch warm und angenehm, und mit diesem Teppich würde sie schon noch klarkommen, wenn sie bleiben durfte.
So, Wasser gefällig? Bleib kurz hier.
Katharina ging in die Küche, griff erst zum Glas, schimpfte sich dann selbst, nahm doch ein Schälchen und brachte frisches Wasser.
Anja trank gierig, schleckte, bis es im Bauch gluckerte.
Du bist sicher eine Rasse, oder? Hast dich verlaufen?, murmelte Katharina mitfühlend und streichelte sie.
Dass Katharina nun ihre Besitzerin war, spürte Anja sofort, irgendetwas machte Klick jetzt gehörten sie zusammen.
Katharina hätte es sich nie zugetraut, einen Hund zu baden dazu gibts doch sogar einen Service! Aber Anja nahm ihr die Entscheidung ab.
Sobald zwischen den Pfoten der Schnee schmolz, tappte sie in die Badewanne.
Katharina erstarrte.
Ach du meine Güte, wie hast du das geschafft? So hoch! Und jetzt willst du gewaschen werden? Womit?
Irgendwie funktionierte es. Nach kurzer Zeit leuchtete ihr Fell im warmen Lampenlicht wieder weiß, mit bläulichem Schimmer und den tupfenartigen Pfötchen.
Anja verhielt sich still. Das warme Wasser tat gut, nur wenn es in Wunden von Zaunspitzen geriet, zwickte es. Aber Hauptsache, es war warm, und die sanften Hände von Katharina versanken im Fell
Plötzlich tauchte Frau Zimmermann in der Tür auf.
Anja wich ans hintere Badende, schmal und triefend, auf der Hut.
Lockenwickler waren ihr unheimlich irgendwie rochen die nach Gefahr.
Schon fertig gebadet? Und warum steht deine Tür offen? Wartest du auf Jan? Ist richtig, Männer müssen denken, man wartet auf sie, freut sich dann, wenn sie schmutzig und verschwitzt zurückkommen. Nicht wahr, Hündchen? Sie zwinkerte Anja zu. Ich hab euch einiges mitgebracht.
Zögernd übergab sie Katharina eine Tüte.
Was nun? Ach, das ist kein Hexenwerk. Verfilztes wegschneiden, gut waschen, dann füttern. Wie heißt sie eigentlich?, fragte Frau Zimmermann plötzlich mit der Schere in der Hand.
Keine Ahnung, noch gar nicht, zuckte Katharina mit den Schultern. Und Jan kommt auch nicht mehr, wir sind getrennt.
Frau Zimmermann pfiff leise durch die Zähne. Dann schnappte sie Anja am Nackenfell und schnitt vorsichtig.
Die Hündin wurde unruhig, warf Katharina ängstliche Blicke zu doch diese blieb ruhig.
Ihr Leben lang hatte Katharina sich vorgestellt, eines Tages einen Straßenhund zu retten, zu waschen, in eine Kiste mit Decke zu legen, zu füttern
Jan kommt zurück! Lass den Kopf nicht hängen, Kathi! So, ruhig jetzt, Tierchen. Kathi, gib ihr endlich einen Namen! ‘Dame’ kann ich sie ja schlecht nennen. Nennen wir sie Struppi oder Flecki deine hat ja wirklich Tintenpfoten…
Anja. Sie heißt Anja!, unterbrach Katharina.
Wieso?, staunte Frau Zimmermann.
Als Kind wollte ich einen Hund zu Weihnachten, hab dann eine Anja-Puppe bekommen. So als Ausgleich Bist du einverstanden, Anja? Sie zwinkerte der Hündin zu, und die begann, mit dem Stummelschwanz zu wedeln.
Mein Gott, was Tiere alles erleben! Dir, Anja, haben sie sogar den Schwanz gekappt. Und du, Kathi, bist auch viel zu dünn! Deshalb zickt dein Jan herum, gibt nichts zum Festhalten…
Lassen Sie mal, Frau Zimmermann, wir sind einfach verschieden, das ist alles!, murmelte Katharina gereizt. Ich mach das fertig. Gehen Sie ruhig
Sie übernahm Schere und Pflegegerät von Frau Zimmermann.
Schon gut, wollte nicht kränken. In der Tüte ist Futter für Anja. Gib nur kleine Portionen, sie war sicher lange hungrig, sonst schmerzt der Bauch!, ergänzte Frau Zimmermann und ging.
Danke, Frau Zimmermann!, rief Katharina hinterher
In der Küche musterten sie sich still.
Vor Anja stand das Futternapf, vor Katharina eine Schale Maultaschen.
Na los, iss schon. Nicht lecker? Aber du musst, redete Katharina beruhigend auf sie ein. Hast du Schmerzen? Zeigs mir einfach
Nach dem Bad und bei der Wärme war Anja so erschöpft, dass sie sofort einnicken wollte. Schlafen. Nur schlafen.
Sie hatte schon ewig nicht mehr richtig geruht, dämmerte manchmal unterm Strauch, im Graben am Zaun, einmal im verfallenen Bahnhofsunterstand, einmal an der Eisenbahnbrücke, bis andere Streuner sie vertrieben.
Schlafen war gefährlich. Und allein sehr einsam, also blieb sie meist wach. Jetzt konnte sie nicht mehr.
Fertig?, setzte sich Katharina zu ihr. Ich auch Mir fehlt einfach das Talent, weißt du? Es war ja nicht schlecht mit Jan und mir, am Anfang. Dann hab ich alles falsch gemacht, Schrauben und Dübel verwechselt, im Bauhaus das Falsche gekauft. Jan wurde wütend, nannte mich dumm. Ich entschuldigte mich dauernd. Für alles. Für Tee im falschen Glas, das falsche Bettzeug, dass ich zu spät kam… Aber zählt das wirklich, aus welchem Glas man trinkt? Hauptsache, man steht überhaupt auf Ich arbeite als Restauratorin, repariere Wandmalereien. Nach Feierabend tun mir die Beine weh, doch wenn Jan Wasser will, bring ichs und er meckert. Und ich entschuldige mich Verstehst du, Anja, ich hab mich so verändert…
Anja hörte zu, den Kopf abgelegt, die Pfote zuckte ab und an. Die frühere Besitzerin konnte das nicht leiden, hat sie oft auf den Rücken geklatscht.
Katharina aber streichelte sanft… Oh, wie herrlich das war…
und wie penibel er war! Alles perfekt, immer! Ich dagegen schaffe es nicht immer, Ordnung zu halten. Dann meinte er, ich sei zu dick geworden. Dabei merke ich es kaum, ich esse im Stress nur einfach. Schon wieder dieses Gejammer, hm? Schadest du mir, ja?
Anja begriff alles. Sie war abgeschrieben worden. Aber für Tiere enden Bindungen meist härter nicht mit Trennung, sondern Aussetzen. Ein Unterschied, aber Anja verstand. Sie war alt, aber nicht blöd…
Sie schliefen zusammen auf dem Sofa ein. Erst Katharina, Hand ausgestreckt, Anja sanft streichelnd. Dann schlief sie, weinte leise im Schlaf. Da kletterte Anja zu ihr, schmiegte sich mit Bauch und Pfoten eng an sie.
Katharina schluchzte noch einmal und schlief weiter.
Vor Morgengrauen jaulte Anja plötzlich auf, winselte, zuckte, Katharina schreckte hoch. Aber nach einem Schluck Wasser war es besser. Ihr war wieder das Feld im Traum erschienen, samt Schuss im Rücken. Von denen verstoßen zu werden, denen man vertraute, jagt Angst in die Adern. Das war Verrat, riecht für Anja seither nach erstem Schnee und kalter Erde. Deshalb hasste sie die Herbstspaziergänge
Wach wurden sie beide gleichzeitig und mussten erst begreifen, wo sie waren dann drehten sich beide erstaunt um.
In der Zimmertür stand Jan.
Warum schleppst du den Hund an? Frau Zimmermann hat schon gepetzt. Willst du mich provozieren? Das Sofa ist ruiniert! fauchte er, schüttelte den Teppich. Wir streiten, und du schaffst dir einen Köter an? Sie kommt ins Tierheim, basta. Übrigens, meine Hose stinkt nach Hund. Dein Hund hat sie beschmutzt!
Er drohte, Anja fletschte die Zähne, bellte scharf.
Katharina, bis eben noch unsicher und beschwichtigend, wurde ruhig. Packte Jans Arm, flüsterte:
Weißt du was? Vielleicht gehst DU besser. Familienleben ausprobiert reicht. Wenn DIR etwas nicht passt, hau ab. Den Teppich bezahle ich. Und ehrlich, du hast mich keine Sekunde vermisst! Du hast nie angerufen! Ich habs fünfmal versucht. Jetzt ist Schluss. Ich muss mit dem Hund raus. Anja, kommst du? Jan, pack deine Sachen. Es ist besser so!
Wie bitte? Jan schleuderte seine Hose auf den Boden, schimpfte. Ich hab alles für dich getan und du! Ich hab genug davon, dich zu erziehen. Du bist… so wie dieser Köter Viktoria wich aus, als die Hand geflogen kam. Angst? So ists recht. Schon gut, ich verzeihe dir. Frühstück machen! Und der Hund kommt ins Tierheim.
Später wusste Katharina nicht, woher sie die Stärke nahm, aber sie warf Jan raus. Still fauchend, aber entschlossen, schlug sie sich mit Händen und Ellenbogen durch zertrümmerte eine Vase, Geschenk von ihren Eltern zur Goldhochzeit, stürzte zweimal in Scherben, gab aber nicht auf
Frau Zimmermann rettete alle.
Im grellen Bademantel, Wickler wie immer, keuchend und mit der Kaffeetasse in der Hand, stand sie plötzlich da, beobachtete kurz, wie Jan und Katharina sich stritten, da spritzte Anja ängstlich auf die Treppe.
Was ist denn hier los? Krach im ganzen Haus! Hör auf, Kathi, sonst wirfst du ihn noch hin! Jan, gehen Sie Sie sind hier fehl am Platz!
Wie bitte?, blaffte Jan.
Was Sie verstanden haben. Sie gefielen mir nie. Beim Einzug vielleicht, aber seither Kathi, heul nicht. Fang die Hündin ein, sonst kratzt sie alles kaputt.
Kümmern Sie sich um Ihren Stil!, stieß Jan hervor. Das ist Familiensache!
Familie, lieber Jan, bildet den Kern der Nachbarschaft. Und ich BIN die Nachbarschaft! Sie sind nicht mal gemeldet hier, also verschwinden Sie zum Arbeiten! Kathi, ich hole gleich meine Jacke, dann gehen wir Gassi. Du hast keine Ahnung, wie das geht!
Jan trat noch ein paar Mal auf den Teppich herum und verschwand. Ich hole meine Sachen später, brummte er.
Katharina beruhigte Anja, wusch sich, trank hastig löslichen Kaffee, zog die Jacke an, band die Schnürsenkel, fiel ein, dass sie keine Leine hatte doch Frau Zimmermann hatte eine besorgt.
So zogen sie los Frau Zimmermann, Katharina, und Anja, deren Stummelschwanz endlich wieder wedelte. Es war kalt, nass, doch plötzlich riss der Himmel auf, Licht strömte herab.
Die Sonne erschien entgegen ihrer Gewohnheit so hell, Katharina musste blinzeln, Anja zerrte schon vergnügt am Band.
Sieh an, sie lebt wieder! Morgen gehen wir zum Tierarzt. Oh, Kathi! Schau, wie schön der Herbst ist! Alles aufgeräumt, alles neu! Und die Vogelbeeren hast du die nach dem ersten Frost schon mal probiert? Nein? Naja, bringe ich am Wochenende mit. Meine Tante macht herrlichen Vogelbeerlikör! Da vorne ist Dieter!
Ihrem Mann entgegen winkend, wedelte Frau Zimmermann.
Anja erstarrte kurz, dann bellte sie fröhlich und schloss den gutmütigen Riesen rasch ins Herz.
Wer ist das?, brummte Dieter. Ein Glöckchen?
Das ist Anja. Sie bleibt bei Katharina, antwortete seine Frau.
Und Jan?
Jan lebt hier nicht mehr. Der Herbst bringt Veränderungen!, zuckte sie die Schultern.
Katharina hörte nichts davon. Sie atmete tief ein, der kalte, frische, nach Schnee duftende Wind füllte ihre Lungen. Vermutlich schmeckte er wie reife Vogelbeeren herb und betörend süß.
Das war der Geschmack eines neuen Lebens: mit Anja, Frau Zimmermann, ihrer Lockenmähne, der Arbeit, den Mohnkuchen, Apfelstrudel, Maultaschen, dem Stricken, das Katharina nun wieder aufnahm und vielleicht noch jemandem ganz Besonderen, den sie vorerst nur Anja anvertraute
Abends kuscheln sie sich aufs Sofa, Anja drückt den Bauch an Katharinas Hand, wie ein kleines Kätzchen, hält sie fest und hört ihr zu, wenn die neue Besitzerin leise von Träumen und Plänen erzählt.
Anja liegt ganz still, manchmal seufzt sie leise. Kann es sein, dass alles wieder gut wird?
Ja, wenn Liebe da ist, fühlt sich jedes Leben hell und warm an. Zu jeder Jahreszeit.




